[Lise 05/20] Gedenkveranstaltung: Lesung gegen das Vergessen

Sonntag, den 10. Mai 2020
Lesung gegen das Vergessen
von 12 bis 14.30 Uhr ganz vielleicht auf dem Odeonsplatz, auf jeden Fall ganztägig online 

Der 10. Mai 1933 war für viele Menschen in Deutschland ein lebensentscheidender Schicksalstag. Von heute auf morgen verloren sie ihre Lebensgrundlage. Denn am 10. Mai 1933 verbrannten Professoren und Studierende auf lodernden Scheiterhaufen Bücher von Hunderten von Autor*innen. Deutschlandweit organisierten die Nazis diese Feuer auf großen Plätzen – wie in München auf dem Königsplatz – als „Gesamtaktion“ gegen den intellektuellen „Zersetzungsgeist“. (mehr …)

[Lise 05/20] Literarische Archive (Folge 15): Sie schrieben ihm 

Spuren berühmter Literaten im Nachlass Eduard von Schenks

von Antonie Magen

Der Name Eduard von Schenk (*1788) ist heute weitgehend vergessen. Genannt wird er lediglich noch in Geschichtsbüchern, die sich mit der bayerischen Innen- und Kulturpolitik des Vormärz beschäftigen: In erster Linie beschreiben sie die Karriere, die Schenk nach seiner juristischen Promotion im bayerischen Staatsdienst machte, und die sich in den 1820er Jahren zusehend beschleunigte. Nach einigen Jahren im Justizministerium trat er 1826 ins Innenministerium ein. Dort wurde er zunächst Leiter der Abteilung für Kirchen- und Schulangelegenheiten; bereits zweieinhalb Jahre später ernannte ihn Ludwig I. zum Innenminister. Dieses Amt hatte er bis 1831 inne. Danach wurde er als Generalkommissär des Regenkreises nach Regensburg versetzt, wo er bis zu seinem Tod am 26.4.1841 blieb. (mehr …)

[Lise 05/20] Literatur im Netz: Literaturveranstaltungen Online

Literaturveranstaltungen können nach wie vor nur im Netz stattfinden. Wir zeigen Ihnen hier ein paar ausgewählte Empfehlungen.

Doris Dörrie
Morning Pages: zehn Minuten Schreiben ohne abzusetzen
www.instagram.com

KRIMIFESTIVAL MÜNCHEN
Vorstellung er Autoren und Bücher, deren Lesungen verschoben wurden
www.facebook.com/krimifestival

SZ-PODCAST:
Milbergs literarischer Balkon, täglich unter
www.sueddeutsche.de/thema/

Axel_Milbergs_Literatur-Podcast
Resi ruft an
Schauspieler lesen live am Telefon Texte vor.
www.residenztheater.de/Resi-liest-vor

HOCHX: Kettenreaktion
eine Gesprächsverrichtung von und mit Ruth Geiersberger
theater-hochx.de/phone/kettenreaktion.html

TAMS HEIMTHEATER
das Käthchen von Heilbronn hab ich mir anders vorgestellt u.a.
tamstheater.com/heimtheater

[Lise 05/20] Lyrische Kostproben

oder

etwas als solches oder sozusagen geschenkt
ein wort mit vier buchstaben zum beispiel
oder eine spontanfrequenz, schmerzfrei sogar
oder ausrangiert als ganzes wenn nicht
in effigie dann extra commercium vielleicht
ein krokodilschluß oder eine krankheit der natur
– eine disjunktionsschaltung im volksmund nur

etwas als solches oder doch vielmehr nichts
als dasselbe noch einmal zur abwechslung ein er
ohne oder eine sie mit, vielleicht eine neue
gattung auf abruf oder ein böses erwachen im netz
als Kuckucksei zum beispiel oder als funke
für den kalten rest – was macht den unterschied,
die sache selbst?

Daniele Dell’Agli

 

umtausch ausgeschlossen

wenn es den konjunktiv nicht gäbe,
wäre alles wie immer: die erste liebe
ein drama, blutgruppe unbekannt,
gerechtigkeit selten.

das problem mit dem konjunktiv: man weiß nie
ob er hält, was er verspricht: kühlaggregat,
abstandssensor, schwingungsfilter, was
hat man ihm nicht schon angedichtet.

dabei kann man im konjunktiv nicht mal
durchschlafen, geschweige denn zimmer
verdunkeln. und wozu auch? ohne ihn
geht es alles schneller. das erwachsenwerden,

die beziehungsflucht, der katzenjammer.
dafür muß man im konjunktiv alles
alleine machen. schwimmen lernen,
bilanzen fälschen, geburtstag vergessen.

früher, ja, da gab es noch kurschatten
für heiße wangen, schaltsignale
für gute ratschläge, schwingtüren
für beifall von der falschen seite.

heute heißt es wunden lecken, rückwärts
vor dem einschlafen die telomeren zählen.
hinter lichten vorhängen, mit gereizten
konjunktiven, das steht fest, wächst es

sich nicht mehr raus, sondern rein
ins Gedächtnis: erste liebe kein drama,
blutgruppe selten, gerechtigkeit unbekannt.

Daniele Dell’Agli

 

Erleuchtung des instrumentalisierten Himmels

Ein Baum das Land, und die Rosen
blühn aus alter Kraft.
Das facettenreiche Auge
wandelt im Abglanz: Der Baum
beschattet seine Kinder, hat
mit schwankender lastender Frau
einen langen Weg beschritten.

Der spöttische Untergang
wird immer ein Zimmer finden.
Wir werden beim Rauch stehn,
mit Zeit und Ziel und Zahl.

Wolfgang Berends

 

M e t a p h y s i s c h e s

Vermutlich der Oberteufel mit
seinen zielgenauen Augen und
dem großkalibrigen Gewehr
hat unsere Welt in Stücke geschossen.
Wälder, weggerissene Berge, Teile
von Städten fliegen umher,
durcheinander grün, grau, gelb, rot,
Gewissheiten, Wahrheiten, Schönheiten,
Freundschaften, Feindschaften, Hiobsbotschaften,
Verantwortungsgefühl, Mitgefühl, überhaupt Gefühl,
kopfüber, kopfunter und Querschläger.
Sogar den Teufelskindern wird es bang:
Vater, dauert das noch lang?
Wenn so ein Trumm die Hölle trifft,
da nehmen wir doch lieber Gift!
Beruhigt euch, Kinder, in kurzer Zeit,
so etwa in hundert Jahren,
zeigen die Menschen ein bessres Gebaren,
fügen die Stücke zu neuer Einheit,
ordnen die Welt, wie’s allen gefällt.
Dann habt ihr gelernt, wie man’s ihnen
wieder vergällt.

Hans Buchner

 

R ä t s e l h a f t  ?

Wir halten eine kleine Qualle
in der Hand. Ihre Fäden treiben
weit über die Welt und
saugen ein, was sie erreichen können,
Nebensächliches, Nützliches, Wichtiges
und Unsinn. Auf seinem Schirm
zeigt das Glibbertier alles,
was wir bestellen und schießt
als Zugabe das klebrige Nesselgift
in das Gehirn des Betrachters. Wer
kleben bleibt, zappelt wie die
Maus im Rachen der Katze.

Hans Buchner

[Lise 05/20] Kurzgeschichte: VERDIENTES GELD

Internatsszene aus Niederbayern

Von Hans-Karl Fischer

Ich stand mit Robert und Benno am Mittag neben dem Schipferl, in gewohnter Altersweisheit sprachen wir über das Wesen des Geldes.
Da ich notorisch gegen alles war, was den anderen als bedeutend galt, behauptete ich, wenn man sich in zu großem Umfang mit Geld abgebe, mache das den Menschen böse.
„Für Geld kann man alles tun“, sagte ich. „Den eigenen Staat, die Familie, die Freunde verraten, alles wird ja auch in einer Tour für Geld getan.“
Benno, bei dem es manchmal hoch hergehen musste, sagte:
„Ich weiß etwas, was niemand für Geld tut.“
„Was?“
Er spuckte auf den Boden.
„Schleck’s auf.“
„Warum?“
„Du hast gerade gesagt, für Geld kann man alles tun.“
„Ja, gut –“
„Dann tu es. Du bekommst zehn Mark.“ (mehr …)

[Lise 05/20] Bundeswettbewerb: Treffen junger Autor*innen

Die Berliner Festspiele (berlinerfestspiele.de) führen insgesamt vier Bundeswettbewerbe durch, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und von der Kultusministerkonferenz als unterstützenswert eingestuft werden. Gesucht werden schreibende Menschen im Alter von 11 bis 21 Jahren!
Der Preis ist die Einladung zum Treffen junger Autor*innen – mit Gesprächen, Lesungen, Textwerkstätten und der Veröffentlichung ihrer Texte in der Jahrgangsanthologie. Alle Kosten für die Teilnahme werden übernommen.

Das Treffen junge Autor*innen findet vom 12. bis 16. November 2020 in Berlin statt.

Der Bewerbungsschluss ist der 15. Juli 2020.

Bewerben kann man sich über das Bewerbungsportal bewerbung.bundeswettbewerbe.berlin/login

[Lise 05/20] Rezensionen: Dachau, Moabit und zurück

Eine Begegnung mit Albrecht Haushofer

Von Bernd Zabel

Wer die Straße, die vom Ammersee nach Andechs führt, befährt, passiert auf dem Scheitelpunkt des bewaldeten Höhenrückens einen Wegweiser mit der Aufschrift: Hartschimmelhof, Privatstraße. Nur wenige wissen, dass sich der Hof seit Generationen im Besitz der Familie Haushofer befindet. Haushofer? Albrecht? Verfasser der „Moabiter Sonette“? Da klingelt es bei manchem. Als politischer Gefangener, den Verschwörern des 20. Juli 1944 zugerechnet, unmittelbar vor Kriegsende ermordet, hat er in der Haft ein einzigartiges literarisches Zeugnis verfasst, eben diese 80 Sonette, die in den 50er und 60er Jahren zur Pflichtlektüre im Deutschunterricht gehörten. Auf diese Weise ist auch Norbert Göttler mit den Gedichten in Berührung gekommen als Gymnasiast in Dachau. Die Erinnerungen aus der Nachkriegszeit verbindet er mit Zitaten aus den Sonetten und mit der Geschichte ihres Autors und bezeichnet das schmale Bändchen bescheidenerweise als literarische Collage. Aber es ist mehr als das. Am Leben Haushofers wird exemplarisch deutlich, wie der deutsche Konservativismus zum Steigbügelhalter des Nazismus wurde – ohne es in letzter Konsequenz zu wollen. Man könnte meinen, diese Geschichte wäre schon allzu oft und an vielen Beispielen erzählt. Aber gilt es nicht, jede Generation aufs Neue mit der Problematik zu konfrontieren? (mehr …)

[LiSe 05/20] Rezension: Weggesperrte Zeit, verschwiegenes Land 

Pierre Jarawans neuer Roman über die Vergangenheitsbewältigung im Libanon 

Von Slávka Rude-Porubská

In der Programmreihe „München leuchtet“ hat Pierre Jarawan seinen neuen Roman noch vor dem Corona-Shutdown im Münchner Literaturhaus vorgestellt. Über den Schauplatz des Romans, Libanons Hauptstadt, ließe sich nach der Lektüre vielleicht behaupten: „Beirut hallt, vibriert, klingt, schallt – und schweigt zugleich“. Jarawan lässt gekonnt und in bildreicher Erzählweise Szenen des multikulturellen Beiruts aus mehreren Zeitebenen entstehen: Da ist einmal die pulsierende, mondäne Metropole der Zeit vor dem Bürgerkrieg, „die viele Religionen kennt“ und in der der Gesang des Muezzins und das Geläut der Kirchenglocken wie ein harmonischer Klangteppich über der Stadt schweben. Da ist die 15-jährige Phase des verheerenden Bürgerkriegs zwischen den Milizen unterschiedlicher Religionsgemeinschaften von 1975 bis 1990, in der schon Kleinkinder „allein an der Veränderung der Tonhöhe“ unterschieden können, „ob eine Rakete auf das Viertel zukam oder es verließ, und welche Waffe sie abgefeuert hatte“. Da sind dann die Jahre des rasanten wirtschaftlichen Wiederaufbaus mit dem unaufhörlichen Baulärm der „Zementmischer und Generatoren, Hydraulikhämmer und Kreissägen, Schlagbohrer und Schweißgeräte“. Und schließlich umfasst der Roman auch die Zeitspanne des von „Grollen von Detonationen“ geprägten Abzugs Syriens aus dem Libanon 2005/06 sowie der Anfänge der politischen Umwälzungen im Arabischen Frühling 2011. (mehr …)