by LiSe | 1. Apr. 2014 | Blog, Lyrische Kostprobe
nachts rücken die scheunen zusammen, werden kahl
nach innen gedrehte linse: eingetrübt, fleckig.
alles sehe ich doppelt. zeitkrank gehe ich
zum haus; zum haus. die mauern; mauern.
in den tapeten leuchten alte tapeten und holztrümmer
fügen sich zu parkett. wo kommt die orange lampe her?
man warf nichts weg. waren das fliesen? sehr flache
fische, tauchen sie auf, wieder ab, wo einmal
die küche war, jetzt magazin für bienen, kaputte einweck-
geräte und sie. ihre schritte. barfuß, karierter rock.
das gesicht unkenntlich. wie von libellen
ihr flügelpaar, festgeklebt an der wand.
captive! immer noch. hier, wo das haus war.
das herz. die haferflocken. firnis reißt
ein fenster. fenster. zwei bäume, der eine kahl.
Birgit Kreipe
Die Autorin ist Gewinnerin des Lyrikpreis München 2013
by LiSe | 1. Apr. 2014 | Blog, Vermischtes
Das Ohr der Sprache öffnen
Dagmar Ploetz übersetzt García Márquez, Juan Marsé und Rafael Chirbes
Ein sparsam möblierter Raum, ein Tisch, um den sich eine große Familie versammeln kann, der Kinderstuhl fürs Enkelkind, ein Klavier, ein, zwei Regale, kaum Bücher. Sie sind noch in den Kartons, wir hatten den Maler, sagt Dagmar Ploetz entschuldigend. Dass sie das Understatement pflegt, wird sich im Laufe des Gesprächs herausstellen. Ploetz gehört zu den herausragenden deutschen Übersetzerinnen, ihre Domäne ist das Spanische, wer die Autoren und wie viele Werke das sind, beantwortet sie quasi beiläufig: Steht alles bei Wikipedia. Schlägt man dort nach, eröffnet sich eine beeindruckende Liste lateinamerikanischer und spanischer Schriftsteller von Isabel Allende über García Márquez, Vargas Llosa und Juan Rulfo bis Juan Marsé und Rafael Chirbes. Dessen politischem und sozialem Tonfall, den er in seinem jüngsten Roman „Am Ufer“ anschlägt, hat Dagmar Ploetz ihr Ohr wieder ganz weit geöffnet, wie es in der Jurybegründung zum Münchner Übersetzerpreis 2012 über ihre Fähigkeit, sich in Sprachatmosphären hineinzuhören, so schön heißt.
In die Wiege gelegt wurde ihr das Spanische nicht, aber doch an den Beginn ihrer Sprachentwicklung, denn die Familie zog mit der Zweijährigen nach Argentinien, wo sie die prägenden Jahre der Kindheit und Adoleszenz verbrachte. Zurück in Deutschland, studierte sie Germanistik und Romanistik in München und arbeitete als Journalistin und Verlagslektorin. Mit dem Übersetzen hatte sie es auch schon früh versucht, aber, wie sie selbstironisch sagt, erstmal nicht richtig angefangen. Sich ein Buch ihrer Wahl vorzunehmen und es dann an die Verlage zu schicken war der falsche Weg. Doch dann kam das dritte Kind, ein anderes Arbeitsmodell musste gefunden werden, und sie besann sich sozusagen auf ihre Wurzeln. Gleich ihre erste Übersetzung, Isabel Allendes „Von Liebe und Schatten“, erschienen 1986 bei Suhrkamp, war wohl so überzeugend, dass Kiepenheuer sie für „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ (1987) von García Márquez an Bord holte, was weitere sieben bis acht Titel des kolumbianischen Autors nach sich zog. Lange hat Dagmar Ploetz aus dem lateinamerikanischen Spanisch übersetzt, es lag ihr näher, gleichwohl erscheint ihr der Hinweis auf das jeweilige Land als sprachwissenschaftliche Spielastik. Natürlich existieren Abweichungen bei Begriffen und Redewendungen – das Kolonialspanisch entwickelte sich einfach anders, lehnte sich auch an Wörter der Einheimischen an –, aber in der Übersetzung fließt das unterschiedslos in unsere Sprache hinein. Das Lokalkolorit verwandelt man sich eher in der Diktion an, in der Charakteristik von Verhaltensweisen, die sich in der Sprache niederschlagen. Dagegen sei es ihr anfangs schwer gefallen, sich in das europäische Spanisch hineinzudenken. Glücklicherweise gibt es die Kollegen, die Übersetzerforen, Nachschlagewerke, man hilft sich untereinander, Konkurrenzdenken wird klein geschrieben.
Überhaupt wirkt Dagmar Ploetz sehr gelassen allem gegenüber, das nach „Aufreger“ klingt. Den Satz von José Saramago, Übersetzer seien die Macher von Weltliteratur, relativiert sie: Das hört sich recht schön an, aber wir dienen doch nur der Verbreitung. Manchmal, meint sie, werde das Urhebersein zu extensiv ausgelegt: Geschrieben hat den Roman schließlich der Autor. Die Arbeit des Übersetzens ist für sie eine lustvolle „Fummelei“. Man pflügt sich durch das Original hindurch, versucht den Ton des Autors zu treffen, spürt seinen sprachlichen und atmosphärischen Modulationen nach. Bei Chirbes zum Beispiel muss man sich auf seine langen inneren Monologe einlassen, dem Fremdartigen seinen Raum zugestehen und mit den Mitteln der eigenen Sprache nachzubilden versuchen. Muss in der eigenen Sprache so bewandert sein, um selbst leise Anklänge von Ironie rüberzubringen. Oder für Abmilderung sorgen, wenn ein falscher Zungenschlag entstehen könnte. Bei Isabel Allende etwa gab es Passagen, die im Deutschen wie nach Blut und Boden tönten. Solche „Schwachstellen“ erfordern Rücksprache mit den Autoren, die die Diskurse mit ihren Übersetzern oft sehr schätzen.
Auch zu der virulenten Frage einer gerechten Bezahlung hat Ploetz ihre eigene gefasste Sichtweise. Sie gehört zwar zu den Gutverdienern unter ihresgleichen, über die aktuellen Diskussionen zum Mindestlohn kann sie jedoch nur milde lächeln, auf 8 Euro 50 die Stunde kommt sie bei einem schwierigen Buch nicht. Lange habe sie zusammen mit Kollegen um eine angemessene Vergütung gestritten, die die Novelle des Urhebervertragsrechts von 2002 den Übersetzern zugesteht, aber von bindenden Vereinbarungen mit den Verlagen könne man noch nicht reden. Es ist richtig und wichtig, am Verkauf beteiligt zu werden, es gibt Förderungen der Länder oder von Stiftungen, die aber die Verlage unterstützen, nicht die Übersetzer, es gibt Stipendien für junge Übersetzer, und es gibt die Übersetzerpreise. Das sei dann doch sehr angenehm, wenn man einen erhalte. Dagmar Ploetz wurde mit dem Jane Scatcherd Preis der Rowohltstiftung und dem Münchner Übersetzerpreis ausgezeichnet. Maliziös fügt sie hinzu: Man muss einen Mann haben, um über die Runden zu kommen. Sie ist seit vielen Jahren mit dem Schriftsteller Uwe Timm verheiratet.
Katrina Behrend Lesch
by LiSe | 1. Apr. 2014 | Blog, Kolumne
Sie sitzen in der U-Bahn, breiten gemütlich Ihre AZ aus und merken, der Stoffel gegenüber liest mit. Sie blättern schnell um, um ihn zu ärgern. Frage an den Moraltheologen: Darf der das, obwohl er nichts bezahlt hat, einfach mitlesen, und ist es fair, schnell umzu-blättern, und warum wird das beides in Zukunft nicht mehr vorkommen? a. weil es die AZ nicht mehr gibt oder b. weil man sie im Smartphone liest? – So oder so, auf jeden Fall stirbt der stille Mitleser aus und mit ihm so manche charmante Gesprächseröffnung.
Absterben; aussterben, das sind wir gewohnt, Wörter sterben, Gewohnheiten, selbst das „Waldsterben“, ein Wort, das Nachbarländer von uns übernommen haben, ist fast ausgestorben. Unsere Väter zogen noch den Hut, wenn sie einem Bekannten begegneten, und setzten ihren Stetson schnell wieder auf ein ständiges ab – und auf: ausgestorben. Pflanzen und Tiere sowieso. Indiens 14000 freie Leoparden, bedroht, aber auch Zugvögel.100 Millionen ziehen jedes Jahr über uns hinweg, zweimal. Extrem bedroht, diese Leute. Rilke war auch so einer. Ständig in Bewegung gewesen, bedroht, der Mann. Er hat es aber auch übertrieben. Schreibt im März 1917 an eine seiner Damen (darf man das überhaupt?): „München wird immer mehr ein Gräuel für mich“ – und verlässt unsere herzliche Weltstadt Ende 1918 für immer. (Jetzt ist er in einem trostlosen Nest im Wallis begraben.) Wörter, Wendungen sterben aus. „Aber Hallo“ – vor wenigen Jahren noch der Hit, wurde ständig eingestreut, wie Zucker „Ich komm grad aus dem Bad, aber hallo“ –„Aber hallo, sie hat mich glatt vergessen“ – schon gestorben – abgelöst von „okay“ „Gestern ist mein Vater gestorben“ „Okay und was jetzt?“ Man kann sich also trösten. Es kommen Neuwörter. Neusachen. Der Papst dankt ab – also „Altpapst“ wie Altkanzler. Wäre schön gewesen, hat sich aber nicht durchgesetzt. „Nullerjahre“ – mein Gott, dieses Scheusal hat sich durchgeboxt, was haben wir dagegen gekämpft, sinnlos, Schnullerjahre. Nicht immer setzt sich das Bessere durch.
Und: Das Buch, na klar. Das muss ja jetzt kommen. Jetzt P-Buch genannt im Gegensatz zum prosperierenden jungen, dynamischen E-Book. Oder auch, sagen wir mal, das P-Journal, die Zeitung. Schon auf Saurierkurs. Die gute alte Gutenberg- welt. Oder wie Bitkom das ausdrückt, die IT Branchen-Lobby: Bedrucktes Papier verschwindet aus dem „öffentlichen Raum“, also aus U-und S-Bahn, Schwimmbädern und Flughäfen. Schon jeder Fünfte liest elektronische Bücher, nur 19,4 Prozent der Bürger sind papiertreu und lehnen das grundsätzlich ab. 60 Prozent lesen ihre E-Books auf Smartphones. Der Zuwachs soll rasant sein, auch wenn man sich mit dem neuen Medium weder Luft zufächeln noch wärmen kann, und schon gar nicht kannst du etwas anstreichen oder ausschneiden und den Artikel deinem Sohn oder Partner rot unterstrichen auf den Frühstücksplatz legen. Vor allem aber: Das Rascheln fehlt, das uns meldet, aber hallo, der andere ist da.
W.H.
by LiSe | 1. Apr. 2014 | Blog, Titelgeschichte
Antiquariate leiden an und profitieren vom Buch-Onlinehandel
Effi Briest für drei Euro – das geht noch immer“, sagt Petra Hammerstein, ordnet einen Stapel Bücher und stellt den Fontane ins Regal zurück. Ein junger Mann schaut zur Ladentür herein und fragt: „Ich habe die Bibliothek meines Onkels geerbt, kann ich die bei Ihnen verkaufen?“ Durchschnittlich zehn Mal am Tag kommen Kunden wie dieser Mann in das Antiquariat Hammerstein in der Münchner Türkenstraße und wollen ihre geerbten Goethe-, Schiller- und Heine-Bände loswerden. „Wir werden von Büchern überschwemmt“, erzählt denn auch Antiquar Bernhard Kitzinger von der Schellingstraße. Antiquariate haben sich in den vergangenen Jahren 20 Jahren stark gewandelt: Aus klassischen Orten des Stöberns sind Geschäftsunternehmen geworden, die Konkurrenz aus dem Internet durch Billiganbieter haben, zugleich aber immer stärker werdende Online-Umsätze verzeichnen. Das klassische Ladenantiquariat gibt es noch – es hat aber oft keinen leichten Stand: Die Laufkundschaft, die es noch in den 90er Jahren gegeben hatte, ist rar geworden, übermächtig sind dagegen die hohen Mieten für die Läden.
Ein Antiquariat ist ein Mikrokosmos, ein Ort des Innehaltens: Bücherregale quellen über und reichen bis zu Decke; der Antiquar, der die Farbe seiner Bücher angenommen hat, sitzt hinter einem Stapel von Brockhaus-Bänden; in der dicken Luft hängt der Staub von hundert, zweihundert Jahren. Diese Papierhöhlen – es gibt noch einige davon rund um die Münchner Universität – bieten verborgene Schätze, nach denen Sammler ihr Leben lang stöbern. Schneller fündig werden viele Buchliebhaber seit Mitte der 90er Jahre am Computer: 1996 ließen sich zehn Antiquare auf das Experiment ein, ihr Angebot ins Internet zu stellen. Das Zentralverzeichnis antiquarischer Bücher (ZVAB) war gegründet. Mittlerweile ist das ZVAB weltweit das größte Online-Antiquariat für deutschsprachige Titel. Tausende professionelle Antiquare – darunter auch die Münchner – bieten rund 25 Millionen antiquarische oder vergriffene Bücher sowie Noten, Graphiken, Autographen oder Postkarten an.
Doch im Online-Handel tummeln sich auch massenweise nichtprofessionelle Anbieter von Büchern, sei es bei eBay, Abebooks oder Booklooker. „Alle wollen die Bücher ihrer Eltern verkaufen, doch solche Bücher will heutzutage eigentlich niemand mehr“, sagt Antiquar Kitzinger. Die Folge ist ein Überangebot und damit ein Preisverfall ohne Ende. Bernhard Kitzinger stellt nüchtern fest: „Ein Goethe von 1870 bringt uns fast nichts, der ist nur für die Abfalltonne“. Und Petra Hammerstein ergänzt, Klassiker in „Fraktur“ (also in altdeutscher Schrift) würden nicht mehr angekauft. Das Antiquariat Turszynki fügt hinzu, dass Bücher der „letzten 100 Jahre keinen nennenswerten Wiederverkaufswert“ besitzen. „Mit großem Enthusiasmus übernehmen wir aber wissenschaftliche Werke und Literatur des 16. bis 19. Jahrhunderts“.
Schwerpunkte setzen – das ist denn auch die Geschäftsidee bei etlichen Antiquariaten: So ist beispielsweise Kitzinger ein geisteswissenschaftliches Fachantiquariat, Hauser, das Antiquariat in unmittelbarere Nachbarschaft, engagiert sich für Biographien, Botanik oder Künstlermonographien, Rezek in der Amalienstraße pflegt das bibliophile Buch, und das benachbarte Antiquariat Bierl hat die Schwerpunkte Kinderbücher und Graphik, die Franziska Bierl auch in schönen, aufwändigen Print-Katalogen präsentiert. Zu ihren Umsatzzahlen gefragt meint die junge Unternehmerin: „Ich nehme etwa 50 Prozent online ein und 50 Prozent im Ladenantiquariat“. Bei Kitzinger sind die Zahlen anders: online beträgt der Umsatz 15 bis 20 Prozent, der Ladenanteil liegt bei 80 Prozent. Das Antiquariat, ideal für Laufkundschaft an der Ecke Schelling-/Türkenstraße gelegen, hat noch immer alte Stammkunden, die täglich, wöchentlich oder auch nur ein Mal im Jahr vorbeikommen. Bernhard Kitzinger ergänzt: „Wir bieten Bücher für Wissenschaftler, die nicht den ganzen Tag auf den Bildschirm starren wollen“.
Wie denn die Zukunft der Antiquariate aussehe? Kitzinger, dessen Urgroßvater das Geschäft im Jahr 1892 gegründet hatte, ist unsicher: „Ob mein Sohn mal den Laden übernehmen wird, glaube ich eher nicht“. Die Antiquariate würden weniger, sagt der Unternehmer und verweist auf Geschäfte, die seit jüngster Zeit nicht mehr in Schwabing sind: der Basis-Buchladen, das Musikantiquariat Knobloch oder das Antiquariat Terrahe, das – auch wegen der hohen Mieten – München verlassen hat, aufs Land gezogen ist und nun online Bücher vertreibt. Der (Aus)Weg aufs Land – das sei denn auch ein einheitlicher bundesweiter Trend, versichert der Börsenverein des Deutschen Buchhandels gegenüber den LiteraturSeiten München. Es wäre ein Jammer, wenn sie aus unserem Stadtbild verschwinden würden: die Antiquariate Hammerstein, Bierl, Kitzinger oder wie sie alle heißen. Diese Läden haben musealen, ja fast sakralen Charakter. Ein Blick ins Antiquariat Rezek ver- und bezaubert, ist unvergesslich, erinnert an das Stillleben eines holländischen Barock-Malers. „Und außerdem“, so versichert Bernhard Kitzinger, „ist der Antiquar doch schon immer der König der Buchhändler gewesen“.
Ina Kuegler
by LiSe | 1. März 2014 | Blog, Vermischtes
Fragen der „LiteraturSeiten München“ an Münchner OB-Kandidaten. Wir haben die drei SpitzenkandidatInnen gefragt und um kurze Antworten gebeten:
Was lesen Sie gerade für ein Buch, oder was haben Sie in jüngster Zeit gelesen? Können Sie es empfehlen?
Dieter Reiter (SPD): Sachbücher und Krimis zum Beispiel. Kürzlich habe ich das Buch von Frank Stauss „Höllenritt Wahlkampf“ gelesen. Das passt gut, da habe ich viele meiner eigenen Erfahrungen wiedergefunden.
Josef Schmid (CSU): „Zu viel Glück“ von Alice Munro, 10 Erzählungen. Toll erzählt.
Sabine Nallinger (Grüne): „1913“ von Florian Illies – das Buch ist unterhaltsam und gleichzeitig lehrreich. Eine spannende und eher seltene Kombination.
Bestsellerlisten, Buchkritiken, Tipps von Freunden – wer oder was veranlasst Sie, ein Buch zu lesen?
Dieter Reiter (SPD): Bestsellerlisten sind durchaus ein Anhaltspunkt, wenn ich ein neues Buch suche. Schmökern im Buchladen mache ich am liebsten, leider habe im Moment zu wenig Zeit. Lesen ist für mich Entspannung pur – ich genieße es, ab und zu in andere Welten abzutauchen oder fremde Welten kennenzulernen.
Josef Schmid (CSU): Einerseits habe ich seinen sehr guten und äußerst belesenen Freund, der kennt fast alles. Seine Tipps sind manchmal schräg, meistens aber ausgezeichnet. Ich schmökere aber auch in „Buchecken“ der Literaturhandlungen. Auch aus Buchkritiken hole ich mir Empfehlungen.
Sabine Nallinger (Grüne): Ich liebe es, durch kleine Buchläden zu schlendern und mich dabei inspirieren zu lassen.
Gibt es ein Buch der Weltliteratur, das Sie angefangen und dann wieder weggelegt haben, weil es Ihnen zu langweilig war?
Dieter Reiter (SPD): Ich muss zugeben, ich bin nicht der große Leser von dicken Büchern der Weltliteratur. Sagen wir’s mal diplomatisch, ab 500 Seiten hört der Spaß auf. Es gibt natürlich auch Bücher der Weltliteratur, die ich gerne gelesen habe, „Narziss und Goldmund“ zum Beispiel von Hermann Hesse. Feuchtwangers „Erfolg“ sollte eine Pflichtlektüre vor allem für junge Menschen sein.
Josef Schmid (CSU): Nein – üblicherweise ziehe ich Angefangenes auch durch!
Sabine Nallinger (Grüne): Leider „Stolz und Vorurteile“ von Jane Austen. Die Geschichte hat mich einfach nicht gefesselt.
Haben Sie drei, vier LieblingsschriftstellerInnen, und wenn ja welche?
Dieter Reiter (SPD): Ich lese Krimis in allen Variationen. Die ersten Krimis von Henning Mankell beispielsweise. „Mittsommermord“ oder „Die Brandmauer“ sind sehr zu empfehlen. Lesen Sie mal Cody McFadyen, da heißt es anschnallen und Türen absperren. Aber auch die netten Krimis aus dem Allgäu sind witzig und spannend geschrieben.
Josef Schmid (CSU): Patrick Süskind, Jonas Jonasson, Otfried Preußler (für die Kinder), Donna Leon zum Entspannen
Sabine Nallinger (Grüne): Oskar Maria Graf, Isabel Allende und Wolfgang Herrndorf
Wo kaufen Sie Ihre Bücher, bei Amazon oder bei der Buchhandlung um die Ecke?
Dieter Reiter (SPD): Wie schon erwähnt, gehe ich am liebsten in den Buchladen und schau mich um. Das ist halt immer eine Zeitfrage.
Josef Schmid (CSU): Grundsätzlich in der Buchhandlung, ich habe ein Faible für den Einzelhandel!
Sabine Nallinger (Grüne): Ich mag es die Bücher durchzublättern, bevor ich sie kaufe. Deswegen immer nur vom Buchhändler um die Ecke.
Sie sind seit Jahren im politischen Geschäft – gab es da auch einmal einen Stoff, der sich für einen (Kriminal)Roman oder für eine TV-Serie geeignet hätte?
Dieter Reiter (SPD): Ja klar, jede Menge:„Wie die CSU in Bayern schamlos bei der SPD abschreibt“ wäre beispielsweise ein super Buch, da kommen mehrere Hundert Seiten zusammen. Oder „Wie die bayerische Staatsregierung die Mieterinnen und Mieter der GBW Wohnungen verkauft hat“. „Wer betrügt, der fliegt“, schlage ich als Sachbuch zum Thema weltoffenes München vor.
Josef Schmid (CSU): Ja, da gäbe es sicher einige Sachen, die ich aber nicht verrate. Denn diese Frage bringt mich auf die Idee, einen solchen Stoff noch selbst als (Drehbuch-)Autor zu verwenden.
Sabine Nallinger (Grüne): Mit Sicherheit die „Verwandtenaffäre“ in Bayerns Staatsregierung und Landtag aus dem vergangenen Jahr. Das wäre genügend Stoff für eine ganze Serie gewesen.
Stadtbibliotheken, das Literaturhaus, das Münchner Literaturbüro, Poetry Slams – nutzen Sie diese kulturellen Angebote?
Dieter Reiter (SPD): Ja, das Literaturhaus hat ein sehr interessantes Programm. Das kenne ich gut. Das Münchner Literaturbüro in Haidhausen wird ja von der Stadt gefördert, aber ich muss zu meiner Schande gestehen, ich war noch nicht da. Poetry Slams sind meine Sache nicht. Die Poetry Slam-Spezialisten können mich ja mal auf einer Veranstaltung besuchen und meine Rede bewerten, das wäre ein Spaß. Man merkt: Derzeit habe ich es mit Polit-Slams zu tun, aber ich fürchte das geht als literarischer Beitrag nicht durch.
Josef Schmid (CSU): Die Stadtbibliotheken nutze ich nach wie vor, weil meine Kinder dort gerne Bücher leihen. Und am letzten Buß- und Bettag habe ich selber an einem „Predigt-Slam“ in Moosach teilgenommen.
Sabine Nallinger (Grüne): Ganz ehrlich: Zurzeit aufgrund der aktuellen Wahlkampfphase eher selten.
by LiSe | 1. März 2014 | Blog, Lyrische Kostprobe
Heit is a lusada Dooch
s Wedda a weng tröiwe
owa aso wöi ganz fei aus Suiwa triem.
D Vegl singa kloalaud und staad
koa Trulla traudse affesteign ed Höi
wöi wenn earana ganza Gsang
ena Touch eipackld waar.
Nix rüat se
koa Astal, koa Blall
d Baam holdn schia s Schnoaufa o.
Ma ko direckt des Vogeh
vo de Minuttn spüan.
A Zfrienheit kimmt iüwa mi
na gehds wieda davu.
Eitz michade gearn irchandwou andast hi.
En Bon om
folld a Tir es Gschloß.
Is wea do?
Tappd wea owa
iüwa d Schdöing?
Enan Dooch wöi heit
kaandt oana vo weit hear kemma
und mi midnemma.
Katharina Bošnjak
by LiSe | 1. März 2014 | Blog, Vermischtes
Mit Gedichten gegen die Vulgarität des Herzens
Ursula Haeusgen sammelt Lyrik
50.000 Bände Lyrik hat Ursula Haeusgen in einem viertel Jahrhundert zusammen getragen. Seit 2005 steht dieser Schatz den Münchner im Lyrik Kabinett im Hinterhof der Amalienstraße 83 zur Verfügung. Für die Sammlerin gehört das Gedicht zum Leben wie die Luft zum Atmen. Deshalb ist es für sie selbstverständlich, ihre Sammlung als Bibliothek öffentlich zugänglich zu machen. Tagtäglich sichtet sie Neuerscheinungen und Erstausgaben, stellt Kontakte her zu in- und ausländischen Poeten und organisiert ihnen eine Bühne im Veranstaltungssaal inmitten von Bücherschränken. Und ganz nebenbei sammelt sie auch noch Künstlerbücher und Arbeiten der bildenden Kunst.
Gedichte haben Ursula Haeusgen schon immer in einer ganz besonderen Weise angesprochen. Gedichte, sagt sie, gibt es in jeder Sprache. Und es gibt sie von Anbeginn an. Klagen, Anrufungen, Gebete, Zaubersprüche, Sprachspielereien, sie alle stehen für das Bedürfnis der Menschen, nicht nur sich auszudrücken, sondern sich die Welt und das Leben verständlich zu machen. Gern zitiert die gebürtige Münchnerin Johann Georg G. Hamann, der die Poesie als „die Muttersprache des Menschengeschlechts“ bezeichnete. Gedichte können verzaubern, und sie können verstören; ohne Wirkung sind sie nie. Und sie entfalten ihre Wirkung auf die Seele in einer ganz besonders konzentrierten Weise.
Es war kein gerader Weg vom Bücherregal mit Lyrikbänden zum Lyrik Kabinett in der heutigen Form. Als ihre drei Kinder erwachsen waren, eröffnete Ursula Haeusgen in einem zum Abriss bestimmten Bürohaus in einer Seitenstraße der Maximilianstrasse eine kleine Lyrik-Buchhandlung, neben den lieferbaren Büchern bereits damals auch mit antiquarischen und Künstlerbüchern. Auch Lesungen gehörten schon damals zum Programm und fanden durchaus ein Publikum. Dann wurde das Haus tatsächlich abgerissen. „Da“, sagt die Lyrikliebhaberin heute, „habe ich einen großen Fehler gemacht. Ich habe einen Laden in der Maximilianstrasse gemietet, weil ich dachte, nicht weit entfernt von den Museen und in der Nähe vieler Galerien würde ich in der Woche doch zumindest ein Künstlerbuch verkaufen und käme damit bezüglich der Miete auf plus/minus Null. Das war ein Irrtum. Es kamen zwar viele Künstler, selbst aus Amerika, um mir ihre Bücher anzubieten – aber Liebhaber oder Kunden dafür gab es nur sehr wenige.“ Sie musste die Buchhandlung schließen. Doch die Liebe zur Lyrik und den Wunsch, diese Liebe zu teilen, ließ sie sich nicht austreiben.
Die Jahre der Wanderschaft begannen. Vorübergehend bahnte sich eine Möglichkeit zur Kooperation mit dem neu gegründeten Literaturhaus an. Die Zusammenarbeit mit der Universität und dem damaligen Lehrstuhl für Komparatistik erwies sich aber als nachhaltiger. Nach verschiedenen Stationen und verschiedenen Lesungsorten zog das Lyrik Kabinett, das die Sammlerin inzwischen in einen Verein überführt hatte, in die Seminarräume von Prof. Hendrik Birus. Und als diese für die wachsende Bibliothek zu klein wurden, übertrug sie einen größeren Teil ihres Erbes in eine Stiftung, um endlich Nägel mit Köpfen zu machen. Die Stiftung pachtete den Hinterhof in der Amalienstraße von der Universität und eröffnete 2004 das Lyrik Kabinett, wie die Münchner es heute kennen.
Die Sammlung umfasst fünf Bereiche. Deutschsprachige Lyrik sowie Übersetzungen ins Deutsche bilden die Grundlage, Lyrik in englisch-, französisch-, spanisch- und italienischsprachigen Originalausgaben sowie einzelne Bände in allen möglichen Sprachen runden die Sammlung ab, antiquarisch erworbene Bände machen einen nicht kleinen Teil der Sammlung aus, Künstlerbücher zum Thema Poesie sind immer noch ein ergänzendes Steckenpferd der Sammlerin. Jährlich kommen etwa 1500 Monographien hinzu, 42 Literaturzeitschriften sind fest abonniert. Der Bestand ist nach den Regeln des Bayerischen Bibliothekverbunds katalogisiert. Es gibt drei PC-Arbeitsplätze. Und wer lesen (und studieren oder auch nur genießen) will, tut dies in der stillen Obhut von Kunstwerken, die Münchner Künstler nicht eben selten in tiefer Verbundenheit zur Stifterin geschaffen haben. Architektur und Einrichtung der Bibliothek strahlen Frohsinn aus – die Leser(innen) mögen es überprüfen.
Das Lyrik Kabinett will Lust auf Lyrik machen und pflegen. Die Instrumente sind zahlreich, neuerdings werden sie in Gang gesetzt von Dr. Holger Pils, der am 1. Januar die Geschäftsführung übernommen hat. Da gibt es zum einen die regelmäßigen Lesungen, mal mit zeitgenössischen Autoren, mal über Schriftsteller früherer Generationen. Fremdsprachige Autoren lesen immer auch in ihrer Muttersprache. Im Veranstaltungsprogramm finden sich Poetry Slams ebenso wie Diskussionsrunden („Neueste deutsche Lyrik“). Die „Münchner Reden zur Poesie“ bieten ein Forum in Heftform für die Positionierung der Dichtung im großen Rahmen der Literatur. Das Lyrik Kabinett betätigt sich also auch als Kleinstverlag und arbeitet unter anderem mit der Bayerischen Staatsbibliothek, der Israelitischen Kultusgemeinde, dem Bayerischen Rundfunk, der Künstlerseelsorge und verschiedenen Kulturinstituten zusammen.
Der Mensch braucht die Dichtung, und Dichtung braucht ein Publikum, dafür steht die Lyriksammlerin Ursula Haeusgen, denn die Poesie ist – und auch hier zitiert die Sammlerin – „die einzig verfügbare Versicherung gegen die Vulgarität des Herzens“ (Joseph Brodsky).
Ursula Sautmann
Die Bibliothek ist geöffnet Montag und Mittwoch von 10 bis 13 Uhr, Dienstag und Donnerstag von 15 bis 21 Uhr (an Veranstaltungstagen nur bis 18 Uhr), Samstag von 12 bis 18 Uhr. Das Programm findet sich unter www.lyrik-kabinett.de und in den LiteraturSeiten München.
by LiSe | 1. März 2014 | Blog, Titelgeschichte
Das Literaturhaus erinnert mit einer Ausstellung an den Schriftsteller und Soldaten Robert Musil
Der Gesang des Todes“ ist die neue Ausstellung des Literaturhauses München über „Robert Musil und der Erste Weltkrieg“ überschrieben. Sie versteht sich als Beitrag zum literarischen Gedenken an den Ausbruch des 1. Weltkriegs vor hundert Jahren. Der österreichische Schriftsteller war aktiv am Kriegsgeschehen beteiligt, und er hat seine Eindrücke und Erfahrungen in zahlreichen Texten höchst subtil und manchmal verstörend direkt beschrieben. Die Ausstellung macht die ganz persönlichen Beobachtungen eines Literaten in einer Ausnahmesituation sicht- und hörbar, ergänzt die Eindrücke durch Bilder und Exponate, und hilft mit Begleitveranstaltungen, sich ein Bild zu machen. Einem Urteil über den Schriftsteller und seine Haltung zum Krieg will sich die Ausstellung ausdrücklich verweigern.
„10. Oktober 1915: Der Laut des Geschosses ist ein anschwellendes und, wenn der Schuss über einen fortgeht, wieder abschwellendes Pfeifen, in dem er ei-Laut nicht zur Bildung gelangt. Große Geschosse nicht zu hoch über der eigenen Stellung lassen den Laut zum Rauschen anschwellen, ja zu einem Dröhnen der Luft, das einen metallischen Beiklang hat. So gestern auf dem Monte Carbonile, als die Italiener von der Cima Manderiolo auf den Pizzo di Vezzena schossen und die Panorotta über uns weg auf die italienischen Stellungen. Der Eindruck war der eines unheimlichen Aufruhrs in der Natur. Die Felsen rauschten und dröhnten. Gefühl einer bösartigen Sinnlosigkeit.“ So schreibt ein Mann in sein Tagebuch, der von Kindesbeinen an in Militärschulen ausgebildet wurde und sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hat. 1915 hat er allerdings auch schon eine Menge anderer als von militärischer Zucht und Ordnung und den Geräuschen des Krieges definierte Erfahrungen gemacht. 1901 absolvierte er, im Alter von 20 Jahren, sein Examen als Ingenieur, studierte ab 1903 Philosophie und Psychologie in Berlin, entwickelte 1906 den Musilschen Farbkreisel und promovierte 1908 über das Thema „Beitrag zur Beurteilung der Lehren Machs“, eines Physikers, der sich mit Fragen der Philosophie auseinandersetzte.
Als Robert Musil 1914 in den Krieg zieht, ist er Reserveoffizier, seit drei Jahren verheiratet und aus Überzeugung in den Südtiroler Bergen, zunächst an der Front, dann in der Etappe. Er erlebt den Gebirgskrieg mit allen Sinnen, und er beschreibt seine Erlebnisse mit Worten, die dem Leser noch heute nahe gehen. „Über ihn schossen sie, Freund und Feind, und er lag zwischen beiden, von beiden verlassen wie Brot, das gegessen ist, von beiden mit der gleichen Herzlosigkeit bedroht. Shrapnels zerrissen die Luft, von Granaten aufgeworfene Erde überstäubte ihn, er konnte nicht flüchten, noch Schutz suchen; eine namenlose Angst, Einsamkeit und Verachtung quälten ihn, machten ihn erstarren, dann verlor er das Bewusstsein“, heißt es in „Ein Gesang des Todes“, und weiter: „Die Kriegsmaschine arbeitete langsam und rostig.“ Die Ausstellung verfolgt die biographischen Stationen und stellt den Bezug her zu den literarischen Beiträgen des Autors in Rahmen von Werkinseln. So wird, als Beispiel, der Fliegerpfeil aus einem italienischen Flugzeug, der Musil nur knapp verfehlt, in der Erzählung „Die Amsel“ verarbeitet.
Die Ausstellung vermittelt, wie ein Beteiligter den Krieg erlebt hat. Karolina Kühn, gemeinsam mit Literaturhausleiter Reinhard G. Wittmann im Kuratorium, lässt den Autor selbst sprechen und den Besucher so ganz nah heran an eine Erfahrung, die viele heute zum Glück nur vom Hörensagen kennen. Musil, das wird eindrücklich gezeigt, war einer von vielen, aber ganz einzigartig in der Art, wie er seine Erlebnisse und Eindrücke in Worte fasste. Und natürlich haben sie auch nach 1918 eine große Rolle in seinem Leben und seinen Werken gespielt, auch wenn er, wie Kühn betont, den Krieg als solchen aus den veröffentlichten Texten eliminiert hat.
„Man kann den Krieg auf die Formel bringen: Man stirbt für seine Ideale, weil es sich nicht lohnt für sie zu leben. Oder: Es ist als Idealist leichter zu sterben als zu leben. Eine ungeheure Flaute lag über Europa und wurde wohl am drückendsten in Deutschland empfunden“, formuliert Musil um 1918, im Rückblick auf den Kriegsausbruch und die weit verbreitete Begeisterung. Hat Musil seine Beteiligung bereut? War er Militarist? Und wird er zum Pazifisten, als er 1922 schreibt: „Wir waren früher betriebsame Bürger, sind dann Mörder, Totschläger, Diebe, Brandstifter und ähnliches geworden…“? Auf diese Fragen wird jeder Besucher seine eigenen Antworten suchen (müssen).
Ursula Sautmann
Die Ausstellung im Erdgeschoss des Literaturhauses ist Montag bis Freitag von 11 bis 19 Uhr, Samstag, Sonntag und Feiertags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 5/3 Euro (Studierende zahlen an Montagen 2 Euro).