[LiSe 03/16] Kolumne: Knotenkunst-knoten

In diesem Winter tragen wir unseren Schal wieder locker, leicht geschürzt und lässig, fast wie einst der große Theodor Storm, denn wir wissen, eigentlich schon seit der Story von Gordios 333 v. Ch., das feste Schnüren bringt‘s nicht, irgendwann kommt ein Alexander und löst ihn ja doch oder zerschlägt ihn, den Knoten. Vor sechs Jahren war das noch anders, als der Feldherr KT von und zu Guttenberg seinen weißblauen Edelschal kälberstrickartig vor der Brust knotete , und die Männer ihm brav folgten, die Wählerinnen ihm zu Füßen lagen – vorbei . (mehr …)

[LiSe 01/16] Kolumne: Häschtäglich Täsch

Häschtäg oder hächtäsch schwirrte es plötzlich Ende des letzten Jahres ständig aus dem Fernseher durchs Zimmer, egal wo man saß oder sah, wie eine Motte, aus Jauch, Will oder Maischberger oder war es jäschkläsch, egal, einige Male konnte man mit der Hand danach schnappen, aber es wich geschickt aus. Ich hatte es noch nie gehört oder gesehen. Andere, die total PC-affin sind, händeln das Wörtchen sicher schon seit Jahren, mag sein, aber unsere Welt klafft ja längst himmelweit auseinander, Parallelwelten! Oder war das wieder eines dieser Worte und Dinge, die plötzlich auftauchen und meist genauso schnell wieder verschwinden. Sicher irgendwas Manipuliertes, das in die Werkstatt zurückgerufen und umgerüstet werden muss, Anfang des Jahres, spätestens, häschtäg, Gesundheit! (mehr …)

[LiSe 12/15] Kolumne: Fuck-up-Nights

Manchem Anfang wohnt ein Zauber inne, aber auch ein Scheitern … doch gerade dieses Scheitern und das Bekenntnis dazu kommen derzeit groß in Mode. Junge Ökonomen bekennen sich z. B. an der ehrwürdigen Frankfurter Universität in „Fuck-up-Nights“ dazu, mit mindestens einer Firmengründung gescheitert zu sein und es sofort wieder zu versuchen. – Moment mal, wir haben doch hier jetzt Advent, die Zeit der weichen Herzen und Kerzen und der unzähligen Ludwig Thoma-„Heilige Nacht“-Lesungen! Werfen wir also einen prüfenden Blick auf die Chancen jenes Start-up-Unternehmens, wie es das Neue Testament uns als literarische Quelle und der bayerische Oberdichter in marzipansüßer Vers-Variante überliefern: Betlehem-Konzept, Knowhow, Personal und Kapitalausstattung. (mehr …)

[LiSe 11/15] Kolumne: #Flop & Top

Jetzt, da der Pulverdampf der Salutschüsse sich verzogen hat vom 100. Geburtstag des vermeintlichen Politikers F. J. Strauß, wird uns schmerzlich bewusst, wie wenig FJS doch als großer Lyriker gewürdigt worden ist! Dabei enthält sein brillanter Vers „Eher gehe ich Ananas / Züchten in Alaska, als / Bundeskanzler zu werden“ Witz und Sprache moderner Poesie im Kern, in nuce, wie er gesagt hätte. Vorbei, vorbei, die Bundeskanzler-Sache war sein Flop und damit auch die Poesie. (mehr …)

[LiSe 10/15] Kolumne: Nobel-Skat

Wieder den ersehnten Anruf aus Stockholm nicht bekommen? Vom Sekretär der Akademie nicht nach IBAN und BIC gefragt worden? Schmerzhaft wird man daran erinnert, wenn am 10. Oktober der Literaturnobelpreisträger bekannt gegeben wird, und die Überweisung von acht Millionen Schwedischen Kronen (ca. 867.000 Ä) auch dieses Jahr ausbleibt. Uns wurden die geheimen NSA-Protokolle einer Skatrunde zugespielt, die GG einige Wochen vor seinem Tod mit zwei anderen Großen im Münchner Schelling Salon einberufen hatte, mit Martin Walser (MW) und Peter Handke (PH). Man muss vielleicht noch wissen, dass Nobelpreisgewinner vorschlagsberechtigt sind für einen neuen Kandidaten, den die Schwedische Akademie benennt. (mehr …)

[LiSe 07/15] Kolumne: Vergesst Fritz!

Sommer ist’s, die helle, leichtsinnige Zeit des Kofferpackens, Reisens und auch des Lesens: Zu viele Bücher einpacken lieber, als zu wenige, wie im letzten Jahr, als dann der Regen kam – aber welche? Der Blick auf die Bestsellerlisten zeigt uns: Die üblichen Verdächtigen. Donna Leon mit 23stem Brunetti, Martin Suters raffinierte Routine,
Houellebecqs Muslim-Konstruktion und dann noch jede Menge Krimis, Thriller, die psychologisch raffiniert und sprachlich vom Allerfeinsten sein sollten. Die Krimi-Wahl ist schwer im Angesicht der Wirklichkeit, die uns aus den Journalen anspringt. Kostprobe: Ein Landwirt, angeblich von seinen Kindern ermordet, von Hunden gefressen und doch Jahre später tot in der Donau aufgefunden – da ist’s schon schwer, einen Pageturner zu finden, der den Puls noch höher treiben könnte, wenn man die Füße irgendwo zwischen Waterloo und Wangerooge, Amrum und Antalya im mehligfein gemahlenen Sand stecken hat.

Waterloo, wie bitte? Das Schlimme ist doch: Ständig jährt sich irgendwas, jetzt plötzlich Waterloo und Bismarck! Beide feiern 200sten Geburtstag und lassen Bücher auf den Markt werfen, von denen man – um vor sich selbst bestehen zu können – doch mindestens eins gelesen haben muss. Vor kurzem war es erst der Alte Fritz. Dann Weltkrieg Eins und dann die Callas oder umgekehrt. Naturgemäß verderben sie einem den leichten Lektüresommer, nach dem man gelechzt hat wie nach der Mocca-Eiskugel und dem Campari in der schattigen Strandbar.

Lionel Jospin dagegen hat es richtig getroffen. Lionel who? Jaja, die Zeit ist so vergesslich. Der Mann war noch vor kurzem Premierminister und hat letztes Jahr endlich auf 250 Seiten derart mit Napoleon („Le Mal napoléonien“) abgerechnet, dass man dessen Namen eigentlich vergessen kann! Über den braucht man gar nichts mehr zu lesen, der ist in der Tonne, ein Glück! (Apro-pos „Tonne“: Da gäbe es auch noch die „Regentonnenvariationen“ von Jan Wagner, 57 Gedichte, preisgekrönt, meist harmlos, aber mal was anderes.) Und: es wäre hoch an der Zeit, dass
einer wie Jospin käme und unseren deutschen Reliquienschrein aufräumte:
Etwa „Vergesst Bismarck“, den „Alten Fritz“ und „Vergesst Friedrich Barbarossa“ sowieso! Alles Militaristen – ja Gerd, wo bleibst Du denn jetzt? Schröder, wenn Du nicht gerade mit Putin bist oder an deinen Haaren fummelst, dann könntest Du à la Jospin eine neue Beck-„Vergiss“-Reihe starten, mit finanziellem Erfolg! Wir rekeln uns derweilen schon mal unterm Sonnenschirm und lesen Süffiges und warten ab, was von Geschichte bleibt, wenn alle Kriegstreiber raus sind. Oder sollte man vielleicht doch dieses ganz dünne Waterloo-Büchlein einpacken, aus Bildungsgehorsam, das für 8,95 Euro, 127 Seiten?
W.H.