[LiSe 06/24] Vom Ende des Lesens

KI und Digitalisierung, Neue Medien und sich ändernde Lesegewohnheiten. Immer weniger Lesende treffen auf immer mehr Bücher. Die Zukunftsaussichten für Verlage sind düster und die Kulturtechnik des Lesens stirbt aus.
Ein geschichtlicher Abriss.

Von Michael Berwanger

Im Gegensatz zu zentralistisch verwalteten Staaten wie England und Frankreich kommt in Deutschland erst ab 1871 (nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs) ein moderner Literaturmarkt zustande. Kleinstaaterei, Zölle und unterschiedliche Währungen haben ihn bis dahin verhindert. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts beginnt zum ersten Mal eine industriellen Massenproduktion von Büchern, die von modernen Verlagsunternehmen im gesamten deutschsprachigen Raum über Verlagsbuchhandlungen vertrieben werden. (mehr …)

[LiSe 06/24] Kolumne: Mehrgeschlechtlich

In Bayerns Ämtern ist seit 1. April 2024 die mehrgeschlechtliche Schreibweise verboten. Nur: Wie kann etwas verboten werden, das in der Ausübung niemandes Recht einschränkt? Weil der Rat für deutsche Rechtschreibung meint, dass diese Schreibweise die Verständlichkeit von Texten beeinträchtigen kann? Mehrgeschlechtliche Schreibweisen durch Wortbinnenzeichen wie u.a. Gendersternchen, Doppelpunkt oder Gender-Gap sind nun ausdrücklich unzulässig, so auch das Binnen-I in Hauptwörtern, wie Ministerpräsident“In“. Aber in Bayern braucht man das ohnehin nicht. (mehr …)

[LiSe 06/24] Lyrische Kostprobe: Geschriebenes „begleiten“

Der Gründer der Autorengalerie Helmut Vakily

„Eine Radierung, in der eine Japanerin in den Spiegel schaut, weckte in mir erotische Erinnerungen und ,Wer allein lebt in diesem Haus‘ nimmt Bezug auf mein Dasein im fortgeschrittenen Alter“, sagt der am 2. April 1938 geborene Lyriker. Immer nur dann, wenn die Begegnung mit einer Person, einer Katze, einem Zustand die Wiederspiegelung zulasse, also der Lyriker und sein Gegenüber fugendicht eine Einheit bildeten, könne ein Portraitgedicht entstehen. In seltenen Fällen entstehe ein Gedicht in wenigen Tagen. In der Regel „begleite“ er, so Vakily,  das Geschriebene über Jahre, auch Jahrzehnte, bis zur endgültigen Fassung. Seit Ende der 1950er Jahre schuf er auf diese Weise 110 Portraitgedichte und „77 Mitteilungen“ (Aphorismen). (mehr …)

[LiSe 06/24] Unabhängige Verlage, Teil VI: Humanitäres Miteinander

Der Salon Literaturverlag

Von Marie Türcke

Franz Westner ist der engagierte Kopf hinter dem in München verorteten Salon Literaturverlag, der sich der Veröffentlichung oft schwieriger Themen widmet, Themen, die zum Nachdenken, Mitdenken, Mitreden auffordern – unliebsame Themen manchmal, die von den Leser*innen mehr abverlangen als ein simples Zurücklehnen und Genießen. Westners Verlag hat sich zur Aufgabe gemacht, ebensolche Bücher zu veröffentlichen – selbst, wenn diese Themen nicht massenmarkttauglich sind. So arbeitet Westner aktuell an der Übersetzung eines italienischen Romans über die Sonderkommandos im Holocaust, ein schwieriges Thema. Ob das viele Leser*innen generieren wird? Das werde man sehen, aber das sei auch nicht die entscheidende Frage, sondern, dass das Thema einen Raum brauche und er diesen bieten könne, so Franz Westner. (mehr …)

[LiSe 06/24] Kurzgeschichte: Heilwasser und Hysterie

Von Martin Rasper

An der Steinbacherstraße in München-Bogenhausen, nicht weit von der Isar, befinden sich die Überreste eines alten Kur- und Badeorts: Bad Brunnthal. Ach was, Überreste! Zu sehen ist gar nichts mehr. Wer die Stelle besucht, sieht einen schmalen, zweiteiligen Teich, insgesamt vielleicht zwanzig Meter lang, der sich am Fuß des Hangs entlangzieht. Er ist gesäumt von hübschen, tief dunkelgrünen Eiben, die wahrscheinlich von Vögeln gepflanzt wurden. Und wer genau hinschaut, entdeckt den Auslass, aus dem ein kleines Rinnsal direkt aus dem Hang in den Teich fließt: eine Quelle also. Außer von der Quelle bekommt der Teich noch Wasser von der Seite her, von einem schmalen Bächlein, das in den angrenzenden Gärten aus einer feuchten Stelle am Hang entsteht. Das Wasser des Teichs wird unterirdisch in die Isar abgeleitet; erst mehrere hundert Meter weiter nördlich entsteht aus den Hangquellen wieder ein Bach: der Brunnbach. (mehr …)

[LiSe 06/24] Empfehlungen: Buchtipps aus erster Hand

Die Mitarbeiter*innen der Münchner Stadtbibliotheken empfehlen für den Monat Mai diese Neuerscheinungen:

Theresia Enzensberger: Schlafen
Hanser Berlin

Theresia Enzensberger kann nicht schlafen. Also schreibt sie ein Buch über den Schlaf und folgt dabei den verschiedenen Stadien, die wir in der Nacht durchleben. So beginnt sie in der zähneknirschenden Leichtschlafphase mit einem Essay über die Moralisierung von Schlaf und die Folgen allgemeinen Schlafmangels. Fast unmerklich wird ihr Text in der Tiefschlafphase privater und eröffnet eine intensivere, persönlichere Sicht auf die Welt. Der Traum kommt erst in der REM-Phase, hier verlässt sie den Raum des Realen und wagt etwas Neues. Das Buch ist ein philosophischer Streifzug durch die Nacht und eine persönliche Erkundung der Schlaflosigkeit. (mehr …)

[LiSe 06/24] Rezension: Eine heilige Liebe

Lea Singers neuer Roman

Von Ursula Sautmann

„Die Erdbeeren schwitzten.“ Der erste Satz in „Die Heilige des Trinkers. Joseph Roths vergessene Liebe“ zieht die Leserin, den Leser direkt hinein in die sieben Jahre dauernde Geschichte der Liebe zwischen Andrea Manga Bell und dem berühmten österreichischen Autor – die Erdbeeren landen in seinem Grab, die Liebe und der Geliebte sind tot. (mehr …)

[LiSe 06/24] Jubiläumsveranstaltung: Kinder- und Jugendliteratur mit kritischem Blick

10 Jahre Bücher, die junge Leser*innen bewegen

Die Reihe „Kontrovers“ der Münchner Stadtbibliothek bringt seit zehn Jahren Licht in den Dschungel aktueller Debatten über Kinder- und Jugendbücher und auch neuer Verlagsmoden. Denn Kinder- und Jugendliteratur erzählt wunderbare Geschichten und erlaubt in der kritischen Auseinandersetzung einen Blick auf unsere Gesellschaft.

Zum Jubiläum haben sich Christine Knödler und Frank Griesheimer Moritz Klein (Verlagsleitung des Peter Hammer Verlags), Christian Linker (Autor), Julya Rabinowich (Autorin) und Ilke Sayan (Booktuberin) eingeladen.       Red

6. Juni 2024, 19 Uhr, Stadtbibliothek im Motorama / Showroom

Anmeldung bitte per E-Mail über stb.oeffentlichkeitsarbeit@muenchen.de