[LiSe 05/14] Rezension: Sein Entenhausen ist Haidhausen

Ganze Heerscharen von Zeichnern haben schon an den Geschichten aus Entenhausen gearbeitet, auch Deutsche. Aber es gibt nur einen Zeichner in Deutschland, der es bisher geschafft hat, in Walt Disneys Ruhmeshalle, die „Hall of Fame“, aufgenommen worden zu sein und der als einziger Deutscher die Geschichten rund um Donald Duck zeichnen darf: Jan Gulbransson.

Bei diesem Namen denkt man automatisch an den legendären Simplizissimus-Zeichner Olav Gulbransson. Tatsächlich ist der heute 64-jährige der Enkel des großen Karikaturisten. Als der Haidhauser in den 70er Jahren begonnen hat zu zeichnen, war der Schatten des berühmten Großvaters eine Bürde, aber „nachdem er beileibe nicht mehr so bekannt ist wie früher, ist es eigentlich keine mehr“, sagt der Zeichner heute.

Seit 1980 zeichnet er für die europäischen Lizenznehmer des Disney-Imperiums. Dabei war er nie in Amerika, denn seit Jahrzehnten werden die Geschichten aus Entenhausen fast ausschließlich in Europa produziert. Da Jan Gulbransson als einziger deutscher Zeichner Geschichten um den berühmtesten Erpel erfinden darf, hat er nun pünktlich zum 80. Geburtstag Donald Ducks einen neuen Band gezeichnet, bei dem die Ducks wieder in Deutschland unterwegs sind: „Die Ducks in den Alpen“ heißt das neue Werk.

Bereits 2012 kam der erste Band mit dem Titel „Die Ducks in Deutschland“ auf den Markt. Dabei schickte Gulbransson die Ducks auf die Suche nach dem Schatz der Gräfin Tusnelda von Tarn und Tuxis kreuz und quer durch das Land – auch auf das Münchner Oktoberfest. Nun müssen die Enten über die Alpen. Es gilt den letzten überlebenden Nachfahren von Hannibals Lieblingselefanten zu finden und sicher an einen geheimen Ort zu geleiten. Dabei wird Donald natürlich – wie in jeder guten Geschichte aus Entenhausen – von seinen Neffen und Onkel Dagobert begleitet, dessen Freiheit und Vermögen mal wieder auf dem Spiel stehen. Und es drohen die gleichen Widersacher: der finstere Klaas Klever und sein schmieriger Anwalt Dr. Geyer.

Auf 46 Seiten hat der Zeichner und Autor Gulbransson seine Geschichte mit Charme und Detailwitz ausgebreitet.

Auf die Frage, warum sich so viele Erwachsene, gerade auch viele Autoren und Feuilletonisten öffentlich als Donaldisten outen, sagt Jan Gulbransson: „Donaldisten sind offenbar gut darin, Institutionen zu unterwandern, denn Donald ist die komplexeste Comic-Figur überhaupt mit den meisten Grauschattierungen. Carl Barks hat mit Donald Duck in den 40er und 50er Jahren einen Standard gesetzt, der unglaublich ist. Er hat Geschichten hervorgebracht, die mich als Erwachsenen nicht langweilen, sondern auch faszinieren und für Kinder aber trotzdem funktionieren.“
Michael Berwanger

Jan Gulbransson
Die Ducks in den Alpen
Comic, Ehapa-Verlag,
Berlin 2014, 66 Seiten
Gebundene Ausgabe: 12 Euro
Softcover: 6,99 Euro

[LiSe 05/14] Kurzgeschichte: Frau Dietrich

Fünf Jahre war es her, dass sie, umdrängt von Bewunderern, ihn über Köpfe hinweg gegrüßt hatte. Oder, aus ernüchterter Sicht und vager, dass er hatte meinen können, sie habe ihn gegrüßt. Und nun gestern, dass sie erneut, diesmal in Salzburg, und wieder wie zufällig einander gegenüber saßen. Im Halbschatten ausgeblichener Markisen. Hoch über der Salzach. In einer zehrenden sommerlichen Wärme. In der er die Frau dort drüben, über Tische hinweg, kaum aus den Augen ließ. Wenn sie sich ordnend in die Locken griff. Wenn sie sich räkelte. Wenn sie den Arm hob und hinter dem Hals an ihren über den Nacken schaukelnden Haaren sichernd herumnestelte. Wenn sie den kurzen Ärmel ihres Kleides mit in die Höhe zog, – dass man ihr unter die Achsel hätte blicken können, – wie dieser Mensch dort, der ungeniert mit ihr tafelte, fast drei Jahrzehnte älter als sie, mit unrasierter Lippe, läppischem Lippenbärtchen, während er, Remarque, Zeit seines Lebens sich dort und sonstwo entmilitarisieren sollte, – und doch, das hatte dieser Fremdling voraus, dass er längst wusste, ob sich die Frau, die er sich anmaßte, der hier die brütende Hitze feucht unter die Achseln kroch, wenigstens unter den Armen schor, dort, fast schon auf halbem Weg aller Liebhaber. Alfred POLGAR, wie er sich nannte, – Remarque, er hätte ihn schütteln können, wie er sich hatte schütteln lassen müssen, um sich KRAMER schimpfen zu lassen, – gehässig schütteln! – bis schlicht so etwas wie POLACKE herauskommen musste! Wenn man es wie der faschistische Mob, wenn man es zeitgemäß nahm, so wie bei ihm.

 

Remarque, wäre er selbst nicht in Begleitung gewesen, er hätte sie angesprochen. Hätte sich einen der unbequemen Stühle genommen. Hätte sich zwischen sie gesetzt. Bis er dem Voyeur, diesem Achselgaffer da, lästig geworden wäre.

Sie waren später gekommen als er mit der Schwarzenbach. Waren auch früher gegangen. Er hatte den Kellner gefragt. Er hatte sich vergewissert:

»Kannten Sie den Herrn, dort, drei Tische weiter?«

»Ja. Herrn Polgar?«

»Alfred Polgar?«

»Ja. Frau Dietrich und der Herr Polgar waren gestern schon hier. Sie kannten ihn nicht? Und Frau Dietrich? Marlene Dietrich?«

»Nein, – nur aus der Presse. Aber heißt der Herr nicht mit bürgerlichem Namen schlicht Polak?«

Der Kellner bewahrte Fassung: »Entschuldigen Sie mich bitte!« Er hatte es plötzlich eilig.

Aber der andere, dieser sperrige Mensch da, mit den allein schon für den Austausch von Visitenkarten viel zu groß geratenen Händen, er hatte vermutet, er hatte gewusst, auf wen er hier stieß. Vielleicht wäre Polgar bei der Wahl eines Tisches, der ihm oder der Dietrich zusagte, an ihnen vorbei bis an das Ende, die Stirn der Terrasse gegangen. Hätte er nicht Remarque oder die Schwarzenbach erkannt. Er hatte Remarque nur kurz mustern müssen. War stehen geblieben. Hatte der Dietrich mit entschiedenen Gesten dann einen Tisch vorgeschlagen, an denen sie bereits vorüber gekommen waren. Drei Tische weiter. Drei Tische zurück. Zufall war es vielleicht, dass die Dietrich dann dort den Stuhl gewählt hatte, auf dem sie Remarque nicht die Schulter, gar den Rücken zeigte, vielmehr geriet er unmittelbar in ihr Blickfeld, über die Schulter ihres Begleiters hinweg. Doch die Distanz über die beiden trennenden Tische war zu groß, um sich gewiss zu sein, selbst wenn sie sich sahen, selbst wenn auch sie ihn wahrgenommen, ihn erkannt haben sollte, dass sie Blicke tauschten, zu denen sie sich bekannten. Lächelte sie? Falls sie überhaupt lächelte! Ja, jetzt wieder, wenn sie irgend etwas bestellte oder sich vorschlagen ließ. Weniger im Gespräch mit diesem Menschen, dem er nur in den kahlen Nacken, über die Schulter sehen konnte, auf die vergilbten Hände, die dieser verwitternde Mensch erstaunt, schwärmerisch heuchelnd, dann wieder beteuernd, abwehrend hoch reißen konnte, wenn die Dietrich die Schultern hob, zu zweifeln oder zu widersprechen schien, wenn sie herzlich lachte, – ja, lachte, wenn dieser Polgar da ihr mit den ungeschlachten Gesten seiner Hände irgendwelche süffisanten Komplimente machte. Allein, wenn man meinte, dass sie herüber sah, nein, wenn sie aufschaute, über die Schulter ihres Begleiters, über die beiden trennenden Tische, dass man denken, dass man sich fühlen machen wollte, man habe sich wiedergefunden: sie blickte wie selbstverloren. Wie verloschen. Wenn er dann wich, zur Seite ausbrach, den Kopf flüchtig wandte, die Schwarzenbach ansprach, um dieser knabenhaften Frau nicht auffällig zu werden, wenn er wie beiläufig dann über die Tische gegen das ferne Augenpaar zurückfand, schien ihm der Blick der Frau, die ihn einmal beim Namen gerufen hatte, unverwandt in eine Ferne gerichtet, in der sie auf seine Rückkehr gewartet zu haben schien.

Sooft er sich später auch fragte, er konnte sich an niemand erinnern, der an den beiden Tischen zwischen ihnen gesessen haben sollte. Es fiel ihm leichter, sich an zwei leere, abgeräumte Tische zu erinnern.
Hans Boeters

(Aus dem Remarque-Roman:  Schlafen in Luft, Wasser und Feuer)

[LiSe 05/14] Lyrische Kostprobe: Niobe

Blutstropfen

Tropfen
Aus meinen Brüsten
Weiße Rinnsäle
In der Bauch
Höhle
Echot
Dein stummer
Schrei

Schrei
Den Mund
Mit Pech gestopft
Ge
vier
teil
t

Du

Da kommen sie nieder
In der dunklen Kammer
Die Klageweiber
Und weinen für dich
Es ist aller Tage
Nacht
Die Eule nistet
In deinen Augen
Höhlen
Dein Blut gerinnt
Vom Gift erstarrt
Die Zunge
Dein Haar verfilzt
Marmor
Deine Tränen
Neun Tage
Und neun Nächte
Liegst du versteinert

Fließe, Niobe
Schüttle die Asche
Aus deinem Gewand
Und speise

Véronique Dehimi

[LiSe 05/14] Literarische ÜbersetzerInnen (Folge 2)

Der Erzählerstimme nachspüren

Wanda Jakob übersetzt aus dem Portugiesischen und aus dem Englischen

Sie brennt für Literatur. Das ist Wanda Jakob als Tochter einer Verlagsgründerin erfolgreich in die Wiege gelegt worden. Übersetzungen sind für sie erst seit wenigen Jahren das Mittel der Wahl, Leserinnen und Lesern junge Literatur aus fremden Kulturen nahe zu bringen. Ihr Schwerpunkt sind bislang witzige und abgefahrene, oft auch melancholische Geschichten von Frauen über den Alltag in Brasilien und anderswo. Kinderbücher? Lyrik? Die Münchnerin schließt für die Zukunft nichts aus.

Wenn Wanda Jakob über Literatur spricht, strahlt sie. Ihr ganzes Leben dreht sich um Literatur, so lange sie denken kann, wollte sie lesen und schreiben. Für das Studium, Amerikanische, Portugiesische und Deutsche Literatur, nahm sie sich sehr viel Zeit. Dann verpflichtete sie sich bei der VG Wort als Sekretärin der Geschäftsleitung und eignete sich die kaufmännischen Aspekte der Branche an. Zwei Jahre später legte sie den Hebel um. Was sie macht, macht sie gründlich. Sie erstellte einen Business-Plan, beantragte einen Existenzgründerzuschuss und immer wieder auch Stipendien, nutzte die Buchmesse, als Brasilien Gastland war, für die Kontaktpflege, tingelte für ihre Anthologie-Ideen und begab sich für einige Wochen nach Brasilien. 2011 begann sie mit den Übersetzungen. Ganz nebenbei arbeitet sie weiter für Verlage, prüft fremdsprachige Bücher, verfasst Gutachten und gestaltet Verlagsprogramme, betreut Autoren und lektoriert deren Werke, organisiert Messestände und Workshops und veranstaltet immer wieder auch VHS-Kurse über Fado oder Lesungen für Lusofonia e.V., ein Verein, der sich der Förderung und Verbreitung der Kulturen aus portugiesischsprachigen Ländern verschrieben hat. „Ich mische mich gern ein, ich stehe gern auf der Bühne“, sagt Wanda Jakob.Wenn sie übersetzt, sitzt sie in einem Büro an der Großmarkthalle, in einer Gemeinschaft mit Fotografen, Filmproduzenten und Beziehungscouches. Da kann sie dann, wenn es hart auf hart kommt, wie im letzten Jahr, auch schon einmal von neun Uhr morgens bis 23 Uhr in der Nacht am Schreibtisch ausharren und sich einfühlen in ein Stück Literatur, der Erzählerstimme nachspüren, nach Worten suchen für Geschichten, die manchmal klein und unscheinbar daherkommen, dann aber in Abgründe führen, wo Lachen und Weinen nah beieinander liegen. Die „Microcontos/Minigeschichten aus Brasilien“ sollten zur Pflichtlektüre gehören für alle, die sich für das Land (und das Leben) interessieren. Und auch „Krieg der Bastarde“ von Ana Paula Maia, der erste Roman, den Wanda Jakob übersetzt hat, zeigt Brasilien von einer Seite, die man in Reiseführern vergeblich suchen dürfte.

Übersetzungen also sind der noch junge Schwerpunkt für die Münchnerin. Es war ein langer Weg dahin, doch sie möchte keinen einzigen Schritt missen. Momentan würde sie am liebsten ununterbrochen übersetzen. Sie liebt das Schöpferische an der Arbeit, das Anspruchsvolle, das immer Neue. Zur Zeit arbeitet sie an der Übersetzung aus dem Englischen von „The Fall of Saints/Die Scheinheiligen“ von Wanjiku wa Ngugi, die demnächst im A1 Verlag herauskommen soll.

Für Wanda Jakob ist der Beruf Berufung, sie betreibt das Übersetzen mit Herz, aber auch mit Verstand. Als realitätsfremde Idealistin sieht sie sich nicht. Sie pflegt die Kontakte zu den Verlagen, zu denen A1, Hanser, Kunstmann, edition fünf, dtv und der Unionsverlag gehören. Sie nimmt gerne Stipendien und die Förderung durch staatliche Kulturinstitutionen an. Sie ist Mitglied im Münchner Übersetzer-Forum e.V., beteiligt sich an den Stammtischen und weiß den Erfahrungsaustausch, die Solidarität und das gemeinsame Engagement für anständige Arbeitsbedingungen zu schätzen. Denn unstrittig ist, dass Übersetzungen miserabel bezahlt werden. Sie hat erfahren, dass Gutachten über fremdsprachige Literatur noch weitaus schlechter honoriert werden. Doch das ist für sie ein untergeordneter Aspekt, als entscheidend für ihr Leben und ihre Berufswahl empfindet sie die schlechte Bezahlung nicht. Zum Glück. Und eigentlich müsste es ja auch die Angelegenheit aller Literatur-Liebhaber und Literatur-Händler dieser Welt sein, wie viel ihnen die Begutachtung fremdsprachiger Literatur und ihre Übersetzung wert ist.
Ursula Sautmann

[LiSe 05/14] Kolumne: Lyrik-Scheich

Literaturpreise, so möchte man sich irren, gibt es in München genug, auch wenn die meisten von ihnen in kleinem Kreis mit kleinem Preisgeld ihre Helden finden. Die wurden bis vor kurzem an grauhaarige, verdiente Dichterinnen und Dichter vergeben, sodass die Chancen für jüngere Lyriker von vornherein schlecht standen, wenn sie nicht schon bei Suhrkamp – und wer hatte das schon … Wie aber wirft man einen neuen Preis, einen Preis mit neuem Ansatz, mit frischen Ideen auf den satten Markt?

Du brauchst schon mindestens drei Zutaten: Raum, Zeit und Eitelkeit – kein Geld? Nicht sofort, also das können wir gleich mal festhalten, Geld ist nicht das Wichtigste – es ist die Zeit, die man hineinstecken muss, und eine gute Messerspitze Eitelkeit, die sich nicht in Selbstverliebtheit verliert. Zum Beispiel: Der „Lyrikpreis München“ – so wurde eine neue Prämie anno 2010 genannt, die seitdem viermal verliehen wurde. Sein „Alleinstellungsmerkmal“: Er ist der einzige Wettbewerb in Deutschland, der in mehreren (2-3) öffentlichen Veranstaltungen die Kandidaten aussiebt und die „Vorrundensieger“ dann in einem Finale antreten lässt. Die Qualität der Texte verblüfft. Teilnehmer finden sich in anerkannten Internet- und Lyrik-Zeitschriften, so etwa der Finalist von 2011, Sascha Kokot, 31, in der jüngsten Ausgabe der „Akzente“, einige kamen in die engere Auswahl beim Leonce-und-Lena-Preis, dem deutschen Lyrik-Ritterschlag.

Das Münchner Literaturbüro (MLB) mit Stein Vaaler, Kristian Kühn und Hans-Karl Fischer suchte 2008 zunächst Mitstreiter und Sponsoren etwa bei der Stadt München, aber die winkte ab. Schon der Name „Münchner Lyrikpreis“ gefiel nicht, weil der Preis ja nicht von der Stadt gestiftet wurde, gilt allerdings auch für die Weißwurst, die sich dennoch „Münchner“ nennen darf, aber das ist ja eben: etablierte Wurst. Ein frischer Lyrikpreis dagegen darf „München“ nur hinten tragen. Also „Lyrikpreis München“. Der bat erstmals im Frühjahr 2010 Autoren ohne Alters- und Themengrenzen per Internet-Ausschreibung in die Milchstraße 4 zu Vortrag und Diskussion. Zunächst hatte eine „Vorjury“ aus etwa 100 Einsendungen die sechs besten Texte herauszupicken. Dann kamen die Vorrunden. Dann das Finale. Alljährlich. Eine fachlich versierte Jury aus Sprach-Professoren und Medienprofis zu finden, deren Mitglieder belastbar und diskursfreudig sind – das allerdings ist, neben dem „Aussieben“, noch immer die härteste Arbeit.

Und das liebe Geld? Sponsoren kommen und gehen, mal eine Bank, mal ein Anonymus – ein „Gschmackerl“ hat der Beitrag von 10,- Euro pro Teilnehmer, der aber gerade mal ausreicht für Anreise- und notfalls Übernachtungskosten von Juroren und Dichtern. Deshalb: Es ist nicht wichtig, aber der erste Preis mit 1.000,- Euro sucht nach einem Scheich, der ihn verdreifacht, mindestens, denn Dichter fliegen gerne hoch und weit – das kostet!
W.H.

[LiSe 05/14] Jubiläum und Abschied

Die Autorenbuchhandlung wurde vor 40 Jahren von Schriftstellern gegründet – Habermas, Enzensberger und andere 68er-Größen waren in der Wilhelmstraße zu Gast

Die Modell-Buchhandlung im Herzen Altschwabings feiert ihren 40. Jahrestag gleichzeitig mit dem Rückzug ihrer Chef-Managerin Hilde Schiwek nach 25 Jahren – ein „neues Kapitel“, wie Fans und Inhaber-Autoren hoffen, kein Grund zur Resignation.

Wenn Hilde Schiwek, die „den Laden“ seit 25 Jahren mit Energie und Bravour geschmissen hat, vor der Fotowand mit all den berühmten Autoren, Literaten und Poeten steht und mit dem viel zu langsamen PC kämpft, kann man kaum glauben, dass es eine „ABC-Autorenbuchhandlung“ ohne sie geben kann – aber andererseits – nun ja, auch ein FC Bayern muss ohne Uli Hoeness, so ist das mit den „Seelen“ im Geschäftsleben, auch wenn sich Hilde Schiwek den Vergleich absolut und energisch verbitten würde. Die Alleingeschäftsführerin, die das Geschäft „aus Altersgründen“, wie es so böse heißt, verlässt, ist sicher, dass das Schlimmste im Buchverkauf überstanden ist. Die neue Welle von E-Book und Internet , Tablets und Smartphones, auf denen man Romane rauf- und runterladen kann, sieht sie gelassen auf ihren guten alten „Laden“ zurollen. Vor ein, zwei Jahren hatte sie sich noch Sorgen gemacht, aber seither gibt es einen Umschwung. „Die Menschen kommen jetzt wieder bewusster zu uns, wollen sich informieren, stöbern, schmökern. Und das können sie eben nur in einer gut sortierten Buchhandlung.“

Die Anfänge der „ABC-Autorenbuchhandlung“ liegen inzwischen ja legendenumwoben im Dunkel der Geschichte. Die Gründerväter und -mütter segelten auf der Selbstverwaltungswelle der 70er Jahre. Sie wollten wohl eine Buchhandlung auch für solche Autoren, die damals in den anderen Buchläden einfach nicht geführt wurden. Jeder bekam für einen Eintrittsscheck von 1000 DM als Mitglied die Garantie, dass seine Werke hier gelesen und gekauft werden konnten. Und er hatte ein Recht auf eine Lesung, was damals noch absolut unüblich war. Nicht der Massengeschmack der Bestsellerlisten sollte das Sortiment bestimmen, sondern die literarische Qualität – gefördert und gefordert von den 12 Gesellschafter-Autoren und Literaten, die das Anfangskapital von 20 000 DM im Herbst 1973 „hineingesteckt“ hatten und die ehemalige Kneipe umbauten zur Buchhandlung. Alles sollte sogar, Kapitalismus hin, Alternative her, verzinst werden, aber das hatte sich bald erledigt.

Die erste Geschäftsführerin Inge Poppe, heute mit Ehemann Paul Wühr am Trasimener See, organisierte unermüdlich Lesungen und Diskussionen. Der Geist der 70er Jahre, gesellschaftskritisch und wortkühn, versammelte sich in den etwa 50 Quadratmetern auf drei Dutzend Klappstühlen. Martin Gregor-Dellin, Jürgen Kolbe, Michael Krüger, Tankred Dorst und einige andere steckten ihre Spargroschen in das Unternehmen Wilhelmstraße 41, einen Katzensprung vom ehrwürdigen Max-Gymnasium entfernt. Nach den Lesungen ging es gegenüber in der Pschorr-Gaststätte noch weiter, die Diskussionen mit Enzensberger, Habermas und anderen 68er-Größen überzogen bei Zigarrenqualm und Alkohol die Sperrstunde bei weitem.

Auch für Hilde Schiwek waren später, ab 1989, die Lesungen ein Höhepunkt. „Toni Morrison zum Beispiel, eine Woche bevor sie den Nobelpreis bekam, oder der junge Paul Auster. Herta Müller las hier kurz nach dem Sturz von Ceaucescu, als sie noch kaum jemand kannte.“ Doch seitdem sich das Literaturhaus am Salvatorplatz, ausgestattet mit einem Jahresetat von 400.000 Euro, vor mehr als zehn Jahren etablierte, hat es die „wirklich interessanten“ Autoren weggezogen. Dabei musste die Geschäftsführerin ja nicht nur die aktuellen Neuerscheinungen aus Deutschland und – mindestens – den USA, England und Frankreich in deutscher Übersetzung kennen, sondern auch noch den Umgang mit den empfindsamen Damen und Herren Gesellschaftern pflegen. So war etwa vor zwei Jahren die Aufstockung des Kapitals auf 62.000 Euro erforderlich. „Das sind nun nicht unbedingt meine schönsten Erinnerungen“, meint Hilde Schiwek mit einem feinen Lächeln, das den Stolz des Erreichten zeigt, aber auch die Erleichterung, „endlich ein Buch mit Genuss“ und nicht immer mit der „Schere im Kopf“ lesen zu müssen, die da heißt „Kundenwunsch“. Und: qualifizierte Kundenberatung. Das ging durchaus so weit, dass Schiwek
einen Kunden bei einer Buchbestellung entsetzt ansehen und „das ist aber nichts für Sie“ murmeln konnte. Von den Mitgliedern und Gesellschaftern mischt sich schon längst keiner mehr in die Tagesgeschäfte ein.

Braucht die Autorenbuchhandlung, um zu überleben, in Zukunft neue Impulse, Schwerpunkte, Kaffeeservice, Spezialwochen? Nein, alles Schnickschnack! Für Schiwek ist das Entscheidende: Kompetenz, Freundlichkeit und ein Mensch, der diese Buchhandlung zu seinem Projekt macht. Die Nachfolgerin, Bärbel Kempf-Luley wird das schaffen, und zur Not, Augenzwinkern, hat sie ja auch noch die Autoren im Boot.
Wolfram Hirche

[LiSe 04/14] Rezension: Gewalt, Poesie und Widerstand

Der aktuelle Jugendroman „Die unterirdische Sonne“ von Friedrich Ani.

Traurige Aktualität hat das Thema seit Wochen, die Pädophilie. Vermutlich ganz ungewollt aktuell ist in diesen Tagen ein Buch auf den Markt gekommen, das diese Debatte aus der Sicht der Opfer darstellt: der Jugendroman „Die unterirdische Sonne“ des Münchner Schriftstellers Friedrich Ani. Ani, erst kürzlich mit dem Deutschen Krimipreis 2014 ausgezeichnet, erklärt zu seinem jüngsten Werk in einem Interview: „Kinder und Jugendliche werden weltweit misshandelt, verkauft, zur Prostitution gezwungen, in fürchterlichen Abhängigkeiten gehalten. Ich schildere nur einen kleinen Ausschnitt aus dieser Wirklichkeit, aber ich weide die Thematik nicht aus“. Nein, Ani weidet die Thematik gottlob nicht aus – sein Roman „Die unterirdische Sonne“ ist dennoch ein beklemmendes, spannendes, die Erwachsenenwelt anklagendes Stück Literatur, das sich vor allem an Jugendliche (über 16 Jahren) wendet.

Gegliedert ist „Die unterirdische Sonne“ in drei Akte (die – ganz nebenbei an Jugendtheater gewandt – nach einer Dramatisierung schreien). Auf einer Insel sind fünf Jugendliche im Alter von 11 bis 16 Jahren seit Monaten in einem Kellerverlies eingesperrt. Fast jeden Tag wird ein Kind „nach oben“ geholt. Was dort genau geschieht, bleibt zunächst mysteriös, weil die Jugendlichen darüber nicht sprechen – andernfalls drohe der Tod, so jedenfalls die Angst der Kinder. Die Lage scheint aussichtslos, Gesprächsstoff bieten Rückblicke auf die Entführungen der einzelnen Jugendlichen, die mehr oder minder alle aus zerrütteten Familienverhältnissen stammen. Die Angst vereist Gefühle und Empfindungen, die Gedanken kreisen um Selbstmord. Bis Noah, ein neuer Jugendlicher in den Keller gebracht wird, der nicht bereit ist, die Gewalt der Kidnapper zu akzeptieren. Mit Noah bricht die „unterirdische Sonne“ in das Verlies: Die Kinder erzählen sich Märchen, die Sinnbilder für ihre Wünsche und Hoffnungen sind. Die Jugendlichen besinnen sich: Sie berichten vorsichtig und zaghaft von ihren Erlebnissen „von oben“, bringen zwei Peiniger in ihre Gewalt und fliehen von der Insel. „Sie haben eine Heldenreise hinter sich und keine Angst mehr vor der Zukunft“, so Ani in einem Interview.

Er sei froh, dass er nach vielen Jahren wieder ein Jugendbuch geschrieben habe, bekennt Ani, in dessen umfangreichen Oeuvre Jugendromane einen bedeutenden Platz einnehmen. Friedrich Ani wurde 1959 in Kochel am See geboren. Er schreibt Romane, Kinderbücher, Gedichte, Hörspiele, Drehbücher und Kurzgeschichten. Seine Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, so unter anderem mit dem Tukan-Preis für das beste Buch des Jahres 2006 der Stadt München. Bekannt wurde Ani vor allem durch seinen Zyklus von Kriminalromanen um Tabor Süden, der zunächst für ein Kriminaldezernat nach vermisst gemeldeten Personen suchte und später in eine Detektei wechselte. Friedrich Ani lebt in München.

„Die unterirdische Sonne“ ist ein spannendes und quälendes Buch für Jugendliche, dem ein paar kräftige Schnitte gut getan hätten. Was den Roman über die Tagesaktualität heraushebt, sind die fünf Märchen, die sich die Kinder in dem Kellerverlies erzählen. Hier offenbart sich die Kraft der Poesie, für die Friedrich Ani ganz wunderbare Bilder gefunden hat. So beschreibt Ani zum Beispiel eine Krähe, die verstummte Stimmen einsammelt und den Stummen wieder zurückbringt. Oder eine Schneeflocke, die einen Gefangenen aus der Haftzelle befreit – poetische Bilder, die auch Erwachsene berühren dürften.
Ina Kuegler

Friedrich Ani: Die unterirdische Sonne
Roman (für Jugendliche ab 16 Jahren), 334 Seiten, cbt Verlag (Random House) München 2014
16,99 Euro

[LiSe 04/14] Kurzgeschichte: Einquartierung

Sechs Zimmer – das war, siebenköpfige Familie her oder hin, in den ersten Jahren nach dem Krieg zu üppig, befand das Gemeindeamt. Drei davon wurden beschlagnahmt und Leuten zugewiesen, die der Flüchtlingsstrom in unser kleines Dorf geschwemmt hatte. Einquartierung hieß das neue Wort. Das hatte ich noch nie gehört, und ich sagte es viele Male vor mich hin. EINKWATIERUNG. Es klang so schön nach Sommerabend mit Froschkonzert, aber in Wirklichkeit bedeutete es, dass wir zusammenrücken mussten, weil fremde Leute in unsere Wohnung kamen. In die beiden Räume zum Hof zog Frau Helferich mit ihrer kleinen Tochter Verena, das große Kinderzimmer mit Blick zum See und in den Park besetzte Frau Singer. Meine Großmutter blieb in ihrem Zimmer, meine Mutter schlug für sich und meine beiden ältesten Geschwister im Wohnzimmer Schlafplätze auf, ins kleine Kinderzimmer, wo mein jüngster Bruder und ich schliefen, wurde ein drittes Bett für meinen mittleren Bruder geschoben.

Mir machte das nichts aus, ich fand unser Zimmer jetzt viel spannender. Wir spielten die Höhlenkinder im heimlichen Grund, bauten uns Höhlen aus Decken und Kissen und besuchten uns gegenseitig. Das war eine regelrechte Expedition, denn zuerst musste man einen Fluss überqueren und dann auf dem Bauch durch einen langen dunklen Gang kriechen. Am schönsten war natürlich die Bergbesteigung. Auf der einen Seite mit Schwung hinauf, auf der anderen ein kühner Sprung hinunter aufs Bett, dass die Sprungfedern ächzten. Wir fanden das äußerst lustig und wollten es immer wieder tun. Aber draußen lagen die wilden Bären auf der Lauer, sie stürzten plötzlich herein mit schrecklichem Gebrumm und Tatzenhieben, zerstörten unsere Höhlen, wickelten uns ganz fest in die Decken und drohten, wenn wir uns unterstanden, noch einmal auf den Schrank zu klettern, würde das böse enden.

Woher Frau Helferich kam war ungewiss. Im Gegensatz zu Frau Singer, die durch ihren Akzent zu erkennen gab, dass sie aus Russland stammte. Frau Helferich lief auch tagsüber im Bademantel herum, mit einer Zigarette in der Hand, und brauchte immer eines von uns Kindern, das sie zum Besorgen schickte. Wie eine Eidechse glitt sie aus ihrem Zimmer und raunte demjenigen, der gerade vorbeikam, ihre Wünsche zu. Wir liefen gerne für sie zum Bäcker, zum Kramerladen, zum Zeitungskiosk, denn meistens durften wir die Wechselgroschen behalten. Das Bestechungsgeld der Mutter hielt uns nicht davon ab, die Tochter zu ärgern. Verena war ein farbloses, mageres, quengeliges Dingelchen, das sofort zu heulen begann, wenn wir es nur antupften. Natürlich verpetzte sie uns bei ihrer Mutter, aber das half nur kurzzeitig, denn diese wollte es sich mit uns nicht verscherzen.

Wenn Frau Helferich Besuch von ihrem Freund bekam, verwandelte sich das schlampige Bademantelentchen in einen Schwan. Das blonde Haar mit Kämmen und Spangen zu einer kunstvollen Frisur aufgetürmt, die Lippen brennend rot geschminkt, Seidenstrümpfe mit geraden Nähten, die Schuhe hochhackig, stöckelte sie am Arm von Herrn Scaria von dannen. Herr Scaria war das, was man einen gutaussehenden Mann nennt, groß schlank, elegant gekleidet und äußerst höflich. Er pflegte meine Mutter mit Handkuss und Gnädige Frau zu begrüßen, was ihr nicht unangenehm war. Später sagte sie zu meiner Großmutter, dass er ein Schieber sei, aber einer mit Manieren. Dabei lachte sie merkwürdig und schob die Stange Zigaretten und das Päckchen Kaffee auf dem Tisch hin und her.

Mit Frau Singer hielt die Literatur Einzug in unsere Wohnung. Eines Tages hing ein Zettel an unserer Haustür, darauf stand SALONABEND. Das war wieder so ein neues Wort, und ich stieg damit die Treppe hinauf, auf jeder Stufe eine Silbe. SA-LO-NA-BEND. SA-LO-NA-BEND. Frau Singer, erklärte mir meine Mutter, ist Übersetzerin und Rezitatorin. Sie liest Gedichte vor und Geschichten, und die Leute kommen und hören ihr zu. Das nennt man einen Salonabend. Dazu wurden aus allen Räumen sämtliche Sitzmöbel in ihr Zimmer getragen, Großmutter schlang sich die Goldkette um den Hals und hüllte sich in ihre weiße Seidenstola, und meine Mutter zog ein dunkelblaues Wollkleid an mit einem weißen Krägelchen und weißen Manschetten. Wir bekamen unser Abendbrot in der Küche und mussten früher als sonst schlafen gehen. Wenn die Besucher eintrudelten, lagen wir schon im Bett und hörten, wie das Stimmengewirr immer mehr anschwoll, um schließlich auf einen Schlag zu verstummen und einer Stimme Raum zu lassen. Sie begann mit langsamen, weit ausholenden Bewegungen, drehte und wendete sich, tanzte auf und nieder, schwenkte blaue Bänder hinter sich her, stieg höher und höher, mitreißend, vehement, sie zog mich in ihren Bann, ver-zauberte mich, und ich malte mir aus, wie die Stimme aussah, wie eine Fee auf der Mondwiese – aber nie erlebte ich das Ende, jedes Mal wurde ich wie im Märchen vom Schlaf übermannt.

Am anderen Morgen habe ich mir Frau Singer genau angeschaut. Aber sie sah so aus wie immer, eine kleine, etwas bucklige Frau mit grauen, zu einem festen Knoten hoch gezwirbelten Haaren, einem strengen Gesicht und einer energischen harten Stimme, vor der ich mich stets ein wenig fürchtete.
Katrina Behrend