by LiSe | 28. Mai 2015 | Blog, Vermischtes
Münchner Literaturbüro – MLB: Ein offener Treffpunkt für alle, die gute Prosa oder Lyrik schreiben und ihre eigenen Texte gerne mal öffentlich vortragen wollen.
Jeden Freitag von 19:30 bis 22 Uhr lesen in Haidhausen, Milchstrasse 4, direkt hinterm Gasteig Autorinnen und Autoren und bekommen im Gespräch mit dem Publikum direkte Resonanz. Wer lesen möchte, trägt sich vorher im Lesekalender ein.
Haidhauser Werkstattpreis: Am ersten Freitag im Monat kann jeder Autor einen eigenen 10-minütigen Text lesen, keine Anmeldung erforderlich. Das Publikum wählt den besten Beitrag; er nimmt am Finale im Gasteig teil, das einmal im Jahr stattfindet. Der Sieger wird mit Wein und Preisgeld belohnt!
by LiSe | 28. Mai 2015 | Blog, Vermischtes
Am 18. April war es endlich wieder so weit: Im Vortragssaal der Münchner Stadtbibliothek im Gasteig fand die Endausscheidung für den 22. Haidhauser Werkstattpreis statt. Vor dicht gefüllten Sitzreihen präsentierten die GewinnerInnen der vergangenen zwölf Vorentscheidungen dem aufmerksamen Publikum ihre Texte. Von diesem gab es viel Lob und kaum kritische Anmerkungen. Den ersten Platz teilte sich die aus München stammende junge Poesiezauberin Franziska Ruprecht mit Wolfram Hirche. Dieser Autor beliebter ironischer/selbstironischer Texte (auch in den LiteraturSeiten München) war vielen im Publikum wohlbekannt, da er bereits 2006 den Werkstattpreis gewonnen hat. Auch diesmal brillierte er mit einer satirischen Erzählung über zwei langjährig befreundete Männer, die im Alter regelmäßig damit drohen, wieder mit dem Schreiben bzw. mit dem Violinspiel zu beginnen. Franziska Ruprecht begeisterte mit schwerelosen Gedichten über die Liebe .Nach der Wahl ergab sich folgende Reihung: Platz 1: Franziska Ruprecht mit Gedichten und Wolfram Hirche mit „Sehr alte Freunde“. Platz 3: Maria Wargin mit Lyrik. Platz 4: Miriam Nonnenmacher mit „Heimatliebe“. Platz 5: Dominik Steiner mit „München, 82 km“. Platz 6: Hans-Karl Fischer mit Mundartgedichten. Platz 7: Ursula Dimper mit „Wann kommt Niko?“. Platz 8: Peter Asmodai mit „Leonie“. Platz 9: Veronica Rummel-Damian mit Gedichten.
by LiSe | 28. Mai 2015 | Lyrische Kostprobe
Den Fels, der im Wohnzimmer liegt
versuch ich zu übersehen.
Täglich stolpere ich dann doch
über das Bedauern.
Stoß mich mit den Finger-
nägeln wieder ab.
Abends bürste ich dann
den Staub von mir
weg unter fließend Wasser
und begreif wie meine Hände
mit jedem Gramm
stärker werden.
von Franziska Ruprecht
Gewinnerin des 22. Haidhauser Werkstattpreises München
Gedicht aus dem Band „Meer-Maid“, 140 S., Wolfbach Verlag Zürich.
Bei der Autorin und im Buchhandel erhältlich. ISBN: 9783905910612
by LiSe | 28. Mai 2015 | Blog, Kurzgeschichte
Könnte Süden auch Norden sein? Ach Schätzchen, sagte Corinna, und was machen wir denn dort, im Süden, was sollen wir da anfangen, wovon leben wir? Nenn mich nicht Schätzchen, sagte Elfie, warum bist du wieder so ekelhaft vernünftig, so nordisch, Vernunft ist Norden, wir machen, wozu wir Lust haben, wir malen, wir züchten Blumen, wir halten eine Ziege, wir brauchen dort nicht viel zum Leben, das ist doch das Gute am Süden, keine Warenhäuser,
keine Autos, keine Männer, keine Heizung. Ein paar Balkone weiter ging ein Glas zu Bruch, und eine Frauenstimme, angetrunken mit erzwungener Strenge, sagte: du gehst jetzt ins Bett, das ist mein letztes Wort. Ein Kind maulte, und eine Männerstimme trompetete: du tust, was Mammi dir sagt. Das Kind schrie. Ohrfeigen fetzten. Die Männerstimme tobte immer lauter und das Kind schrie dagegen an. Wurden Messer gezückt? Noch ein Glas ging zu Bruch.
Hast du einen Joint da? sagte Corinna, sie stellte ihre Stimme auf gelangweilt. Wie bitte, sagte Elfie, ich denke, du rauchst nicht mehr, ich meine: wir rauchen nicht mehr, und Corinna sagte: heute ist eine Ausnahme. Wenn das so ist, sagte Elfie, dann mach ich uns einen.
Sie stand auf und ging in die Küche. Corinna trank Wasser. Das war der Beweis: Elfie hatte Gras. Morgen ist dein Zimmer dran, Liebe. Wenn sie Gras hatte, weiß der Teufel, was sie sonst alles hatte. Und wieder der Scheißgedanke, alt zu sein, zu zerfallen, zu vergehen. Kapverdische Inseln, Kleinkinderkack. Sie hatte keine Ahnung, wo diese Inseln lagen. Schattenlose Einöden, irgendwo im Meer. Inseln, warum immer Inseln, Inseln sind eigentlich das letzte. Warum sagst du nicht, Süden ist auch auf einem Küchenbalkon, Liebe, Süden ist bei dir, mit dir, Süden ist die Landschaft zwischen deinen Schenkeln und meinen, du bist der Süden, du und ich, wir. Sag es, und ich gehe mit dir, wohin du willst, wir fliegen in die Galaxis, wir pilgern ins Igluland. Bin ich gekränkt? Nein, ich werde dir niemals Vorwürfe machen, alles, was du willst, wohin du willst, auch auf diese Inseln. Nur bitte bald. In mir ist eine hohle Stelle, die dehnt sich rasch aus, die schreit nach Füllung.
Elfie kam und hielt die schmale weiße Tüte in der Hand, die kleine Schalmei, die Schalmei der glückseligen Träume. Der Stoff ist in der Dose mit der Aufschrift Vanillezucker, falls du mal suchst. Sie setzte sich und steckte den Joint an. Sie nahm zwei Züge und gab ihn Corinna, und Corinna dachte: was heißt falls du mal suchst? Du kommst doch mit auf die Kapverdischen Inseln, sagte Elfie, du hast doch hier nichts zu tun, und vielleicht können sie da noch einen Arzt brauchen. Corinna inhalierte den ersten Zug so tief und lange, daß sie fast vom Stuhl fiel, und hörte trotzdem nicht auf zu denken, das war das gute bei Haschisch: du denkst weiter, jedenfalls am Anfang, wenn auch immer schneller, und die Gedanken werden bunter. Sie dachte an die feste Stelle auf Lebenszeit, die Altersversorgung, sie dachte an die bessere Wohnung, an ein Haus mit Garten, nichts Riesiges, aber eine sichere Sache, und du könntest den ganzen Tag nur das tun, was dir Spaß macht, Liebe, ich werde für dich sorgen und dich lieben, bis daß.
Natürlich, sagte Corinna, natürlich komme ich mit, jederzeit überallhin. Sie reichte Elfie den Joint, und Elfie sagte, ich hatte schon Angst, du kommst nicht mit, du nimmst mich nicht ernst, trinken wir auf die Kapverdischen Inseln. Auf Bougainvillen im Dezember, sagte Corinna. Auf Bougainvillen immer, wo und wann, deine und meine Bougainvillen. Sie stießen an und tranken. Elfie sagte, Anfang Oktober geht’s los. Corinna stand auf und küßte sie über den Tisch hinweg auf beide Augen.
Sie rauchten abwechselnd, ziemlich schnell hintereinander, und ein paar Stockwerke unter ihnen hatte jemand eine Tangoplatte aufgelegt. Zwischen verquirltem Bandoneongeschörkel nölte eine Edelrauchstimme: Heute kann ich mit Schmerzen betrachten, was einst meine Träume erfüllte. Auch das noch, sagte Corinna und fing an zu lachen, sie lachte ziemlich hektisch: was einst meine Träume erfüllte, das ist gut, das ist gut, einst meine Träume. Elfie steckte den Joint, der inzwischen ausgegangen war, wieder an. Wir fahren nach Lissabon, sagte sie, da nehmen wir ein Schiff nach Südwesten, und dann sind wir frei, Liebe, wir sind wirklich frei, kannst du spüren, wie frei wir sind, spürst du’s …
Hans-Dieter Eberhard
(Auszug aus dem gleichnamigen Roman)
by LiSe | 28. Mai 2015 | Blog, Rezension & Buchempfehlungen
Wenn ein Autor mit 88 Jahren seinen Debutroman vorlegt, wäre das allein schon eine Erwähnung wert. Wenn er es tut, um seinen Kameraden aus der Schulzeit, die den Zweiten Weltkrieg nicht überleben durften, ein Denkmal zu setzen, dann schon gleich zweimal.
Viktor Niedermayer ist im niederbayerischen Straubing zur Welt gekommen – 1926. In seinem soeben erschienenen Roman „Finsterland“ beschreibt er seine Kindheit während der Nazi-Herrschaft, also von 1933 bis nach dem Krieg, wo er sich in der amerikanischen Besatzungszone wiederfindet. Er beschreibt, wie in den Schlafzimmern neben den Heiligenbildern plötzlich Hitlerporträts auftauchen, wie Menschen mit jüdischen Namen scheinbar wegziehen, wie er wegen subversivem Unsinn aus der HJ fliegt und zur Pflicht-HJ muss, wo nur Spinner und Querulanten sind und seine Mutter ihn inständig bittet, sich doch wieder einer normalen NS-Organisation anzuschließen, weil sie Repressalien fürchtet. Er beschreibt, wie er – als bergsportbegeisterter Jugendlicher – dann doch eine eigene Hitlerjugend bekommt, die „HJ-Bergfahrtengruppe“, wo er allerdings zu spät begreift, dass seine Gruppe nur der Vorbereitung zum Partisanenkrieg im Alpenraum dient.
Wie gesagt, er beschreibt. Es ist ein knapper, wenig erzählhafter Berichtstil, der den Autor distanziert auf die Zeit blicken lässt. Niedermayer gelingt es, dass seine Texte nicht zu einer Ansammlung von Anekdoten verkommen. Die Genauigkeit der Beschreibungen von Orten, Kameraden, Befehlshabern und Situationen schärfen uns Lesern den Blick auf die NS-Zeit, von der wir dachten, schon alles gelesen zu haben. Bei Viktor Niedermayer ist diese Zeit nochmal neu und vertraut zugleich und dazu sehr irritierend, denn er lässt uns spüren, dass das Hitler-Regime auch Faszinationen bereit gehalten hat.
Michael Berwanger
Viktor Niedermayer
Finsterland
Roman, 206 Seiten gebunden
Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag, München 2015
18,90 Euro
by LiSe | 28. Mai 2015 | Blog, Rezension & Buchempfehlungen
Die Arbeitswelt ist nicht gerade das Lieblingskind der Literatur, schon gar nicht der deutschen, und so ist es schon bemerkenswert, dass die 30jährige Münchner Autorin Lilian Loke sich in ihrem Debutroman „Gold in den Straßen“ direkt auf dieses Thema stürzt. Sie greift sich den Immobilien-Maklerjob heraus, der ohnehin in der Öffentlichkeit nicht den besten Ruf genießt, hat hier offenbar gründlich recherchiert und breitet genüsslich seine Licht- und Schattenseiten vor uns aus. Die schnelle Gewinnchance, das ständige Lauern auf Erfolg, den Wettbewerb unter missgünstigen Kollegen, den Absturz. Die Dialoge zwischen Meyer, der Hauptfigur des Romans und seinen Rivalen sowie seinem Chef bilden den Kern und sind die Stärke dieses Debuts. Dass Meyer aus kleinen Verhältnissen kommt, mit seinem Vater Spannungen hat und neben der Arbeit , die ihn auffrisst, auch noch eine Freundin laufen hat, spielt nur am Rand eine Rolle. Zumal die Frau seiner Wahl über die Herzenswärme einer Tiefkühltruhe verfügt. Meyer findet allenfalls in Gesprächen mit einem blinden Kollegen Verständnis und Empathie, während sich die Beziehung zu seiner Liebsten vor allem zwischen edlem Mobiliar und erlesenen Klamotten abspielt – auch hier wurden die Marken von der Autorin gründlich recherchiert.
Die Botschaft ist eindeutig: Sowohl in der Arbeit als auch in menschlichen Beziehungen sind die Menschen sich selbst fremd, herrschen Gewinnmaximierung, Machtkalkül, Kälte. Weder Humor noch Ironie oder Eros spielen auf den 350 Seiten eine Rolle – es geht ernst zu , und dieser Ernst wird uns in knappen Wiederholungen eingehämmert: „Meyer lacht empört auf…“, „Meyer hält inne“, „Meyer spürt“, „Meyer fragt sich“ – die Monotonie des Stils mag ja der Monotonie des Daseins entsprechen, aber dennoch weiß der Leser dann eben doch nach wenigen Seiten Bescheid und fragt sich, warum er noch weiter lesen sollte. Die Figur des Meyer, um die sich alles dreht, bleibt leblos. Er möchte Karriere machen einerseits, aber doch am liebsten nur mit Immobilien, die ihn überzeugen. Er spürt immerhin, dass es da einen Widerspruch gibt. Die Autorin lässt ihn mehrmals „kotzen“. Seine Hände sind oft „schweißig“. Aber seine Gefühle werden nicht gezeigt –mit Ausnahme der Dinge, die er immer wieder „Scheiße“ findet. Und das macht es für den Leser schwer, sich zu identifizieren, mit Meyer mitzufühlen, Interesse an ihm zu haben. Mag ja sein, die Autorin weist diese Möglichkeit absichtlich zurück – aber warum sollte man dann ihr Buch lesen? Um Fakten über das Desaster der Arbeitswelt und der menschlichen Beziehungen zu erfahren, kann ich Zeitung lesen oder ein Fachbuch. Diesem Debut fehlt leider die Lebendigkeit, es liest sich etwas mühsam.
Wolfram Hirche
Lilian Loke
Gold in den Straßen
Roman, 351 Seiten
Hoffmann und Campe,Hamburg, 2015
22 Euro
by MLB | 30. Apr. 2015 | Blog
Am 18. April 2015 war es endlich wieder so weit. Im Vortragssaal der Münchner Stadtbibliothek im Gasteig fand die Endausscheidung für den 22. Haidhauser Werkstattpreis statt.
Vor dicht gefüllten Sitzreihen präsentierten die Gewinner der vergangenen 12 Vorentscheidungen dem aufmerksamen Publikum ihre Texte. Von diesem gab es viel Lob und kaum kritische Anmerkungen.
Den ersten Platz teilte sich die aus München stammende junge Poesiezauberin Franziska Ruprecht mit Wolfram Hirche. Dieser Autor beliebter ironischer/selbstironischer Texte war vielen im Publikum wohlbekannt, da er bereits 2006 den Werkstattpreis gewonnen hat. Auch diesmal brillierte er mit einer satirischen Erzählung über zwei langjährig befreundete Männer, die im Alter regelmäßig damit drohen, wieder mit dem Schreiben bzw. mit dem Violinspiel zu beginnen. Franziska Ruprecht begeisterte mit schwerelosen Gedichten über die Liebe
Nach der Wahl ergab sich folgende Platzierung:
Platz 1: Franziska Ruprecht mit Gedichten und Wolfram Hirche mit „Sehr alte Freunde“.
Platz 3: Maria Wargin mit Lyrik.
Platz 4: Miriam Nonnenmacher mit „Heimatliebe“.
Platz 5: Dominik Steiner mit „München, 82 km“.
Platz 6: Hans-Karl Fischer mit Mundartgedichten.
Platz 7: Ursula Dimper mit „Wann kommt Niko?“.
Platz 8: Peter Asmodai mit „Leonie“.
Platz 9: Veronica Rummel-Damian mit Gedichten.
by LiSe | 27. Apr. 2015 | Blog, Titelgeschichte
Hell und heiter – Literatur Moths – die Lieblingsbuchhandlung von Thomas Jonigk und Christof Loy
Hell, loftig, großzügig – so präsentiert sich Literatur Moths. Hohe Räume mit Industrie-Charakter laden zur Schatzsuche ein. Während andere Münchner Buchhandlungen mit ihren bis zu Decke reichenden Regalen und eng aneinandergepressten Büchern eher Papier-Höhlen ähneln, gibt Moths den Blick frei: auf bibliophile Bücher und ausgewählte Geschenke in luftigen Regalen aus Schalholz, auf Exponate aktueller Ausstellungen an den Wänden, auf Genuss-Bildbände im Kochbuch-Kabinett oder auf den großen Tisch gleich im Eingangsbereich. Wer es auf diese Plattform geschafft hat, darf sich als Autor oder Verlag glücklich schätzen: Hier präsentiert sich nur er-lesene Literatur. „Was dort ausliegt, ist extrem in-spirierend – eine Oase der Literatur und der Individualität“, schwärmen zwei Stammkunden von Moths, der Schriftsteller Thomas Jonigk und der Opernregisseur Christof Loy. Seit sie 2013 als „verhasste Deutsche“ von Zürich ins Münchner Lehel gezogen sind, schätzen sie die Buchhandlung in der Rumfordstraße 48.
Literatur Moths gibt es schon sehr viel länger: 1994 eröffnete Regina Moths diesen Buchladen – den wohl schönsten in München, der 2009 auf der Frankfurter Buchmesse zur „Buchhandlung des Jahres“ gekürt wurde. Moths, die nach ihrer Lehre in Frankfurt Theater, Film- und Fernsehwissenschaften studiert hat, ist Buchhändlerin und Galeristin zugleich – davon zeugen die Lesungen, zu denen Regina Moths im Schnitt jeden Monat lädt und die Kunstausstellungen, die rund sechs Mal im Jahr stattfinden. Kunst gibt es bei Moths freilich das ganze Jahr über in den beiden Schaufenstern: Die von Regina Moths gestaltete Ladenfront ist immer einen Ausflug in die Rumfordstraße beim Isartorplatz wert. Während andere Läden beim Oktoberfest weißblaue Fähnchen aushängen, gab es beispielsweise bei Moths ein Wurstfenster – zwei Berliner Schneiderinnen präsentierten ihre Stoffwurstwaren.
„Moths ist tatsächlich eine der schönsten, niveauvollsten und im besten Sinne subjektivsten Buchhandlungen, die wir kennen“, sagen Jonigk und Loy. Und die sollten es eigentlich wissen – schließlich kommen sie beruflich in ganz Europa herum: Christof Loy hat gerade zwei Opern in Basel und Genf inszeniert, demnächst stehen unter anderem Regie-Arbeiten in Stockholm („Der Rosenkavalier“) und Wien („Peter Grimes“) an. Besucher der Münchner Staatsoper, an der derzeit Loys Inszenierung der Donizetti-Oper „Roberto Devereux“ mit Edita Gruberova zu sehen ist, dürfen auf eine neue Regie-Arbeit des Regisseurs hoffen: „Sobald Intendant Nikolaus Bachler und ich uns auf ein Stück und einen Termin einigen können“, verrät der 52-jährige. Thomas Jonigk, 1995 von „Theater heute“ zum Nachwuchsdramatiker des Jahres gekürt, ist Allrounder: Der 49-jährige reüssiert als Schriftsteller, Regisseur, Theaterautor und Librettist. In der kommenden Spielzeit hat er unter anderem Auftragswerke an der Deutschen Oper Berlin und dem Theater an der Wien. „Anfänglich war ich reiner Theaterautor, aber mein Interesse geht mittlerweile viel mehr in Richtung Prosa, weil ich da viel autonomer bin.“ Seinen nächsten Roman wird Jonigk natürlich auch bei einer Lesung in der Buchhandlung Moths vorstellen.
Lesungen bei Moths ziehen seit Jahren SchriftstellerInnen, PublizistInnen und LeserInnen an. Zu Gast in der Rumfordstraße waren in jüngster Zeit unter anderem Sibylle Berg, Sibylle Lewitscharoff, Georg Klein, Stevan Paul, Heinrich Steinfest, Hans Pleschinski (er ist bei Moths Stammkunde), Feridun Zaimoglu oder die Balzac-Übersetzerin Melanie Waltz.
Regelmäßiger Gast bei Moths ist der von der ARD-Sendung „Druckfrisch“ bekannte Publizist Denis Scheck, der die Vorzüge unabhängiger Buchhandlungen wie Moths für ein Stadtviertel so preist: „Die Gegend, in der man lebt, verblödet dann weniger“. Regina Moths reagiert – auf Amazon angesprochen – gelassen: „Wir sind auch eine Internetbuchhandlung und waren es schon zehn Jahre vor Amazon.“ Wer die Homepage von Moths einmal angeklickt hat, weiß, dass er nicht nur Bücher innerhalb 24 Stunden bestellen kann, sondern fühlt sich auch gut beraten, optisch umschmeichelt und gut unterhalten. „Diese Heiterkeit ist uns wichtig“, ergänzt Regina Moths.
Heiter und unaufgeregt erzählt sie auch, wie sie ihren Stammkunden Christof Loy erstmals in ihren Räumen kennenlernte. So habe sie Thomas Jonigk, den sie vom Studium in Frankfurt kannte, von ihren diversen Reisen zu europäischen Opernhäusern erzählt, um Inszenierungen von Loy hautnah miterleben zu können. Daraufhin habe Jonigk den Laden verlassen und sei nach fünf Minuten mit Christof Loy wiedergekommen. „Hier ist der Regisseur“, erklärte Jonigk. Die beiden Künstler sind seit 2008 ein Paar. „Eine Heirat zwischen Männern ist noch immer ein politisches beziehungsweise gesellschaftliches Statement“, sagt der Autor. Angesichts der Proteste in Frankreich oder der Rolle von Homosexuellen in Osteuropa offenbart sich laut Jonigk, dass die Gesellschaft in puncto Minderheitenschutz oder individueller Freiheit eher rückschrittlich sei. Der internationale Opernbetrieb setze ganz andere Akzente, meint Loy. Erforderlich sei da die Fähigkeit, sich auf einen gemeinsamen Dialog und auf eine gemeinsame Arbeit einzulassen. „Das basiert auf extrem großem Vertrauen – und das ist vorbildlich in Bezug auf gerade stattfindende gesellschaftliche Prozesse und Veränderungen“.
Ina Kuegler