by LiSe | 1. Feb. 2015 | Blog, Lyrische Kostprobe
Möchtest du ein Stückchen mitkommen? Du brauchst
auch keine Angst zu haben, ich bin in der Phase der
Verlässlichkeit. Vorübergehend.
Es ist wie Eis im Winter. Dann grünt auch schon
alles vor berstender Ungewissheit – die Stimme
des Lebens. Nirgendwo offenbart es sich mehr, als
im selbstlosen Gras.
Geh nicht. Du hast nichts zu befürchten. Er blies
ein Blatt vor sich. Ich möchte nur ein bisschen
reden, solange der Regen an die Dächer trommelt.
Verstehe mich nicht falsch, ich werde dich nicht
verschonen, ich möchte dir nur einen Rat
geben. Weil für dich das Beste ist, was für mich
das Beste ist. Auch wenn du für uns beide bezahlst.
Ich weiß, ich müsste jetzt sagen, das alles wäre
meine Schuld. Das sind so die obligaten Worte. Aber das
alles ist mehr zufällig und mehr abstrakt. Das Böse
ist so. Und das Gute.
Ivor Joseph Dvorecki
by LiSe | 1. Feb. 2015 | Blog, Rezension & Buchempfehlungen
Arwed Vogel packt sein Thema, das Planen, Schreiben und Veröffentlichen eines Romans, wuchtig an, indem er sein Buch einfach und direkt „Der Roman“ nennt und erst im Untertitel verrät, was er damit verfolgt.
So geht seine Anleitung, allen prospektiven Romanschreibern das nötige Rüstzeug an die Hand zu geben, weit darüber hinaus. Der umtriebige Dozent für Kreatives Schreiben ist selbst Romanautor (Die Haut der Steine) und weiß, wovon er spricht. Die eigene Erfahrung hat ihn gelehrt, zu verstehen und uns Leser verstehen zu lassen, warum der Roman zur beliebtesten Literaturgattung gehört. In einem Roman, schreibt er, bringe man mehr als nur Worte aufs Papier. Es sei Ausdruck unserer Welt, und gleichzeitig unserer Vorstellungskraft. Alles, was im eigenen Leben nicht gelebt werden kann, Wünsche, Träume, ungenutzte Möglichkeiten, können wir auf die Probebühne unseres Romans stellen und zusehen, was dort passiert. Und so nimmt uns Vogel, indem er von den ersten Ideen, dem vagen Plan, der Figurenkonstellation, über die Gliederung, Erzählsituation und -weise, dem Schreibfluss bzw. der Schreibkrise, die sprachliche Gestaltung, den Spannungsaufbau bis zur Veröffentlichung den Werdegang eines Romans beschreibt, sacht an die Hand und führt uns unmerklich durch einen Diskurs über die Kriterien und Merkmale, die einen guten Roman ausmachen. Das macht das Buch über den Lehrcharakter hinaus zu einer ermunternden und bereichernden Lektüre.
Katrina Behrend Lesch
Arwed Vogel
Der Roman
Planen – Schreiben – Veröffentlichen
Sachbuch, 176 Seiten
Allitera Verlag, München 2014
16,90 Euro
by LiSe | 1. Feb. 2015 | Blog, Kolumne
Schneeziegen, korrekt oreanus americanus, leiden, und das stimmt nachdenklich, seit fünf Jahren unter einem Geburtenrückgang von 75 Prozent.
Kanadische Forscher, die den Ziegen seit vielen Jahren in aufreibenden Feldstudien nachsteigen, schwanken, ob dies am räuberischen Puma liegt oder an anderen Stressfaktoren. Die Weibchen, und das soll jetzt kein Vorwurf sein, gebären eben auch erst sehr spät, nämlich mit fünf Jahren und dann auch nur jeweils ein einziges Zicklein!
„Ein weites Feld“ hätte Theodor Fontane dazu vermutlich bemerkt. Der Autor (1819–1898), der sich in einem gut erhaltenen Brief an seine Frau als „Sonntagsschriftsteller“ bezeichnete, bei dem es „nur dröppelt“ und keineswegs „strömt“, hätte derlei Forschungsergebnis im Berlin der 1860er Jahre, wenn es denn zu ihm vorgedrungen wäre, sicher mit Bedauern kommentiert.
Das Faktum, dass sich eine Forschergruppe jahrelang in den Bergen herumtreibt, um aus dem Kot der weiblichen Ziegen prüfend und wertend Stresshormone zu gewinnen und Rückschlüsse auf deren Gebährlust zu ziehen, ist bemerkenswert, zeigt es doch wieder einmal den engen Zusammenhang von Interesse und Erkenntnis. Auch weisen die Forscher es als „Mythos“ zurück, wonach Adler mit ihren Schwingen die kleinen Kitze von den Klippen in die tödliche Tiefe stürzen. Möglicherweise entdecken wir hier sogar gerade eine wunderbare „Wandersage“ ähnlich der, die den Yeti umkreist oder die Spinne in der Yuccapalme. Wenn es diese Erzählungen und den schönen Begriff dazu in Zeiten des Dichters nur schon gegeben hätte! Doch das überlassen wir jetzt mal bis auf weiteres der Sprachforschung.
Manches, wenn schon nicht alles ist eben eine Frage des Angebots. Bedeutende deutsche Dichter aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben wir nicht allzu viele, weshalb die Forschung ihren Blick konzentriert auf das Vorhandene lenkt. Und da haben wir eben den Text-Auswurf des durchaus schreibfreudigen Dichters T. Fontane – von wegen „dröppelt“: Mehr als 10.000 seiner Original-Handschriften und 12.000 Blatt Kopien verschollener Original-Texte will das Potsdamer Fontane-Archiv nach jüngsten Meldungen für das Internet „aufbereiten“ und ins Netz stellen. Die Fontane-Forschung wird befruchtet und beflügelt werden! Man kann sich vorstellen, wie der künftige, junge Fontane-Forscher sich behände und gämsengleich zwischen den Texten bewegt, ihnen – pardon – Proben entnimmt, diese prüft und bewertet.
Wer die Schneeziege in den eisigen Höhen der Rocky Mountains erforschen will, so heißt es, muss eben schwindelfrei sein. Nicht nur der und nicht nur das.
WH.
by LiSe | 1. Feb. 2015 | Blog, Titelgeschichte
Und mein Hund Moe bekommt immer Kekse
Der Schriftsteller Christoph Poschenrieder und seine Lieblingsbuchhandlung „Buch & Bohne“
„Inzwischen ist Amazon gigantisch mächtig und unheimlich geworden.“ Und: „Bücher sind für Amazon wie Plastikeimer oder Waschlappen.“ So sieht es der Schriftsteller Christoph Poschenrieder, und so sehen es auch viele MünchnerInnen: Sie trotzen dem Online-Riesen und bestellen und kaufen ihre Bücher in der Buchhandlung gleich um die Ecke. Wir von den „LiteraturSeiten München“ (LS) wollen in den nächsten Monaten Buchläden und deren prominente KundInnen vorstellen – nach dem Motto: „Meine Lieblingsbuchhandlung“.
Vier Räume hat die Buchhandlung „Buch & Bohne“ und ist damit eine
Große unter den kleinen Buchläden Münchens. Sie liegt zwischen Goethe- und Kapuzinerplatz in der Häberlstraße; Mariann Geier eröffnete sie im Oktober 2010. „Zu Buch & Bohne gehe ich seit vier Jahren“, sagt der Münchner Schriftsteller Christoph Poschenrieder. „Eine Buchhandlung hat in meinem Viertel – südliche Isarvorstadt – gefehlt. Tja, es gibt Bücher, guten Espresso, gute Unterhaltung und Beratung, und mein Hund Moe hat immer die Kekse von Random House bekommen. Was will man mehr.“
Mit „Buch & Bohne“ hat sich Mariann Geier, die vor 30 Jahren von Ungarn nach München gekommen ist, einen Jugendtraum erfüllt. „Ich wollte in München die alte Kaffeehauskultur von Budapest wieder aufleben lassen.“ Die Buchhändlerin Geier erinnert sich voll Schwärmerei an ihre Heimat: alte Kronleuchter, an den hohen Wänden Zeichnungen und Bücher, „und zu jedem Kaffee gab es einen kleinen Schnaps.“ Schnaps gibt es in der Häberlstraße nicht, dafür selbstgemachten Kuchen und Kaffee in allen Variationen. Zwischen Belletristik und Sachbüchern stehen ein Biedermeiersofa mit drei alten Stühlen sowie zwei weitere Tischchen, an denen die Kunden Espresso oder Cappuccino trinken, plaudern, diskutieren, lesen.
Christoph Poschenrieder kommt fast täglich zu „Buch & Bohne“. „Ich wüsste nicht, warum ich mir ein Buch bei Amazon holen sollte, wenn ich es mit einer e-mail und einem Spaziergang von einer Viertelstunde bei meiner Buchhandlung bekomme.“ Poschenrieder ist nicht nur Stammkunde bei „Buch & Bohne“, er hat dort auch schon seine Werke vorgestellt. Lesungen gehören zum festen Programm von Mariann Geier, so waren beispielsweise Tilmann Spengler, Frank Günther, Kai Hensel, Sebastian Glubrecht, Tillmann Rammstedt, Lukas Hartmann oder Christine Kaufmann in der Häberlstraße zu Gast.
Neben Lesungen veranstaltet „Buch & Bohne“ auch Blueskonzerte oder Kasperltheater für Kinder, die bei Mariann Geier ein wahres Eldorado vorfinden: So gibt es einen eigenen Raum für die Kleinen, der zweigeteilt ist. In einem Bereich dürfen Kinder malen, auf der Schreibmaschine tippen oder mit großen Steifftieren spielen, im anderen Bereich können die jungen Kunden in den Büchern stöbern – aber nur, wenn Mama oder Papa aufpassen. Für Kinder hat die Buchhändlerin auch gleich noch einen besonderen Tipp: So empfiehlt sie das Bilderbuch „Der Bär, der nicht da war“ von Oren Lavie in der Übersetzung von Harry Rowohlt und mit Illustrationen von Wolf Erlbruch – für Kinder ab vier Jahren und natürlich auch für (wie jedes gute Kinderbuch) Erwachsene. Denen rät Mariann Geier unter anderem zur Lektüre von „Die Gierigen“ von Karin Tuil, „Die Interessanten“ von Meg Wollitzer, „Das achte Leben“ von Nino Haratischwili oder von „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler.
Ja, und sie empfiehlt natürlich auch Christoph Poschenrieders „Das Sandkorn“. Das Werk, im Vorjahr im Diogenes-Verlag erschienen, war bislang der größte Erfolg des Schriftstellers: Es stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Zwei Jahre arbeitete der 1964 in Boston geborene Autor an diesem historischen Roman. „Zwecks Recherche und Inspiration war ich in Italien und in Berlin. Für Berlin allerdings waren alte Stadtpläne und Fotos hilfreicher, da sich die Stadt so sehr verändert hat seit 1914.“ Derzeit schreibt der Autor an einem neuen Roman, zu Titel und Thema will er noch nichts ausplaudern. Aber er verrät dann doch: „Nichts Historisches, eine Art Komödie. Schwarzer Humor.“
Buchhandlungen, so versichert Poschenrieder, gehörten einfach zur Kulturinfrastruktur einer Stadt. Und der „Buch & Bohne“-Kunde Reinhard Ammer, der derzeit seine rabenschwarzen Gschichtn mit dem Titel „Herzzreissn“ präsentiert, ergänzt: „Es gibt doch in München nun wirklich genug Nadelstudios und Telefon-Läden.“ Zudem arbeite eine Buchhandlung ökologisch: So nimmt der Buchladen die gesammelten Bestellungen seiner Kunden tagsüber entgegen und habe die Bücher am nächsten Morgen parat. „Da muss nicht jedes Buch einzeln in jeden Haushalt geliefert werden.“ Wir leben doch nicht, ergänzt
Poschenrieder, auf einem Einödhof in der nördlichen Oberpfalz! Nein, wir leben mitten in München.
Ina Kuegler
by LiSe | 1. Jan. 2015 | Blog, Vermischtes
2015 schreibt das Kulturreferat München wieder sechs mit je 6.000 Euro dotierte Literaturstipendien der Stadt München für vielversprechende Projekte von Münchner (Nachwuchs-)Autoren/innen (auch Kinder-/Jugendbuch) sowie für besonders anspruchsvolle Übersetzungsprojekte aus. Bewerbungen werden ab Januar entgegen genommen. Einsendeschluss ist der 26. März. Außerdem gibt es ab 2015 neu jährlich zwei mit je 6.000 Euro dotierte Arbeitsstipendien für neue Projekte von Münchner Autorinnen und Autoren, die sich literarisch bereits ausgewiesen haben (d.h. mindestens zwei literarische Werke veröffentlicht haben). Auch dafür nimmt das Kulturreferat die Bewerbungen entgegen, Einsendeschluss ist der 12. März 2015.
Nähere Infos unter www.muenchen.de/literatur.
by LiSe | 1. Jan. 2015 | Blog, Vermischtes
Junge Münchner AutorInnen stellen sich am 24. Januar vor/
Sieben Stunden wird gelesen, rezitiert und geslamt.
Bühne frei für den „Großen Tag der jungen Münchner Literatur“. Es ist eine Premiere, für München und für die drei Organisatoren Tristan Marquardt, Nora Zapf und Daniel Bayerstorfer: Die junge Münchner Literatur- und Lyrikszene will sich erstmals konzentriert und in ihrer ganzen Vielfalt der Öffentlichkeit präsentieren – und gemeinsam Party machen. Im Einstein-Kultur wird am 24. Januar sieben Stunden lang gelesen, geslamt, rezitiert und deklamiert.
Auf den „Großen Tag der jungen Münchner Literatur“ haben in München viele gewartet. Literaturhaus, Lyrik Kabinett und das Kulturreferat der Stadt unterstützen das Projekt, das zwar ein Novum in der blühenden Münchner Literaturszene ist, aber auf vielfältige Aktivitäten – Lesereihen, Werkstätten, Kollektive, Zeitschriftenprojekte und Kellerlesungen – aufbauen kann. Das Verdienst von Tristan Marquardt, Nora Zapf und Daniel Bayerstorfer ist es, den vielen Stimmen gerade der jungen, noch nicht arrivierten Literaten eine Heimat zu geben: für den gemeinsamen Auftritt, aber auch für den Einstieg in eine vernetzte Zukunft.
Alle drei haben Erfahrungen in der Organisation und Gestaltung von literarischen Projekten. Am bekanntesten dürfte die Lesereihe „meine drei lyrischen ichs“ sein, die Tristan Marquardt 2012 in München begründete. Alle drei werden am 24. Januar selber lesen und moderieren. Das Ziel des Organisations-Trios ist es, junge Dichter und Schriftsteller in München aus ihrer Isolation zu befreien. „Du bist nicht Dostojewski, aber schreibe!“, unter dieser Überschrift arbeiten bereits einige Initiativen, die nicht die Konfrontation zur etablierten Literaturszene suchen, sondern sich als notwendige Ergänzung verstehen. Der „Große Tag“ ist geplant als niederschwelliges soziales Ereignis, nicht die Konkurrenz soll im Vordergrund stehen, sondern der Austausch, der Aufbruch, die gegenseitige Versicherung vor der Eroberung der Feuilletons.
Der Zulauf zum Projekt war riesig, die Organisatoren haben erfahrene Einrichtungen und Moderatoren ins Boot geholt und die 50 Autorinnen und Autoren, die lesen werden, in Gruppen aufgeteilt, die jeweils von etablierten Vertretern wie Pia-Elisabeth Leuschner vom Lyrik Kabinett, Katrin Lange vom Literaturhaus, oder Ko Bylanzky aus der Spoken-Word-Szene vorgestellt werden. Frauen und Männer teilen sich die Bühnen, sowohl bei den Literaten wie bei den Moderatoren. Gelesen wird parallel in zwei Hallen. Das detaillierte Programm ist unter grossertagderjungenmuenchnerliteratur.com einzusehen.
Alle, die lesen, haben sich bereits in der Vergangenheit der Öffentlichkeit gestellt. Namentlich genannt seien hier Lena Gorelik, die mit „Die Listensammlerin“ große Anerkennung erfahren hat (18 Uhr), Katharina Adler, die an einem Roman über ihre Großmutter arbeitet, die ihrerseits als „Fall Dora“ in die Literatur über Freud einging (19 Uhr), Fabian Bross, der Herausgeber und Mitbegründer der online-Zeitschrift „Parsimonie“ ist (19 Uhr), Markus Ostermair, der in seinem Roman „Der Sandler“ dargelegt hat, was Obdachlosigkeit ist und macht (21 Uhr), und Ayna Steigerwald, die als Dramaturgin „Geschlossene Gesellschaft“ von Sartre im Keller der kleinen Künste betreut hat (23 Uhr). Mit Installationen von Jonas von Ostrowski und Johannes Tassilo Walter sowie Werken von Catalina Schenk werden die Lokalitäten gestaltet.
Ursula Sautmann
Großer Tag der jungen Münchner
Literatur, 24. Januar 2015 im Einstein-Kultur, Einsteinstraße 42.
Einlass 17 Uhr, Eröffnung 17:30 Uhr, Eintritt 10/7 €.
by LiSe | 1. Dez. 2014 | Blog, Rezension & Buchempfehlungen
Dreimal Tatort Erster Weltkrieg
Unter den WK-I-Darstellungen besticht „Die Büchse der Pandora“ des Freiburger Historikers Jörn Leonhard. Das Werk enthält neben den Detail-Infos auch Analysen, die überzeugen. Der Zynismus, mit dem deutsche Politiker in den entscheidenden Wochen 1914 das fürchterlichste Menschensterben riskiert haben. Die moralischen aber auch intellektuellen Defizite einer Führung, die Millionen junger Männer in immer neue Schlachten „warf“, ohne ausreichenden Nachschub, Kleidung, Nahrung. Aber auch die (verschenkten) Potentiale der möglichen Kriegsgegner, der Sozialisten, der Gewerkschaften in Europa. Hier ist Leonhard wohl den Darstellungen Münklers („Der Große Krieg“) und Clarks („Die Schlafwandler“) überlegen. Knapp und mit Originaldokumenten gespickt informiert Krumeich („Juli 1914. Eine Bilanz“). Derselbe für ganz eilige Leser: „Der Erste Weltkrieg. Die 101 wichtigsten Fragen“. wh.
Jörn Leonhard: Die Büchse der Pandora
1157 Seiten
C.H.Beck-Verlag München 2014
38 Euro
Im Dienste des Glücks
Thomas, der Erzähler in „Die schöne Menschenliebe“ von Lyonel Trouillot, fährt Touristen mit dem Taxi durch sein Land, Haiti. Hier hat er eine ganz besondere Kundin. Ganz beiläufig erzählt er ihr die Geschichte von einem Oberst und einem Geschäftsmann, Stellvertreter gewissenloser Oligarchien, die für ihre Grausamkeiten bezahlen müssen. Doch nicht das Elend, nicht Hungerkatastrophen und Erdbeben stehen in diesem Buch (übersetzt von Barbara Heber-Schärer und Claudia Steinitz) über den Inselstaat in den Großen Antillen im Mittelpunkt, sondern ein Straßenphilosoph, der an einem Kodex neuer Gesetze im Dienste des Glücks arbeitet, und Dorfbewohner, die auf ihre Weise für Gerechtigkeit sorgen. Lyonel Trouillot, Lyriker, Essayist, Liedtexter und Romancier, wurde mit „La belle amour humaine“ im Jahr 2011 für den Prix Goncourt nominiert und setzt sich für die Demokratie in seinem Land ein.
us
Lyonel Trouillot: Die schöne Menschenliebe
Roman, 192 Seiten
Verlagsbuchhandlung Liebeskind, München 2014, 16,90 Euro.
Künstlerroman und Liebesgeschichte
Russland 1917. Der sechzehnjährige Kolja verliebt sich in die drei Jahre ältere Claire, doch als die inzwischen Verheiratete ihn eines Abends zu sich einlädt, vermag er ihr nicht zu folgen. Dem verträumten Jungen ist das Phantasiebild, das er sich von seiner Angebeteten macht, so viel wirklicher als die reale Person. Er wird seine Ablehnung bereuen, aber es bringt ihn dazu, mehr über die Welt und den Menschen zu erfahren. Als Freiwilliger kämpft er auf Seiten der Weißrussen, im Krieg sucht er den Geheimnissen der menschlichen Psyche auf den Grund zu gehen. In einem stetigen Erinnerungsstrom werden die Familie, der Freundeskreis, die erste Liebe, die Kriegserlebnisse umspült und dabei der Weg des Helden in die Kunst aufgetan. Ein Entwicklungs- und Künstlerroman (übersetzt von Rosemarie Tietze), eine bittersüße Liebesgeschichte, ein Lesevergnügen auf allerhöchstem Niveau.
kbl
Gaito Gasdanow: Ein Abend bei Claire
Roman, 192 Seiten
Carl Hanser Verlag München 2014
17,90 Euro
Ein Buch, das glücklich macht
Geschichte(n) diesseits und jenseits des Atlantiks – das bietet der wunderbare Roman „Transatlantik“ des Schriftstellers Colum McCann. Es sind lose miteinander verbundene fiktive Frauen- und reale Männerschicksale aus der irischen und US-Geschichte. Das Buch beginnt mit dem ersten Nonstopflug über den Atlantik von 1919, begleitet den Abolitionisten Douglass durch das von Hungersnöten gebeutelte Irland des Jahres 1845, schildert die Überfahrt des Dienstmädchens Lily in die Vereinigten Staaten, begleitet Tochter und Großtochter von Lily durch die amerikanische und irische Geschichte und endet in den Wirren des Nordirlandkonflikts und der Bankenkrise. Die Handlungsstränge verknüpft der in New York lebende Ire McCann lose und nonchalant, umso bezwingender und eindringlicher sind die einzelnen Episoden, in denen der Autor seine Protagonisten handeln und empfinden lässt. Ein Roman, der glücklich macht!
ink
Colum McCann: Transatlantik
Roman, 384 Seiten
Rowohlt Verlag Reinbek 2014
22,95 Euro
by LiSe | 1. Dez. 2014 | Blog, Rezension & Buchempfehlungen
Nina Jäckle erhält für ihren Roman „Der lange Atem“ den Tukan-Preis
Zum vierten Mal jährt sich in drei Monaten Fukushima – das Erdbeben, der Tsunami und der atomare Gau vom März 2011. Das sich jederzeit wiederholbare Unglück mit apokalyptischen Ausmaßen hat die Münchner Schriftstellerin Nina Jäckle dazu inspiriert, sich dem Überleben nach der Katastrophe zu widmen. Für den Roman „Der lange Atem“ erhält die Autorin
am 11. Dezember den Tukan-Preis, mit dem die Stadt München alljährlich eine sprachlich, formal und inhaltlich herausragende literarische Neuerscheinung auszeichnet.
„Das Meer atmete aus, ins Land hinein atmete es aus, und dann atmete es tief wieder ein.“ Mit diesen Zeilen beginnt der 170 umfassende Roman von Nina Jäckle – und damit endet er auch. Das Meer hat einen langen Atem, es zerstört, es lässt eine „Kante zurück. Eine Kante, die nun auf ewig markiert, wo das Glück sich aufhielt und wo das Glück nicht war.“ Glück gehabt haben der Ich-Erzähler und seine Frau, die am Tag der Katastrophe, die ihr Heim und all ihre Habe wegriss, in der Stadt waren. Das Ehepaar kehrt an die Unglücksstelle zurück, lebt in einem neu erbauten Haus. Der Erzähler, früher Phantombildzeichner, der Bilder von Verbrechern erstellt hat, rekonstruiert nun Gesichter von gefundenen Opfern. „Ich zeichne die Gesichter ohne ihre entsetzlichen Verletzungen, um den Hinterbliebenen die Identifizierung ihrer Angehörigen zu erleichtern. So ist es ihnen zumutbar“.
Zwei Zeichnungen schafft der namenlose Erzähler am Tag und hilft damit den Hinterbliebenen – dabei geht er seiner Arbeit so gewissenhaft nach, dass er nur nach langem Drängen einer jungen Frau ein Bild von deren Bruder zeichnet: So soll die Mutter der jungen Frau und des verunglückten Bruders endlich Abschied nehmen und ruhig sterben können. Die Ehefrau des Erzählers verzweifelt an all dem Elend, an der Sprachlosigkeit und wird den Ehemann schließlich verlassen. Diese beiden Handlungsstränge durchziehen den Roman, der in immer wiederkehrenden Schleifen die bedrückende Atmosphäre der universellen Katastrophe andeutet: „Es gab Freiwillige, die in den Trümmern nach Fliesen gesucht haben, Fliesen, die von den Häusern übrig geblieben sind. … Erinnerungsfliesen, die statt der Toten in die Gräber gelegt werden“.
Nicht einzelne Schicksale stehen im Mittelpunkt des Romans, sondern die bedrückende Atmosphäre, die Nina Jäckle allerdings nur skizziert. Ähnlich wie ihr Protagonist scheint die Autorin einen Bleistift zu benutzen, beim Lesen hört man „das unentwegte Kratzen der Bleistiftspitze auf dem Papier“. Und man hört den Atem des Meeres, das Auf- und Abfluten von Wortpassagen. So hebt denn auch die Jury zum Tukan-Preis hervor: „Ähnlich der Wellenbewegung des Meers gleitet auch der Text in kurzen Abschnitten vor und zurück. Nina Jäckle hat ein subtil komponiertes, berührendes Buch geschrieben, dem man viele Leser wünscht“.
Ina Kuegler
P.S.: Die öffentliche Preisverleihung durch Bürgermeisterin Christine Strobl findet am Donnerstag, 11. Dezember, 19:00 Uhr im Literaturhaus statt. Hans-Dieter Beck, Leiter des Tukan-Kreises, spricht Grußworte. Die Laudatio hält die Literaturkritikerin und Autorin Beatrix Langner. Axel Wolf (Laute) spielt J.S. Bach.
Nina Jäckle: Der lange Atem
Roman, 170 Seiten
Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2014, 19 Euro