[LiSe 12/14] Kurzgeschichte: Starter-Kit

Es ist kalt, artig stehen wir in der Schlange. Die Banken sollen nicht genug davon bekommen haben, heißt es, wir wollen nicht doof dastehen nächste Woche wenn es losgeht, die Münzen umdrehen müssen, das wollen wir nicht. Sie kommen uns entgegen, Leute mit kleinen Plastiktütchen, dem sogenannten Starter-Kit. Gleich werden wir sie in Händen halten, die neuen Münzen, den Euro.

Es gab eine Zeit – man muß etwas weiter zurückdenken – Wien hatte damals das größte Straßenbahnnetz der Welt, die Straßenbahnen hatten hölzerne Trittbretter und messingfarbene Griff-stangen und man konnte während der Fahrt auf- und abspringen, was aber streng verboten war. Die Schaffner trugen Schirm-Mützen und über der Schulter lederne Taschen an breiten ledernen Riemen. Mit einer Zange knipsten sie Löcher in die Fahrscheine, die aus billigem, dünnem, buntem Papier bestanden. Es war ein kompliziertes System. Ich habe es nie durchschaut. Die Fahrt kostete drei Schilling. Wir waren über vierzehn. Wir mußten voll bezahlen. Drei Schilling waren eine Menge Geld. Dann wurde von der Nationalbank eine neue Münze eingeführt und die Straßenbahn wurde vorübergehend sehr viel billiger. Vorübergehend, bis die Schaffner wußten, worauf sie zu achten hatten.

Die Fünf-Schilling-Münze, die aus Silber bestand, hatte im Lauf der Zeit durch die Inflation jenen Punkt erreicht, an dem ihr Materialwert die Fünf-Schilling-Marke zu überschreiten begann. Die Leute wollten den Fünfer nicht mehr ausgeben. Er war zu einer Geldanlage geworden. Und so wurde – wir kennen das aus anderen Ländern – ein neuer Fünfer eingeführt, kleiner, billiger, kein Silber mehr, nur noch Nickel. Er würde für viele Jahrzehnte, ja, wie sich herausstellte, bis zur endgültigen Abschaffung des Alpendollars, der Inflation paroli bieten. Der neue Fünfer war so klein geraten, daß er sich darin dem einzelnen Schilling, dem sogenannten Schlei, gefährlich annäherte. Der Unterschied war so gering, daß er mit bloßem Auge kaum noch wahrzunehmen war. Wer den Unterschied sehen wollte, der mußte die Münzen aufeinanderlegen. Und schließlich ließ man bei dem neuen Fünfer auch noch die Riffelung am Rand der Münze weg, wahrscheinlich ebenfalls eine Sparmaßnahme. Das alles ist Geschichte. Rückblickend wissen wir, daß der Betrug, dem durch diese Unvorsichtigkeit Vorschub geleistet wurde, weder den österreichischen Staat, noch die Wiener Stadtwerke/Verkehrsbetriebe in den Ruin getrieben haben.

Der Einser und der neue Fünfer unterschieden sich nur noch in der Farbe, hie Kupfer, da Nickel, es sei denn, man hätte die Zahl auf der Münze gelesen, aber Schaffner haben keine Zeit um die Zahlen auf den Münzen zu lesen. Sie haben wichtigeres zu tun. Sie müssen, an einer der messingfarbenen Griffstangen aus dem Wagen hängend, diesen abfertigen, indem sie gleichzeitig – Bimm! – an einem ledernen Riemen ziehen. Aber das ist Straßenbahngeschichte. Dies hier soll eine Falschmünzer-Geschichte sein.

Alsbald erschien eine Tinktur auf dem Markt, (die chemische Bezeichnung ist der Redaktion bekannt,) mit der man den einzelnen Schilling aufwerten konnte. Es war eine ziemliche Sabberei, hochgiftig, versteht sich, man mußte die Münze mit einer Krokoklemme in diese Soße hineinhängen, eine Nacht war genug, dann sorgfältig trocknen, man konnte das fertige Produkt aber auch gegen einen geringen Aufpreis auf dem Schulhof kaufen. Man gab dem Schaffner einen Schilling, bekam dafür eine Fahrkarte aus billigem, dünnem, buntem Papier, die er mit seiner Zange sorgfältig gezwickt hatte, sowie zwei Schilling Retourgeld. Ich war jedes Mal verblüfft. Sobald der Schilling, der in etwa so glänzte wie der neue, verkleinerte, verbilligte Fünfer aus Nickel, sobald dieser aufgewertete Schilling in der ledernen Tasche des Schaffners verschwunden war, war es ausgestanden. Man konnte aufatmen. Mit einem falschen Fünfer hätte sich unsereins – vierzehn Jahre, die wir waren – nicht gerne erwischen lassen.

Ich sitze an meinem Schreibtisch, die Münzen aus dem kleinen Tütchen sind vor mir ausgebreitet, sie sehen alle gleich aus. Ich drehe sie um, studiere die Zahlen. Ich überlege, wie sich damit ein Verbrechen begehen ließe, aber es fällt mir nichts ein.
Paul Holzreiter

[LiSe 12/14] Literarisches Schreiben

Die Münchner Volkshochschule bietet im Jahreslehrgang Literarisches Schreiben die Möglichkeit, sich in Seminaren und Tutorien intensiv mit dem literarischen Schreiben zu beschäftigen. Professionelle Autoren und Lektoren begleiten diesen Prozess und fördern individuelle Potenziale. In Theorie und Praxis werden solide handwerkliche Grundfertigkeiten vermittelt und Inhalte erarbeitet. Bereits vorhandene literarische Konzepte können hier gezielt weiterentwickelt werden. Bewerbungsende 15.12.2014.

Nähere Angaben: www.mvhs.de/jahreslehrgang

[LiSe 12/14] Literarische ÜbersetzerInnen (Folge 6)

Die Verlässlichkeit der Übersetzerin Elisabeth Edl

Die Münchnerin überträgt den Nobelpreisträger Modiano ins Deutsche

Die erste Wohltat, die diese Übersetzung von Stendhals Rot und Schwarz ihren Lesern erweise, sei ihre schlichte Verlässlichkeit, heißt es in Andreas Isenschmids Laudatio auf Elisabeth Edl zur Verleihung des Johann-Heinrich-Voß-Preises 2005. Doch das Eigentliche kommt für ihn erst danach: mit der Berücksichtigung aller sprachlichen Eigenheiten, einer findigen Hellhörigkeit für den Rhythmus, also einem außerordentlichen Gespür für Stendhals Stil und seine Wiedergabe im Deutschen. Alles Selbstverständlichkeiten einer Übersetzung, möchte man meinen. Dass dem nicht immer so ist, damit hält Elisabeth Edl nicht hinter dem Berg. Jüngst ist sie wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt durch den Nobelpreis für Patrick Modiano, dessen Werk sie seit bald 20 Jahren übersetzt.

Angefangen hat Edl mit Simone Weil. Da hatte die gebürtige Österreicherin ein Germanistik- und Romanistikstudium hinter sich sowie sechs Jahre deutsche Sprache und Literatur an der Universität in Poitiers gelehrt. Während sie danach Wirtschaftsdeutsch an der École Supérieure de Commerce unterrichtete, begann sie zusammen mit Wolfgang Matz bei Hanser die Herausgabe und Übersetzung der Cahiers von Simone Weil: „Keine leichte Aufgabe, aber wir saßen nebeneinander am Schreibtisch, und jeder konnte Einspruch erheben gegen Vorschläge des anderen, und so haben wir das Übersetzen gemeinsam erlernt.“ Für den ersten Band – es sind im Ganzen vier – erhielten die beiden absoluten Neulinge 1992 den Paul-Celan-Preis.

Das war die erste einer beachtlichen Reihe von Auszeichnungen, darunter die Ernennung zum Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres in Frankreich und zum Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Edls Umgang mit all diesen Ehrungen klingt pragmatisch. „Preise sind immer sehr gut, denn sie sind Anerkennung und Teil der Kalkulation. Ein schwieriges Buch, das lange dauert, finanziert sich dadurch leichter. Vor allem aber erlaubt mir diese Anerkennung, nur die Bücher und Autoren zu machen, an denen mir wirklich etwas liegt.“ Und besonders wichtig: „Ich empfehle Übersetzern, die erst am Anfang stehen, auf einen Brotberuf nicht zu verzichten. So wie ich das lange Zeit mit meinem Lehrberuf auch gemacht habe. Das war anstrengend, aber es hat mir die Unabhängigkeit verschafft, nicht jedes Buch annehmen zu müssen. So konnte ich mich auf die wirklich guten konzentrieren.“

Edl liebt ihre Arbeit, den Umgang mit Sprache, die Begegnung mit Autoren. Sie geht auf die Suche nach Büchern, macht den Verlagen Vorschläge. Früher habe sie auch mehr Gutachten geschrieben und sei auf diese Weise zu ihrer ersten Modiano-Übersetzung gekommen. (Der letzte Roman Gräser der Nacht ist gerade bei Hanser erschienen.) Seine Bücher, sagt sie, haben immer etwas von gesprochener Sprache, seien zugleich aber sehr poetisch. Und nennt als Schwierigkeit, dass man in der deutschen Sprache „allzu leicht in einen gehobenen Ton verfällt, der Modiano nicht entspricht“. Mit den Autoren zu sprechen, ist für sie ein ganz besonderes Vergnügen: „Philippe Jaccottet ist selber ein hervorragender Übersetzer, und bei seinen Gedichten können wir lange über ein Adjektiv diskutieren, für das in der Übertragung vier verschiedene Synonyme zur Verfügung stehen.“

Den großen Wurf landete Elisabeth Edl mit den beiden Klassikern Stendhal und Flaubert. Hatte sie das Gefühl, dass es noch besser gehen müsse als in allen bereits vorliegenden Übersetzungen? Bei Flauberts Madame Bovary sind es an die dreißig. „Ja – klipp und klar. Sie mir erneut vorzunehmen lag an meiner Entscheidung für meine Lieblingsbücher und der Vorstellung, wie sie auf Deutsch klingen müssten. Und keine der bisherigen Übersetzungen entsprach dieser Vorstellung. Stendhal erzählt episch, aber sein Stil ist kurz, knapp, klar, manchmal schroff, immer präzise. Es heißt, er habe jeden Tag, bevor er sich ans Schreiben machte, im Code Civil, dem Bürgerlichen Gesetzbuch, gelesen, um sich auf diesen Stil einzustimmen. Und genau das wollte ich ins Deutsche hin-überbringen, ebenso wie Flauberts Anspruch, jeden Satz so zu komponieren wie den Vers in einem Gedicht. Flaubert ist es gelungen, aus dem Roman ein hohes Genre zu machen, so wie es bis dahin nur Gedicht und Drama waren. Das lassen die früheren Übersetzungen nicht erkennen.“ Weitere Klassiker kommen für sie vorläufig nicht in Betracht. Balzac sei vom Stil her nicht so verlockend wie Flaubert und für Proust sehe sie gerade keine Notwendigkeit, da ja eine großartige Übertragung vorliege. Als nächstes hat sie sich L’Éducation Sentimentale, Flauberts zweiten großen Roman, vorgenommen. Man darf gespannt sein, welche Wohltat Elisabeth Edl den Lesern diesmal mit ihrer „Verlässlichkeit“ erweist.
Katrina Behrend Lesch

Elisabeth Edl spricht am 16. Dezember um 20 Uhr im Literaturhaus über Modiano.

[LiSe 12/14] Kolumne: Der Anruf um 10

Sie haben auch dieses Jahr nicht den Anruf aus Stockholm bekommen am 9. Oktober vormittags? – Ein Mann, meist heißt er Engholm, Ekström oder ähnlich, der sehr gebrochen Deutsch spricht und Ihre IBAN, BIC und SWIFT verlangt zwecks Überweisung eines Betrags von, sagen wir mal, 870.000 Euro, und lockt mit der Übergabe des Literatur-Nobelpreises? Meist klingelt es ja schon um 10 Uhr MEZ, was auch erklärt, dass amerikanische Preisträger erzählen, was sie nach Mitternacht an Spannung und Überraschung Tolles erlebt haben, während „unser“ (das dürfen wir doch sagen, Günter, oder?) GG dem Vernehmen nach gerade beim Zahnarzt unter dem Bohrer gelegen haben soll, einer Krone wegen, und, typisch wieder, Samuel Beckett ganz lässig auf Safari war. „Dem Vernehmen nach“ – während es bis 1999 noch hieß, „aus gewöhnlich gut unterrichteter Quelle“, müsste es seither wohl „Internet-Quelle“ heißen, denn daraus sprudelt all das, was Journalisten so verbreiten.

Aber zurück zu Nobel. Am 10. Dezember um 19 Uhr kulminiert das Ganze in einem Stockholmer Bankett, in der kältesten und finstersten Zeit des Jahres, und man munkelt ja, dass diese finstere „Verleihung“ für den Geehrten den künstlerischen Todeskuss bedeutet, weil nur sehr selten einer von ihnen danach noch wirklich produktiv war – „unser“ Thomas Mann ausgenommen, der ja als einziger sogar nach der Verleihung noch ein zweites Mal für den NP nominiert wurde, womit wir endlich beim Nobel-Tratsch angelangt wären. Dieser wird durch „Protokolle“ gefüttert, die jeweils 50 Jahre nach der entscheidenden Sitzung des Nobel-Komitees veröffentlicht werden, weshalb wir dann auch erfahren, wer haarscharf an der Ehrung vorbei geschrammt ist – Graham Greene etwa, die Blixen oder, jaja, Hans Carossa, unser Mann aus Niederbayern.

Der Nobel-Tratsch lässt sich grob einteilen in den externen und den internen. Dieser ist der Interessantere, weil er jene Blähungen aus dem Magen-Darm-Trakt der zuständigen Akademie bündelt, nach denen wir uns sehnen: Wer wurde warum abgelehnt, wieso wurde der „Zauberberg“ verworfen und weshalb konnten die Franzosen mit Patrick Modiano jetzt die Deutschsprachler übertreffen, und: Wann geht denen da oben eigentlich das Geld aus? Hinter der Hand geflüstert: Es sollen über zwei Milliarden Kronen auf dem Konto liegen – nicht Zahn-, sondern Schweden-, na also, es bleibt noch Hoffnung, bis nächsten Oktober!
WH.

[LiSe 12/14] „Schnee-Ekstase!“ – Ein literarisches Ratespiel

Winterleiden und Winterfreuden rund um das Weihnachtsfest, das schildern die acht Autoren, die wir diesmal für unser Weihnachtsrätsel aus drei Jahrhunderten für Sie ausgesucht haben – wir wünschen wieder viel Vergnügen und Leseanregung für die stille Zeit!

1. Der politisch verfolgte Autor promovierte über Fischnerven, revoltierte, verstarb, als es gerade richtig losgehen sollte.
Er kam bald vom Weg ab, und eine sanfte Höhe hinauf, keine Spur von Fußtritten mehr, neben einem Tannenwald hin, die Sonne schnitt Kristalle, der Schnee war leicht und flockig, hie und da Spur von Wild leicht auf dem Schnee, die sich ins Gebirg hinzog. Keine Regung in der Luft als ein leises Wehen, als das Rauschen eines Vogels, der die Flocken leicht vom Schwanze stäubte. Alles war so still, und die Bäume weithin mit schwankenden weißen Federn in der tiefblauen Luft.

2. Ein moralisch-literarischer Gigant von solchem Einfluss, dass Thomas Mann von ihm sagte , hätte der noch gelebt, hätte der Krieg sich nicht getraut, auszubrechen.
… sie alle betrachtete Lewin als auserwählte Günstlinge des Glückes, weil ihnen vergönnt war, hier in Kittys Nähe zu sein. Aber alle diese Schlittschuhläufer, schien es, waren dabei von der größten Seelenruhe, holten sie ein, überholten sie, redeten sogar mit ihr und vergnügten sich ganz ohne Rücksicht auf sie, indem sie sich das vorzügliche Eis und das schöne Wetter mit Lust zunutze machten.

3. Der körperlich und seelisch schwer leidende Autor gilt als Poet der menschlichen Isolation, des Surrealen oder auch der Gottessuche.
… starkes Schneegestöber füllte den weiten Raum zwischen mir und ihm; einen Wagen hatte ich, leicht, großräderig, ganz wie er für unsere Landstraßen taugt; in den Pelz gepackt, die Instrumententasche in der Hand, stand ich reisefertig schon auf dem Hofe; aber das Pferd fehlte, das Pferd. Mein eigenes Pferd war in der letzten Nacht, infolge der Überanstrengung in diesem eisigen Winter, verendet.

4. Der Verzweiflungsschriftsteller schlechthin, der uns mit dem wieder und wieder Überdrehen der Negativ-Schraube oft zum Lachen bringt vor Entsetzen. Gedichte, Dramen, Romane.
„Ein Schneetreiben ist absolut ein Vorgang des Todes…aber was ist ein Schneetreiben? Wie kommt es zustande? Auflehnung, woraus dieses Wunder besteht…meine ganze Schilderung ist ja nichts als Angst, nichts als eine kindische Angst vor einem ungewöhnlichen Schauspiel…“ Der Ingenieur hatte den Maler auf der Straße liegend aufgefunden und in seinen Wagen gesetzt und mitgenommen. „Ohne den Ingenieur wäre ich umgekommen in diesem Schneetreiben“, sagte er.

5. Er wollte mehr und bessere Romane schreiben als sein Vorbild (siehe 2.); es gelang zwar nicht, aber er bekam den Nobelpreis, der andere nicht.
… die Knöchel aneinander gedrückt, liefen wir ganz tief geduckt, überließen uns der Geschwindigkeit und glitten endlos, endlos im stillen Zischen des körnigen Pulverschnees. Es war schöner als jedes Fliegen oder sonst irgend etwas, und wir entwickelten die Fähigkeit, es zu tun und zu genießen durch die langen Aufstiege mit den schweren Rucksäcken, die wir trugen. Wir konnten den Aufstieg weder erkaufen noch ein Billet zum Gipfel nehmen.

6. Er schreibt keine Pageturner, weder auf Handlung noch auf Psychologie kommt es ihm an: Nur Stil und Beobachtung des Augenblicks. Vielleicht sollte man sein Urteil über ihn gelegentlich überprüfen.
„Keine Ekstase !“ (Nie mehr Ekstase) Um diese zu bezwingen, suchte er im Gelände nach einem Anhaltspunkt. Im besonnten Graben bildete der Schnee eine schimmernde Furche: die schönste Frau, die er je gesehen hatte. Ein unwillkürlicher Schrei, und aus einem Gebüsch kam sogar ein kleines Echo zurück. Schwermut und Geilheit erfaßten Sorger.

7. Engländer, treibt sich viel in Italien herum, und manche halten ihn für einen der besten lebenden Schriftsteller überhaupt.
Vielleicht ist der Schnee mein Element, dachte er. Einen Augenblick lang stellte er sich vor, wie er unter dem Weiß begraben war. Die stetig fallenden Flocken würden die Falten seiner Jacke und Hose ausfüllen und ganz langsam den Berg aus Fleisch, der Harold Cleaver war, mit einer weichen, weißen Schicht zudecken. Der Gedanke kam ihm seltsam luxuriös vor.

8. Die Autorin überrascht ihre Leser nur einmal pro Dekade mit unterhaltsamer, präzise beobachtender Dialog-Prosa, immer preis- und bestsellerverdächtig.
„Fröhliche Weihnachten“ brüllte er, und dann nahm er ein Schmucketui aus der Tasche und schob es zu Xandra hinüber. Boris und mir warf er zwei Bündel Zwanziger (500 Dollar für jeden!) quer über den Tisch. … Und obwohl in der uhrenlosen, klimagesteuerten Casino-Nacht Wörter wie „Tag“ und „Weihnachten“ ziemlich sinnlose Konstrukte waren, erschien mir inmitten der bunt klingenden Gläser der Gedanke an Glück gar nicht so untergangsbedroht oder fatal.

Auswahl : Wolfram Hirche

Lösung des Rätsels auf Seite 4

[LiSe 11/14] Rezension: Coole Textbausteine

Polaroid-Kameras und Polaroid-Filme sind Historie – seit dem Jahr 2008 werden sie nicht mehr hergestellt. Ein aktueller Roman der Münchner Autorin Nina Sahm, 2012 Stipendiatin der Jürgen-Ponto-Stiftung, lässt diese Sofortbildkameras noch einmal aufleben

“Das letzte Polaroid“ heißt ihr 240 Seiten umfassendes Buch, das im Aufbau-Verlag Berlin erschienen ist. Es erzählt die Geschichte einer Freundschaft zwischen zwei Mädchen bzw. junger Frauen und dem Wunsch, aus dem altvertrauten Leben auszubrechen.

Polaroid-Fotos waren Sofortaufnahmen, ungeschönte, spontane 1-zu 1-Dokumente. So zeigt denn auch das Cover des Sahm-Buches eine Polaroid-Aufnahme mit zwei Mädchen: die eine springt lebensfroh in die Luft, die andere steht zögernd am Rande. Im Grund erzählt dieses Foto die ganze Geschichte des Romans: Anna, die Ich-Erzählerin aus einer sterilen Münchner Arztfamilie stammend, lernt als 14-Jährige am Plattensee die gleichaltrige lebenslustige Budapesterin Kinga und deren unkonventionelle Familie kennen. Eine Freundschaft beginnt, die sich in den folgenden Jahren vor allem in Briefen auslebt. Als Kinga nach einem Verkehrsunfall im Koma liegt, reist Anna nach Budapest und schlüpft in das Leben der mit dem Tode ringenden Freundin.

Soweit die Story. Sie klingt einfach – und sie ist es auch. Anna, einer tumben Torin ähnelnd, erzählt ihre Balaton-Erlebnisse in Hanni- und Nanni-Manier und wirkt als Mittzwanzigerin indolent und oberflächlich. Anstatt Kinga im Krankenhaus zu besuchen, hilft sie in einer Bäckerei aus, lernt ungarisch, taucht peripher in die Umwälzungen durch die Orban-Regierung ein und schläft mit Kingas Freund Tibor. Erzählt wird dies alles lakonisch, auf einer einheitlichen Gefühlsebene. Hauptsatz wird an Hauptsatz gereiht, durch ein „und“ verbunden: Coole Textbausteine, die eine Dynamik, eine Entwicklung des Menschen Anna kaum erkennbar machen.

Vermutlich hat die Autorin Nina Sahm bewusst einen Nicht-Entwicklungsroman schreiben wollen, der von der Sehnsucht nach einem anderen Leben erzählt. Die Protagonistin Anna scheitert, Tibor kehrt nämlich zu der aus dem Koma erwachten Konga zurück. Ob Nina Sahm mit ihrem Debüt-Roman gewinnt, scheint fraglich – eine Erzählung hätte für diese Story auch gereicht. Was bleibt ist ein vergilbtes Polaroid-Foto.
Ina Kuegler

Nina Sahm
Das letzte Polaroid
Roman, 237 Seiten,
Berlin, Aufbau Verlag 2014
17,99 Euro

[LiSe 11/14] Ausstellung „Erfolg“ im Literaturhaus

Er liebe sie und er hasste sie – seine bayerische Heimat. 1925 hat er sie endgültig verlassen und ist auch nie mehr zurückgekehrt. Lion Feuchtwanger schreib dennoch den großen Bayern-Roman: „Erfolg. Drei Jahre Geschichte einer Provinz“. Diese drei Jahre umfassen 1921 bis 1924. Feuchtwanger, 1884 in München geboren, entwirft darin ein Bild des Landes mit seiner Hauptstadt, das sich aus realen und erfundenen Orten, aus realen Personen und erfundenen zusammensetzt. Feuchtwanger entwickelt eine Typologie der Einwohner, von den „Großkopfigen“ bis hin zu Königstreuen und Bauernführern, Künstlern und Fabrikanten – Gruppierungen, von denen einige in einer Partei aufgehen, die immer stärker wird und in dem Putschversuch der Nazis am 8/9. November 1923 ihren Höhepunkt erreicht.

Noch bis zum 15. Februar 2015 zeigt das Literaturhaus München in einer Ausstellung die Personen, Orte, Motive und Kernthemen des Romans „Erfolg“ und macht deutlich, welche Geschichten von Feuchtwanger erfunden wurden und welche Geschichte real war. Kuratoren der Ausstellung sind Reinhard G. Widmann und Vera Bachmann.

Die Ausstellung ist Montag mit Freitag von 11 bis 19 Uhr, an Samstagen/Sonn- und Feiertagen von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Eintritt: 5/3 Ä (incl. Audioguide). Der Katalog zur Ausstellung kostet 6 €.
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[LiSe 11/14] Puchners Universum

Vogelprinzessinnen und Froschprinzen entführen in eine Welt der Phantasie und der Träume – verspielt, farbenfroh und märchenhaft. Die Internationale Jugendbibliothek lädt ein zur Ausstellung „Willy Puchners Universum. Bilder – Grafiken – Texte“. Der Wiener Künstler hat von seinen vielen Reisen allerlei Eindrücke und Erinnerungen mitgebracht, die er in Collagen aus Zeichnungen, Drucken, Bildern, Fotografien und Texten umwandelte. Seine Bilderbücher können wie verspielte, farbenfrohe Weltatlanten gelesen werden. Die Ausstellung in der Wehrgang-Galerie der Internationalen Jugendbibliothek in Schloss Blutenburg läuft noch bis zum 29. Januar 2015. Sie ist Montag bis Freitag von 10 bis 16 Uhr, Samstag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr geöffnet.              us