by LiSe | 2. Jan. 2017 | Blog, Kolumne
Das lang ersehnte W-Fest vorüber, die Wohnzimmerteppiche noch übersät mit Geschenken, buntem Papier, Schnipseln und Scheren, blickt das magere Sein blass auf das wohlgenährte, anschwellende Haben. Im Konsumptiven alles in Ordnung! – Was wird das hier? Ein Hirtenbrief des asketischen Franziskus aus Rom? „Böser Konsumrausch“? Ach was, es gibt Schlimmeres. Den JRS zum Beispiel, den Jahresrückblicksschmerz! Was mussten wir im abgelaufenen Jahr an Schmerz ertragen, allein im Literarischen, und das alles wurde in den Medien zum Jahresende wie üblich nochmal in Rückblicken aufgetischt: Der Tod Umberto Ecos, die perfide Lüftung des Bestseller-Pseudonyms „Elena Ferrante“(„Meine geniale Freundin“), der Literatur-Nobelpreis für einen Mundharmonika spielenden Melancholiker oder auch die Verleihung des Deutschen Buchpreises für ein Werk Bodo Kirchhoffs („Widerfahrnis“), das an parfümiertem Altherren-Eros kaum zu übertreffen ist – der JRS wird uns noch eine ganze Weile verfolgen, auch wenn die Rückblicke selbst jetzt enden; die Druckstellen bleiben. (mehr …)
by LiSe | 30. Nov. 2016 | Blog, Kolumne
Freizeit wird furchtbar überschätzt, keiner hier will sie im Grunde. Oder, wie Sebastian Haffner in seinen Erinnerungen 1939 schrieb, der Deutsche ist für die Freizeit „nicht begabt“, er – mit Ausnahme einer dünnen Bildungsschicht – hat nur Arbeit im Kopf. Oder Fernsehen, wie wir heute angesichts der 1.000 „Tatort“- Folgen wissen, die uns mit jeweils ein bis drei Morden seit 1970 den Sonntagabend versüßen. Nur wenige Zeitzeugen berichten noch von einer Zeit ohne Fernseher. Allerdings – doch davon später – hat er, der gern zitierte „Deutsche“ inzwischen das Schreiben entdeckt. Das Lesen betreibt er eher widerwillig, wenn er aus Abscheu vor dem TV-Programm zu Kirchhoff greift, Walser oder Hera Lind. (mehr …)
by LiSe | 3. Nov. 2016 | Blog, Kolumne
Asche geht eigentlich immer. Im Kontext mit Dichtern oder Songwritern aber ganz besonders, denn ihre „Konnotation“, wie das so schön heißt zu Trauer, Buße, Ende, Tod beflügelt die Poesie. Neben Liebe und Liebesschmerz gibt es, im Winde klirren die Fahnen, kein Thema, das häufiger anklingt, oder wie Heine trefflich singt „Ach das Ende ist so trübe/Nach der holden Liebesnot/kommen Nöte ohne Liebe/Nach dem Leben kommt der Tod.“ (mehr …)
by LiSe | 4. Okt. 2016 | Blog, Kolumne
Unter jedem Dach wohnt ein Ach – und da wird’s wohl noch eine Zeitlang bleiben. Vor allem die bedauernswerten Makler müssen dies gerade wieder erfahren, wenn sie berühmte Dichter-Villen verscherbeln wollen.
Keiner will sie haben, die von Ruhm und Genius getränkten Mauern. Es winkt sofort der Denkmalschutz, es drohen die Feuilletonschreiber über jeden Privatier herzufallen, der es wagt, zu kaufen, aber kein Museum darin zu errichten, sondern es sich einfach gemütlich darin zu machen, Kinder zu zeugen, einen Dobermann zu halten und all das. (mehr …)
by LiSe | 29. Aug. 2016 | Blog, Kolumne
Das soll es sein: Der Vater im Fond der Familienkutsche mit einem oder zwei Kindern, die Mutter am Steuer, so rollen jetzt die Heimkehrer über den Brenner, die Karawanken oder vom Bodensee wieder in München ein. Der hochgebildete Vater liest leichte Lyrik vor, Kästner, Eugen Roth oder ein Pixi-Buch, die Mutter, souverän, bleibt auch im Stau ganz ruhig, fährt niemals zu dicht auf, liefert sich keine Wettrennen mit anderen Verkehrsrowdys! Ja, überall schwappt der Frauenanteil über die Ufer, man schaue nur in die Justiz, in die Kliniken, von den Schulen ganz zu schweigen. Wir kommen auf sie zurück. Auch am Steuer hat der Mann nichts mehr zu suchen. „Writers don’t drive“ – und „Writer“ sind auch Denker. In einer Beziehung ist immer nur einer der Denker, und dies beanspruchen nach wie vor die Männer für sich – klar, dass sie dann nach hinten gehören. (mehr …)
by LiSe | 30. Juni 2016 | Blog, Kolumne
Verstohlen wischt sich manches Kind den Mund ab, mit dem Ärmel, wenn die Mutter es geküsst hat. Was aber, wenn es die Muse war und nicht die Mutter? Und wenn das Kind kein Kind, sondern ein Lyriker, eine Lyrikerin, ein Fabelwesen also, dünnhäutig, durch Spiegel in andere Welten tretend, trunken von Küssen – Wesen, die man um diese Jahreszeit vermehrt des nachts an S-Bahnhöfen antrifft, in Hotellobbys und Abflughallen, mit zerrauftem Haar und tiefen schwarzen Ringen unter den Augen, „Panda-Augen“, wie die Werbung neuerdings höhnt. Das alles sind Verlierer, deren es viel mehr gibt als Gewinner, und denen hier unbedingt mal ein Röslein gebrochen werden soll – vor allem, wenn man ihnen gerade ein Veilchen geschlagen hat. (mehr …)