[LiSe 05/19] Neuvorstellung: Ein Bericht über eine Akademie

Die Bayerische Akademie der Schönen Künste in den Jahren 1948 bis 1968

Im „Bericht für eine Akademie“ von Franz Kafka kann der Affe Rotpeter der Aufforderung nicht nachkommen, sich an sein Affen-Vorleben zu erinnern, immerhin würden ihn fünf Jahre davon trennen. Ob die Historikerin Edith Raim auch diese Analogie im Kopf hatte, als sie ihrer Untersuchung über die Bayerische Akademie der Schönen Künste (BAdSK) in den Jahren 1948 bis 1968 den Titel „Ein Bericht über eine Akademie“ gab, sei einfach mal unterstellt. Denn das Buch, das nun zum 70jährigen Jubiläum der BAdSK vorliegt, bietet eine schonungslose Darstellung ihrer Frühgeschichte und der Verstrickung ihrer Mitglieder in den Nationalsozialismus. Und die hatten ihr Nazi-Vorleben bereits nach kürzester Zeit „vergessen“. Jedenfalls entspricht das Bild, das Raim nach Sichtung aller Unterlagen über die ersten 20 Jahre der Institution enthüllt, keineswegs dem hehren Anspruch, den ihr der Freistaat Bayern in der Gründungsurkunde zuordnete. Anfangs gab es nur drei Sektionen, Bildende Kunst, Schrifttum und Musik, die Mitglieder waren mit einer Ausnahme nur Männer, die meisten über 70, keiner jünger als 50. Niederschmetternd die Beschreibung einer Mitgliedersitzung 1965 von Wolfgang Koeppen: „…der Eindruck ist der einer Versammlung alter und verbitterter Männer. In den Gesichtern Bosheit, Enttäuschung, Neid, Schuld, Eitelkeit, Todesfurcht, Scheitern, zu dem sie sich nicht bekennen.“ Darin offenbart sich eigentlich alles, was Edith Raim aus den Protokollen, Briefen, Zeitungsartikeln und anderen Materialien akribisch herausgelesen und sachlich zu Papier gebracht hat. Der Dauerbrenner Überalterung, die Gekränktheiten, das Konkurrenzdenken gegenüber anderen Akademien, das Scheitern vieler Empfehlungen und Stellungnahmen der BAdSK seitens des Ministeriums, das schäbige Verhalten gegenüber den Emigranten, die mangelnde Scham über die eigene Vergangenheit. Es ist eine Lektüre, die die Leistungen der Akademiemitglieder nicht schmälert, aber mit ihren Schattenseiten auch nicht hinterm Berge hält. Und das ist gut so.

Katrina Behrend Lesch

Edith Raim: Ein Bericht über eine Akademie. Für 8 Euro Schutzgebühr in der Akademie erhältlich.

[LiSe 05/19] Preisträger „and the winner is …“

Große Auszeichnung für eine bayerische Wissenschaftspublikation: Der zum ersten Mal ausgelobte mediaV-Award – in der Kategorie „Sonderpublikation-Print“ – ging im April 2019 an das Buch „Wildtier Monitoring Bayern / Band 4“, das der Grafik-Designer und Art Director der LiteraturSeiten München, Michael Berwanger von der Agentur Tausendblauwerk, gestaltet hatte. Wir gratulieren. RED

Mehr zu allen Preisen unter: www.media-v-award.de/preistraeger/

[LiSe 05/19] Rezension: Prophet der Vernichtung

Götz Aly stellt den bayerischjüdischen Beamten Siegfried Lichtenstaedter vor.

Von Stefanie Bürgers

Siegfried Lichtenstaedter, geb. 1865, Kgl. Bayrischer Beamter, scharfsinniger Jurist, Münchner, gebildet, homosexuell, zeitweilig Nudist, war Jude. Er studierte nicht nur Rechtswissenschaft, sondern auch Orientalistik, Indogermanistik und Völkerpsychologie. Schon ab 1895 stellte er in zahlreichen Schriften glasklare und größtenteils treffsichere Prognosen zukünftiger politischer Entwicklungen bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs hinein. Diese entdeckt, ausgewählt und mit klugen Erläuterungen versehen zu haben ist das Verdienst des Politikwissenschaftlers und Historikers Götz Aly, Geschwister-Scholl-Preisträger 2018. In seinem Buch „Siegfried Lichtenstaedter. Prophet der Vernichtung“ bezeichnet Aly ihn als Meister der „rabenschwarzen Zukunftsgeschichtsschreibung“. Lichtenstaedter selbst nannte seine Voraussagen „Völkerpsychologie“ und analysierte konsequent, warum den Juden zwangsläufig Unterdrückung und Vernichtung drohen werde. (mehr …)

ILfest – Italienisches Literaturfestival in München

Das Projekt eines Festivals der italienischen Literatur entsteht aus der Leidenschaft für Literatur sowie aus einer über 25 jährigen Erfahrung in der Organisation von Lesungen mit italienischen Autoren, in Zusammenarbeit sowohl mit italienischen als auch deutschen Institutionen.

Wir wollen ein wahres Fest der italienischen Literatur in München gestalten, denn die Stadt bietet alle Voraussetzungen, damit eine solche Veranstaltung erfolgreich wird: Wegen der weit verbreiteten Kenntnisse der italienischen Sprache, der hohen Anzahl der hier lebenden Italiener, der geografischen Nähe, der kulturellen Affinität und der Dichte an Verlagshäusern. (mehr …)

[LiSe 04/19] Steinige Wege

Verfolgt, vertrieben, ihrer Sprache enteignet – wie es Autorinnen und Autoren im Exil ergeht

Von Bernd Zabel

Gestern noch in der Öffentlichkeit, am nächsten Tag im Versteck, dann die Verhaftung oder heimliche Flucht gegen hohe Schmiergeldzahlung. So erging und ergeht es zahlreichen Autor*innen weltweit. Viele, denen die Flucht gelang, landeten in Deutschland. Einige wenige erheben hier ihre Stimme und werden gehört, aber die Mehrzahl bleibt stumm, denn sie haben Familie und Angehörige zurücklassen müssen und die Regime halten sich mit Sanktionen und Schikanen schadlos. Daher die verbreitete Angst, nicht nur bei türkischen oder iranischen Flüchtlingen. Jedes Fluchtschicksal ist eben ein besonderes. Es macht einen großen Unterschied, ob er/sie hier eine Gemeinschaft von Landsleuten vorfindet, ob der Arm der Verfolger, der Geheimdienste, bis ins Gastland reicht und wie schwer die Traumatisierung durch Flucht, Verfolgung, Haft und Folter auf der Seele lastet. (mehr …)

[LiSe 04/19] Kolumne: Alles Chefsache

Ja klar, wir denken ja schon um!
Ständig: Also, der Wolf ist so ein absolut nützlicher Gefährte des Menschen (solange er uns bloß nicht persönlich begegnet), sorgt für das Gleichgewicht im Walde, nährt sich von Reh, Geißlein und Hasen, reißt ab und zu eine Wildsau oder ein Rotkäppchen – Moment mal, stopp! Das mit dem Rotkäppchen geht gar nicht, streich das gefälligst, ruft der Chefredakteur ins Smartphone, während er mit dem SUV auf seine Almhütte rast, oder ich streiche Dich! Sagt er, und er hat das Sagen!

Dabei haben es Chefredakteure ja auch nicht immer leicht, das muss man bedenken, wenn man in so ein Chef-Bashing auf den asphaltierten Almweg mit einbiegen will. Sie werden selbst gejagt, gehetzt und erlegt, wir erinnern nur an Kristian Krug, Stern oder Klaus Brinkbäumer, Spiegel – das war erst im letzten Dezember. Oder an Zeitschriften, die Anfang des Jahres einfach eingefroren wurden samt ihren Chefs, wie z. B. „Maxi“ (Bauer Verlag), die uns so am Herzen lag, oder der Weekly Standard mit Stephen Hayes, der seinem Verleger einfach zu Trump-feindlich wurde. Manchmal greift ja auch der Insolvenzverwalter zur Tranchier-Schere wie im Falle eines Münchner Boulevardblatts vor knapp fünf Jahren, ja der Chef ist des Menschen Chef!  (mehr …)