[LiSe 02/25] Empfehlungen: Buchtipps aus erster Hand

Die Mitarbeiter*innen der Münchner Stadtbibliotheken empfehlen für den Monat Februar diese Neuerscheinungen:

Rabea Edel: Portrait meiner Mutter mit Geistern
H. Beck

Raisa lebt allein mit ihrer Mutter Martha und das schon immer. An ihren Vater hat sie keine Erinnerung. Ihr Name ist das Einzige, was sie von ihm bekommen hat – besser so, sagt Martha. Doch Raisa beginnt, Fragen zu stellen. Als der Nachbarsjunge Mat verschwindet, beginnt Martha zu erzählen. Von Lügen, die schützen, und Lügen, die in Gefahr bringen. Von der Liebe ihres Lebens und ihrem größten Verlust. Rabea Edel zeichnet die bewegende Lebensgeschichte ihrer Mutter und das Portrait einer Nachkriegsgeneration, die im Schatten der Gewalt und des Schweigens aufgewachsen ist. Ein Buch wie ein Kaleidoskop, das vor allem die Frauen in den Blick nimmt.

Matthias Lohre: Teufels Bruder
Piper

Der Roman über die rätselhafte Zeit, als aus dem Schulversager der Autor der weltberühmten „Buddenbrooks“ wurde: jene eineinhalb Jahre, die Thomas Mann mit seinem Bruder Heinrich in Italien verlebte. Dabei, so gestand er kurz vor seinem Tod, begegnete er im Sommer 1897 dem Teufel. Was also widerfuhr dem 22-jährigen Thomas Mann, das den Menschen und Künstler für immer veränderte? „Teufels Bruder“ erzählt von der Sehnsucht nach Liebe und dem schmerzhaften Versuch herauszufinden, wer man wirklich ist. Historisch genau, profund recherchiert und zugleich spekulativ. Eine eigenständige Geschichte mit zahlreichen Werkbe-zügen.

Münchner Stadtbibliothek
Stadtbibliothek im HP8, Hans-Preißinger-Straße 8, Sendling
Stadtbibliothek im Motorama, Rosenheimer Straße 30-32
www.muenchner-stadtbibliothek.de 

Alle vorgestellten Bücher sind in der Münchner Stadtbibliothek an einen Standort der eigenen Wahl bestellbar (Voraussetzung ist ein Kund*innenausweis).

[LiSe 02/25] Kurzgeschichte: Guten Morgen!

Von Sarah Neumann

Sie erwischte sich dabei, wie sie laut vor sich hin schimpfte. Sie war gerade erst aufgestanden und in die Küche gegangen und schon ärgerte sie sich über ihn. Wie er immer das Radio aussteckte, sodass sie erst warten musste, bis es den Sender wieder gefunden hatte und wie er immer die Gläser der Kinder wegräumte, aber nie wieder frische auf den Tisch stellte. Nein, das musste natürlich sie machen! Morgens um 5:30 Uhr, während er oben im Bett lag und noch schlafen durfte. Sie stand sicher nicht freiwillig so früh auf, würde auch lieber noch weiterschlafen. (mehr …)

[LiSe 02/25] Rezension: Schwere Kost

Der neue Band von Birk Meinhardt fordert seine Leser*innen

Von Michael Berwanger

Es gibt Bücher, die uns nicht zur Ruhe kommen lassen, weil sie Gedanken freisetzen, die uns zurückschrecken lassen, aus Angst, Argumente der falschen Seite anzunehmen. Der langjährige SZ-Redakteur Birk Meinhardt konfrontiert seine Leser*innen in seinem neuesten Buch „Abkehr“ – es trägt keine Genre-Bezeichnung – mit derartigen Gedankengängen.

Worum geht es? Meinhardts Alter Ego Erik Wirchow – wie der Autor geboren in der ehemaligen DDR – findet sich plötzlich inhaftiert, obwohl er denkt, dass er nichts verbrochen habe. Was ihm genau zur Last gelegt wird, wird erst am Ende des Buches erzählt. In der Haft beginnt der Protagonist sich schreibend über seinen Weg in die Justizvollzugsanstalt klar zu werden. Dabei wechseln seine Gedanken bzw. Notate zwischen Hafterlebnissen, Rückblenden in die DDR- und in die Nachwendezeit und allgemeinen gesellschaftlichen Betrachtungen.

Meinhardt, der mit seinem Roman „Brüder und Schwestern“ 2013 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war, beschreibt minutiös die Gewalt im Gefängnis, aber auch die Gewalt der Polizei bei Inhaftierung und die Willkür der Justizvollzugsbeamten bei der Bewilligung von Hafterleichterungen. Er beschreibt den Werdegang seines Protagonisten nach der Wende, der sich von der Verlogenheit einer diktatorischen Gesellschaft in die Verlogenheit eines Pharmakonzerns rettet. Er beschreibt, wie die „Kinder der DDR“ sich freiwillig ihren Heimatwortschatz abtrainierten, um von den „Wessis“ nicht als Verlierer abgestempelt zu werden. Er wettert gegen selbstgefällige Redaktionen und Radiosendungen, die sich dann couragiert geben, wenn es für sie nichts zu befürchten gibt; gegen Verlage, die Literatur nicht mehr nachdrucken wollen, aus Angst, von der falschen Seite Beifall zu bekommen. Er schimpft auf Konzerne, die aus Geldgier Schönrednerei betreiben. Und er schreibt gegen die Machenschaften von Pharmakonzernen, die neue Krankheiten für ihre neuen Medikamente erfinden. All dies ist weder abwegig, noch herbeifantasiert, auch wenn die beschriebenen Firmen und Orte nicht existieren. Solche und so ähnliche Vorgänge gab und gibt es in der Realität zuhauf.

Birk Meinhardt, dessen preisgekrönter Roman „Brüder und Schwestern“ bei Hanser erschienen war und sein Band „Wie ich meine Zeitung verlor“ – eine kritische Auseinandersetzung mit der journalistischen Ausrichtung der SZ – bei Das neue Berlin, hat für sein „Abkehr – Ein Hafttagebuch“ keinen Verlag gefunden. Zu gefährlich schienen den Verlagen seine Kritik an den bestehenden Zuständen. Da das Bücherverlegen immer ein Vabanque-Spiel sei, so Meinhardt, habe er seinen Eigenverlag Vabanque genannt.

Die Vorstellung, dass in unserer heutigen Zeit kritische Stimmen keinen Verlag mehr finden, der sich traut, auch Bücher außerhalb des Mainstreams zu veröffentlichen, sollte einen stutzig machen. Denn in diesem Fall liegt es nicht an der Qualität des geschriebenen Wortes oder an der Klarheit der ausformulierten Gedanken, die eine Ablehnung hätten rechtfertigen können. Ein wichtiges Buch in Zeiten euphemistischer Schönfärberei.

Birk Meinhardt:
Abkehr – Ein Hafttagebuch
284 Seiten, Paperback
Vabanque Verlag
Berlin 2024
22 Euro

[LiSe 01/25] Kolumne: Über den Willen, nicht zu kommunizieren, hinaus

Mit Schweigen anzufangen ist schwer. Zum Beispiel hat dieser Text mit Schweigen angefangen. Bemerkt hat’s keiner. Schweigen kann erst beginnen, wenn Nichtschweigen vorausgegangen ist. Jetzt, unter „zweitens“, könnt’ ich also theoretisch für Sie merklich schweigen. Na ja. Jedenfalls gibt es dennoch Menschen, die felsenfest behaupten, dass am Anfang nicht das „Wort“, sondern das Schweigen stand. Behaupten kann man das ja mal. Beweisen lässt sich das nicht. Schweigen trägt viel Geheimnis in sich, fasziniert, schillert. Die Literatur, die sich durch Worte, viele, viele Worte auszeichnet, ist voll davon. Väter schweigen oft. Großväter noch mehr (was womöglich mit dem sehr deutschen „kommunikativen Beschweigen“, wie das der Philosoph Hermann Lübbe nannte, zu tun haben könnte). Mörder sowieso. Schweigen drückt. (mehr …)

[LiSe 01/25] Lyrische Kostprobe: Dem Gefühl eigene Namen geben

Birgit Merk, geboren in Augsburg und mittlerweile in München lebend, schreibt Lyrik über Menschen und Phänomene, die ihr im Leben begegnen und etwas in ihr bewegen. Sie betrachtet ganz aus der Nähe und aus ihrer eigenen Perspektive. Der Blick der Autorin bleibt dabei präzise und unaufgeregt, ihre Texte sind klar strukturiert und vielschichtig. Assoziativ verweben sie Erinnerungen mit Hoffnungen und Wünschen. Eine zentrale Rolle spielt der Moment, in dem Vergangenheit und Gegenwart aufeinandertreffen. (mehr …)

[LiSe 01/25] Gedenktafeln der Literaten – Teil V: Pazifistin in kriegerischen Zeiten

Eine Gedenktafel in der Händelstraße in Bogenhausen erinnert an Annette Kolb

Von Marie Türcke

Als wir in den LiteraturSeiten München im Sommer beschlossen, eine neue Reihe zu Ehrentafeln von Münchner Autor*innen zu machen, hatte ich angefangen zu recherchieren. Es gibt natürlich viele Literat*innen, und man will ja am liebsten über solche schreiben, die einen persönlich anregen – wo man vielleicht selbst etwas Neues entdeckt, oder die irgendwie in die Münchner Geschichte verstrickt sind. (mehr …)

[LiSe 01/25] Empfehlungen: Buchtipps aus erster Hand

Die Mitarbeiter*innen der Münchner Stadtbibliotheken empfehlen für den Monat Januar diese Neuerscheinungen:

Horst Evers: Zu faul zum Nichtstun
Rowohlt

Wie kann es sein, dass wir in jeder kurzen Pause, die uns der Tag bietet, sofort auf unser Handy schauen und uns ablenken? Sind wir vielleicht einfach zu faul zum Nichtstun geworden? Horst Evers geht dieser Frage nach – in kurzen, sehr lustigen Geschichten aus dem Hier und Jetzt. Dort begegnet er Katzen, die seine Pakete entgegennehmen, und Toastern, die unsere Zukunft planen, sowie Nonnen, die ihm die Künstliche Intelligenz erklären. Mit viel Witz, überraschenden Wendungen, Wärme und tatsächlich begründeter Zuversicht nimmt Horst Evers uns mit auf eine Reise durch unsere seltsame Gegenwart. (mehr …)