[LiSe 11/17] Rezension: Gerechtigkeitsstress

Petra Morsbach seziert den Justizleib

Von Wolfram Hirche

Na schön, 479 Seiten über die Münchner Justiz zu lesen, ist nicht jedermanns Sache, und Herbert Rosendorfer hat sich schon anno 1981 der Materie auf satirische Weise angenommen in „Ballmanns Leiden oder Lehrbuch für Konkursrecht“ – wobei Satiren oft nach 50 Seiten zu ermüden beginnen. Was Petra Morsbach, die in Starnberg lebende Autorin, in ihrem siebten Roman dagegen schafft, ist keineswegs ermüdend. Es gelingt ihr, den Leser durch raffinierte Vor-und Rückblenden, durch Perspektivenwechsel und vor allem durch die eindringliche Schilderung der Hauptfigur Thirza Zorniger wach und in Spannung zu halten. Im Grunde präsentiert sie uns damit ein kritisches Sachbuch über Leiden und Triumph der Richterschaft anhand von mehr als 30 konkreten Justizfällen, betrachtet durch die sehr persönliche Brille ihrer Heldin, jener tüchtigen Tochter eines genialischen Schauspielers („Augenbrauenwunder“) und einer ihm kurzzeitig verfallenen Halbjuristin. (mehr …)

[LiSe 10/17] Das Blaue vom Himmel

Das „Literaturportal Bayern“ will neue Leserkreise erobern / Gründung vor fünf Jahren

Von Antonie Magen

Literaturportal Bayern“ – der Name scheint schon alles zu sagen, und in der Tat werden unter der Adresse www.literaturportal-bayern.de/ seit fünf Jahren Informationen zur bayerischen Literatur virtuell vereinigt. Inhaltlich und technisch betreut wird das Portal von der Bayerischen Staatsbibliothek, unterstützt vom Bayerischen Staats-
ministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst. Diese nüchterne Definition greift aber deutlich zu kurz. Denn das „Literaturportal Bayern“ ist weit mehr als nur ein Internetauftritt. Sein fünfter Geburtstag gibt Anlass zu fragen: Was ist es noch? Was war es? Was ist es geworden? (mehr …)

[LiSe 10/17] Kolumne: Plötzlich Nobel

Die Utting und Mick Jagger? Wer, bitte, ist Utting – soll das eine Tochter von Martin Walser sein? Uschi Obermeier oder H. M. Enzensberger, dessen Jüngste, Theresa, eben einen Roman vorgelegt hat? Ganz einfach: Wenn du vom Arbeitsamt kommst, Richtung Schlachthof fährst, der blutigsten Gegend Münchens, siehst Du sie oben liegen, die Münchner Verrücktheit, die eigentlich von Fitzcarraldo Werner Herzog stammen müsste, den es aber bekanntlich nach L. A. abgetrieben hat: Ein alter
Ammerseedampfer, der auf der Brücke vor Anker gegangen ist, unter der du durchfährst und danach backbord, Richtung Flaucher, kein Witz! Und mit diesem alten Schlachtschiff haben wir noch Großes vor. (mehr …)

[LiSe 10/17] Dichter-Denkmäler in München (Folge 1): Kurt Eisner

Kurt Eisner – Revolutionär und Schriftsteller

Von Katrina Behrend Lesch

Zum Flanieren lädt er nicht ein – der Oberanger. Man geht ihn entlang, um zum Stadtmuseum, zum Jüdischen Zentrum zu gelangen. Doch dann gibt es die Stelle, die zum Jakobsplatz abbiegt. Von dort kann man es sehen, ein meergrünes transparentes Etwas, das aus dem Straßen- und Häusereinerlei herausleuchtet. Und die Neugier weckt. Näher heran also an den gläsernen Kubus, und man erschrickt. Das ist doch – die Spur einer Kugel, rundum die fächerför-migen Linien von zerborstenem Glas. Schon wieder Vandalen, die ihrer Zerstörungswut freien Lauf gelassen haben … (mehr …)

[LiSe 10/17] Lyrische Kostprobe

Du moderst so gesund
Goldener Oktober
Dir stopft das Laub den Schlund

Dein Laub, bretthart
Goldener Oktober
Dir tropft doch Blut vom Bart

Das Eisen schnitt die Luft
Geldzählender Penner
Dein Augenlicht verpufft

Hans-Karl Fischer

[LiSe 10/17] Künstlerbücher in der Staatsbibliothek

Künstlerbücher in der Staatsbibliothek

Noch bis zum 7. Januar ist die Ausstellung „SHOWCASE – Künstlerbücher aus der Sammlung der Bayerischen Staatsbibliothek“ zu sehen. Dabei steht das Buch als autonomes Kunstwerk im Mittelpunkt. Die Schau zeigt eindrucksvoll, wie unterschiedlich Künstler wie Andy Warhol, Pablo Picasso oder Marina Abramovi´c das Buch als künstlerische Ausdrucksform nutzen. Die ausgestellten Werke reichen von der historischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts über konzeptuelle Künstlerbücher der 1960/70er Jahre bis heute.

Öffnungszeiten der Ausstellung in der Staatsbibliothek (Ludwigstr. 16)
Montag bis Freitag 10 bis 18 Uhr
Sonntag 13 bis 17 Uhr
Kostenlose öffentliche Führungen gibt es donnerstags um 16:30 Uhr und sonntags um 14:00 Uhr.

[LiSe 10/17] Kurzgeschichte: Vorsichtsmaßnahmen

Von Katharina Bendixen

I
Wenn mein Mann und ich in einem Hotel übernachten, was gelegentlich vorkommt, denn mein Mann ist Handelsvertreter, gehen wir mit unseren Koffern immer durchs Treppenhaus. Erst in der Nacht, wenn wir aus dem Restaurant zurückkehren, fahren wir mit dem Aufzug. Das machen wir so, damit wir Bescheid wissen für den Fall, dass ein Feuer ausbricht. Diese Vorsichtsmaßnahme war noch nie nötig, aber ich fühle mich so sicherer. Morgens nimmt mein Mann seine Termine wahr, und ich spaziere durch die Stadt und schaue, ob ich etwas Schönes für die Kinder finde. (mehr …)

[LiSe 10/17] Kurzgeschichte: Fremdgehen

Von Katharina Bendixen

Ich weiß, dass ich den Mann, mit dem ich die Nacht verbracht habe, nicht besitzen darf. Trotzdem bleibe ich zum Frühstück. Er hat vom Bäcker Brötchen geholt und hört nicht auf, von der letzten Nacht zu schwärmen. Von der Frau, die sonst an meiner Stelle sitzt, hat er mir schon erzählt. Sie sei nur einen Tag weggefahren, hat er gesagt, um mit ihrem Patenkind in einem Prinzessinnenbett zu übernachten. Er hat schlecht über sie gesprochen, über ihre Art, alle Probleme ihrer Freundinnen vor ihm auszubreiten. Er hat so viel von ihr erzählt, ich habe das Gefühl, ihr bereits begegnet zu sein. (mehr …)