[LiSe 05/15] Kolumne: Apropos Y

Die Operette spaltet bekanntlich die besten Familien. Der Onkel, ansonsten ein fabelhaft-ernsthafter Mensch, aber musikalisch ausschließlich auf Operette fixiert, von dem weiß man einfach, wes Geistes Kind, um hier mal den schweren Degen des Genetivs zu ziehen. Aber, aber, man darf ihre Hauptdarsteller nicht unterschätzen! Der verstorbene Oberst Muammar al-Gaddafi, Tyrann mit Sonnenbrille und blinkenden Orden, blutbesudelt und im Nebenberuf libyscher Lyriker (wir nähern uns buchstäblich unserem Hauptthema) schien bei manchen Foto-Auftritten so operettenaffin, als wollte er sogleich „Martha, Martha“ machen, und er hütete inmitten seines Landes jenes Y, um das es seit einigen Monaten (eigentlich) jenen beiden Buffogestalten geht, die durch unser TV-Wohnzimmer tänzeln, Yanis V und Alexis T.

Denn nicht um griechische Milliarden geht es. Die sind längst verloren, und Volkswirte warnen sogar vor den Folgen
erzwungener Rückzahlung – es geht um Y, den Exoten, der sich als 25ster von 26 Buchstaben entschädigungslos vom griechischen ins deutsche Alphabet eingeschlichen hat und den Anker bildet so wichtiger Begriffe wie „Lyrik“, „Mythos“ und – ja, warum es verschweigen – „Bayern“. Als Yanis Varoufakis, griechischer Finanzminister, den Deutschen angeblich den Mittelfinger zeigte, war das natürlich ein verunglücktes Y, nichts anderes, und es war als Drohung gemeint: Wir holen unseren griechischen Buchstaben zurück! Eine Katastrophe:  Müthen, Lürik, ja auch Baiern, das seit 1825 durch königlich-philhellenisches Edikt eine griechische Wurzel bekam, wären ohne den Ur-Griechen nicht mehr denkbar. Man müsste dann schon ganz auf diese Begriffe verzichten. Und erst das Y-Chromosom! Als Geschlechtschromosom bewirkt es die „Ausbildung des männlichen Phänotyps“ – na schön, für manche Leserin wäre dieser Verlust noch am leichtesten zu verschmerzen, versteht sich. Eventuell verzichtbar auch die „Generation Y“, wie die Teenager-Generation zwischen 1990 und 2010 genannt wird, denn sie gilt als anspruchsvoll und sorglos in Geldfragen – aber in den Verhandlungen um TTIP würde Y von kulturlosen Ökonomen glatt wegrasiert. Und das, genau das kann der Buffo Yanis nicht wollen! Das Y den urkapitalistischen Amerikanern opfern!

Und so wird am Ende des Tages, da alles Operette, und Operette immer die Ausdehnung und Zuspitzung des Möglichen betreibt, ein Duett stehen und Yanis V. schließlich um die Hand von Angela Myrkel anhalten und sie wird „ya“ sagen und alles bleibt wunderbar Y.
WH.

[LiSe 05/15] Alles neu macht der Mai …

Längst überfällig war die Überarbeitung der Webseite der LiteraturSeiten München und die letzten Wochen haben wir, insbesondere unsere Administratorin Susanne Görtz, intensiv an einem neuen, zeitmäßen Auftritt gearbeitet. Seit 2 Wochen ist nun die neue Webseite online unter www.literaturseiten-muenchen.de, das erste Feedback sehr positiv.

Literaturinteressierte können sich jetzt noch leichter – online und tagesaktuell – über das breite Angebot an literarischen Veranstaltungen in München, wie Lesungen, Diskussionen, Festivals, Exkursionen oder Workshops informieren. Auch die Print-Ausgaben – alle seit 2008 – finden Sie online: in Form von einzelnen Beiträgen zum Nachlesen und als PDF-Dateien zum Download.

Veranstalter, die nur ab und zu Literaturveranstaltungen anbieten, können neuerdings schnell und unkompliziert via Formular ihre Veranstaltungen für die Online-Veröffentlichung einreichen. Sehr aktiven Veranstaltern bringt die Registrierung einige Vorteile. Nach wie vor ist dieser Service für Veranstalter kostenlos.

Für die Print-Ausgabe bleibt alles beim Alten: Veranstalter reichen Ihre Termine per E-Mail ein unter termine@literaturseiten-muenchen.de.

Und, wie gefällt Ihnen die neue Webseite? Wir freuen uns über Ihr Feedback. Schreiben Sie uns unter:  online@literaturseiten-muenchen.de

[LiSe 05/15] Lyrische Kostprobe: Gesummsel

Gesummsel
Aus einem Langgedicht

Zuerst waren es Schnecken, von denen die Rede war,
die fortschritten in einer Art Prozession. Nebenher gingen
Marketenderinnen und reichten Schnaps auf die Wagen.
Hier bellte der Hund rechtschaffend. Der Nachbar besaß einen VW,
den ersten in der Nachbarschaft, und galt deshalb als weise.
Jetzt sind es Wespen.
Alles ging schnell, als alles beladen war.
Aus allen Richtungen strömen die Wespenvölker heran.
Erdwespen, Schlupfwespen, Holzwespen, ohne Takt, im Gebrumm
eines Brummkreisels, mit Speeren und Stachel bewaffnet
wie im Comic. Die Wespen haben zu stürmen begonnen.
Nach den Gesetzen der Thermodynamik strebt alles zur Unordnung.
Das ist die Schlachtordnung, Strömen, Gewimmel.
Die Entropie nimmt zu.
In den oberen Sphären wohnen die Standbilder
in Temperaturen, von denen ich träume.
Was tut wie ein Motor, ist der Flügelschlag.

Markus Hallinger

[LiSe 05/15] Kurzgeschichte: Entscheidungen

Entscheidungen

Immerzu gilt es, Entscheidungen zu treffen. Immer wartet irgendwer auf eine Auftragsbestätigung. Soll man schlafende Hunde streicheln? Fallen drei Schlappen in Folge schon unter die Seuchenverordnung? Und kann man einem Fuß den Marsch blasen? Die Antworten werden nicht leichter. Birnen oder Äpfel, Rundhals oder V-Ausschnitt. Ein Kerl muss eine Meinung haben. Dabei vergisst man leicht, wie schwer auch der Befugte es hat. Überall Kreisverkehre, überall Gestrüpp. Auch die Dienstwege führen zu nichts.

Dabei: An Angeboten mangelt es nicht. Sand am Meer und im Getriebe, Tropfen im Ozean und auf dem heißen Stein, seines Glückes Schmied oder Amboss – es ist wie so häufig eine Frage der Perspektive. Die Wechselkurse tragen ihren Namen zu Recht. Und Vorsicht: sie können jederzeit gegen dich verwendet werden. Vermögensnachteile sind niemals auszuschließen, bedürfen aber der schriftlichen Genehmigung. Das alles ist bekannt und muss nicht weiter kommuniziert werden. Egal wie schnell man läuft, letztlich bleibt man auf seiner Jugend sitzen. Angebot und Nachfrage. Wer fragt schon nach, wenn ihm Hören und Sehen vergangen ist.

Dennoch: lebenslanges Lernen. Die Welt ist ein grünes Klassenzimmer. Auch Affenbrotbäume taugen als Multiplikatoren. In ihrem Schatten ist gut dösen. Dem Vernehmen nach sollen die Sperrbezirke für sitzende Tätigkeiten demnächst ausgeweitet werden. Den Seinen gibt der Schöpfer Zucker, allen anderen gibt er es im Schlaf. Süße Träume sind ein frommer Wunsch. Saurer Schweiß ist ein Aggregatzustand, der zunehmend für überflüssig gehalten wird. So geht die Zeit dahin, und wir sitzen im Staubmantel und sehen den Tagen beim Wegdämmern zu. Die Ewigkeit kann warten. Derweil schreitet die Arbeit am persönlichen Netzwerk unaufhörlich voran. Wer schläft, sündigt nicht. Wer arbeitet, kann trotzdem in den Himmel kommen. Entscheidend ist, den Aufwachmodus rechtzeitig zu aktivieren.
Jürgen Flenker

[LiSe 05/15] Poesie gegen Twitter und Facebook

Poesie gegen Twitter und Facebook
Das Lust auf Lyrik-Projekt der Stiftung Lyrik Kabinett

Sie denken und dichten, reimen und rappen, sinnen und sagen – nein, Richard Wagner lässt nicht grüßen, es sind Schülerinnen und Schüler, die mit der Sprache spielen, Laute zu Klängen formen, mit Wörtern Bilder malen. Kurzum, Lust haben auf Lyrik. Der Stiftung Lyrik Kabinett ist das mit ihrem Modellprojekt gelungen. Etliche Hürden mussten dafür genommen werden: Schulen und Lehrer gewinnen, Dichter für die Arbeit mit Jugendlichen begeistern, und nicht zuletzt Kids zu lyrischen Leistungen beflügeln. Seit 2005 läuft das Projekt, mit bislang achtzehn „Durchläufen“ kann es sich eines stetigen Erfolgs erfreuen. Im Mai ist es wieder so weit. Dann treten die 6a der Wilhelm-Busch-Realschule sowie die 9a des Werner-von-Siemens-Gymnasiums vor ihr Publikum und präsentieren ihre Werke.

„Dabei ist es gar nicht so sehr das Ergebnis, auf das es ankommt“, sagt Dr. Pia-Elisabeth Leuschner, die Organisatorin und Seele des Ganzen. „Es ist der Weg dorthin, das Procedere, das Spiel mit den Möglichkeiten.“ Hartnäckig hat sie an der Idee fest gehalten, dass Sprache zu mehr als für Twitter und Facebook taugt. Dass sich durch das Schreiben von Gedichten der eigene Standpunkt innerhalb der Gesellschaft erschließt. Dass Lyrik zu Leuten gebracht wird, die damit selten in Berührung kommen. In den Anfangsjahren hatte man mit Schulen in und um München gearbeitet, Augsburg etwa, Neufahrn und Landshut, seit 2013 konzentriert sich der Schwerpunkt auf die beiden oben genannten in Neuperlach. Besonders eingesetzt für dieses strukturschwache Viertel hat sich das lokale Bildungsmanagement, neben Kulturreferat und Wissenschaftsministerium ein rühriger Förderer des Projekts. Immerhin sind es heuer vier Durchläufe, zu den zwei Schulen gesellt sich noch der Sammelkurs Q11, der türkisch-deutsche Jugendliche der elften Jahrgangsstufe aus mehreren Münchner Gymnasien vereint. Neu im Angebot ist ein zweitägiges Lyrik-Camp für SchülerInnen zwischen 13 und 16 Jahren auf Burg Schwaneck. In so einem Umfeld, glauben die Veranstalter, lässt es sich besonders intensiv in die Welt der Poesie eintauchen.

Durch die Fokussierung auf die beiden Neuperlacher Schulen muss keine Überzeugungsarbeit mehr geleistet werden, sind im Gegenteil alle sehr aufgeschlossen. Die Direktoren, die Deutschlehrer und die Schüler. Und natürlich die
LyrikerInnen, die neben ihrem Können, ihrem Know how, ihrer Energie vor allem pädagogische Begabung mitbringen müssen. Zum festen Bestand gehören Andrea Heuser, Karin Fellner, Gerald Fiebig, Axel Sanjosé und Pierre Jarawan. In diesem Jahr zum ersten Mal dabei ist Birgit Müller-Wieland, die jedoch aus „einem früheren Leben“ Erfahrungen mit Schreibwerkstätten für Kinder und Jugendliche mitbringt. Die vielseitige Schriftstellerin – sie schreibt Romane,
Gedichte, Hörspiele, Libretti und vieles mehr – äußert sich enthusiastisch über ihre Klasse, die 9a des Werner-von-
Siemens-Gymnasiums. Sie und ihr Partner, der deutsch-katalanische Lyriker Àxel Sanjosé, haben sie sich geteilt. „Das erlaubt uns, mit unterschiedlichen Herangehensweisen zu operieren, er wahrscheinlich eher ruhig, ich emotionaler. Am Anfang steht die Frage, was alles mit Lyrik zu tun hat, welche Bandbreite sie erreichen kann, was für Stimmungen sie erzeugt. Braucht es einen Reim, reicht der Rhythmus, eine Form. Dafür sehr geeignet ist der Haiku, die Beschränkung auf fünf, sieben, fünf Silben. Einfach sagen, nun fangt mal an, geht natürlich nicht. Ich muss Impulse geben, zum Beispiel mit Gegenständen, und es überrascht mich immer wieder, was den Mädchen zu einer Brille etwa oder einer Froschkönig-Figur alles einfällt.“ Es ist eben die Lust auf Lyrik, die sie beflügelt.
Katrina Behrend Lesch

Ausführliche Informationen unter lyrik-kabinett.de –> Lust auf Lyrik. Abschlusstermine: 6. Mai 19 Uhr Kulturhaus Neuperlach, Hanns-Seidel-Platz 1; 20. Mai 19 Uhr PEPPER –Theater im Keller, Thomas-Dehler-Str. 12

[LiSe 05/15] Endlich Eigenes Lesen!

Münchner Literaturbüro – MLB: Ein offener Treffpunkt für alle, die gute Prosa oder Lyrik schreiben und ihre eigenen Texte gerne malöffentlich vortragen wollen.

Jeden Freitag von 19:30 bis 22 Uhr lesen in Haidhausen, Milchstrasse 4, direkt hinterm Gasteig Autorinnen und Autoren und bekommen im Gespräch mit dem Publikum direkte Resonanz. Wer lesen möchte, trägt sich vorher im Lesekalender ein.

Haidhauser Werkstattpreis: Am ersten Freitag im Monat kann jeder Autor einen eigenen 10-minütigen Text lesen, keine Anmeldung erforderlich. Das Publikum wählt den besten Beitrag; er nimmt am Finale im Gasteig teil, das einmal im Jahr stattfindet. Der Sieger wird mit Wein und Preisgeld belohnt!

[LiSe 05/15] Rezension: Zeitgeschichte im Holzschnitt

Deutsche Geschichte von 1944 bis 1970, in 187 Kapiteln, auf 655 Seiten – das bietet „Königreich der Dämmerung“, der neue Roman von Steven Uhly. Der Münchner Schriftsteller mit deutsch-bengalischen Wurzeln wurde 2011 für sein Werk „Adams Fuge“ mit dem Tukan-Preis der Landshauptstadt ausgezeichnet. Uhlys Bestseller „Glückskind“ war gerade erst in der ARD in einer Verfilmung von Michael Verhoeven zu sehen.

Steven Uhly, 1964 in Köln geboren, will mit „Königreich der Dämmerung“ Zeitgeschichte aufblättern: die letzten Kriegsmonate 1944/45 in dem von den Nazis so genannten Warthegau (Polen), die Flucht der Deutschen vor der Roten Armee, das Herumirren der den Holocaust überlebenden Juden, deren Strandung in den Lagern für „Displaced Persons“ (DP) in Deutschland, die Auswanderung nach Palästina bzw. nach Israel. Für diese Zeitgeschichte hat sich Uhly drei Haupt-Handlungsstränge ausgedacht. So schildert er den Weg von SS-Obersturmbannführer Josef Ranzner, der ein polnisches Städtchen „judenfrei“ macht und später beim BND unterschlüpfen kann. Uhlys zweite Protagonistin ist die Jüdin Anna, die Zwangs-Arbeiterin und Zwangs-Geliebte von Ranzner, die später einen jüdischen Flüchtlingsaktivisten heiratet. Und es gibt die Familie Kramer, eine von Rumänien nach Polen umgesiedelte volksdeutsche Bauernfamilie, die eine schwangere Jüdin versteckt, deren Tochter die Flucht überlebt und nach Israel auswandert. Alle drei Handlungsstränge werden miteinander verwoben, werden aufgefächert auf Dutzende von Nebenkriegsschauplätzen mit noch mehr Nebenrollen – 187 Kapitel (bis hinein ins Rotlichtmilieu) wollen gefüllt sein.

Dabei ist es Uhly hoch anzurechnen, dass er etwa mit seiner Schilderung von DP-Lagern in der deutschen (nicht-wissenschaftlichen) Literatur Neuland betritt. Nur schwer nachvollziehbar ist bei dem Münchner Autor freilich dessen Unbekümmertheit: Schon sein Protagonisten-Tableau ist holzschnittartig, ja erinnert an eine klamottige US-Fernsehserie mit unendlich vielen verschachtelten Metaebenen. Damit nicht genug: Uhlys Sprache ist schlicht, ja anspruchslos – da wird durch den Schnee gestapft, durch zerstörte Städte gestolpert, werden Taschentücher aus der Schürze gezogen und Tränen weggewischt. Ein plakativer Stil, der sich bei empfindlichen Themen – und die gibt es in den unseligen Jahren 1944/45 zu Hauf – bislang verboten hat.
Ina Kuegler

Steven Uhly
Königreich der Dämmerung
Roman, Secession Verlag für Literatur
Zürich, 2014, 655 Seiten
29.95 Seiten

[LiSe 05/15] Rezension: Sätze Gottes

Wolken sind vergänglich. Eben noch „weiß und ungeheuer oben“, im nächsten Moment „nimmer da“, wie Brecht in seiner „Erinnerung an die Marie A.“ dichtet. Kann man bei einer solch ephemeren Verfassung von einer Anatomie sprechen? Schon im Titel steckt der Teufel, der dem recht glücklosen Zusammentreffen der beiden Hauptfiguren in Lea Singers neuem Roman innewohnt. Johann Wolfgang von Goethe und Caspar David Friedrich teilen sich zwar das Interesse an Wolken, doch ihre Herangehensweise ist grundverschieden. Dem einen ist nur Dichter sein zu wenig, er möchte als Wissenschaftler reüssieren und mit der Erforschung der Wolken Ordnung in ihre Flüchtigkeit bringen. Sie wie ein Anatom auf dem Seziertisch zerlegen und in ein System festbannen. Zum blanken Entsetzen des anderen, für den Wolken die Sätze Gottes sind, mit denen dieser die Menschen anredet. Träume, die man nicht in Ketten legen kann. Friedrichs Wolkenbilder packen den Betrachter in seinem Inneren, Goethe erforscht Wolken als Wetterzeichen.

Lea Singers Spurensuche nach diesen zwei so entgegengesetzten Künstlernaturen ist amüsant, hintersinnig, traurig. Hier der Meister der Sprache, dort der Maler, dem vor seinen Bildern die Sprache fehlt. Hier der berühmteste Schriftsteller des Kontinents, leider mit einem höchst mittelmäßigen Kunstgeschmack ausgestattet, dort der Habenichts ohne Manieren, der die „Leere“ in seine Gemälde bannt. Bei deren Betrachtung es ist, „als ob einem die Augenlider weggeschnitten wären“ (Zitat aus „Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft“ von Clemens Brentano). Für Goethe „uferlose Bilder, uferloses Geschwätz“. Singer mischt virtuos Dichtung und Wahrheit, schiebt ihren beiden Protagonisten vor minutiös recherchiertem Tatsachenhintergrund fiktive Gedanken und Gefühle unter, holt sie aus ihrer geschichtlichen Ferne und ist durch die in direkter Rede geschriebenen Dialoge als Erzählerin dicht dran. Bei Friedrich glückt ihr die Aufhebung der historischen Distanz, zu diesem Menschen tritt man wie zu seinen Bildern in eine innere Beziehung, man empfindet mit ihm, seinem grobschlächtigen Wesen, hinter dem sich eine große Tiefe auftut. Goethe hingegen stößt sie von seinem Sockel des Dichterfürsten hinunter, gibt ihn dem allzu Menschlichen preis. Stellt ihn dar als einen, der mit seinem Alter, seinem Ruhm, seinen Eitel- und Fehlbarkeiten hadert. Der an den Gitterstäben seines Erfolges rüttelt, an den Erwartungshaltungen seiner Bewunderer und vor allem Bewunderinnen verzweifelt. Der revolutionär sein möchte, aber die bekämpft, die es wirklich sind. Ach Goethe …
Katrina Behrend Lesch

Lea Singer:
Anatomie der Wolken
Roman, 256 Seiten
Hoffmann und Campe, Hamburg, 2015
20 Euro