[LiSe 04/15] Kolumne: Drohne, mon amour

Nicht immer gibt es etwas zu lachen.
Vielleicht sitzen Sie gerade auf der Terrasse, fasziniert von der Aktienseite der FAZ, hören das Summen von oben gar nicht, das immer näher kommt. Die Rotbuche, noch etwas kahl, wirft ihren flirrenden Frühlingsschatten auf den Garten, als die Tochter plötzlich ruft:
„Papa, schau mal, da fliegt dein neuer Walser.“

 

Tatsächlich blinkt etwas über dem Baum, etwa 30 cm lang, hat zwei oder drei Propeller, versucht sich herabzusenken, kämpft sich durchs Geäst und setzt sich schließlich auf das alte Baumhaus, das Sie vor Jahren mit den Jungs gebaut haben. Ach, diese Buch-Drohne endlich, denken Sie, na das wurde aber auch Zeit. Kommt aber nicht bis zu Ihnen herunter, klinkt am Baumhaus den bestellten Roman aus und hebt ab, fiept.

Das alles ist nicht Sci-Fi, das ist technisch ausgereift, rechtlich weitgehend abgeklärt, Luftverkehrsverordnung, Lärmschutz-Abstandsregelung, Nachbarrechte usw., für ein paar Euro bekommt man ja so ein Flugteil im Fachhandel. Jetzt liegt das Buch aber auf dem Baumhaus. Guter Rat ist billig.

Sie rufen einfach Robbie zu sich. Den Roboter vom letzten Weihnachtsbaumpaket. Geschenk der erwachsenen Söhne. Ihre Tochter legt ihm frische Akkus ein. Die Leiter zum Baumhaus ist längst morsch. Kein Mensch kommt da mehr hoch.

Sie flüstern in seinen Mini-Membrantrichter die Worte „Baum, klettern, Buch holen“, und schon wackelt er los und krallt sich mit seinen spitzen Greiffingerchen und Zehen in den glatten Stamm der Buche, verschwindet affenartig zwischen Ästen und Baumhaus, greift sich das Buch, mehr können Sie nicht erkennen, dann passiert nichts mehr. Es wird Abend. Amadrohn ist inzwischen über der Buche aufgestiegen, Ihr Handy hat gepiepst und gemeldet „Der neue Walser ist geliefert.“ – Sie hatten zwar Stephen King bestellt, „Joyland“, aber Buch ist Buch, und so genau muss man‘s schließlich auch nicht immer nehmen.

Robbie kommt aber nicht mehr herunter. Die Drohne kreist noch einmal über dem Haus und dreht dann ab, Sie werden unruhig. Der Hausroboter sollte das Buch längst …

Wahrscheinlich werden Sie Ihren Kollegen beim nächsten Meeting erzählen, was passiert ist, und jeder kann eine andere kleine Geschichte von seinem Robbie oder der Drohne beisteuern. Ihren haben Sie vom Balkon aus mit dem Fernglas gesehen, wie er in den Roman vertieft auf dem Baumhaus saß und las und eingeschlafen ist über (dann doch) S. King und erst am nächsten Tag das Buch auf den Gartenstuhl gelegt hat – das ist doch ganz normal, er ist eben Walser-Fan. Die Kollegen werden Ihnen noch ganz andere Stories erzählen. In Bälde.
WH.

[LiSe 03/15] Rezension: Cinderella Rockefeller

Was taugt besser für einen Roman als die Wirklichkeit? Im August 2013 verhängt der Los Angeles County Superior Court eine Strafe von mindestens 27 Jahren für Christian Karl Gerhartsreiter, bekannt geworden unter seinem frei erfundenen Namen Clark Rockefeller, wegen eines Mordes, den er 1985 begangen hatte. Der amerikanische Schriftsteller und Journalist Walter Kirn ist 1998 durch eine Geschichte an Clark Rockefeller geraten, die zu erfinden er sich nicht hätte trauen dürfen. Eine strenggläubige Bankenerbin aus Montana bietet im Internet einen verkrüppelten Hund zur Adoption an. Der Hund ist inkontinent und vegetiert in einem spezialgefertigten Hunderollstuhl vor sich hin. Aus New York meldet sich Clark Rockefeller, er möchte das Tier adoptieren und gibt sich nebenbei als Spezialist für tiermedizinische Akupunktur zu erkennen. Er verspricht, den Hund aufzupäppeln, bis er fit sei für die Eichhörnchenjagd. Der mit der Hundebesitzerin befreundete Schriftsteller Walter Kirn – damals mitten in einer Lebenskrise und vielleicht auch wegen allerlei Aufputschmittel etwas durcheinander – erklärt sich bereit, den behinderten Vierbeiner mit seinem Pick-up von Montana nach New York zu fahren. Als er in New York endlich ankommt, trifft er auf einen Mann, der – wie Kirn findet – „auf Anhieb nervig“ ist, „ein putziger kleiner Hobbit, der sich selbst für so amüsant hielt, dass er etwas Wahnhaftes hatte“.

Alle seltsamen Marotten – der harte deutsche Akzent, das permanente Nichtbezahlen des angeblich schwerreichen Mannes – halten Walter Kirn nicht davon ab, dem Hochstapler auf den Leim zu gehen wie schon so viele vor ihm. Von da an beginnt zwischen den beiden Männern eine Freundschaft, die nur eine Richtung kennt – von Walter zu Clark. Zunächst das erste Essen im Sky Club des Met-Life-Hochhauses, von wo sogar die Skyline von Manhattan einen mickrigen Eindruck macht. Dann die Kunstsammlung in Rockefellers unscheinbarem Privat-Appartement: Rockefeller weist auf einen Blutfleck auf der Rückseite eines Gemäldes von Mark Rothko hin, Rothko hatte sich die Pulsadern aufgeschlitzt. Jean Luc-Picards Kommandosessel, den der Star Trek-Fan Rockefeller bei einer konspirativen Privatauktion erstanden haben will. Die vielen Freunde, die ihn angeblich auf seinem Landgut in New Hampshire besuchen: Britney Spears, „Du hast sie knapp verpasst“. Kanzler Kohl, „reist mit dem Auto an.“ Die über den Tisch geschobene Privatnummer des amerikanischen Präsidenten: „Hier“, sagt Rockefeller zu Kirn, „ruf George an“.

Das Ende der Männerfreundschaft kommt im Jahr 2013, als das Gericht in L. A. Clark Rockefeller wegen Mordes an John Sohus anklagt. Kirn reagiert wie eine betrogene Ehefrau: Er nimmt Rache an Rockefeller/Gerhartsreiter, der ihm nicht nur die Freundschaft geraubt hatte, sondern – was viel schlimmer ist – in Kirn die ewige Sucht nach Reichtum und Glamour, den uramerikanischen Traum, geweckt hat. Gerade er als Autor hätte genauer hinsehen müssen. Doch er hat alle Unstimmigkeiten nicht wahrhaben wollen, da er Rockefeller als Romanfutter sieht und ihn sogar dann noch bei seine Kollegen verteidigt, als die Aufdeckungen in der Presse schon die Runde machen.

Kern rächt sich mit den Mitteln der Schreibwerkzeuge, nicht mit einem Nudelholz. „Blut will reden. Eine wahre Geschichte von Mord und Maskerade“ heißt Walter Kirns Buch, das kürzlich bei C.H. Beck in München erschienen ist und das sich so spannend liest wie die besten Kriminalromane. Dabei ist es witzig und stimmt einen nachdenklich, da man ständig in sich hineinhorcht, ob man nicht auch so geblendet worden wäre.
Michael Berwanger

[LiSe 03/15] Kurzgeschichte: Wetten dass …?

Ich fahr nicht gern mit der U-Bahn“, sagte Philip. „Aber wenn mein Auto streikt, bleibt mir nichts anderes übrig. Da hock ich dann und seh mir die Leute an, mit ihren Handys und Smartphones und Tablets, die sich für nichts anderes interessieren, und frag mich ernsthaft, was aus der Menschheit mal werden soll. Vor allem über die mit den E-Books wunder ich mich. So ein Teil ist doch sowas von seelenlos. Während ein Buch, das hat für mich was Sinnliches. Ein Buch hat für mich eine Seele.“
„Du bist absolut von gestern“, lachte Hannes. „Den E-Books gehört die Zukunft. Buchläden werden überflüssig, Hugendubel kann dichtmachen. Und ich überlege mir auch, so ein Teil anzuschaffen.“

Philip seufzte. Und dann wurde er lebhaft: „Hab ich dir eigentlich mal erzählt, wie ich Steffi kennengelernt hab? Ich bin in der U6. Neben mich setzt sich eine, die zieht aus ihrem Rucksack ein Buch. Der Distelfink von Donna Tartt. Ich bin sofort begeistert von der Frau. Den gleichen Roman habe ich nämlich in meiner Tasche. Ich kram ihn raus, sie sieht es, guckt mich an, als wär ich von einem andern Stern. Wir fangen an zu lachen. Und da sah ich, die Frau ist wunderschön. Wir sind gleich ins Gespräch gekommen, wie genial der Roman wär. Wenn jeder nur in sein E-Book gestarrt hätte, wär das nicht passiert, sie wäre an der nächsten Station ausgestiegen, und mein Glück mit ihr. Ich hab sie dann ins Rischart zu einem Cappuccino eingeladen. Und das war der Anfang. Wetten, dass du null Chance hast, eine Frau kennenzulernen, die sich nur für ihr elektronisches Teil interessiert? Ich setze einen Kasten Bier.“

Hannes nahm die Wette an. Da er selbst gern Krimis las, entschied er sich, um seine Charmeoffensive zu starten, für Arne
Dahls Falsche Opfer. Am nächsten Tag fuhr er mit der U6, sah sich nach einem Opfer um und hatte es schnell entdeckt: Ein junges Mädchen, das sich über ihr E-Book beugte. Hannes setzte sich ihr gegenüber und ließ seinen Rucksack auf ihre Füße fallen. „Entschuldigung, das war keine Absicht.“ – „Hä?“, machte sie, sah kurz auf und starrte wieder auf ihr Teil.

„Verzeihung, darf ich fragen, was Sie gerade lesen?“ – „Dürfen Sie nicht. Frage ich Sie vielleicht, was sie heute Morgen gefrühstückt haben?“

„Dürfen Sie gerne.“ Hannes zog seinen Krimi heraus. „Arne Dahl. Hab ich zu meinem Kaffee verschlungen, irre spannend. Das sollten Sie unbedingt …“ – „Sie nerven“, sagte sie, ohne aufzusehen.

„Das war nicht meine Absicht. Aber darf ich raten, was Sie so fasziniert? Ich tippe auf den Distelfink von Donna Tartt. Das soll ja ein ganz fantastischer Roman sein.“ – „Lassen Sie mich in Ruhe.“

Ihr giftiger Blick suggerierte ihm die Vorstellung von zwölf Flaschen Bier, die gerade in Philips Kühlschrank verschwanden. Aber noch gab er nicht auf.

„Eine letzte Frage“, er lächelte charmant, „warum lesen Sie nicht ein richtiges Buch? Eins zum Anfassen. Das ist doch viel sinnlicher.“ – „Mit Ihrer Sinnlichkeit gehen Sie mir auf den Geist. Außerdem sind Bücher von gestern. Und jetzt hören Sie auf mit Ihrem Gelaber.“

„Vielleicht haben Sie recht. Bücher sind von gestern. Aber Arne Dahl ist nicht von gestern.“ – „Krimis interessieren mich nicht. Ich lese Klassiker, Dostojewski und Tolstoi, wenn Ihnen das ein Begriff ist.“ Sie schaltete ihr E-Book aus und verstaute es in ihrer Tasche.

„Arne Dahl ist ein Klassiker“, sagte Hannes. „Der Klassiker unter den Krimiautoren. Ich würd es Ihnen gern mal leihen.“

Sie nahm das Buch und beäugte es. „Sind Sie vom Meinungsforschungsinstitut? Oder warum sind Sie so lästig?“

„Nein“, beteuerte er. „Ich finde es einfach nur toll, dass Sie sich für Klassiker interessieren. Deswegen würde ich Sie gern näher kennenlernen.“

Sie stand auf. „Ich muss raus. Da haben Sie Ihr Buch!“

Hannes winkte ab. „Ich schenke es Ihnen. Wollen wir uns morgen im Rischart treffen? Und Sie sagen mir, ob Sie vielleicht Ihre Meinung geändert haben? Um ehrlich zu sein, ich würde Sie einfach gern wiedersehen.“

Jetzt lächelte sie. Hannes triumphierte innerlich und holte im Geiste seine Bierflaschen wieder zurück.

„Morgen um zwölf im Rischart? Sie kommen?“ – „Ja“, sagte sie, „ich komme.“

„Wie heißen Sie?“ – „Das verrat ich Ihnen morgen.“

Sie stieg aus, lächelte ihm durch die Scheibe zu und ging beschwingt den Bahnsteig hinunter. Er sah ihr nach, wie sie das Tuch fester um ihre Schultern zog. Wie sie sich mit jemandem unterhielt. Weiterging.

Plötzlich stoppte. Umkehrte.

Hannes’ Herz machte einen Sprung. Dann sah er, wie sie den Krimi aus ihrer Tasche zog, ihn über einen Papierkorb hielt. Wie sie zögerte. Und ihn kurz entschlossen fallen ließ.

Hannes sprang auf, um seine falschen Opfer zu retten. Aber da schloss sich die Tür und die U-Bahn fuhr los. Er fluchte. Die Wette hatte er verloren. Und die Anschaffung eines E-Books würde er sich auf jeden Fall nochmal überlegen. Sonst würde er immer, wenn er das Ding in der Hand hatte, an seinen eben erlittenen Misserfolg denken. Und das musste nun wirklich nicht sein.
Gudrun Golch

[LiSe 03/15] Online-Shoppen und dabei lokale Buchhändler unterstützen

Wer auf die Bequemlichkeit des Online-Shoppings nicht verzichten will, kann beim Buchkauf dennoch seinen lokalen Buchhändler unterstützen. Das geht ganz leicht mit einer in München entwickelten App namens LChoice der Firma MChoice AG. Das „L“ im Namen dieser App steht für „local“, weil die Bestellung, die man mit der App von seinem Smartphone aus, rund um die Uhr und von überall tätigen kann, nicht irgendwo eingeht, sondern direkt beim nächsten Buchhändler vor Ort. Dort kann der Kunde das Buch dann, meistens am nächsten Tag, persönlich abholen oder es sich per Post nach Hause schicken lassen. In jedem Fall kostet die Abwicklung über LChoice den Kunden keinen Cent mehr und geht genauso schnell oder sogar schneller als der Online-Einkauf bei anderen Plattformen wie zum Beispiel Amazon. Der große Vorteil ist, dass man auf diese Weise den niedergelassenen Buchhändler unterstützt und dem Sterben kleiner (und auch großer) Buchhandlungen entgegenwirkt, denen der Einkauf per Mausklick ansonsten die Lebensgrundlage entzieht.

Die LChoice-App ist kostenlos im App-Store jedes Smartphones herunterzuladen. Um sich anzumelden, genügt die Postleitzahl, die E-Mail-Adresse und ein Passwort. Nun kann man jedes Buch entweder nach dem Titel, dem Autor oder der ISBN-Nummer suchen oder mit einem integrierten Scanner den QR- oder Barcode eines Buches einlesen. Mit wenigen Klicks ist so ganz schnell ein Buch geordert, auf das man im Regal eines Freundes gestoßen ist oder das der Sitznachbar in der S-Bahn liest. Die App hat Zugriff auf das VLB, das Verzeichnis lieferbarer Bücher, mit rund 1,7 Millionen Titeln. Rund 150 Buchhändler arbeiten bisher mit LChoice zusammen. Wer seinen Buchhändler noch nicht als LChoice-Partner in der App findet, kann ihm direkt aus der App heraus eine Einladung zukommen lassen.
Simone Kayser

[LiSe 03/15] Endlich Eigenes Lesen!

Münchner Literaturbüro – MLB: Ein offener Treffpunkt für alle, die gute Prosa oder Lyrik schreiben und ihre eigenen Texte gerne mal öffentlich vortragen wollen.

Jeden Freitag von 19:30 bis 22 Uhr  lesen in Haidhausen, Milchstrasse 4, direkt hinterm Gasteig Autorinnen und Autoren und bekommen im Gespräch mit dem Publikum direkte Resonanz. Wer lesen möchte, trägt sich vorher im Lesekalender ein.

Haidhauser Werkstattpreis: Am ersten Freitag im Monat kann jeder Autor einen eigenen 10-minütigen Text lesen, keine Anmeldung erforderlich. Das Publikum wählt den besten Beitrag; er nimmt am Finale im Gasteig teil, das einmal im Jahr stattfindet. Der Sieger wird mit Wein und Preisgeld belohnt!

[LiSe 03/15] Lyrische Kostprobe

muss das blenden sein, schlag ins gesicht, wenn ich mir
überschüssiges licht aus den augen wische. brennt sich aus,

verfolgt die bestückte sicht: farbe als schale über dem tisch.
gruppieren sich stühle daneben, um lücken im zimmer, die

immer weit ins holz verreist sind, bis jemand kommt und
sie verschiebt. steht auf der stelle am boden ihr vergangenes

stehen. und wieder lücken dazwischen, kriechen richtungen
raus, suchen fluchtwinkel zur untermiete für den blick. als

gälte es, sich von selbst bis blind zu verstehen, bricht in die
statik der farbe schwerkraft ein, wirft schatten aufs parkett,

sichtreste. und sammelt sie ein: haufen aus blendflecken als
geschichte des blicks, im dunkeln, beim schälen des tischs.

Tristan Marquardt
(aus: „das amortisiert sich nicht“, kookbooks 2013)

[LiSe 03/15] Ausstellung „Wir brauchen einen ganz anderen Mut!“

Stefan-Zweig-Ausstellung im Literaturhaus noch bis 7. Juni

In der neuen Ausstellung im Literaturhaus München spricht Stefan Zweig aus dem Exil zu uns. Im Fokus stehen seine beiden Werke „Die Welt von gestern“ und „Schachnovelle“. „Wir brauchen einen ganz anderen Mut! Stefan Zweig – Abschied von Europa“ heißt die Dokumentation, die vom Theatermuseum Wien übernommen worden ist. Kurator ist Klemens  Renolder, seit 2008 Direktor des Stefan Zweig Centre der Universität Salzburg.

Das Ausstellungskonzept ist schon in Wien auf Begeisterung gestoßen, zieht es doch den Betrachter direkt in die großen Themen des Schriftstellers in seinen letzten Jahren hinein: in den Terror der Nazis und in die Situation des Exils. Ein Hotelambiente dient zwei Mal als Kulisse für die Ausstellungsobjekte, einmal versehen mit allen Merkmalen des Wiener Fin de Siècle, das Stefan Zweig so geliebt hat und das er nun für eine Schiffsreise ins Ungewisse endgültig hinter sich lassen muss, das andere Mal umgebaut zum Hauptquartier der Gestapo, die eine Folterkammer aus dem ehemals dem Luxus geweihten Haus macht. Hier hängen die schwarzen Mäntel der Folterer an den Wänden, und die fürchterlichen Erinnerungen des Dr. B. aus der „Schachnovelle“ werden zum Leben erweckt. Wo die Kisten gepackt, die Bilder von den Wänden genommen und die Teppiche aufgerollt sind, werden Zweigs geliebte Autografen ausgestellt. In München ist alles weitgehend nachgebaut worden.

Stefan Zweig beschreibt in „Die Welt von Gestern“ ausführlich seine Begeisterung für Autographen, der er bereits in Jugendjahren verfiel und die er über die Jahre noch ausbaute. „Ich suchte also von einem Dichter nicht nur die Handschrift eines seiner Gedichte, sondern eines seiner schönsten Gedichte und womöglich eines jener Gedichte, das von der Minute an, da die Inspiration in Tinte oder Bleistift zum erstenmal irdischen Niederschlag fand, in alle Ewigkeit reicht“, heißt es in seinen autobiografischen Erinnerungen. Man kann ermessen, wie schmerzhaft es für ihn war, die Sammlung aufzugeben, als er Österreich 1934 verlassen musste. Einen Teil schenkte er der Theatersammlung der Nationalbibliothek, das Theatermuseum zeigt einige dieser wertvollen Stücke erstmals. Auch Manuskripte und Typoskripte aus Archiven in den USA und Israel sind zum ersten Mal zu sehen.

Stefan Zweig, geboren 1881 in Wien als Sohn eines Textilindustriellen, hat zahlreiche Werke verfasst, die weltweit gelesen wurden. Er war oft und lange auf Reisen, auch zu Recherchezwecken für seine Bücher, er hat Freundschaften gepflegt zu Hermann Hesse, Romain Rolland, Joseph Roth, Frans Masereel und Walther Rathenau und vielen anderen. Frieden und Völkerverständigung standen Zeit seines Lebens ganz oben auf seiner Wunschliste, er war überzeugter Europäer, ja Kosmopolit. Doch zu seinem Leben gehörten auch zwei Weltkriege, die öffentliche Verbrennung seiner Bücher, die Isolation des Exils zunächst in England, dann in die USA und in Südamerika, wo er sich, gemeinsam mit seiner Frau, in der Nacht vom 22. auf den 23. Februar 1942 das Leben nahm. Die Ausstellung hat diese Seite seines Lebens im Blick und gewinnt mit dem Fokus auf Emigration, Fremdheit und Verlust der Sprache eine ganz aktuelle Brisanz. Das Literaturhaus will in seinem umfangreichen Begleitprogramm mit Führungen und Lesungen deshalb auch nicht nur den letzten Lebensabschnitt dieses großen Autors beleuchten, sondern Brücken bauen zur Jetztzeit.   Ursula Sautmann

Die Ausstellung „Wir brauchen einen ganz anderen Mut!“ ist vom 4. März bis zum 7. Juni 2015 geöffnet (Mo bis Fr 11 bis 19 Uhr und Sa/So/Feiertag 10 bis 18 Uhr). Der Katalog hat den Titel „Stefan Zweig – Abschied von Europa“ (Christian Brandstätter Verlag/Theatermuseum).

[LiSe 03/15] Kolumne: Lyrik, Hybris

Lyrik, ach, wo bleibt dein Frühling! Der Frost krallt sich in die Erde bis tief hinein in den März, und auch das zarte Pflänzchen Lyrik wagt sich zwischen den Eisplatten von Krimis und Thrillern, der Lava dröger, dickleibiger Prosa kaum ans Licht. Poesie spreizt sich aber auch, ist pubertär, abweisend, streitlustig und will nicht immer verstanden werden. Aber: Lyrik ist auch, was im Ohr hängen bleibt, gesungen, geschmalzt, geträllert. Wer wusste das besser, als der Großlyriker Udo Bockelmann alias Jürgens, de mortuis nil nisi: „Siebzehn Jahr, blondes Haar…“, ist das nicht eigentlich ein verkapptes Frühlingspoem? Kaum ein anderer oder wagen wir zu sagen: Kein anderer hat es geschafft, derart viele lyrische Ohrwürmer in unsere Gehirne zu pflanzen, wie der ewige große Junge, der nach Konzerten im weißen Bademantel vom Podium herunter Jung und Alt die Hände reichte und reichen wollte bis in alle Ewigkeit – 60 Jahre Erfolg auf Erfolg . Über 100 Millionen Tonträger verkauft. Und doch, der Zweifel nagt: Musste er seine Tournee mit 80 Jahren „Mitten im Leben“ nennen? War das nicht klassische Lyriker-Hybris, wie sie seit eh und jäh bestraft wird?

Hölderlin, null Tonträger, hatte übermütig 1798, weh mir wo nehm ich, wenn es Winter ist, die „Hälfte des Lebens“ besungen, wohl in der Annahme, die zweite läge noch vor ihm und erlitt damit Schiffbruch, weil er schon wenige Jahre danach (manche sagen, schon während) in geistige Umnachtung geholt wurde – von den Göttern, ganz offenbar, wo er mit ihnen im Dunklen diese zweite Halbzeit spielen musste. Hängen wir den weißen Bademantel von Udo J.  nur einmal probeweise um die Schultern des Nürtingers Friedrich H., so wird schnell deutlich, dass dieser wohl noch nicht einmal in der nächtlichen Hälfte seines Lebens derart albernweiß ummäntelt auf den Gedanken verfallen wäre, seine Fans zu verabschieden, wobei andererseits er eben nie in die Verlegenheit des Händeschüttelns – Schiffbruch? Wenn das nicht das eigentliche Thema des Dichters ist, was dann?

Er darf, er soll sein Schiff verlieren. Am besten in jedem Gedicht. Aufbrechen, Risiko, das Gewohnte verlassen usw. Michael Krüger hat Recht, wenn er, wie jetzt auf der Poetica 1 in Köln sich zur Poesie bekennt: Sie kann spannend sein, existentiell, geheimnisvoll, umwerfend. Aber eben auch siebzehn Jahr blondes Haar; oder um es mit Enzensberger auf den Punkt zu bringen: „Lyrik nervt“.
WH.