[Lise 05/20] Villa Waldberta: Ein Refugium für die Künstlerseele

Dr. Martin Rohmer leitet das internationale Residenzprogramm der Stadt München.
Die LiteraturSeiten haben ihn befragt.

LiteraturSeiten München (LSM): Die Villa Waldberta ist das Residenzhaus der Stadt München für internationale Stipendiatinnen und Stipendiaten, gelegen ist die Villa aber am Starnberger See, in Feldafing. Wie ist es dazu gekommen?

Dr. Martin Rohmer: Die Villa Waldberta wurde Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut und hat eine wechselvolle Geschichte, schön aufbereitet in Tobias Mahls Buch „Kosmopolitentreff und Künstlerhaus. Die Villa Waldberta als Spiegel des 20. Jahrhunderts“. Die Villa stand auch in Privatbesitz schon immer für Kunst, Kultur und Begegnung. Die letzte Eigentümerin der Villa, Bertha Koempel, stiftete das Anwesen der Landeshauptstadt München, und seit 1983 ist hier das Artist-in-Residence-Programm derStadt angesiedelt. Internationale Gastkünstler*innen wohnen auf Zeit, arbeiten und präsentieren sich selbst und ihre Arbeit der Öffentlichkeit. (mehr …)

[Lise 05/20] Kolumne: Grandiose Störungen

Sind schon eine große Chance für Umarmungen, diese Zeiten der Covid-19-Pandemie, für große Verbal-Umarmungen des einen Präsidenten dort, des anderen Landesvaters hier, vor allem aber auch der vielen kleinen Großschwätzer, Nervensägen und Welterklärer, als wären eigentlich sie das Virus: Selbst gedanklich leblos aber sich ansaugend an fremde Lebewesen und diese zerstörend – naja, Moment mal, nun wollen wir aber doch nicht gleich übers Ziel schießen. Aber was ist das Ziel? Ganz klar: Der Impfstoff!

Und vorher: Innehalten, Streaming anklicken, Gedichte lesen, Rilke z. B., diese Duineser Elegien, etwa die zehnte, in der vom Postamt „am Sonntag“ die Rede ist, das zu ist, rein und „enttäuscht“ – ein enttäuschtes Postamt, also eine Sache als Subjekt, kann auch nur einem Lyriker einfallen, tolle Idee, das. Ein Haus, etwa, enttäuscht, dass der Bewohner geht. (mehr …)

[Lise 05/20] Gedenkveranstaltung: Lesung gegen das Vergessen

Sonntag, den 10. Mai 2020
Lesung gegen das Vergessen
von 12 bis 14.30 Uhr ganz vielleicht auf dem Odeonsplatz, auf jeden Fall ganztägig online 

Der 10. Mai 1933 war für viele Menschen in Deutschland ein lebensentscheidender Schicksalstag. Von heute auf morgen verloren sie ihre Lebensgrundlage. Denn am 10. Mai 1933 verbrannten Professoren und Studierende auf lodernden Scheiterhaufen Bücher von Hunderten von Autor*innen. Deutschlandweit organisierten die Nazis diese Feuer auf großen Plätzen – wie in München auf dem Königsplatz – als „Gesamtaktion“ gegen den intellektuellen „Zersetzungsgeist“. (mehr …)

[Lise 05/20] Literarische Archive (Folge 15): Sie schrieben ihm 

Spuren berühmter Literaten im Nachlass Eduard von Schenks

von Antonie Magen

Der Name Eduard von Schenk (*1788) ist heute weitgehend vergessen. Genannt wird er lediglich noch in Geschichtsbüchern, die sich mit der bayerischen Innen- und Kulturpolitik des Vormärz beschäftigen: In erster Linie beschreiben sie die Karriere, die Schenk nach seiner juristischen Promotion im bayerischen Staatsdienst machte, und die sich in den 1820er Jahren zusehend beschleunigte. Nach einigen Jahren im Justizministerium trat er 1826 ins Innenministerium ein. Dort wurde er zunächst Leiter der Abteilung für Kirchen- und Schulangelegenheiten; bereits zweieinhalb Jahre später ernannte ihn Ludwig I. zum Innenminister. Dieses Amt hatte er bis 1831 inne. Danach wurde er als Generalkommissär des Regenkreises nach Regensburg versetzt, wo er bis zu seinem Tod am 26.4.1841 blieb. (mehr …)

[Lise 05/20] Literatur im Netz: Literaturveranstaltungen Online

Literaturveranstaltungen können nach wie vor nur im Netz stattfinden. Wir zeigen Ihnen hier ein paar ausgewählte Empfehlungen.

Doris Dörrie
Morning Pages: zehn Minuten Schreiben ohne abzusetzen
www.instagram.com

KRIMIFESTIVAL MÜNCHEN
Vorstellung er Autoren und Bücher, deren Lesungen verschoben wurden
www.facebook.com/krimifestival

SZ-PODCAST:
Milbergs literarischer Balkon, täglich unter
www.sueddeutsche.de/thema/

Axel_Milbergs_Literatur-Podcast
Resi ruft an
Schauspieler lesen live am Telefon Texte vor.
www.residenztheater.de/Resi-liest-vor

HOCHX: Kettenreaktion
eine Gesprächsverrichtung von und mit Ruth Geiersberger
theater-hochx.de/phone/kettenreaktion.html

TAMS HEIMTHEATER
das Käthchen von Heilbronn hab ich mir anders vorgestellt u.a.
tamstheater.com/heimtheater

[Lise 05/20] Lyrische Kostproben

oder

etwas als solches oder sozusagen geschenkt
ein wort mit vier buchstaben zum beispiel
oder eine spontanfrequenz, schmerzfrei sogar
oder ausrangiert als ganzes wenn nicht
in effigie dann extra commercium vielleicht
ein krokodilschluß oder eine krankheit der natur
– eine disjunktionsschaltung im volksmund nur

etwas als solches oder doch vielmehr nichts
als dasselbe noch einmal zur abwechslung ein er
ohne oder eine sie mit, vielleicht eine neue
gattung auf abruf oder ein böses erwachen im netz
als Kuckucksei zum beispiel oder als funke
für den kalten rest – was macht den unterschied,
die sache selbst?

Daniele Dell’Agli

 

umtausch ausgeschlossen

wenn es den konjunktiv nicht gäbe,
wäre alles wie immer: die erste liebe
ein drama, blutgruppe unbekannt,
gerechtigkeit selten.

das problem mit dem konjunktiv: man weiß nie
ob er hält, was er verspricht: kühlaggregat,
abstandssensor, schwingungsfilter, was
hat man ihm nicht schon angedichtet.

dabei kann man im konjunktiv nicht mal
durchschlafen, geschweige denn zimmer
verdunkeln. und wozu auch? ohne ihn
geht es alles schneller. das erwachsenwerden,

die beziehungsflucht, der katzenjammer.
dafür muß man im konjunktiv alles
alleine machen. schwimmen lernen,
bilanzen fälschen, geburtstag vergessen.

früher, ja, da gab es noch kurschatten
für heiße wangen, schaltsignale
für gute ratschläge, schwingtüren
für beifall von der falschen seite.

heute heißt es wunden lecken, rückwärts
vor dem einschlafen die telomeren zählen.
hinter lichten vorhängen, mit gereizten
konjunktiven, das steht fest, wächst es

sich nicht mehr raus, sondern rein
ins Gedächtnis: erste liebe kein drama,
blutgruppe selten, gerechtigkeit unbekannt.

Daniele Dell’Agli

 

Erleuchtung des instrumentalisierten Himmels

Ein Baum das Land, und die Rosen
blühn aus alter Kraft.
Das facettenreiche Auge
wandelt im Abglanz: Der Baum
beschattet seine Kinder, hat
mit schwankender lastender Frau
einen langen Weg beschritten.

Der spöttische Untergang
wird immer ein Zimmer finden.
Wir werden beim Rauch stehn,
mit Zeit und Ziel und Zahl.

Wolfgang Berends

 

M e t a p h y s i s c h e s

Vermutlich der Oberteufel mit
seinen zielgenauen Augen und
dem großkalibrigen Gewehr
hat unsere Welt in Stücke geschossen.
Wälder, weggerissene Berge, Teile
von Städten fliegen umher,
durcheinander grün, grau, gelb, rot,
Gewissheiten, Wahrheiten, Schönheiten,
Freundschaften, Feindschaften, Hiobsbotschaften,
Verantwortungsgefühl, Mitgefühl, überhaupt Gefühl,
kopfüber, kopfunter und Querschläger.
Sogar den Teufelskindern wird es bang:
Vater, dauert das noch lang?
Wenn so ein Trumm die Hölle trifft,
da nehmen wir doch lieber Gift!
Beruhigt euch, Kinder, in kurzer Zeit,
so etwa in hundert Jahren,
zeigen die Menschen ein bessres Gebaren,
fügen die Stücke zu neuer Einheit,
ordnen die Welt, wie’s allen gefällt.
Dann habt ihr gelernt, wie man’s ihnen
wieder vergällt.

Hans Buchner

 

R ä t s e l h a f t  ?

Wir halten eine kleine Qualle
in der Hand. Ihre Fäden treiben
weit über die Welt und
saugen ein, was sie erreichen können,
Nebensächliches, Nützliches, Wichtiges
und Unsinn. Auf seinem Schirm
zeigt das Glibbertier alles,
was wir bestellen und schießt
als Zugabe das klebrige Nesselgift
in das Gehirn des Betrachters. Wer
kleben bleibt, zappelt wie die
Maus im Rachen der Katze.

Hans Buchner