[LiSe 01/17] Kurzgeschichte: GÖTTERSPEISE

GÖTTERSPEISE

Immer samstags aßen wir an jenem Tisch gemeinsam,
an dem ich wochentags alleine saß und –
immer schwiegen wir beim Essen.
Immer kamen wir samstags hierher, nicht sonntags, –
am Sonntag bediente Özmir, – am Samstag – CHANTAL –
– doch das wusste nur ich.
Immer saß ich mit dem Gesicht zum Lokal,
meine Ehefrau mit dem Rücken. (mehr …)

[LiSe 01/17] Rezension: Wunderbarer Wahnwitz

Helmut Pölls neuer Roman „Die Krimfahrt“

Helmut Pölls „Die Krimfahrt“ ist eine witzige Geschichte mit wunderbaren Formulierungen, spannendem Plot, genialer Behandlung des ewig Wiederkehrenden einer Reise durch die Ukraine, tragischem Schluss, stringent erzählt, plausibel in allem Wahnwitz, traurig und komisch zugleich.

„Es ist schwer zu beurteilen, ob Erika generalstabsmäßig planend oder unbewusst in dieses Fahrwasser geriet“. Gemeint ist zunächst die Planung eines Urlaubs, und Erikas Entschluss ist fest: „Wir fahren jetzt weg.“ Erika ist die Ehefrau von Wilhelm Seidlitz, und der hält nichts vom Wegfahren. Aber wie kann Seidlitz, Hausmeister, Leseratte und Pedant in einer Person, den Wunsch seiner Frau abschlagen, wenn sie ihn mit versteinertem Gesicht aus blauviolett umringten Augen anschaut? Also wohin? Wilhelm erstarrt bei der Vorstellung, nach Afrika zu fliegen. Europa? Auch nicht besser. Er denkt nur an „die unmenschliche Hitze auf dem Petersplatz, wo sie fünf Stunden an einem glühenden römischen Mittag ausharrten, um zwei Minuten einen stecknadelgroßen Papst anzustarren, der dann auch noch Italienisch sprach.“

Dieses Ehepaar, das Züge aus Loriots „Szenen einer Ehe“ hat, wird eine Reise antreten, deren Ende weder Wilhelm noch der Leser erwartet. (mehr …)

[LiSe 01/17] Großer Tag der jungen Münchner Literatur

60 AutorInnen, 4 Hallen, ein Tag: Am „Großen Tag der jungen Münchner Literatur“ kommen die jungen LiteratIinnen der Stadt im Einstein Kultur zusammen und zeigen, wie viel sich zurzeit in Münchens Literaturszene tut. Ob bei Lesereihen, Slams, in Schreibwerkstätten oder Zeitschriften – die Umtriebigkeit ist groß, und der Austausch wächst auch über die Genre-Grenzen hinaus. Alles ist gebündelt zu hören und auch zu sehen: von Lyrik und Prosa über Spoken Word und szenisches Schreiben bis hin zur Lecture Performance. Der Große Tag der jungen Münchner Literatur findet zum zweiten Mal statt. Bei der Premiere im Januar 2015 lasen 50 AutorInnen, über 500 ZuschauerInnen waren dabei. (mehr …)

Umfrage: Wer Bücher schenkt, macht einen guten Eindruck

Philosophen wissen die Gründe / Repräsentative Umfrage von Vorsicht Buch!

„Schenken ist heikel“, warnt der Glücksforscher und Philosoph Wilhelm Schmid. Mit einem Buch unterm Tannenbaum kann man aber wenig falsch machen. Denn wer Lesestoff verschenkt, gilt als aufmerksam, zugewandt und einfallsreich. Das belegt eine Umfrage von Vorsicht Buch! unter 5.000 Menschen in Deutschland. Knapp zwei Drittel (63,0 Prozent) derer, die ein Buch geschenkt bekommen, halten dies für ein Zeichen, dass der Absender sie sehr gut kennt. 61,2 Prozent schätzen daran, dass sich der Schenker Gedanken gemacht hat und 41,9 Prozent, dass sie jemand auf neue Ideen bringen möchte. Nur ungefähr ein Zehntel der Befragten gibt an, dass Bücher Staubfänger seien, und 13,0 Prozent, dass dem Schenker wohl nichts Besseres eingefallen sei. (mehr …)

[LiSe 12/16] Frieden und Krieg

Das literarische Dezemberrätsel bringt zehn lyrische Beispiele von meist populären Dichtern zum Thema Frieden oder Krieg in den vergangenen dreieinhalb Jahrhunderten, die ja nur selten längere Zeit vom Frieden geprägt waren, wobei wir bemüht sind, chronologisch vorzugehen und im Jahre 1636 beginnen. Abgedruckt wird nur jeweils die erste Strophe bzw. vier bis fünf Zeilen, wenn die Strophe länger ist. Wir wünschen Ihnen, verehrte Leserinnen und Leser, ein erfolgreiches und vergnügliches Autoren-Raten!

  1. Das Gedicht stammt von einem Zwanzigjährigen und steht voll unter dem Eindruck des Dreißigjährigen Krieges, den er nur 16 Jahre überleben durfte.

Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret. /
Der frechen Völker Schar, die rasende
Posaun /
Das vom Blut fette Schwert, die donnernde Kartaun. /
Hat aller Schweiß und Fleiß und Vorrat aufgezehret.

  1. Sein Zeitgenosse wurde wesentlich älter, war evangelischer Theologe und gilt als einer der führenden Kirchenlied-Dichter deutscher Sprache („O Haupt voll Blut und Wunden“). Eine lange Allee in München-Pasing ist nach ihm benannt.

Gott lob! Nun ist erschollen
Das edle Fried-und Freudenswort
Daß nunmehr ruhen sollen
Die Spieß und Schwerter und ihr Mord.

  1. Vielleicht das berühmteste Friedensgedicht, von einem Dichter und Journalisten beim Wandsbeker Boten 1778/79 verfasst, als es in deutschen Landen gerade mal relativ ruhig war. Noch berühmter ist lediglich sein „Abendlied“, die Sache mit dem aufgehenden Mond.

’s ist Krieg! ’s ist Krieg!
O Gottes Engel wahre,
und rede du darein!
’s ist leider Krieg-
Und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!

  1. Es ist ja nicht sicher, ob diese unvergessliche Ballade, ein echter Klassiker, ein wahrer Ohrwurm, überhaupt noch an irgendeiner bayerischen Schule gelesen wird, und deshalb wollen wir sie hier vorstellen, auch wenn sie recht blutrünstig beginnt und erst am Ende zur Versöhnung mahnt – es geht um den Herrscher über Syrakus und Sizilien, der
    430 – 367 v. Ch. gelebt hat.

Zu Dionys dem Tyrannen schlich
Damon, den Dolch im Gewande.
Ihn schlugen die Häscher in Bande …

  1. Schon mit 24 Jahren verstorben, hat dieser Dichter der Romantik zahlreiche Märchen („Der kleine Muck“) und Gedichte geschrieben. Zum Frieden mahnend könnte auch dieses eine gedeutet werden, wenngleich Kameradschaft und Tod etwas sehr heroisch anklingen. Hier die 2.Strophe:

Kaum gedacht, kaum gedacht
Wird der Lust ein End gemacht!
Gestern noch auf hohen Rossen
Heute durch die Brust geschossen,
Morgen in das kühle Grab.

  1. Er konnte das Bürgertum zu Zeiten der Reichsgründung und in den Friedensjahren danach mit leichter, gut gereimter Kost amüsieren und stellte selbst in der Fabel seinen Monarchen nicht in Frage. Reich und berühmt wurde er allerdings- zu seinem Leidwesen- weder mit ernsten Texten, noch als Maler, sondern mit eher kindlich gereimten Bildergeschichten.

Ganz unverhofft auf einem Hügel
Sind sich begegnet Fuchs und Igel
Halt! Rief der Fuchs, du Bösewicht!
Kennst du des Königs Ordre nicht!
Ist nicht der Friede längst verkündigt
Und weißt du nicht, daß jeder sündigt,
der immer noch gerüstet geht…

  1. Militante Kriegsgedichte waren vor allem in den Jahren der napoleonischen Kriege und anno 1914 en vogue. Auch einer der ersten deutschen Nobelpreisträger (1912), Dramatiker mit sozialer Ader, konnte nicht an sich halten. Kaum zu glauben, aber das war ernst gemeint:

Leb wohl mein junges Weib
Und Säugling in der Wiegen
Denn ich darf mit trägem Leib
Nicht daheim bei euch verliegen.
Diesen Leib, den halt ich hin
Flintenkugeln und Granaten
Eh ich nicht durchlöchert bin
Kann der Feldzug nicht geraten …

  1. Dann aber kam der „kleine dicke Berliner, der mit der Schreibmaschine die Katastrophe aufhalten wollte“, wie sein Kollege (siehe Nummer 9) schrieb und dichtete um 1919, lange bevor er sich das Leben nahm:

Sie lagen vier Jahre im Schützengraben
Zeit, große Zeit!
Sie froren und waren verlaust und haben
Daheim eine Frau und zwei kleine Knaben
Weit, weit –!

  1. Humoristischer drückt sich sein etwas liberalerer Kollege, Autor von Romanen und Kinderbüchern, und erst nach 1945 richtig beliebt und in München gestrandet, in Anspielung auf Goethes „Mignon“ bereits 1928 aus:

Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn? /
Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen! /
Dort stehn die Prokuristen stolz und kühn
In den Bureaus, als wären es Kasernen …

  1. Sein ein Jahr älterer Kollege, zurückgekehrt aus dem Exil ins „andere Deutschland“, berühmter Lyriker und umstrittener Dramatiker, dichtete 1949, zu Beginn des „Kalten Krieges“:

Ihr, die ihr überlebtet in gestorbenen Städten /
Habt doch nun endlich mit euch selbst Erbarmen! /
Zieht nun in neue Kriege nicht, ihr Armen
Als ob die alten nicht gelangt hätten:
Ich bitt euch, habet mit euch selbst Erbarmen!

Auswahl: Wolfram Hirche


Auflösung des kleinen literarischen Ratespiels:

  1. Andreas Gryphius (1616 – 1664)
    „Tränen des Vaterlandes“ 1636
  2. Paul Gerhardt (1607 – 1676)
    „Danklied für die Verkündigung des Friedens“ , 1648
  3. Mathias Claudius (1740 – 1815)
    „Kriegslied“ 1778/79
  4. Friedrich von Schiller (1759 – 1805)
    „Die Bürgschaft“ 1798
  5. Wilhelm Hauff (1802 – 1827)
    „Reiters Morgenlied“ 1825
  6. Wilhelm Busch (1832 – 1908)
    „Bewaffneter Friede“ 1904
  7. Gerhard Hauptmann (1862 – 1946)
    „Komm wir wollen sterben gehen“ 1914
  8. Kurt Tucholsky (1890 – 1935)
    „Krieg dem Kriege“ 1919
  9. Emil Erich Kästner (1899 – 1974)
    „Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn?“ 1928
  10. Bertolt Brecht (1898 – 1956)
    „An meine Landsleute“ 1949

[LiSe 12/16] Kolumne: Frei und glücklich!

Freizeit wird furchtbar überschätzt, keiner hier will sie im Grunde. Oder, wie Sebastian Haffner in seinen Erinnerungen 1939 schrieb, der Deutsche ist für die Freizeit „nicht begabt“, er – mit Ausnahme einer dünnen Bildungsschicht – hat nur Arbeit im Kopf. Oder Fernsehen, wie wir heute angesichts der 1.000 „Tatort“- Folgen wissen, die uns mit jeweils ein bis drei Morden seit 1970 den Sonntagabend versüßen. Nur wenige Zeitzeugen berichten noch von einer Zeit ohne Fernseher. Allerdings – doch davon später – hat er, der gern zitierte „Deutsche“ inzwischen das Schreiben entdeckt. Das Lesen betreibt er eher widerwillig, wenn er aus Abscheu vor dem TV-Programm zu Kirchhoff greift, Walser oder Hera Lind. (mehr …)

[LiSe 12/16] Münchens literarische Orte (Folge 6)

Lesebühne für gute Unterhaltung: Haidhauser Literaturbox1

Rot- und Blautöne, Dämmerlicht, und natürlich ein Tisch, eine Lampe, ein Mikro und ein Glas Wasser. Und gar nicht natürlich, sondern eher ungewöhnlich: Beleuchtete Glaskästen mit Scherenschnitten an den Wänden. Die märchenhaften Motive aus 1001 Nacht tragen sicher ihren Teil dazu bei, dass es dem Zuhörer in der Literaturbox1 im KiM Kino im „Einstein Kultur“ ganz schnell, fast zwangsläufig ‚passiert‘, dass er dem Vorleser folgt in seine Welt. Und dass gleich zweimal an einem Abend. Denn in Haidhausen lesen einmal im Monat jeweils zwei Autoren aus ihren Werken.

Verantwortlich für dieses in seinen Äußerlichkeiten ganz traditionelle, und doch immer wieder überzeugende Format ist Petra Lang, die gemeinsam mit ihrem Mann Hellmuth Lang jeden zweiten Samstag im Monat im KiM (Kino im Museum) im Kulturzentrum in der Einsteinstraße 42 Lesungen organsiert. Für die Haidhauser Literaturbox1 (der Name lässt sich mühelos zu Literaturbox1tein ergänzen) sichtet Petra Lang laufend Texte von Autoren, die bereits veröffentlicht haben, gern in Kleinverlagen, Literaturzeitschriften oder im Eigenverlag und im Internet. Die Textproben dürfen maximal 20 Seiten lang sein, die Lesung darf bis zu 40 Minuten dauern. (mehr …)

[LiSe 12/16] Lyrische Kostprobe: Gsellschafft

Gsellschafft

Zersd hone s selwagsaamde Hungateichl aafglegd,
do ham de Herrschafftn a Wal dro nogn kinna,
Naha hone ear, in meim bestn Scherm,
d Wossasubbn aafdrogn
aaf dea wöie ned daheargschwumma bi.
Eitz hams an Bron scho a weng grocha.
Mei Schweinsbron
is so apatitle gwen
wöi ausm Buldabeichl,
wal do honen a ausgschnin ghatt.
Gor ned noude hone Kneel austaalt
vo de oi, wöi ma ollawal
en Hois steckat bliebn hand
bols gor so gscheid dahear gredt ham.
Prost Mallzeit!
Unta Gsichda one Foa hone
Talarl gschom und dazou gsagd:
Do host dein Solod!
Aisa Zeigniss, dasa me auskenn e da Wölld
hone ear no an Pfifkaas voagsedzd.
Mid hoam hone ear,
sche eibabierld und mid am grean Mascherl,
a goidas Nixal gem.
Und zledzd mei Haus, mei Tiür vospeadt.

Katharina Bosˇnjak