[LiSe 01/21] Empfehlungen: Buchtipps aus erster Hand

Die Mitarbeiter*innen der Münchner Stadtbibliotheken empfehlen für den Monat Januar diese Neuerscheinungen:

Sally Rooney: Normale Menschen
Luchterhand

Marianne ist die Tochter einer Anwältin, Connell ist der Sohn einer Putzfrau. Ihr Elternhaus ist geprägt von Gleichgültigkeit bis hin zu Missbrauch und familiärer Gewalt, während seine Mutter ihm ein liebevolles Zuhause bietet. Ihre intensive Liebe beginnt in der Oberschule, doch beide vermeiden die Verbindlichkeit ihrer Beziehung. Sie trennen sich, versuchen einander fern zu bleiben, lassen sich auf andere Partner ein und sind doch immer wieder unwiderstehlich voneinander angezogen. Im Roman des 19. Jahrhunderts hätten die Klassenunterschiede in eine verpönte Ehe oder eine heimliche Affäre geführt. Rooney schildert die Unmöglichkeit dieser Beziehung im 21. Jahrhundert. (mehr …)

[LiSe 01/21] Lyrik Kabinett: Poesie-Hotspot

Eine tolle Zwischenbilanz von „Bewegungslyrik“ zwischen 2009 und 2019, also Poetry in Motion, Slam oder einem Gedichte-Musik-Mix hat das Lyrik Kabinett jetzt mit seiner Anthologie „Poetry in Motion-10 Jahre Spoken Word im Lyrik Kabinett“ ins Netz gestellt. Unter www.dichterlesen.net kann man kostenlos, mutig oder ganz ganz vorsichtig unter anderem die „Poetry in Motion“ anklicken. Atmosphärisch dicht, mit Zuhörer-Jubel, Lachen, Zittern, Liveausschnitten, die einen perfekten Überblick geben über 25 Slammer-Auftritte im bis dato eher konservativen Münchner Lyriktempel hinter der ehrwürdigen Alma Mater. Man muss sich vorstellen: In diesen Jahren wurden ja auch die eher klassischen Werke von Durs Grünbein einem grauhaarigen Publikum präsentiert oder diskutierten ehrwürdige Lyrik-Granden wie Harald Hartung und Prof. Dr. Heinrich Detering im „Lyrischen Quartett“ über die „Haltbarkeit“ von Brecht, Rilke oder Eduard Möricke. Der Hinterhof in der Amalienstraße hat sich mit den Jahren zu einem vielseitigen internationalen Hotspot entwickelt, von dem aus sich Poesie weiter wild verbreiten kann.   w.h.

[LiSe 01/21] Kurzgeschichte: Vorbildlich

Von Gabriele Müller

Kinder haben ein Recht darauf, mindestens so blöd zu sein wie ihre Eltern“, sagte Maxim. Sein Vater saß neben ihm, drückte wütend auf die Hupe, als der Autofahrer vor ihm bei Gelb nicht mehr über die Kreuzung fuhr. Der Abend hatte sich doch sehr schnell dem Ende zugeneigt.

„Das Aroma der Cassisreduktion disturbiert mich“, hatte Maxim eine Stunde zuvor gesagt, als sie bei einem alten Schulfreund seines Vaters eingeladen waren. „Und der Wacholder …“

Er müsse mitkommen, hatte sein Vater insistiert. Während Maxims Mutter rechtzeitig den Menstruationsbeschwerdenjoker aus dem Ärmel gezogen hatte.

Es gab fünf Gänge. Die beiden Kinder – Maxim und die Tochter des Gastgebers – saßen mit am Tisch. Mussten. Auf Etikette wurde großen Wert gelegt. Besteck von außen nach innen. Keine Soft Drinks. Keine Kontaktaufnahme mit fremden Knien. Kein Wort über Geschäfte oder aufgespritzte Lippen, auch nichts Theologisches. Die Lautstärke des gesprochenen Wortes hatte sich der Lautstärke der Essensgeräusche anzupassen. Die Kinder durften nur reden, wenn sie dazu aufgefordert wurden. (mehr …)

[LiSe 01/21] Rezension: Entenhausen ist überall

Donald Duck und Bayern oder so

Von Katrin Diehl

Gedacht war das anders. Nämlich so: In München geht‘s los mit der Wiesn und zeitgleich liegt in Buchläden, Kiosken, Zeitschriftenecken der neue Comic-Band des „Disney-Konzern“ aus. Titel: „Donald Duck in München“. Darauf die uns allen so vertraute, breitschnäbelige Comic-Ente. Dieses Mal in Seppl-Hose, einem Wiesn-Herzl (für „Daisy“) auf der Brust unterm Matrosenkragen, die vierfingerige Knubbelhand hält  eine Brezn in die Luft und los geht’s beschwingt über den Marienplatz – das Neue Rathaus und die Frauenkirche stehen hinten brav Kulisse –, dazu noch ein seltsames Ding von grünem Hütchen mit Wisch (Gamsbart?), das schwebend überm runden Donald-Entenkopf Schritt zu halten sucht. Alles klar. „Donald Duck in München“ eben. Ein nettes Mitbringsel, ein Gag, ein Erinnerungsstück, ein schmaler, leichtgewichtiger bunter Comic. (mehr …)

[LiSe 01/21] Jagdszenen aus Dachau: Anmerkungen zur Selbstausbeutung

Von Michael Berwanger

Ein Kriminalroman lebt weniger von seinem Plot, als von der Verkommenheit seiner Protagonist*innen. Im neuen Roman des Dachauer Autors Florian Göttler wird das genüsslich durchexerziert: Ein Münchner Kommissar lässt sich nach seinem Burnout in die Provinzialität des Dachauer Hinterlands versetzen, in der Hoffnung, dort zur Ruhe zu kommen. Doch was findet er? Gierige Bauunternehmer, käufliche Kommunalpolitiker, zudringliche Kirchenmänner und eine nationalistische Dorfbevölkerung. Das klingt alles etwas übertrieben, aber wer sich – wie der Rezensent – in der Geschichte und den Gepflogenheiten des Dachauer Landkreises auskennt, weiß, dass das nicht weit hergeholt ist.

Es ist wunderbar, dem Autor zuzusehen, wie er mit Geschichtsklitterung aufräumt. Auch der vermeintlich volksnahe Räuber Mathias Kneißl kommt dabei nicht gut weg. Dazu bevölkern noch herzhaft gezeichnete Figuren den fulminanten Plot, in dem es teilweise sehr derb zur Sache geht. (mehr …)

[LiSe 01/21] Literaturstipendien: Ausschreibung 2021 der Landeshauptstadt München

Die Landeshauptstadt München vergibt 2021 sieben Stipendien für Autor*innen und Übersetzer*innen in Höhe von jeweils € 6.000,-. Zusätzlich wird der Leonhard und Ida Wolf-Gedächtnispreis für Literatur vergeben (€ 3.000,-).

Mit den Literaturstipendien und dem Leonhard und Ida Wolf-Gedächtnispreis für Literatur sollen vielversprechende Projekte vorwiegend jüngerer Münchner Autor*innen gefördert werden. Für die Literaturstipendien besteht keine Altersbeschränkung, für den Leonhard und Ida Wolf-Gedächt-nispreis kommen nur Autor*innen unter 30 Jahren in Fragel. Das Stipendium für Übersetzer*innen fördert eine herausragende Leistung in der Übertragung eines besonders anspruchsvollen Textes ins Deutsche.  Red

Einsendeschluss: 15. März 2021

Rückfragen bitte an: Katrin Dirschwigl, katrin.dirschwigl@muenchen.de

Weitere Informationen unter: muenchen.de/kulturfoerderung