by LiSe | 1. Okt. 2014 | Blog, Lyrische Kostprobe
Kohlmeisen nisten in der Wand meines Hauses,
Seit der Wind wieder sanfter die Fassade –
Sie sind es,
Die Angelo Polizianos Frühlingsgedichte erfüllen,
Nicht wir.
Sie sitzen auf den Polsterquadern
Und springen und lassen sich
Fallen.
Hinter den Fenstern,
Meine Hand lag schon auf ihrer Hüfte;
Dann zog sie sich zurück.
proiecta vilior alga
Vergil, Bucolica, VII, 42
by LiSe | 1. Okt. 2014 | Blog, Vermischtes
Übersetzen ist wie Musizieren
Burkhart Kroeber, die deutsche literarische Stimme von Umberto Eco und Italo Calvino
Einen Riesenerfolg auf dem Büchermarkt zu landen, davon träumt jeder Verlag. Dass es ein 600-Seiten-Roman werden würde, der in einem mittelalterlichen Kloster spielt und der vordergründigen Handlung um ein paar handfeste Morde die gelehrten Auseinandersetzungen um den Armutsstreit zwischen Papsttum und Bettelorden beimischt, war so nicht vorhersehbar. Doch als Burkhart Kroeber das Debütwerk des Semiotikprofessors Umberto Eco noch als unkorrigiertes Fahnenexemplar in die Hände bekam, wusste er: „Das Buch will ich machen. Es hat mich gereizt, wegen der Vielfältigkeit der Themen und der Weltklugheit, die drinsteckt.“ Inzwischen ist Der Name der Rose weltweit millionenfach erschienen und er als Übersetzer italienischer Literatur eine Kapazität.
Mit Eco hat also alles angefangen, doch nur weil Kroeber „eine unbezähmbare Lust, ein fast sinnliches Verlangen danach“ verspürte, traute er sich an die Übersetzung. Denn seine Voraussetzungen waren nicht die günstigsten. Bis dahin hatte er nur Sachbücher aus dem Französischen, Englischen und Italienischen übersetzt und keine Erfahrung mit einem narrativen Text. „Da der Roman aber gesättigt ist mit historischem, philosophischem, denkerischem Material, wusste ich dank meiner Erfahrung mit Sachbuchtexten, wie man recherchiert. Und einmal den Ton gefunden, floss die Übersetzung so dahin, da die Sprache relativ homogen ist – der Erzähler ist ja ein greiser Benediktinermönch, der sich eine dramatische Woche aus seiner Jugendzeit in Erinnerung ruft.“ Auch Kroebers Leben wurde durch Eco verändert. Als Sachbuchlektor im Hanser-Verlag hatte er einen sehr begehrten Posten inne und nach seinem Studium der Ägyptologie und Romanistik die Jahre als „unabhängiger Literaturarbeiter“ eigentlich hinter sich. Nun setzte er alles auf eine Karte und wurde wieder freier Übersetzer.
Das war 1982. Seitdem hat er zwei Dutzend weiterer Bücher von Eco übersetzt, neben den fünf anderen Romanen auch Essays, Reportagen, Glossen, Parodien und Travestien, und war in diesen 32 Jahren mit dem geistigen Weg seines Autors so gut wie nie uneins. „Eco vertritt ja Meinungen, und denen konnte ich politisch folgen. Hätte er plötzlich einen rechtskonservativen oder irgendwie fundamentalistischen Weg eingeschlagen, wie es ja bei anderen Intellektuellen vorkommt, hätte ich den nicht mitgehen können. Man muss das Buch, das man übersetzt, auch mögen, sonst gibt man sich nicht die nötige Mühe. Das ist wie bei einem Musiker, der eine Sonate interpretiert. Er muss ein Gefühl dafür entwickeln, sonst wird das nichts.“ Sich vorher eingehend mit dem Autor zu befassen, seinem Leben, seinen Vorlieben, Abneigungen, Lektüren, ist für Kroeber hilfreich, aber keine Bedingung. „Eco setzt sich sehr gerne mit seinen Übersetzern auseinander bzw. zusammen. Doch es gibt gar nicht wenige Autoren, die niemanden an sich ranlassen, mit denen man nur über ihre Agenten kommunizieren kann. Und was Zitate oder Metaphern etc. anbelangt, da überlässt Eco es seinen Übersetzern, neue Bilder zu erfinden. Er will geradezu, dass etwas Neues kreiert wird.“
Neben Eco ist Kroebers Lieblingsautor Italo Calvino. „Der ist makellos, nicht wortreich, nicht geschwätzig, alles ist von einer kristallinen Klarheit. Da stimmt der Rhythmus, die Tonlage, die Klangfarbe, jedes Komma steht am richtigen Platz und hat seine Bedeutung. Calvinos Texte sind phantasievoll, nicht vorhersehbar, nie könnte man sagen, das kenne ich jetzt. Und er lässt seine Figuren für sich sprechen – am liebsten wäre es ihm gewesen, als Autor ganz zu verschwinden.“ Weil Calvino jeden Satz, jede Wortstellung sehr genau bedacht habe, sei es schwer, ihn adäquat zu übertragen. Wenn man das nicht berücksichtige, lese sich der Text holprig. Man müsse ihn musikalisch übersetzen, der Ton sei mindestens so wichtig wie der Inhalt. „Ist der Text für den deutschen Leser genauso verstehbar wie für den italienischen, dann habe ich es richtig gemacht. Man nennt das im Fachjargon Wirkungsäquivalenz, die Übersetzung soll die gleiche Wirkung erzielen wie das Original.“ Diese „Originaltreue“ brachte Kroeber neben vielen anderen Auszeichnungen 2011 den renommierten Christoph Martin Wieland-Übersetzerpreis ein, und zwar genau für ein Buch von Calvino. Auch bei seiner Neuübersetzung von Alessandro Manzonis Roman I promessi sposi – von Kroeber entgegen dem bisher üblichen Titel Die Verlobten weit passender mit Die Brautleute übertragen – war es sein Ziel, ja sein Ehrgeiz, jeden Satz möglichst genau dem Original nachzubilden. So ließ er vor allem Manzonis lange Satzperioden bestehen, die er einem an Kleist und Thomas Mann geschulten deutschen Publikum durchaus zumutbar fand. Desgleichen wollte er Manzonis unterschwellige bittere Ironie herausarbeiten. Und das ist ihm offensichtlich gelungen, die Kritiken sprechen von einer glänzenden Neu-übersetzung, hart und witzig, dort wo es angebracht ist.
Kroebers offensiv vorgetragene These, dass Übersetzer Zweitautoren sind bzw. Übersetzungen zwei Autoren haben, versteht sich als Beitrag zum Kampf gegen das Schattendasein der meisten seiner Kollegen. „Es ist ein langer Kampf um Gleichberechtigung, aber langsam wird’s besser. Eigentlich gibt es eine ganz einfache Lösung, um das leidige finanzielle Problem zu lösen. Wie einst auf jedes Kilowatt Strom ein sogenannter Kohlepfennig erhoben wurde, sollte jedes übersetzte Buch mit einem kleinen Aufpreis belegt werden. Als ich das vor gut zehn Jahren in einem Artikel für die FAZ schrieb, dachte ich, dass es zu einem Aufschrei der Verlage kommen würde. Aber die haben mich einfach totgeschwiegen.“
Katrina Behrend Lesch
by LiSe | 1. Okt. 2014 | Blog, Vermischtes
Im Waschsalon der Lyrikfront
Lesen in der Milchstraße, in einem „Büro“ der Literatur? Für mich als Jungautor vom Land in den Achtzigern ein kleines Abenteuer, so groß wie etwa im Kindergarten eine Halbe H-Milch auf Ex trinken. Zugegeben, auch mir schlug das Herz geschwind beim ersten Mal: Mehr kleiner Laden als Büro, angelaufene Schaufensterscheiben. Dahinter ein gutes Dutzend Diskutanten, viel Bärte und strubbeliges Haar, Bierflaschen schwenkend und Mienen, ernster als bierernst, wild gestikulierend, halb verschlafen, halb verschult. Auf dem improvisierten Schafott: ein junges Ding wird abgefragt. So schön und blond und zart im Mini mit viel Herz und Schmerz auf dem Papier. So hart verbal beharkt, mit nackter Angst im Ton, so ungeschützt, zerbrechlich – ausgesetzt dem ganzen Spott von jedem x-beliebigen Lyriklehrergott.
Doktor P. z. B. steckt noch in Cord-Pantoffeln, Unpromovierte in ihren Birkenstocks. Und aus Sockenlöchern spitzen scharfe Zehennägel. Die Helden laden ihre Waschtrommeln, packen die Anfängerin am Schopf und waschen ihr den Kopf. So lange Schleudergang, bis ihr alle Tränen ausgepresst sind und die Stimme den Dienst quittiert im Waschsalon der Lyrikfront. Ganz aufgelöst ist sie auf und davon, und ich wär’ ihr am liebsten nach. Aber bin, wie sich’s für einen braven Jung-AuTor gehört, solange sitzengeblieben bis ich endlich selbst dran war. Auf geht’s beim Schichtl! Vorwaschgang! Mir ist die Muffe ordentlich gegangen. Aber weil ich mich beim Lesen die ganze Zeit still gefragt hab, ob man die Milchstraße besser mit Hausschuhen oder mit Schuhsocken betreten sollte, ist mein Kopf oben geblieben. Deshalb bin ich in Jesuslatschen wieder gekommen: zur Klarspülung.
Anton G. Leitner
by LiSe | 1. Okt. 2014 | Blog, Titelgeschichte
Das Münchner Literaturbüro feiert seinen 30. Geburtstag mit Lesungen, Büchertagen sowie Werkstatt- und Lyrikpreis
Ein Stuhl, ein Tisch, eine Lampe: Eine junge Frau nimmt Platz, streicht zwei Papierbögen glatt und beginnt vorzulesen. „Heimatliebe“ heißt der Text, eine schnörkellose Geschichte über eine Dreiecksbeziehung. Nach zehn Minuten ist der Vortrag vorbei – so wollen es an diesem Abend die Regularien vom Münchner Literaturbüro (MLB), das zu seiner 1719. Lesung eingeladen hat. 1719 – das dürfte Münchner Rekord sein. Seit 30 Jahren veranstaltet das MLB in Haidhausen (offene) Lesungen, Lyrikwettbewerbe oder Büchertage und gehört damit zu den Säulen des Münchner Literaturbetriebs.
Anders als bei Poetry Slams, bei denen das Publikum per Applaus Noten verteilt, geht es in den MLB-Räumen in der Milchstraße 4 differenzierter zu: Es sind moderierte Lesungen mit Werkstattcharakter, mit noch nicht veröffentlichten Texten im Diskurs mit dem Auditorium. Nach dem Vortrag von Prosa und Lyrik wird sachkundig kritisiert oder gelobt, mal engagiert oder spröde, mal pauschal oder detailverliebt, mal geschäftsmäßig oder humorvoll. „Nehmen Sie die innere Bügelfalte weg“ heißt es da aus dem Auditorium. Oder: „Das sind alles Teflon-Geschichten, da bleibt nix hängen“. Oder: „Das war eine schöne, schlicht erzählte Story“. Knapp 40 ZuhörerInnen sind es bei diesem 1719. Abend, Stammgäste und Newcomer sitzen eng aneinandergereiht auf Klappstühlen, nippen an einem Glas Wein und lauschen den vorgetragenen Texten. „Unser Modell war die Gruppe 47, wir wollten einen basisdemokratischen Umgang mit Literatur“, erinnert sich Petra Lang, langjährige Vorsitzende, und Josef Rohrhofer, derzeit Vorstand des Literaturbüros, ergänzt: „Das entsprach in den frühen 80er Jahren durchaus dem Zeitgeist“ – schließlich entstanden damals Literaturbüros in Freiburg, Hamburg oder Berlin.
Seit 1984 haben Hunderte von bekannten und weniger bekannten Autoren in der Milchstraße gelesen; zu den Renommierten gehören unter anderem Wolfgang Bächler, Wolfgang Koeppen, Herbert Rosendorfer, Asta Scheib, Gerhard Köpf, Christian Enzensberger, Marianne Hofmann, Joseph von Westfalen, Ralf Bönt oder Anton G. Leitner (siehe auch nebenstehenden Kasten). Sie alle saßen auf dem „elektrischen Stuhl“, wie der Platz am Tisch neben dem Moderator scherzhaft genannt wurde. „Die Kritiken im MLB wirken“, sind sich die Organisatoren des Literaturbüros sicher. „Das zeigen die vielen Veröffentlichungen in renommierten Verlagen, Stipendien oder Preise“. Einen (unfreiwillig) bleibenden Eindruck hatte die Milchstraße auch beim Ost-Berliner Ministerium für Sicherheit (MfS) hinterlassen: Ein IM hielt in den Stasi-Akten fest, dass das Geld beim MLB nicht reiche und das Literaturbüro „schlecht organisiert“ sei.
Von „schlechter Organisation“ kann wohl kaum die Rede sein angesichts der Fülle von Lesungen, Wettbewerben, Fachgesprächen, Diskussionen und der Herausgabe etlicher Anthologien und Publikationen, die das MLB – natürlich alles ehrenamtlich – auf die Beine gestellt hat. Schon vor der Gründung des Vereins MLB hatte es im Haidhausen-Museum Werkstattgespräche zwischen 1978 und 1984 gegeben, 1980 folgten die ersten Haidhauser Büchertage – doch in feste Bahnen brachte Gründungsvater Kay Ken Derrick all diese Aktivitäten erst, nachdem das Literaturbüro 1984 ein eingetragener Verein mit einer festen Bleibe in der Milchstraße geworden war, der seitdem vom Kulturreferat des Stadt München finanziell unterstützt wird.
Die Freitagslesungen, die Haidhauser Büchertage, der Haidhauser Werkstattpreis und der Lyrik-Preis München – das sind die inhaltlichen Schwerpunkte, die sich das MLB seit Jahren setzt. Daneben haben das Büro oder seine Protagonisten immer wieder Publikationen und Anthologien herausgebracht, so etwa das „Literatur –Bulletin“, die Zeitschrift „Torso“ oder „Ausser.dem“. Vor vier Jahren erschien der Band „schöneböse Kindheit“, ein Textsammlung von 50 Geschichten aus der Kindheit. Diese Anthologie von MLB-Mitgliedern und anderen Autoren wurde allein in München auf 20 Lesungen vorgestellt. Die Büchertage gingen bislang 27 Mal über die Bühne, gedacht sind sie als Forum für Münchner Kleinverlage, Literaturzeitschriften und Autorengruppen, die sich in Lesungen vorstellen können. Diese Chance genutzt haben unter anderem die SchreiberInnen der Münchner Zeitschrift BISS.
Den Lyrik-Preis München gibt es seit 2010, er wurde ins Leben gerufen von Stein Vaaler, Hans-Karl Fischer und Kristian Kühn. Die Vorrunden laufen in der Milchstraße, die Endausscheidung geht einmal im Jahr im Gasteig über die Bühne, wo eine Fach-Jury den mit 1000 Euro dotierten Lyrik-Preis München vergibt. Dazu erklärt MLB-Vorsitzender Rohrhofer: „Ohne die Förderung durch die Landeshauptstadt München, insbesondere durch das Kulturreferat und durch die Stadtbibliothek sowie die Gasteig GmbH war und wäre die Arbeit des MLB finanziell nicht zu stemmen“.
Während der Lyrik-Preis München in diesem Oktober zum 5. Mal verliehen wird, ist der Werkstattpreis mit dem Moderator Rainer Kegel schon lange volljährig. An elf Offenen Abenden in der Milchstraße wählt das Publikum aus bis zu sechs Beiträgen den Tagessieger, der sich dann mit den weiteren Vorrundenbesten im Gasteig messen muss. Im Vortragsaal der Stadtbibliothek kürt das Auditorium per Stimmzettel den Sieger. Tagessiegerin bei der 1719. Lesung wurde übrigens Miriam Nonnenmacher – ihre Dreiecksgeschichte „Heimatliebe“ fand den größten Beifall. MLB-Tagessieger zu werden, kann Folgen haben: Uwe Tellkamp schaffte das im Jahr 2001, bevor er 2004 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann und 2008 mit „Der Turm“ den Deutschen Buchpreis.
Ina Kuegler
by LiSe | 1. Sep. 2014 | Blog, Rezension & Buchempfehlungen
Als Augusta Laar, Alma Larsen und Sarah Ines Struck 2012 das Schamrock-Festival der Dichterinnen auf die Beine stellten, handelte es sich um ein wagemutiges Experiment. 47 deutschsprachige Dichterinnen trugen in der Pasinger Fabrik aus ihren neuesten Werken vor. Das Spektrum reichte von klassischen Formen über themengebundenes Schreiben und lyrische Prosa bis zu Cross-Art-Projekten und Perfomances. Erstmals sollte ausschließlich Frauen eine Bühne im Literaturbetrieb geboten und nicht zuletzt zum Aufbau eines Netzwerks beigetragen werden. Die Ergebnisse sind nun in einer Anthologie erschienen. Vorangestellt ist ihr eine „Gruszbotschaft, etwa“ von Friederike Mayröcker, eine der ganz großen Lyrikerinnen im deutschen Sprachraum. Sie ist selbst mit zwei Texten in der Anthologie vertreten und gab auch das Stichwort für den Titel: „hingerissen in eurer Mitte“. Die Anthologie enthält aktuelle und teils bis dahin unveröffentlichte Werke von Marlene Streeruwitz, Ruth Klüger, Martina Hefter, Tanja
Dückers, Barbara Yurtdas und vielen anderen Dichterinnen, auch aus Südtirol, Finnland und den USA. Sie geben einen Einblick in die deutschsprachige Lyrik der Gegenwart und stimmen ein in die zweite Ausgabe des Festivals vom 24. bis 26. Oktober in der Pasinger Fabrik (wir berichten ausführlich in der Oktober-Ausgabe der LiteraturSeiten).
Ursula Sautmann
„hingerissen in eurer Mitte. Schamrock-Festival der Dichterinnen 2012“.
Hrsg. von Augusta Laar, Alma Larsen, S. I. Struck.
edition monacensia, Allitera Verlag München 2013, 14,90 Euro, Kalender
by LiSe | 1. Sep. 2014 | Blog, Titelgeschichte
Börsenverein des Deutschen Buchhandels warnt vor den Folgen des Freihandelsabkommens (TTIP)
Interview mit Alexander Skipis
Mehr Wachstum, mehr Jobs, mehr Geld, keine Zölle: das Transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP) zwischen EU und USA klingt wie Weihnachten und Ostern zusammen. Seit Monaten wird in Brüssel verhandelt – hinter verschlossenen Türen. Schriftsteller, Verleger und Buchhandlungen befürchten, dass mit der Unterzeichnung des Freihandelsabkommens die Buchpreisbindung für gedruckte Bücher und für E-Books gekippt wird. Was das bedeuten könnte, wollten die „LiteraturSeiten München“ von Alexander Skipis wissen, dem Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels (Frankfurt).
LiteraturSeiten (LS): Was bedeutet und was bringt eigentlich die Buchpreisbindung?
Alexander Skipis: Die Buchbranche ist ein wichtiger Kulturzweig in Deutschland, der keine direkten staatlichen Subventionen erhält und marktwirtschaftlich organisiert ist. Ziel der Buchpreisbindung ist es, das Buch als Kulturgut vor dem Preiswettbewerb zu schützen. Jedes in deutscher Sprache erscheinende Buch und E-Book hat für mindestens 18 Monate einen vom Verlag festgesetzten Preis. So garantiert die Buchpreisbindung, dass es ein vielfältiges Buchangebot und ein weit verzweigtes Netz an Buchhandlungen gibt. Verlage können durch die Preisbindung eher auch Titel jenseits der Bestseller auf den Markt bringen. Das Ergebnis: Die Titelvielfalt auf dem deutschen Buchmarkt ist eine der größten weltweit. Die Buchpreisbindung sichert so die Qualität und Vielfalt auf dem Buchmarkt und trägt in erheblichem Maße zur Kultur und Gesellschaft in Deutschland bei.
LS: Welche Gefahr sehen Sie in den Verhandlungen zum Freihandelsabkommen für die deutsche Buchkultur?
Skipis: Da der kulturelle Sektor nicht aus dem Verhandlungsmandat ausgeklammert wurde, stehen beim Freihandelsabkommen die flankierenden Schutzmaßnahmen zur Disposition, die für den Buchmarkt überlebensnotwendig sind. Den großen amerikanischen Online-Firmen wie Amazon, Google oder Apple ist die Buchpreisbindung schon lange ein Dorn im Auge. Ohne Zweifel werden sie sich massiv dafür einsetzen, dass sie zu Fall gebracht wird. Ohne Preisbindung stehen die Vielfalt und die Qualität des Buchmarkts in Deutschland auf dem Spiel. Es würde ein Massensterben von Buchhandlungen eintreten. Das können Sie in allen Ländern ohne Buchpreisbindung sehen. In der Folge würden Verlage nur noch leicht verkäufliche Massenware produzieren, neue Autoren hätten es schwer und den Lesern stünde eine deutlich geringere Auswahl zur Verfügung. Auch die Preise würden letztlich steigen. Auch das sieht man in Ländern ohne Buchpreisbindung. Der Vergleich mit dem US-amerikanischen Buchmarkt zeigt, dass dort der durchschnittliche Buchpreis höher ist als hierzulande. Da die Gespräche zum TTIP hinter verschlossenen Türen geführt werden, ist für die Öffentlichkeit und auch für uns völlig intransparent, ob nun die Preisbindung und urheberrechtliche Fragen Gegenstand der Verhandlungen sind oder nicht.
LS: Die französische Regierung hat darauf gedrängt, die Kultur aus den Verhandlungen auszuklammern. Wie verhält sich die deutsche Regierung?
Skipis: Der Börsenverein hat sich schon zu Beginn der Verhandlungen zum Freihandelsabkommen vehement für eine kulturelle Ausnahme eingesetzt. Die Bundesregierung hat diese Forderung allerdings in der letzten Legislaturperiode nicht aufgegriffen. In der Koalitionsvereinbarung der Bundesregierung für diese Legislaturperiode ist die Ausnahme für den Kultursektor im Freihandels-abkommen aufgenommen. Deshalb erwarten wir jetzt, dass die Bundesregierung sich auch entsprechend dafür auf europäischer Ebene einsetzt. Kulturstaatsministerin Monika Grütters macht sich auf europäischer Ebene für eine kulturelle Ausnahme stark, der Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat sich ebenfalls in diese Richtung geäußert.
LS: Bei den Verhandlungen ist offenbar strittig, ob E-Books Kulturgüter oder Dienstleistungen sind. Wenn das digitale Buch nur eine Dienstleistung ist, fällt es dann noch unter den Kultursektor?
Skipis: Sie weisen da auf einen sehr wichtigen Punkt hin. In der Tat sind wir sehr aufmerksam, dass nicht Teile des Kultursektors, nur weil sie nach der Nomenklatur der EU unter „Dienstleistungen“ oder „Telekommunikation und Medien“ fallen, auf diesem Weg doch verhandelt werden.
LS: Warum ist die Buchpreisbindung für digitale Bücher wichtig? Hätte das Ende der E-Book-Preisbindung Auswirkungen auf den Buchhandel, die Verlage, die Print-Bücher, die Autoren, die Leser?
Skipis: Für die kulturelle Bedeutung macht es keinen Unterschied, ob Bücher digital oder gedruckt vorliegen. Der Wegfall der Preisbindung für E-Books hätte fatale Folgen. Deshalb ist die Buchpreisbindung hier genauso wichtig. Auch hier würde ein Preiswettbewerb der Qualität und Vielfalt schaden. Zudem befürchten wir, dass dies auch Einfluss auf die Preisbindung für Print-Bücher hätte.
LS: In Bremen haben Buchhändler gegen TTIP demonstriert und ihre Schaufenster mit Krepp-Papier zugeklebt. Können Sie sich vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels noch andere Protestformen vorstellen?
Skipis: Wir appellieren an unsere Mitglieder, direkt ihre Bundestagsabgeordneten auf das Thema anzusprechen. Zudem sollten sie ihre Kunden und ihr Umfeld für das Thema sensibilisieren. Es kann nicht eindringlich genug darauf hingewiesen werden, welche Konsequenzen das Freihandelsabkommen für unsere Branche haben könnte.
LS: Warum gründen die deutschen Verlage und der Buchhandel keine eigene Online-Plattform?
Skipis: Es gibt solche Plattformen bereits. Ein Beispiel ist buchhandel.de, das aktuell weiter ausgebaut wird. Kunden können darüber E-Books kaufen oder Bücher bestellen und in einer Buchhandlung vor Ort abholen. Der Buchhandel und die Verlage selbst sind hierzulande digital gut aufgestellt und begegnen den aktuellen Entwicklungen mit innovativen Ideen. Inzwischen bieten zwei Drittel der Verlage E-Books an und 80 Prozent der Buchhandlungen haben einen Internetauftritt mit eigenem Online-Shop. Beim Verkauf von E-Books hat die deutsche Buchbranche zudem im vergangenen Jahr mit dem „Tolino“ eine erfolgreiche Alternative zu Amazons Kindle geschaffen. Innerhalb kürzester Zeit ist die Allianz von Thalia, Hugendubel, Weltbild und der Telekom zum schärfsten Konkurrenten des Kindle geworden. Nur ein halbes Jahr nach seiner Einführung lag der Marktanteil des Tolino bei 37 Prozent, gegenüber dem Kindle mit 43 Prozent.
Interview: Ina Kuegler
by LiSe | 1. Juli 2014 | Blog, Lyrische Kostprobe
Verscheucht wurden sie wie fremdartige Tiere,
Die Scharfsinnigen, geköpft wie
Die Hügelkuppen vom Nebel, sie bauten sich
Woanders die Spiegel des Himmels, und du
Trauerst dem alten Haus nach, aus dem sie flohen.
HANS-KARL FISCHER
by LiSe | 1. Juli 2014 | Blog, Titelgeschichte
Das White-Ravens-Festival der Internationalen Jugendbibliothek wird am 19. Juli in der Blutenburg eröffnet. Dazu gibt es bayernweite Aktionen.
Am 19. Juli startet das White-Ravens-Festival für Internationale Kinder- und Jugendliteratur in München. Zum dritten Mal hat die Internationale Jugendbibliothek (IJB)in Obermenzing Autoren und Illustratoren aus dem In- und Ausland eingeladen. Sechs Tage lang werden sie von Schloss Blutenburg aus in München und bayernweit junge und jung gebliebene Leser entführen zu Workshops, Gesprächen, Lesungen und allerlei auch experimentelle gemeinsamen Aktionen rund um Kinder- und Jugendliteratur. Christiane Raabe, Direktorin der IJB, hat das Format entwickelt als Festival für hochwertige und besondere Literatur. Für dieses und andere Projekte hat sie im Mai die Bayerische Europamedaille von Europaministerin Beate Merk überreicht bekommen.
White Ravens wurde das Festival für Kinder- und Jugendliteratur 2010 im Haus getauft. Weiße Raben sind seltene Vögel, sie lassen aufmerken und staunen, manchmal beunruhigen sie vielleicht sogar, in jedem Fall aber stehen sie für den Reichtum an Möglichkeiten. Genau das will das Festival, das keineswegs nur in der idyllischen Umgebung von Schloss Blutenburg stattfindet, sondern bayernweit „on tour“ geht in Bibliotheken, Schulen, Kulturzentren und andere Bildungseinrichtungen. 16 Autoren und Illustratoren aus Deutschland, Finnland, Irland, Italien, Frankreich, Belgien, Österreich, England, Südafrika, Georgien, Tschechien, Kolumbien lesen und erzählen, auch in ihren Herkunftssprachen, über sich und ihre Arbeit.
Christiane Raabe hat Kunst, Malerei, Geschichte und Philosophie studiert und in mittelalterlicher Geschichte promoviert. Zur IJB kam sie 2007. Von Anfang ist es ihr hier ein Anliegen, die Bibliothek in den Dienst qualitativ hochwertiger Kinder- und Jugendliteratur zu stellen, kreative Räume zu gestalten für die Vermittlung von Literatur abseits globaler und damit glatt gebürsteter literarischer und ästhetischer Formate und Muster. Es gehe ihr nicht, stellt sie klar, um Leseförderung, nicht um Gebrauchsliteratur, nicht um Bestseller und Novitäten. Kinder- und Jugendliteratur versteht sie als ebenbürtigen Teil des Gesamtgebäudes Literatur. Aus dieser Sicht heraus geht es um den Respekt vor der kindlichen Welt und damit vor dem Kinderbuch, um die literarische Durchdringung von Jugend als einer Phase, die heute länger dauert und sich kaum mehr abgrenzen lässt vom Erwachsenenalter. Die Art der Narration und der Stilmittel unterscheidet sich zusehends weniger von Erwachsenenliteratur, All-Age-Titel wie „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ gewinnen an Bedeutung.
Wer später Proust lesen will, sollte im Blick haben, was er als Kind und Heranwachsender liest. Aus dieser Einsicht heraus wünscht Christiane Raabe sich, dass auch Eltern und Großeltern sich verabschieden vom Diktat „kindgerechter“ Literatur. Seltsame Bilder, ungewohnte Blickwinkel, eigenartige Erzählmuster, ungewöhnliche thematische und gestalterische Ansätze mögen zunächst verstören, dann aber auch an- und aufregen, wie „weiße Raben“ eben. Als Beispiel nennt die Bibliotheksleiterin den magischen Realismus, der in Deutschland keine Tradition hat, in Dänemark aber, neben Spanien und Südamerika und auch Japan, eine große Rolle spielt. Oft genug ist es derartige und vergleichbare Literatur, die hierzulande durchfällt und erst gar nicht erst übersetzt wird, besser: würde, denn genau diese Weiße-Raben -Literatur fördert die IJB mit allen Mitteln. Und das kann man durchaus wörtlich verstehen. Denn als Raabe zu Beginn ihrer Tätigkeit erfahren musste, dass gerade Heranwachsende bei den klassischen Lesungen immer mal wieder abzuschalten oder unangenehm aufzudrehen drohen, begann sie, mit weniger bewährten Mitteln der Vermittlung zu experimentieren. Aus diesem Grund pflegen Autoren in der IJB inzwischen nicht mehr nur vom Blatt zu lesen, sondern versuchen sich in Gesang und Tanz, Moderation und Blattgestaltung, Blog und Interview.
Das White-Ravens-Festival ist zwar klein und fein, vermag aber die Arbeit der IJB in ganz besonderer Weise zu bündeln und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Was im Hintergrund in der weltweit einzigartigen Bibliothek für die Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur gearbeitet, geforscht und nicht zuletzt sorgfältig gesammelt und archiviert wird, können die Münchner im reichhaltigen Jahresprogramm regelmäßig und fast täglich für sich und ihre Kinder entdecken. Einen besseren Einstieg als das Festival gibt es nicht. Es beginnt mit der Auftaktveranstaltung am Samstag, 19. Juli, geplant als Lesenacht für Jugendliche und junge Erwachsene, mit Musik, Café, Barbetrieb, gemeinsam mit acht Autoren, die auch in ihren Originalsprachen lesen und erzählen. Am Sonntag geht es weiter mit einem Lesefest mit sieben Kinderbuchautoren (u.a. Christine Nöstlinger und Axel Scheffler) und einem Fußballmatch der Autoren gegen Kinder und Jugendliche. Ein weiterer Höhepunkt ist der Auftritt von zwei Kinder-Lyrikern im Lyrik-Kabinett.
Das Gesamtprogramm unter www.ijb.de.
Ursula Sautmann