Es geht um Raum

Von Marie Türcke

Die Frage nach dem Material des Schriftstellers, bzw. der Schriftstellerin scheint zunächst eine offensichtliche. So offensichtlich, dass sie sich eigentlich nicht stellt. Aber vielleicht sind wir genauso materialvergessen, wie wir laut Heidegger auch seinsvergessen sind. Samuel Fischer-Glaser stellt sich die Frage nach dem Material des Schriftstellers. Der Bildhauer und Autor, der an der Kunstakademie in München studierte, geht seine Schriftwerke so an wie seine Bildhauerei: Das Material – Genre und Stil – ermöglicht etwas, schafft eine Struktur und einen Rahmen, aber es schränkt auch ein, der Künstler arbeitet sich an seinem gewählten Material immer auch ab. Bildhauerei, aber auch Schreiben ist ein „Aushandeln zwischen Form und Material“. Dabei bringen verschiedene Genres jeweils eigene Anforderungen, ja sogar literaturgeschichtlichen Ballast mit sich. In dem Schreibprozess entsteht etwas, was eben nicht gänzlich frei ist, aber dafür auch mehr als die Summe seiner Teile.

Fischer-Glaser wird 1992 in Bremen geboren, zieht aber bereits mit sechs Jahren mit seiner Familie nach Oberschwaben, genauer Attenweiler bei Biberach. 2012 geht es dann nach München, an die Kunstakademie für ein Studium der Bildhauerei. Anschließend folgt ein Kunstpädagogikstudium an dem LMU. Heute lebt und arbeitet er München.

Bereits in seiner Abschlussarbeit an der Akademie beschäftigt er sich mit Gedichten. Dabei entscheidet er sich bewusst gegen die Freiformlyrik und für die reimende Gedichttradition. Als Inhalt wählt er allerdings Witze und Satzfragmente aus seinem Alltag, die er dann möglichst unbearbeitet in die angestrebte Reimform bringt. Es beginnt die Textarbeit zwischen vorgegebener Struktur durch das Material – reimende Gedichte – und den freien, fast zufälligen Einflüssen aus dem Lebensalltag. Fischer-Glaser nimmt Witze und denkt sie in ihrer Konsequenz zu Ende – und das kann schon mal etwas absurd werden. Einen der daraus resultierenden Gedichtbände hat er wohl auch noch …

Nach Abschluss des Bildhauerstudiums stellt sich Fischer-Glaser verstärkt die Frage nach dem Beruf des Künstlers. Für seine Auseinandersetzung mit diesem Thema wählt er eine besonders anspruchsvolle Form: das Märchen. Als Vorlage und Inspiration dient ihm das Märchen der drei verlorenen Söhne. Er erzählt von drei Kuratoren, die sich auf die Suche nach dem (Kunst-)Betrieb machen. Dabei gelingt ihm die feine Balance zwischen einem traditionell erzählten Märchen mit all seinen Eigenschaften und einer facettenreichen Betrachtung des Verhältnisses zwischen Künstler*innen und dem Kunstbetrieb.

2021 kontaktiert die Lothringer 13 Halle Fischer-Glaser und bittet ihn, einen Text über die Geschichte des Raumes und dessen Bedeutung – auch für die heutige Nutzung der Lothringer 13 Halle – zu schreiben. So entsteht „Mid Century Mormon“, ein Theaterstück, welches die Auseinandersetzung Kunstschaffender mit dem Raum, in welchem sie ausstellen und mit der Kunst als Arbeit, die als solche häufig von Begünstigteren finanziert wird, beschäftigt. Das Stück kann auf der Homepage der Lothringer 13 Halle angehört werden, Fischer-Glaser hat es selbst eingesprochen.

Aktuell arbeitet er an seinem ersten Roman, finanziert durch das „Bayern Innovativ“-Stipendium. Der Titel dafür steht bereits: „Orlando Boeringer“. Dabei ist die Namensähnlichkeit zu Virgina Woolfs „Orlando – eine Biographie“ kein Zufall. Orlando spaziert am heißesten Tag des Jahres durch das Bremen, wie Fischer-Glaser es aus seinen Kindheitstagen in Erinnerung hat. Die Hitze macht etwas mit Orlandos Körper und Geist, während Orlando Freunde und Bekannte trifft. Unterbrochen wird dieser heißeste Tag immer wieder durch einen zweiten, auf den ersten Blick gänzlich losgelösten Erzählstrang über eine Insel, ein paar Kutscher und ein Haus eines Konsuls. Doch letztlich beschäftigen sich die Kutscher und Orlando mit denselben, oder wenigstens ähnlichen Fragen: Wie wird Raum genutzt, wer besitzt Raum, wer mietet und wie zeigen Menschen ihren Besitz? Letztlich geht es eben um ein Thema, welches auch in München so dominant ist: Es geht um Raum, um Grundbesitz, und natürlich auch darum, was das mit Menschen macht.

In welcher Form „Orlando Boeringer“ erscheint, ob als Buch, als Installation oder ganz anders, ist zu diesem Zeitpunkt noch offen, genauso wie das Ende von Orlandos heißem Tag in Bremen. Fischer-Glaser bewegt sich als Schriftsteller in einem dynamischen Umfeld, das Material mag zwar Sprache und Erzählform sein, aber das Endprodukt ist nicht so feststehend, wie man es erwarten könnte.

In unserer Serie „Jung und schreibend“, in der wir junge Münchner Autor*innen vorstellen, porträtierten wir bisher Lisa Jeschke, Leander Steinkopf, Daniel Bayerstorfer, Katharina Adler, Benedikt Feiten und Caitlin van der Maas.