[LiSe 04/21] Buchtipps aus erster Hand

Die Mitarbeiter*innen der Münchner Stadtbibliotheken empfehlen für den Monat April diese Neuerscheinungen:

Alena Schröder: Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid
dtv

In diesem Debütroman geht es um vier Generationen von Müttern und Töchtern, es geht um mütterliche Liebe, die nie genug ist, um Verletzungen und Kränkungen und es geht ums Überleben – das alles verpackt in 100 Jahre Familiengeschichte und Zeitgeschichte. Alena Schröder schafft es, darüber wunderbar frisch und mitreißend zu schreiben, und angenehm witzig wird es sogar streckenweise, wenn die 27-jahrige Hannah auf der Suche nach einem verschollenen Bild ihre Familiengeschichte begreifen will, während sie ihre eigene verkorkste Beziehung zu Männern durchlebt. (mehr …)

[LiSe 04/21] Kurzgeschichte: Brief an die Friseurin

Von Philipp Stoll

Sehr geehrte Frau Schulze,

ich schreibe Ihnen, weil der Anrufbeantworter ihres Geschäftstelefons keinen Speicherplatz mehr hat und mir nach dem Signalton nicht einmal Zeit blieb, Luft zu holen. Vermutlich rufen ständig Kunden an, um einen Termin zu vereinbaren, jetzt, da es wieder erlaubt ist. Auch ich gehöre zu denen, die dringend Ihrer Dienste bedürfen. Die Blicke meiner Frau werden von Tag zu Tag entnervter. Du schaust unmöglich aus, hat sie heute Morgen in ihrer Ehrlichkeit gesagt. Wie ein Schimpanse mit silbrig-brauner Mähne, greisenhaft verblödet und am Abend zu nichts mehr zu gebrauchen. Ich finde Ehrlichkeit bei anderen Menschen nicht immer eine gute Eigenschaft. Die Details aus unserem Intimleben erspare ich Ihnen. Aber Sie sehen, meine Würde droht gänzlich zu verstrubbeln, und ich bitte Sie dringend um Wiederherstellung derselben. (mehr …)

[LiSe 04/21] Rezension: „Euphancholisches“ Erwachsenwerden

Benedict Wells’ Coming-of-Age-Roman „Hard Land“

Von Slávka Rude-Porubská

Altwerden ist nichts für Feiglinge – und Erwachsenwerden erst recht nicht. Daher hat es der 15-jährige Sam Turner aus Grady im US-Bundesstaat Missouri denkbar schwer: Der Ich-Erzähler im neuen Roman des aus München stammenden Autors Benedict Wells hält sich selbst für einen „unreifen Schisser“, einen Feigling und Loser. Wells gewinnt der fast stereotypen Figur des nerdigen Außenseiters, der in der Schulcafeteria stets allein am Tisch sitzt, überzeugende Konturen ab und schenkt ihm einen unvergesslichen Sommer, über den Sam im Rückblick resümiert: „Ich fühlte mich so, wie ich mich schon mein ganzes Leben fühlen wollte: übermütig und wach und mittendrin und unsterblich.“ (mehr …)

[LiSe 04/21] Rezension: Vom allgemeinen Durchlavieren

Anatol Regnier betrachtet sie einzeln, die „Schriftsteller im Nationalsozialismus“

Von Katrin Diehl

So geht Literaturgeschichte. Um ein Gespür dafür zu bekommen, was so alles passiert ist in diesen „1000 Jahren“, zoomt da einer heran, bis einzelne Menschen erkennbar werden in ihrem angestrengten, eifrigen, übereifrigen, verzweifelten, beizeiten auch mühelosen Unterfangen, für sich einen Weg zu finden durch die irgendwie neue Zeit, die da ausgebrochen ist, und die nichts anderes war als eine durch und durch verbrecherische Diktatur. Nicht, dass es da nicht schon einiges gäbe über das nationalsozialistische Deutschland und seine Schriftsteller und Schriftstellerinnen. (mehr …)

[LiSe 03/21] Arbeiten an der Sprachgrenze

Ulrike Draesner baut auf die Kraft der Sprache

Von Ursula Sautmann

Flucht und Vertreibung, Krieg und Exil sind Ereignisse und Erlebnisse, die Millionen von Menschen passieren und ihre Wirkung entfalten. Allzu oft sind sie so schmerzhaft, dass die Sprache versagt und nur noch das Schweigen bleibt. Ulrike Draesner ist aufgewachsen in einer bayerisch-schlesischen Familie mit eigener Fluchtgeschichte. Sie ist das auslösende Moment für ihre Trilogie über Flucht und Vertreibung. Die Autorin greift Erlebnisse und Erfahrungen in Zusammenhang mit Krieg und Exil auf und überführt sie in Romane, in Literatur. (mehr …)