[LiSe 04/20] Rezension: Dies- und jenseits der Literatur

Uwe Timm und die Nicht-Orte

Von Katrin Diehl

Für Uwe Timm haben Utopien etwas Anziehendes. Sie interessieren ihn. In seinem gerade neu erschienenen Buch „Der Verrückte in den Dünen. Über Utopie und Literatur“ nimmt er sich – verlässlich ausgerüstet mit Ernst Blochs „Das Prinzip Hoffnung“ – der literatisierten Utopien, Gegenwelten und Sehnsüchte nach diesen Gegenwelten an. Seine Tour d’Horizon geht von Thomas Morus‘ „Utopia“ über Defoes „Robinson Crusoe“ und Kleists „Erdbeben in Chili“ bis hin zu Étienne Cabets „Ikarien“. Utopische Weltentwürfe, das macht Timm klar, lassen Schlüsse auf Mängel im jeweiligen Hier und Jetzt zu, weisen auf soziale Ungerechtigkeiten hin, Schlechtigkeiten, dunkle Seiten, die eben das Verlangen nach Veränderungen ein wenig maßlos werden lassen können. Die Utopie also als eine Form der Gesellschaftkritik, die sich in Literatur niederschlägt. Das kleine Wörtchen „noch“ – „noch ist dies oder das zwar nicht so oder so, aber wartet nur …“ –, das jeder Utopie innewohnt, wischt Uwe Timm nicht einfach hemdsärmelig vom Tisch. Dafür steht er der Utopie als Ideengeberin viel zu nahe, dafür zieht sie sich als Dreh- und Angelpunkt viel zu häufig (von „Der Schlangenbaum“ aus dem Jahr 1986 bis zu „Ikarien“ von 2017) durch sein eigenes literarisches Werk. Gerade ist Uwe Timm, der zu den wichtigsten, meistgelesenen deutschen Autoren gehört, 80 Jahre alt geworden und wie die Neuerscheinung nahelegt, scheint er weiterhin auf der Suche nach „Orten“ zu sein, an denen sich „bessere, also gerechtere, freiere, lustvollere Möglichkeiten des Zusammenlebens finden“. Könnte am Ende ja die Literatur selbst sein. Das Lesen als Möglichkeit, utopische Räume zu betreten: „Im Sessel oder auf der Bank sitzend, wandeln wir mit Leopold Bloom durch Dublin oder mit Franz Biberkopf durch das Berlin der Zwanzigerjahre. Literatur ist der ou tópos, der Nicht-Ort. Die Utopie ist der unwirkliche Ort.“ (mehr …)

[LiSe 04/20] Poesiebriefkasten: Impfworte gegen den Corona-Blues

Aufruf zu einer poetischen Postaktion

Wegen des Corona-Virus haben in ganz München die kulturellen Einrichtungen geschlossen. In ganz München? Im Münchner Stadtteil Giesing macht der Poesiebriefkasten nach wie vor die Klappe auf. Die Briefzusteller*innen der Deutschen Post AG bringen ihm zur Zeit vor allem Virus-Gedichte.

Das unbedingte Gebot der Stunde lautet „soziale Distanz“. Gerade die eröffnet Chancen für poetische Nähe. Das Unfassbare und Bedrohliche der Epidemie kann offenbar gut in Lyrik umgesetzt werden. So sind bereits ein bairischer Hass-Limerick, ein zorniges Gebet, eine Hamsterballade und ein Corona-Medley in der roten Gedichtesammelstelle eingetrudelt. (mehr …)

[LiSe 03/20] Geschichten erzählen, Panel für Panel

Die Münchner Comic-Zeichnerin Barbara Yelin

Von Katrin Diehl

Vor den drei großen Schaufenstern spielen sich Geschichten ab, so wie sich auf der ganzen Welt und zu jedem Zeitpunkt Geschichten abspielen. Man muss sie nur sehen, das heißt sehen wollen. Barbara Yelin will. Denn Geschichten sind für sie zum Sehen, und dann – haben sie das Zeug dazu – zum Erzählen da. Barbara Yelin erzählt mit Zeichnungen. Sie erzählt in Comics, und so schwer man sich mit der Verortung dieses Genres zwischen Literatur, bildender Kunst, Film… auch tut, für Yelin ist der Comic eben ein Erzählmedium, eines, das aus einer Folge gezeichneter Bildern besteht, kombiniert mit mal mehr, mal weniger Text. Auf viele Menschen, Kinder, Erwachsene, üben Comics eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus, sie sind „populär“ und sie sind eine Kunstform. Eine absolut reizvolle Kombination. (mehr …)

[LiSe 03/20] Kolumne: Chinoiserien

Kennen Sie den schon? „Kommt ein Chinese auf den Nockherberg …“ Stopp, stopp, keinesfalls Chinesenwitze hier zur Starkbierzeit! Wir wagen es nicht, das hochliterarische Genre des „Chinawitzes“ in die Kolumne einzuführen, als wären das jetzt plötzlich unsere Nachbarn, die Chinesen – Ostfriesen, ja, Schweizer auch und „Ösis“ – selbstverständlich! Aber ist China Nachbar? Sind wir reif dafür? Und Witzeleien angesichts unserer Abhängigkeit von „seltenen Erden“, von SUV-Absatzmärkten und Pandabären? Seit das Corona-Virus aus Wuhan in aller – pardon – Munde ist, wissen wir erst, wie Unrecht wir dem großen Visionär und Exkanzler K. G. Kiesinger getan haben, seine Warnung „China, China, China“ leichtfertig in den Wind zu schlagen. Zwar haben wir in Oberbayern auch eine bedenkliche Virus-Neigung, nämlich 25 % mehr als im letzten Jahr allein im Vergleich der vierten Kalenderwoche und da ist der Fasching noch gar nicht mitgerechnet, der uns einander so gefährlich nahebringt! Peinlich aber, es ist nur das ordinäre Grippe-Virus. (mehr …)

[LiSe 03/20] Lyrische Kostprobe: Spieltage

Livegräten mit leucht-enden strecken sich über die köpfe anderer
und tribünen zählen bis zu 4 weiße zwerge auf roten riesen
deren nummern und namen auf vielen rücken hochgehalten werden
zeigen an wer sich dort verspekuliert hat und wer noch gerade sitzt
Ein Lewandowski liest dann an der rückseite der fankurve
seine erhaltenen likes und die geraten durch ihn selbst in (un)gute relation
zu seiner torquote in diesem jahr vergleicht er sich im graphenwald
der topligen mit deren überfliegern anderen schattenwerfenden nazgul
Aus einem haufen scorerpunkte bei soundsovielen spielminuten zu den
ergebnissen mehrerer wahlen zum spieler des tages schaut auch
meine formkurve wie ein regenwurm hervor mit
mit- und gegenspielern befinde ich mich im auto auf auswärtsfahrt
lauter leiser radiowellen tinitus-tor-tinitus in den unteren ligen muss man
sich zu leiberln der einzelnen teams die 1 2 3 oder 4 sterne dazu denken
Dagegen die saison als zeit des vor-sich-hin-grasens und des
den-auswärtsspielen-sich-in-stille-näherns ohne eine ahnung
auf wen man trifft und wo dessen platz liegt
Es sitzt am straßenrand länger als zwei dreiviertel stunden
an leuchtpflöcke geschmiegter wolliger phantomschmerz 

Jonas Bokelmann

[LiSe 03/20] Lyrik-Kabinett: Konkrete Poesie 

Mit dem Namen „Konkrete Poesie“ verbindet sich eine Stilrichtung, die in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts die literarische Szene aufmischte. Als auditive und visuelle Poesie die Grenzen zur Musik und Grafik überschreitend, war sie mit Namen wie Hartmut Geerken, Helmut Heißenbüttel, Ernst Jandl, Gerhard Rühm und Eugen Gomringer verbunden. Letzterer wird Ehrengast des Eröffnungsabends am 03. März sein. Es war schon immer eine internationale Szene, deshalb heißt es auch jetzt auf Englisch: KLANG FARBEN TEXT – VISUAL POETRY FOR THE 21ST CENTURY. Teilnehmen werden: Victoria Bean, Kim Campanello, Gerhild Ebel, Falkner, Steven J. Fowler, Angelika Janz, Benedikt Kuhn, Michael Lentz, Chris McCabe, Robert Montgomery, Jürgen Olbrich, Barrie Tullet, die an drei aufeinander folgenden Abenden, vom 3.-5. März im Lyrik-Kabinett München auftreten.

Bernd Zabel

[LiSe 03/20] Kinder- und Jugendmedien: 14. MÜNCHNER BÜCHERSCHAU JUNIOR

14. MÜNCHNER BÜCHERSCHAU JUNIOR

7. bis 15.03.2020

Mehr als 5.000 Bücher und Kindermedien für die ganze Familie präsentiert die Münchner Bücherschau junior täglich von 9:00 bis 19:00 Uhr bei freiem Eintritt.

Das abwechslungsreiche Veranstaltungsprogramm bietet Workshops rund ums Buch, Exkursionen und viele Autorenlesungen aus spannenden Krimis, interessanten Sachbüchern und illustrierten Bilderbüchern.

Mehr Informationen unter: www.muenchner-buecherschau-junior.de

[LiSe 03/20] Literarische Archive (Folge 13): „Vor deiner Haut beginnt die Fremde“

Der Schriftsteller Hermann Lenz und München

Von Bernd Zabel

Gut, dass es Menschen wie Beate Grentzenberg und Thomas Rauch gibt. Sie halten das Andenken an den Autor Hermann Lenz lebendig. Das Haus des 1998 verstorbenen Schriftstellers liegt in der Mannheimer Straße, München-Schwabing, einer nur ca. 200 m langen Straße, in der 1936 das Haus gebaut wurde, in dem sich bis heute die Bibliothek und Original-Möbel finden. Zur Gartenseite hin überwuchert üppiger Efeu die Fassade, den hatte seine Frau Hanne aus dem Schwäbischen mitgebracht und er gedeiht bis heute prächtig. Lenz hat mehr als 30 Bücher geschrieben, wurde erst spät, 1973, unter tätiger Mithilfe Peter Handkes entdeckt, da war er schon 59 und hatte lange Jahre literarischer Nicht-Existenz hinter sich. (mehr …)