by LiSe | 31. März 2016 | Blog, Titelgeschichte
Der Bannkreis des „Zauberberg“ – Thomas Manns großer Zeitroman in einer als Collage inszenierten Werkschau im Literaturhaus
Im Mai 1912 reiste Thomas Mann nach Davos, um seine Frau, die dort für einige Monate zur Kur in einem Sanatorium weilte, zu besuchen. Den Tod in Venedig hatte er noch nicht fertig, aber bereits die Idee für ein humoristisches Gegenstück, leicht und unterhaltsam, nicht viel länger als eine etwas ausgedehnte short story. „Sie war gedacht als ein Satyrspiel zu der tragischen Novelle, die ich eben beendete. Ihre Atmosphäre sollte die Mischung von Tod und Amüsement sein, die ich an dem sonderbaren Ort hier oben erprobt habe …“, schreibt er in seiner Einführung in den ,Zauberberg‘ aus dem Jahre 1939. Im Juli 1913 begann er mit der Novelle, stellte dann fest, dass der Stoff sehr viel mehr Raum und Zeit in Anspruch nahm als vorgesehen, unterbrach die Arbeit während des Weltkriegs und machte sich 1919 an eine intensive Umarbeitung. Das Werk, das dann im November 1924 erschien, war über 1000 Seiten lang und fand sofort ein enthusiastisches Publikum. (mehr …)
by LiSe | 31. März 2016 | Blog, Kolumne
Ein Krake wäre, um mit der Tür ins Haus zu fallen, nicht die schlechteste Lösung, mit acht Tentakeln, Saugnäpfen, Reichweite, die Probleme des neuen Literarischen Quartetts zu lösen, das seit Oktober letzten Jahres im ZDF als Nachfolger des Marcel R.-R.-Quartetts präsentiert wird. Aber gemach: Die Suche nach einem Nachfolger ist ein harter Job; nur ganz selten gelingt es dem Alphatier selbst, sich rechtzeitig um einen geeigneten Kandidaten zu kümmern, ihn nach und nach „aufzubauen“. Wir denken an Bismarck, Adenauer, Christian Ude. Er muss erheblich jünger sein, talentiert, aber nicht von auffallender Intelligenz, darf nichts wissen von Leichen im Keller seines Vorgängers und muss doch vom Milieu als kompetent akzeptiert werden. Von dem sehr speziellen Milieu, in das er geworfen wird, von den Medien und den Konsumenten, die ihn nach und nach verbrauchen sollen und werden. Auch in der hier verhandelten Causa hatte der einstige Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki keinen Gedanken an einen Nachfolger verschwendet – die Musik der eigenen Unersetzlichkeit übertönte alles. (mehr …)
by LiSe | 31. März 2016 | Blog, Vermischtes
Mit spürbarer Leidenschaft
Die Buchhandlung am Nordbad und ihre Stammkundin, die Autorin und Filmemacherin Doris Dörrie
Der Raum ist klein, man fühlt sich fast wie in seinem Wohnzimmer, umgeben von dem, was einem am liebsten ist, von Büchern. Nichts anderes erwartet man von einer Buchhandlung, aber diese vermittelt einem den Eindruck, als gebe es hier nur solche, die man auch in die eigene Bibliothek gestellt hätte. Man fühlt sich wie zu Hause, streift Mantel und Tasche ab, greift wahllos nach einem Buch und vertieft sich sofort hinein, als sei es genau das, wonach man auf der Suche war. Diesen Spagat zwischen eigenen Vorlieben und den ihrer Kunden vollbringen die beiden Inhaberinnen Marielle Krammel und Friederike Meier mit spürbarer Leidenschaft. Ihr Sortiment ist Ausdruck dessen, was sie für besonders lesenswert, wertvoll, unterhaltsam, spannend, schön oder außergewöhnlich halten. Immer dem persönlichen Geschmack geschuldet. Auf keinen Fall im Mainstream oder auf Bestseller-Listen zu finden. Krammel & Meier wissen, was sie ihren Stammkunden schuldig sind. Und die Laufkundschaft, unterwegs im gesichtslosen Häusereinerlei rund ums Nordbad, stößt unversehens auf das, was den Buchladen in der Elisabethstr. 55 auch für die Filmemacherin und Buchautorin Doris Dörrie so anziehend macht: „Schöne Atmosphäre, kein Chichi, sehr gut sortiert und zwei hervorragend informierte Buchhändlerinnen.“ (mehr …)
by LiSe | 31. März 2016 | Blog, Lyrische Kostprobe
Sekunden-Bekanntschaft
Quer über die abendliche Piazza
rennt der Zweijährige auf mich zu
und drückt mir, dem Wildfremden
seinen zerschlissenen
Stoffhasen in die Hand –
Etwas starrt mich an:
nicht Mensch nicht Tier nicht Ding –
Etwas mit dem süßlich-verschwitzten
Geruch von Liebe –
Unbeseelt – doch Abglanz einer Seele –
die mir jetzt schon wieder
aus der Hand gerissen wird
Ludwig Steinherr
aus: Ludwig Steinherr, ELEFANT MIT OBELISK, Lyrikedition 2000,
Allitera Verlag, München, 2015
by LiSe | 31. März 2016 | Blog, Kurzgeschichte
Was könnte schöner sein als dieser Tag? Der auf dir lastet mit seiner unausgesprochenen Drohung, dass sie dich rauswerfen werden, wenn du so weitermachst. Dass du in deinem verwirrten, stotternden Zustand auf Dauer nicht tragbar bist. Unzureichende Leistung, die Menge an zusätzlichen Korrekturläufen und dann die Kollegen, die sich fragen, was plötzlich mit dir los ist. Deine Ängste kriechen auf einmal aus allen
Löchern und sie bestätigen sich alle. Du hattest also vollkommen Recht. Und das von Anfang an. Und nun balancierst du wieder einmal auf dem Millimeter-Bruchteil einer Papierkante. Luft. Dann ein gepflegter Zusammenbruch auf dem Klo. Und gleichzeitig das Gefühl, dass es jetzt, wo es zum Schlimmsten kommen könnte, endlich auch gut wird. Dein vollkommenes Gleichgewicht. Im freien Fall. (mehr …)
by LiSe | 31. März 2016 | Blog, Rezension & Buchempfehlungen
Das Westjordanland liegt eingeklemmt zwischen Israel im Westen und Jordanien im Osten. Im Sechstagekrieg 1967 wurde es von Israel erobert und steht seither unter israelischer Militärverwaltung, seit 1993 werden Teile
des Westjordanlands von der Palästinensischen Autonomiebehörde (PNA) verwaltet. 83 Prozent der Bevölkerung sind Palästinenser, 16 Prozent Juden, dazu noch eine Hand voll Christen. Seit dem Teilungsplan der UN-Vollversammlung aus dem Jahr 1947 ringt Palästina um seine staatliche Souveränität. Das Land wurde wechselweise von Jordanien und Israel annektiert, ist von einer sogenannten Grünen Linie begrenzt und wird faktisch von einem Sperrwall abgetrennt, der doppelt so lang ist, wie die eigentliche Landesgrenze. Bei den unzähligen, teilweise kriegerischen Auseinandersetzungen haben die meisten Menschen unserer Herkunft längst den Überblick über die politischen Zusammenhänge verloren. (mehr …)
by LiSe | 1. März 2016 | Blog, Titelgeschichte
Die Büchergilde Gutenberg hat schon knapp tausend Genossen – Bertelsmann Lesering nur noch Historie
300.000 Mitglieder hatte sie im Jahr 1964, der 40. Geburtstag wurde in der Frankfurter Paulskirche gefeiert. Festredner war Erich Kästner, er gratulierte mit einem Gedicht: „Dass sich der Mensch durch Bücher bilde, schuf Gutenberg die Büchergilde“. Das sind Glanzlichter aus der Geschichte einer Institution, die 1924 von Buchdruckern in Leipzig gegründet wurde: die Büchergilde Gutenberg. Mittlerweile hat die Buchgemeinschaft nur noch 60.000 Mitglieder – aber sie lebt. Während der Medienriese Bertelsmann vor wenigen Monaten sein letztes Buchclub-Geschäft geschlossen hat und damit der Lesering der Historie angehört, nimmt die Büchergilde an Fahrt auf: Sie ist eine Genossenschaft geworden, mit derzeit 950 GenossInnen. (mehr …)
by LiSe | 1. März 2016 | Blog, Kolumne
In diesem Winter tragen wir unseren Schal wieder locker, leicht geschürzt und lässig, fast wie einst der große Theodor Storm, denn wir wissen, eigentlich schon seit der Story von Gordios 333 v. Ch., das feste Schnüren bringt‘s nicht, irgendwann kommt ein Alexander und löst ihn ja doch oder zerschlägt ihn, den Knoten. Vor sechs Jahren war das noch anders, als der Feldherr KT von und zu Guttenberg seinen weißblauen Edelschal kälberstrickartig vor der Brust knotete , und die Männer ihm brav folgten, die Wählerinnen ihm zu Füßen lagen – vorbei . (mehr …)