[LiSe 03/22] Zwei in Tuchfühlung: Wenn Literatur zu Musik wird

Der Komponist Wilfried Hiller gibt Einblick

Von Katrin Diehl

Die „Apokalypse“ steht an. Die des Evangelisten Johannes. Johannes befindet sich auf der griechischen Insel Patmos, dort in einer Höhle. Er lauscht, vernimmt durch Spalte in der Wand Worte, Sprache, die Stimme Gottes, die ihm in die Hand diktiert, was sich bis heute im letzten Buch des Neuen Testaments nachlesen lässt, ein wenig freundlicher anmutend auch die „Offenbarung des Johannes“ genannt. Wie sie beginnt, adelt – wer gewillt ist, das so zu verstehen – jedes Stück Literatur. Denn ginge es nach ihr, war „Im Anfang … das Wort.“ (mehr …)

[LiSe 03/22] Kolumne: Irgendwer lacht immer!

Lesung eines zeitungs-bekannten Kolumnisten: Es wird heiter werden, es darf gelacht werden. Ein Lacher disqualifiziert an einem solchen Abend nicht. Die Atmosphäre ist gelöst, der Autor gibt sich leutselig. Auf den meisten Gesichtern das entspannte Lächeln des gediegenen Lesungs-Publikums vor unbeschwerter Kost mit Anspruch. Der Autor blättert, er hat noch keinen Satz gelesen, nichts gesagt, da bläst es aus einer der hinteren Reihen. Als wolle jemand einen Mückenschwarm fortblasen. Der Vorleser blickt nicht auf, lässt nicht erkennen, ob er den Bläser bemerkt hat. Auch die Zuhörer reagieren nicht. Dann die ersten Sätze der ersten Geschichte. Es gibt definitiv nichts zu lachen. Noch nicht. (mehr …)

[LiSe 03/22] Jung und schreibend (Folge 7): Samuel Fischer-Glaser

Es geht um Raum

Von Marie Türcke

Die Frage nach dem Material des Schriftstellers, bzw. der Schriftstellerin scheint zunächst eine offensichtliche. So offensichtlich, dass sie sich eigentlich nicht stellt. Aber vielleicht sind wir genauso materialvergessen, wie wir laut Heidegger auch seinsvergessen sind. Samuel Fischer-Glaser stellt sich die Frage nach dem Material des Schriftstellers. Der Bildhauer und Autor, der an der Kunstakademie in München studierte, geht seine Schriftwerke so an wie seine Bildhauerei: Das Material – Genre und Stil – ermöglicht etwas, schafft eine Struktur und einen Rahmen, aber es schränkt auch ein, der Künstler arbeitet sich an seinem gewählten Material immer auch ab. Bildhauerei, aber auch Schreiben ist ein „Aushandeln zwischen Form und Material“. Dabei bringen verschiedene Genres jeweils eigene Anforderungen, ja sogar literaturgeschichtlichen Ballast mit sich. In dem Schreibprozess entsteht etwas, was eben nicht gänzlich frei ist, aber dafür auch mehr als die Summe seiner Teile. (mehr …)

[LiSe 03/22] Lyrische Kostprobe: Heimatlied, 2018

Phor meinem Phaterhaus steht eine Linde
Phor meinem Phaterhaus steht auch ein Photograph
Der phragt, ob er phon Phaterhaus und Linde
Ein Photo machen darph

Auph seinem iPhone sechs macht er sein Photo
Drauph sieht man die Scheißlinde und das Haus
Der Photograph sieht sehr zuphrieden aus

Samuel Fischer-Glaser

[LiSe 03/22] Kurzgeschichte: Warum lieben sie uns nicht

Von Wolfram Hirche

Spät am Tag in der Mitte des Sommers, ein Tag im Juli, die Mücken tief im Park, keine Schwalbe am Himmel, die Taxifahrer hupen nervös, Radfahrer queren bei rot die Straßen, Mütter retten ihre Brut; eine Gewitterfront nähert sich von Westen, Schwüle in den Straßen. Das Jahr schon alt und klebrig von Erinnerungen. Man wartete ungeduldig. Die Seen auf Badeenten, auf rosa Krokodile, die aufgeblasen lagen und herunterschauten durch schwarz lackierte Balkongeländer, erwartungsvoll. Die wahre Hitze wollte nicht durchbrechen in diesem Sommer. (mehr …)

[LiSe 03/22] Rezension: Wie sich Literatur feiern lässt

Die Jahre des Petrarca-Preises

Von Katrin Diehl

Natürlich hat dieser Band etwas Wehmütiges. Vielleicht hatte man sich ja mal wieder getroffen, hat einmal tief durchgeatmet und gesagt, „da sollte ja eigentlich schon was bleiben von diesem Preis …, eine Art Chronik …, das müsste doch machbar sein …“ Vielleicht hat dieses Treffen ja in der Schackstraße gleich beim Siegestor stattgefunden, dort bei H. Burda, wo die Idee vor fast 50 Jahren ihren Anfang genommen hatte. (mehr …)

[LiSe 03/22] Junge Literatur und Literatur für Junge

Wortspiele“, ein internationales Festival junger Literatur, lädt heuer zum 22. Mal ins Muffatwerk ein. An drei Abenden stellen 30 junge Autor*innen aus Deutschland, Österreich, Russland und der Schweiz ihre Werke vor. Die Texte sind vielfältig, verhandeln die Suche nach Zugehörigkeit und Sinn, legen verborgene Zusammenhänge bloß und öffnen den Blick auf die Zukunft, wie die literarischen Debütant*innen sie sehen. Am 9. 10. und 11. März lesen die Autorinnen und Autoren ab 20 Uhr jeweils 20 Minuten lang. Genannt seien hier – und das ist wirklich nur eine Auswahl – Yade Önder am Mittwoch, Benedikt Feiten am Donnerstag und Annika Domainko am Freitag. Eine Kunstinstallation von Nikolai Vogel und Musik von Kilian Fitzpatrick und Nikolai Vogel runden das Programm ab. Am Freitag wird der Bayern-2-Preis verliehen. Und am Sonntag, 13. März (12.30 Uhr) gibt es bei Bayern 2 Ausschnitte und den Text des Preisträgers zum Nachhören. (mehr …)

[LiSe 02/22] POP PUNK POLITIK Die 1980er Jahre in München – eine Ausstellung in der Monacensia

Von Stefanie Bürgers

Wenn die Erde schreien könnte wären wir schon alle taub“, krakeelt ein knallgelbes Graffiti auf grauer Ziegelwand im Alabama-Gelände. Es geht um Protest, um Autonomie. Die Ausstellung „Pop Punk Politik“ ist als „fließendes Projekt“ konzipiert. Während ihrer Laufzeit bleibt die Monacensia im Austausch mit Zeitzeugen, um Lücken im Gedächtnis der Stadt zu schließen. Eine Art Feldforschung also. Viele Exponate stammen aus der privaten Hand der jeweiligen Künstler*innen, Fotograf*innen, Kulturschaffenden und präsentieren eine junge, vielfältige Text- und Medienproduktion. Digital ist derzeit bereits „Volume 2“ zu sehen. (mehr …)