[LiSe 11/16] Kolumne: Feuertaufe für T. C.

Asche geht eigentlich immer. Im Kontext mit Dichtern oder Songwritern aber ganz besonders, denn ihre „Konnotation“, wie das so schön heißt zu Trauer, Buße, Ende, Tod beflügelt die Poesie. Neben Liebe und Liebesschmerz gibt es, im Winde klirren die Fahnen, kein Thema, das häufiger anklingt, oder wie Heine trefflich singt „Ach das Ende ist so trübe/Nach der holden Liebesnot/kommen Nöte ohne Liebe/Nach dem Leben kommt der Tod.“ (mehr …)

[LiSe 10/16] Kolumne: Rilkes Villa, jetzt!

Unter jedem Dach wohnt ein Ach – und da wird’s wohl noch eine Zeitlang bleiben. Vor allem die bedauernswerten Makler müssen dies gerade wieder erfahren, wenn sie berühmte Dichter-Villen verscherbeln wollen.

Keiner will sie haben, die von Ruhm und Genius getränkten Mauern. Es winkt sofort der Denkmalschutz, es drohen die Feuilletonschreiber über jeden Privatier herzufallen, der es wagt, zu kaufen, aber kein Museum darin zu errichten, sondern es sich einfach gemütlich darin zu machen, Kinder zu zeugen, einen Dobermann zu halten und all das. (mehr …)

[LiSe 09/16] Kolumne: Heimkehr der Romane

Das soll es sein: Der Vater im Fond der Familienkutsche mit einem oder zwei Kindern, die Mutter am Steuer, so rollen jetzt die Heimkehrer über den Brenner, die Karawanken oder vom Bodensee wieder in München ein. Der hochgebildete Vater liest leichte Lyrik vor, Kästner, Eugen Roth oder ein Pixi-Buch, die Mutter, souverän, bleibt auch im Stau ganz ruhig, fährt niemals zu dicht auf, liefert sich keine Wettrennen mit anderen Verkehrsrowdys! Ja, überall schwappt der Frauenanteil über die Ufer, man schaue nur in die Justiz, in die Kliniken, von den Schulen ganz zu schweigen. Wir kommen auf sie zurück. Auch am Steuer hat der Mann nichts mehr zu suchen. „Writers don’t drive“ – und „Writer“ sind auch Denker. In einer Beziehung ist immer nur einer der Denker, und dies beanspruchen nach wie vor die Männer für sich – klar, dass sie dann nach hinten gehören. (mehr …)

[LiSe 07/16] Kolumne: Lyrikers Lebensleid

Verstohlen wischt sich manches Kind den Mund ab, mit dem Ärmel, wenn die Mutter es geküsst hat. Was aber, wenn es die Muse war und nicht die Mutter? Und wenn das Kind kein Kind, sondern ein Lyriker, eine Lyrikerin, ein Fabelwesen also, dünnhäutig, durch Spiegel in andere Welten tretend, trunken von Küssen – Wesen, die man um diese Jahreszeit vermehrt des nachts an S-Bahnhöfen antrifft, in Hotellobbys und Abflughallen, mit zerrauftem Haar und tiefen schwarzen Ringen unter den Augen, „Panda-Augen“, wie die Werbung neuerdings höhnt. Das alles sind Verlierer, deren es viel mehr gibt als Gewinner, und denen hier unbedingt mal ein Röslein gebrochen werden soll – vor allem, wenn man ihnen gerade ein Veilchen geschlagen hat. (mehr …)

[LiSe 06/16] Kolumne: Alles nur Romane

Als Mitte Mai dieser kräftige blaue Hai vor Mallorca seine Kreise zog, die Bademeister Liegestühle in den Sand setzten, Sonnenschirme, da dachte mancher Mallorca- und Sonnenhungrige: Diese ganzen Romane, die in diesen Liegestühlen schon gelesen wurden und demnächst wieder gelesen werden, was nützen sie uns, um in rechter Weise mit dem Blauhai umzugehen? (mehr …)

[LiSe 04/16] Kolumne: Nachfolgequal

Ein Krake wäre, um mit der Tür ins Haus zu fallen, nicht die schlechteste Lösung, mit acht Tentakeln, Saugnäpfen, Reichweite, die Probleme des neuen Literarischen Quartetts zu lösen, das seit Oktober letzten Jahres im ZDF als Nachfolger des Marcel R.-R.-Quartetts präsentiert wird. Aber gemach: Die Suche nach einem Nachfolger ist ein harter Job; nur ganz selten gelingt es dem Alphatier selbst, sich rechtzeitig um einen geeigneten Kandidaten zu kümmern, ihn nach und nach „aufzubauen“. Wir denken an Bismarck, Adenauer, Christian Ude. Er muss erheblich jünger sein, talentiert, aber nicht von auffallender Intelligenz, darf nichts wissen von Leichen im Keller seines Vorgängers und muss doch vom Milieu als kompetent akzeptiert werden. Von dem sehr speziellen Milieu, in das er geworfen wird, von den Medien und den Konsumenten, die ihn nach und nach verbrauchen sollen und werden. Auch in der hier verhandelten Causa hatte der einstige Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki keinen Gedanken an einen Nachfolger verschwendet – die Musik der eigenen Unersetzlichkeit übertönte alles. (mehr …)