[LiSe 07/16] Lyrik-Rezension: Freude am Wortspiel

Der neue Gedichtband der Münchner Lyrikerin Alma Larsen

Zeitgenössische Gedichte sind sperrig?
Das muss nicht sein. Die Münchner Lyrikerin Alma Larsen beweist mit ihrem neuen Gedichtband „Nase Stimme Haut“, dass Poeten ganz im Hier und Jetzt verankert sein können. Die Texte sind mal länger, mal kürzer, mal nachdenklich, mal amüsant; sie alle eint die Freude am Wortspiel und am Erkunden des Alltags. Gruppiert sind die Gedichte in fünf thematischen Blöcken, dazwischen finden sich vier kürzere Zyklen. (mehr …)

[LiSe 07/16] Lyrische Kostprobe

FLIESSEN LASSEN

ein kommen&gehen:
ein traum kommt zu mir
schiebt sich unter die decke
so gegen halbsieben geht
fremd mit dem wecker
später gehe ich zur kunst
wen treffe ich ganz zufällig?
ein bild von meinem traum
so war ich nicht seine erste:
ein kommen&gehen

Alma Larsen

[LiSe 07/16] Kurzgeschichte: Gegenerinnerung

Mit den Frauen kamen die Sozialpädagogen und die Sushi-Esser.

Sie sagten, gut, solange wir Sushi essen dürfen, sind wir bereit.

Die Sterilisation erfolgte unauffällig.

Zuerst wurden Tiere eingefangen, bekamen für ein besseres Zuhause einen Chip in die Schulter und wurden über Jahre gewaschen, gebürstet und hodenlos.

Dann kamen Flüchtlinge, und die pädagogischen Vereine freuten sich, besorgten Desinfektionsmittel. Doch die Flüchtlinge wichen einer Registratur aus, mieden auch die Sushi-Bars. Sie gründeten unter den Gräbern ihren eigenen Verein: Unsere Eier sind groß, nannten sie ihn. (mehr …)

[LiSe 07/16] White Ravens Festival – Die Flucht im E-Book

Schülerinnen und Schüler stellen ihr digitales Buch beim Literaturfestival White Ravens vor

Buchdruck trifft digitale Welt, Fernes rückt nahe, Grenzen werden ausgelotet. Mit diesen Worten lässt sich ein Projekt der Internationalen Jugendbibliothek Schloss Blutenburg und der Münchner Neuhof-Schulen umreißen. Die Neuhof-Schulen sind ein Verband privater Realschulen, Gymnasien und Fachoberschulen mit insgesamt über 700 Schülern im Stadtteil Sendling. SchülerInnen der 8. Klasse erarbeiten ein enhanced E-Book, ein digitales Buch also, das viel mehr ist als ein paar gedruckte Seiten umgewandelt in Programmiersprache. Es soll eine Kombination aus Musik und Zeichnungen, Filmausschnitten und Texten sein. Im Rahmen des White Ravens Literaturfestivals der Internationalen Jugendbibliothek wird das E-Book am 21. Juli in Schloss Blutenburg vorgestellt. (mehr …)

[LiSe 06/16] Leuchtende Farben – strahlendes Gold

Staatsbibliothek präsentiert ihre Schätze in der Ausstellung Buchmalerei

Prächtig vergoldete Blütenstempel blitzen aus roten und blauen Blüten. Froschgrüne und kornblumenblaue Blätter schlingen sich verschwenderisch um eine Initiale. In der Ranke krabbelt ein nacktes, blond gelocktes Kind. Es ist umgeben von paradiesisch bunten Vögeln, einem Reh, einem Jäger. All die Tiere und Pflanzen sind nur ein paar Zentimeter groß, doch von intensiver Farbe und strahlendem Gold. Diese kostbare Buchmalerei korrigiert die vorherrschende Vorstellung vom „finsteren Mittelalter“. Die Bayerische Staatsbibliothek öffnet ihre Schatzkammer, und München leuchtet. Der Auftakt der Ausstellungsreihe „Bilderwelten – Buchmalerei zwischen Mittelalter und Neuzeit“ präsentiert hochkarätige Exponate, die zum Teil erstmalig zu sehen sind. (mehr …)

[LiSe 06/16] Kolumne: Alles nur Romane

Als Mitte Mai dieser kräftige blaue Hai vor Mallorca seine Kreise zog, die Bademeister Liegestühle in den Sand setzten, Sonnenschirme, da dachte mancher Mallorca- und Sonnenhungrige: Diese ganzen Romane, die in diesen Liegestühlen schon gelesen wurden und demnächst wieder gelesen werden, was nützen sie uns, um in rechter Weise mit dem Blauhai umzugehen? (mehr …)

[LiSe 06/16] Orte für Literatur, Teil 1

Keimzelle des Poetry Slam

Mit dem Club Substanz beginnt eine neue Serie über Orte für Literatur.

Spätestens seit dem 19. Jahrhundert gilt München als eines der deutschen Zentren für Literatur. Dabei spielen Orte, an denen sie öffentlich dargeboten wird, eine wichtige Rolle als Bindeglied zu Lesern und Publikum. Das „Literaturhaus“ oder das „Lyrik-Kabinett“ sind als Plätze der Literaturvermittlung allgemein bekannt – dabei gibt es noch viele andere Orte unterschiedlicher Größe und Provenienz, die hier in einer neuen Reihe vorgestellt werden sollen. (mehr …)

[LiSe 06/16] Lyrische Kostprobe

Politische Ruinen

Politische Ruinen zu besichtigen
kostet nicht viel, ist ein Leichtes.

Morgens drehst du das Radio auf.
Morgens holst du die Tageszeitung hoch.
Morgens gehst du kurz mal ins Internet.

Seltsamer noch: Je jünger die Herren,
Umso ruinöser erscheint dir ihre Rede.
Nicht mehr die Politik macht Karriere,
sondern ihre falschen Nachwuchsapologeten.
Verdunstete Inhalte, leidenschaftsloses
Gerede, am Parlamentarismus vorbei.
Verdummt diejenigen, die als ein Volk
zu bezeichnen, ein weiterer Ruin wäre.

Vormittags drehst du das Radio ab.
Vormittags entsorgst du Zeitung im Altpapier.
Vormittags bist du vorläufig offline.

Politische Ruinen zu besichtigen
kostet viel Zeit, beschwert das Herz.

Franz Josef Herrmann