[LiSe 02/22] Empfehlungen: Buchtipps aus erster Hand

Die Mitarbeiter*innen der Münchner Stadtbibliotheken empfehlen für den Monat Februar diese Neuerscheinungen:

Gerda Blees: Wir sind das Licht
Zsolnay

Die Geschichte einer stillen Radikalisierung: Eine Wohnung, drei Frauen, ein Mann. Eine der Frauen ist tot. Als der Notarzt eintrifft, herrscht eine ruhige, ja unheimliche Atmosphäre, und er stellt fest: Elisabeth ist – vor den Augen ihrer Mitbewohner – verhungert. Muriel, Petrus und Elisabeth haben, jede*r auf eigene Art, den Halt im Leben verloren. Der Verzicht auf Nahrung scheint diese Lücke zu füllen. Was sich von innen – bis in den Tod – richtig anfühlt, ist von außen nur sehr schwer zu fassen. Der Debütroman erhielt zahlreiche Preise und war das Lieblingsbuch der niederländischen Buchhändler*innen 2020. (mehr …)

[LiSe 02/22] Kurzgeschichte: Noch nicht!

Von Tania Rupel Tera

Die Tram zeigt sich langsam von oben. Sie kriecht aus dem Berg, wie ein Wurm aus einem faulen Apfel. Witoscha, heißt dieser Apfel, schöner Name, weiblich. Aber warum ist er so dunkel, so gefroren? Ich steige ein. Zu viele Menschen für einen Sonntag, schießt es mir durch den Kopf. Wohin wollen sie denn so früh? Ich muss ins Krankenhaus, deswegen bin ich hier. Warum du, schmächtiges, zu stark geschminktes Mädchen? Und du, Opa? Ich kann nicht aufhören, innere Gespräche zu führen. Wohin willst du denn am Mittag, ungnädige Frau mit hässlicher Mütze? Ich habe es eilig, meine Mutter hat ihre erste Chemo, und du trittst mir auf den Fuß. Hallo, hör auf, das ist die schwerste Zeit meines Lebens. (mehr …)

[LiSe 02/22] Rezension: Zeit der Narben

Thomas Krafts neuer Roman über eine vergessene Geschichte kolonialer Verstrickungen Deutschlands in Afrika

Von Stefanie Bürgers

Die Journalisten Paula und Stefano sind für eine Filmreportage auf den Spuren des Kolonialismus in Ghana unterwegs und lernen zunächst die berüchtigten Forts an der Küste kennen, von denen aus die Sklaven verschifft wurden. Als ihr Freund Richard, Diplomat an der deutschen Botschaft in Accra, von der während der Nazidiktatur legendären deutschen Pilotin Hanna Reitsch erzählt, erfährt Paulas und Stefanos Projekt eine Wendung.

Reitsch hat den Zweiten Weltkrieg überlebt und sich in Ghana mit der ersten Segelflugschule Afrikas unter der schützenden Hand des damaligen Diktators etabliert. Zuvor hatte sie bei Kriegsende den Einsatz von Selbstmordpiloten in einem letzten sinnlosen Aufgebot propagiert.

Paula spürt eine Verbindung zu dieser Geschichte, da ihr Großvater als junger Pilot in den letzten Kriegstagen bei einem Einsatz ums Leben kam, und ihr Vater deshalb als Halbweise aufwuchs. Ein Trauma, das sich in Paulas Familie bis in die Gegenwart erstreckt. Als auf die beiden Journalisten ein Überfall verübt wird, sollen sie offenbar von weiteren Nachforschungen abgehalten werden.Zurück in Deutschland entdeckt Paula, dass Reitsch immer noch eine Ikone rechter Kreise ist. Bedrohlich wird die Situation, als Stefano krankenhausreif geschlagen wird. Er will, dass Paula „es zu Ende bringt“. Die nunmehr investigative Recherche gewinnt zunehmend an Brisanz. Auch die Rolle von Richard scheint zweifelhaft. Eine zunächst harmlose Geschichtsdokumentation entpuppt sich als zunehmend riskant.

Der Wechsel der Erzählperspektive von Kapitel zu Kapitel enthüllt gekonnt die individuelle emotionale Verstrickung der einzelnen Protagonisten. Thomas Kraft, Autor und Kulturmanager, ist ein guter Beobachter menschlicher Verhaltensweisen. Er lebt in der Nähe von München. Sein jüngster Roman ist ein spannender Politkrimi vor wenig bekanntem historischem Hintergrund.

Thomas Kraft:
Zeit der Narben
Roman, 315 Seiten
Broschur
CONTE Verlag
St. Ingbert, 2021
18 Euro

[LiSe 02/22] Empfehlung Sachbuch: Haarige Kunst

Kulturhistorische Betrachtung zur Bedeutung der Haare

Wer kennt sie nicht, die dramatischen, teilweise sogar traumatischen Friseurbesuche. Plötzlich ist die geliebte Haarpracht weg oder die Farbe wirkt im Licht ganz anders. Wovon hängt es ab, dass die Kunden mal zufrieden, dann auch wieder höchst verstört in den Spiegel des Salons blicken? Die Arbeit von Friseuren beruht auf technisch-handwerklichem Fachwissen und speziellen Fertigkeiten – aber auch auf der Interaktion mit den Menschen. Schließlich ist das Haar keineswegs nur ein lebloses Objekt. Es ist vielmehr höchst eigenwillig, eigensinnig und widerspenstig.

Die Autoren Hans G. Bauer und Fritz Böhle, beide Soziologen, beleuchten wenig bekannte und überraschende Seiten eines alten Berufs, bieten eine kulturhistorische Betrachtung der Bedeutung der Haare und zeigen in Mythen und Ritualen, dass Haare in der gesamten Menschheitsgeschichte eine wichtige Rolle spielen.

Darüber hinaus enthält das Buch soziodemografische Daten und Einschätzungen zur aktuellen Lage des Handwerks.
red

Hans G. Bauer, Fritz Böhle:
Haarige Kunst
174 S., 20 Abb. in Farbe
Hardcover + eBook
Springer Nature, Cham (CH) 22,99 Euro

[LiSe 01/22] Liebe vor Ruinen

Sabrina Schmatzs Comic „München 1945“

Von Katrin Diehl

Es wird geliebt, auch wenn die Welt in Trümmern liegt. Kriegsruinen gerieren zu bloßer Kulisse, Schuld, Sorgen, Traumata verschwinden für Glücksmomente in der zweiten Reihe, bis sie sich wieder Bahn brechen und ihren Tribut verlangen: einer Auseinandersetzung damit, was da geschehen ist, zum Beispiel in den vergangenen zwölf Jahren. Denn wir schreiben das Jahr 1945, befinden uns in München. Der Krieg ist zu Ende und es sind vor allem die amerikanischen Soldaten, die die Menschen mit ihrer jüngsten Vergangenheit konfrontieren, ihnen – ob sie das nun verstehen oder nicht – deutlich machen, dass das mit Nazi-Deutschland over ist. Over. Over. Over. Danach gehen diese Menschen wieder ihrer Wege, schlagen sich durch Berge aus Steinschutt, suchen nach Existenziellem, vor allem nach Orientierung. (mehr …)

[LiSe 01/22] Jung und schreibend (Folge 5): Benedikt Feiten

Von Höflichkeitsdrückern, Anstandstripplern und Nachstandlern

Von Ursula Sautmann

Benedikt Feiten war noch Schüler, als er mit dem Texten begann, Cello und Trompete waren da bereits seine ständigen Begleiter, und gemalt und gezeichnet hat er auch. Heute, keine 40 Jahre alt, gibt es bereits eine kleine Liste an Wettbewerben, die er gewonnen hat, mit Texten, die veröffentlicht sind. So richtig glauben an eine Zukunft als Autor mag er immer noch nicht, „es gibt so viel Literatur, zu hoffen, dass jemand liest, was man schreibt, ist ein stranges Anliegen“, sagt er. (mehr …)

[LiSe 01/22] Buchtipps aus erster Hand

Die Mitarbeiter*innen der Münchner Stadtbibliotheken empfehlen für den Monat Januar diese  Neuerscheinungen:

Elif Shafak: Das Flüstern der Feigenbäume
Kein & Aber

Mitten im Bürgerkrieg auf Zypern verlieben sich die Türkin Defne und der Grieche Kostas ineinander. Sie werden durch die Unruhen getrennt und begegnen sich erst Jahre später wieder. Nach Großbritannien ausgewandert, gründen sie eine Familie. Weitere 16 Jahre später beginnt ihre Tochter Ada für ein Schulprojekt nach ihren Wurzeln zu forschen. Eine wechselvolle Familien- und Liebesgeschichte, bei der Elif Shafak immer wieder eine andere Facette beleuchtet. Bemerkenswert ist auch, dass hier ein Feigenbaum als allwissender Erzähler auftritt, was der Geschichte etwas Märchenhaftes verleiht. (mehr …)