[09/16] Münchner Stipendien

Arbeitsstipendien für Leypold und Sonner

Die im vergangenen Jahr von der Landeshauptstadt München eingerichteten Arbeitsstipendien für Münchner AutorInnen erhalten heuer Kilian Leypold für sein Romanprojekt „Miausch“ und Franz Maria Sonner für sein Romanprojekt „Abt Gregor begegnet dem Schicksal“. Mit den Arbeitsstipendien werden jährlich Münchner Autorinnen und Autoren gefördert, die sich mit ihrem Werk bereits literarisch ausgewiesen haben und im Literaturbetrieb in Erscheinung getreten sind. Die Stipendien sind mit jeweils 6.000 Euro dotiert und werden für literarische Projekte vergeben. Kilian Leypolds Romanexposé „Miausch“ reiht sich in die Geschichte der Hotelromane ein, die Geschichten von Flucht, Heimatlosigkeit und Vertreibung erzählen. Sonners Text handelt von dem Augustinermönch und Begründer der Genetik, Gregor Mendel. Dem Autor geht es dabei aber nicht um einen umfassenden historischen Roman … er will vielmehr den Widerspruch zeigen zwischen dem Selbstbild eines Menschen und jenem Bild, dass die Nachwelt sich von diesem macht.
red

[LiSe 09/16] „Schnablgwax“

Der Lyriker Anton G. Leitner und sein erstes großes Mundartprojekt

Der magische Reiz dieses Gedichtes besteht darin, dass man es nicht lesen kann. Weder ist die hochdeutsche Version, in der innere und äußere Gegenstände mit der allzu scharfsichtigen Nickelbrille eines altbairischen Prosaschriftstellers paraphrasiert werden, rühmenswert, noch auch die bairische, weil deren Effekte ab und an zu transparent sind: aber die Transkription vom einen ins andere, die Art, wie der Autor mit seiner Zweisprachigkeit umgeht, verdient fürwahr ein lyrisches Tun genannt zu werden. Wenn etwa der Blumenheros der altgriechischen Mythologie, Adonis, im Bairischen als junger Hupfer erscheint, wird nicht nur daran erinnert, dass ihn der Kriegsgott Ares, in ein Wildschwein verwandelt, über die Hauer springen ließ; es wird aber auch die Gegenrichtung eingeschlagen: der junge Hupfer ist aufgrund seiner Beweglichkeit möglicherweise schöner, als er bei stehender Betrachtung wäre, und so wird eine Bewegung in zwei Richtungen erzeugt, die in sich wunderbar ist. (mehr …)

[LiSe 09/16] Fortsetzungsroman: Live und offen im Netz

Der Münchner Autor Thomas Lang schreibt – Leser können Einfluss nehmen

Schreibblockade ausgeschlossen, geht gar nicht. Jeden Tag wird geschrieben. Bis der Roman fertig ist. Dieses Wagnis ist der Berliner Schriftsteller Tilmann Rammstedt eingegangen – er lieferte von Januar bis April 2016 regelmäßig vor der Netz-Öffentlichkeit den Fortsetzungsroman „Morgen mehr“. Der Münchner Schriftsteller Thomas Lang geht noch weiter: Ab September startet er über einen Zeitraum von sechs Monaten ein literarisches online-Experiment. Lang wird einen Roman oder eine längere Erzählung mit dem Titel „Der gefundene Tod“ schreiben. Anders als beim Rammstedt-Experiment können Leser-Innen diese Arbeit sogar beeinflussen. (mehr …)

[LiSe 09/16] Kurzgeschichte: Das Schlussplädoyer

Sehr geehrter Herr Vorsitzender, sehr geehrter Herr Staatsanwalt, verehrte Anwesende!

Erlauben Sie, dass ich zu Beginn meines Schlussplädoyers mein Bedauern über die Entlassung meines Verteidigers ausdrücken möchte. Aber sie war dringend erforderlich. Seine fortwährenden Versuche, die hier zur Verhandlung stehende Angelegenheit ausschließlich aus der Perspektive eines schuldlosen Angeklagten darzustellen – er hielt diese Sichtweise wohl für die meine –, die übel riechende Mixtur von Halbwahrheiten über den Tatvorgang, die peinliche Bedrängung der Zeugen der Anklage, seine unhöflich störenden Unterbrechungen bei der Befragung dieser Zeugen durch den Herrn Staatsanwalt, all dies ließ bei mir, der ich mich ausschließlich der Wahrheit verpflichtet fühle, ein immer deutlicher werdendes Unbehagen, um nicht zu sagen, eine wachsende sittliche Empörung aufsteigen, sodass ich nicht umhin konnte, meinen Verteidiger zu entlassen und mit dem Einverständnis des Herrn Vorsitzenden mein Schlussplädoyer selbst zu übernehmen. (mehr …)

[LiSe 07/16] Die tollen Bücher – die tollen Hefte

Die Münchner Illustratorin Rotraut Susanne Berner schafft nicht nur Kinderbuch-Klassiker, sondern gibt auch eine bibliophile Reihe
heraus.

Wimmelbücher machen süchtig – nicht nur Kinder. Sie sind, wie es die Zeitschrift Chrismon einmal beschrieben hat, die Buddenbrooks für die Kleinen. Die Schöpferin der Wimmelbücher und vieler, vieler anderer Kinderbücher ist die in München lebende Illustratorin und Autorin Rotraut Susanne Berner, die gerade mit dem Hans Christian Andersen-Preis ausgezeichnet worden ist. Seit drei Jahren ist die 1948 in Stuttgart geborene Künstlerin auch Herausgeberin von „Die tollen Hefte“, einer Buchreihe, die renommierte Illustratoren gestalten. Die 45 bislang erschienenen Hefte hat gerade eine Ausstellung in Bologna gewürdigt. (mehr …)

[LiSe 07/16] Kolumne: Lyrikers Lebensleid

Verstohlen wischt sich manches Kind den Mund ab, mit dem Ärmel, wenn die Mutter es geküsst hat. Was aber, wenn es die Muse war und nicht die Mutter? Und wenn das Kind kein Kind, sondern ein Lyriker, eine Lyrikerin, ein Fabelwesen also, dünnhäutig, durch Spiegel in andere Welten tretend, trunken von Küssen – Wesen, die man um diese Jahreszeit vermehrt des nachts an S-Bahnhöfen antrifft, in Hotellobbys und Abflughallen, mit zerrauftem Haar und tiefen schwarzen Ringen unter den Augen, „Panda-Augen“, wie die Werbung neuerdings höhnt. Das alles sind Verlierer, deren es viel mehr gibt als Gewinner, und denen hier unbedingt mal ein Röslein gebrochen werden soll – vor allem, wenn man ihnen gerade ein Veilchen geschlagen hat. (mehr …)

[LiSe 07/16] Orte für Literatur, Teil 2

Parnass im 4. Stock: Die „Autoren Galerie 1“

Seit nunmehr fast 40 Jahren ist der Schwabinger Pündterplatz Hausnummer 6 eine feste Adresse in Münchens literarischem Leben. Denn hier befindet sich in einer Atelierwohnung im vierten Stock eines liftlosen Altbaus, nur zu erreichen über eine hölzerne Stiege, die durch ein freskenverziertes Treppenhaus führt, eine bemerkenswerte Institution. Sie trägt den programmatischen Namen „Autoren Galerie 1“, mit dem sie ihre Doppelnatur als Galerie und Lesungsort ausdrückt.

Seit ihrer Gründung im Januar 1977 verfolgt sie das Konzept, zeitgenössische bildende Künste und Gegenwartsliteratur zu verbinden. – Konkret geschieht das in Form von zwei- bis dreiwöchigen Ausstellungen, inzwischen 14 in jedem Jahr, die mit der gleichen Zahl von Autorenlesungen verbunden sind. Sie flankieren die Ausstellungen als Vernissage und/oder Finissage. Das Grundkonzept der „Autoren Galerie 1“ ist das Prinzip der Vielfältigkeit, vielleicht sogar die Idee der Gegensätzlichkeit, in jedem Fall der Gedanke der Synthese. Ihr ungewöhnlichstes Merkmal ist der Umstand, dass ihr Gründer und Betreiber, Helmut Vakily, nicht nur Galerist ist, sondern auch selbst Maler. Er verkauft die Bücher nicht nur, vielmehr ist er selbst Lyriker. (mehr …)