Das Tagebuch eines jungen Mannes lässt erahnen, wie brutal Zwangsarbeit unter den Nationalsozialisten abgelaufen ist.
Von Katrin Diehl
Es gibt gerade bei Tagebüchern eine gewisse Banalität der Wiederholungen, die einem den immer auch voyeuristisch-neugieren Blick ins Private dieser oder jener Bekanntheit etwas vergällen kann. Aber so ist halt der Alltag. Mal ist einem wohl, dann wieder weniger. Mal wacht man früh auf, dann ein wenig später. Und auch die Jahreszeiten kehren ja immer wieder, die ersten Blüten, der erste Schnee … Ja, ja.
Auf Jan Bazuins Aufzeichnungen blickt man von der ersten Seite an mit einem ganz anderen Blick, mit ganz anderen Erwartungen. Denn Jan ist irgendwer. Einer, der uns nicht interessieren müsste, der uns aber umso mehr interessiert, als er ein Tagebuch hinterlassen hat, das von seiner Zeit – den Anfangsmonaten des Jahres 1945 – als Zwangsarbeiter zeugt, einem Zwangsarbeiter in Bayern. Jan ist damals 19 Jahre alt, hat den Kriegsalltag im besetzten, bombardierten und stark geschundenen Rotterdam, seiner Heimatstadt, erlebt – hier pendeln die Einträge zwischen „es war nichts los“ und verbotenen Baumfällaktionen, um an etwas Heizfeuer zu kommen –, bis er dann abgeholt wird. Er muss eine schreckliche Zugfahrt überstehen, eigentlich überleben, in einem Waggon voller eingepferchter Menschen, ohne Essen, ohne Trinken und in klirrender Kälte. Dann kommt man in Dachau an, dort im Durchgangslager „Dulag“ Rothschwaige, eines von etwa fünfzig Lagern, in denen im „Deutschen Reich“ Arbeitskräfte von überallher gesammelt und für verschiedene Arbeitsstätten „präpariert“ worden sind. Etwas später soll er nach Freimann, dann zum „Reichsbahnausbesserungswerk“ in Neuaubing verlegt werden.
Die Banalität an Wiederholungen, die spröde Chronologie, die das Tagebuch des jungen Mannes transportiert, hat eine kaum zu überbietende zermürbenden Eindringlichkeit. Fast täglich geht es in den Notizen um „kein Essen“, um „Hunger, Hunger, Hunger“, um „Kälte und nochmal Kälte“, manchmal auch um die „Tommys“, die laut Gerüchten nicht mehr weit sein können. Jan Bazuin hat das alles überlebt. Wir wissen nicht genau wie, also, was das alles mit ihm gemacht hat. Denn diese Leute schwiegen später ja vor allem. Auch in ihren eigenen Familien, auch gegenüber anderen, zumal ehemalige Zwangsarbeiter immer auch mit einigem an Misstrauen zu rechnen hatten, waren sie dem Feind doch „verdächtig“ nahe gekommen …
Das Tagebuch von Jan Bazuin entdeckte dessen Sohn erst nach dem Tod des Vaters im Jahr 2001. Über Umwege und durch einige Zufälle gelangten die drei Hefte 2015 ins NS-Dokumentationszentrum, wo sie ins Deutsche übersetzt, aber dann auch erst einmal wieder vergessen wurden. 2017 fiel das Dokument Paul-Moritz Rabe in die Hände, Leiter der dortigen wissenschaftlichen Abteilung sowie des Erinnerungsorts auf dem Gelände des ehemaligen NS-Zwangsarbeiterlagers Neuaubing. Rabe ergänzte das editierte Tagebuch mit einem bereichernden, erläuternden Anhang. Dazu kommt ein Glossar zur Erklärung einiger Begriffe und Namen. Eingestreut machen Illustrationen der Münchner Comiczeichnerin und Illustratorin Barbara Yelin das Geschehene mehr als lebendig, führen vor Augen (dagegen wirkt der Kursivdruck der Tagebucheinträge eher ein wenig distanzierend).
Neben der historischen Zeugniskraft des Buches sind es zusätzlich kleine, faszinierende „Details“, die den Text begleiten und persönlich machen: das schwierige Verhältnis zum überaus harten Vater, die zarte Liebe zu Annie, die ungeklärte Motivation, die hinter all dem steckt, Protokoll über diese Zeit zu führen in einem zum Teil zynischen Ton, ohne jeden schriftstellerischen oder therapeutische Anspruch. Und manchmal spricht Jan uns Leser*innen ja auch direkt an, sagt „Ihr“… Und wenn er Mitte Mai 1945 schreibt „Wenn einer niemals zuvor Angst hatte, dann lernt er in Deutschland das Fürchten“, fühlen wir uns tatsächlich mehr als gemeint.
Jan Bazuin
Tagebuch eines Zwangsarbeiters
mit Illustrationen von Barbara Yelin
Hardcover, 159 Seiten,
C.H. Beck, München 2022
20 Euro
