[LiSe 12/18] Kurzgeschichte: Dämmerung

Von Heike Duken

Er
regt sich schon, der Drachen in seiner Höhle. Er zuckt schon. Bald wacht er auf. Und dann reißt er das Maul auf und spuckt sein Feuer gegen meine Innereien, dass ich nur noch schreien kann.
Es ist Zeit, Schwester, kommen Sie, bitte. Warum warten, der Drachen ist wach, gleich erhebt er sich!
„Herr Claasen?“
Marion ist es.
„Es ist wieder so weit“, sagt sie.
Marion lässt mich nie warten. Sie ist so herzensgut.
„Jetzt sticht es“, sagt sie.
Und schon dämmert es. Das ist die beste Zeit. Der Drachen gähnt noch einmal, dann legt er sich nieder, ganz müde, ganz erschöpft. Von nichts. Vom Warten.
Ich deute auf das Fenster, nur mit dem Finger, der Arm ist zu schwer.
„Ich darf Sie doch nicht aufsetzen, Herr Claasen.“ (mehr …)

[LiSe 10/18] Kurzgeschichte: Mutter

Von Rudolf Freiberger

Wo bin ich? Wo ist sie?“ Er rieb sich den Schlaf aus den Augen, mit der Faust. „Aaaahhhch!“ quoll der erstickende Schrei aus ihm heraus, wie in dem ewig wiederkehrenden Traum ihm sämtliche Zähne aus dem Mund quollen – Hunderte von Zähnen, immer mehr herausfallende Zähne, bis er mit der Angst zu ersticken qualvoll wach wurde. „Mutter! Wo bist du?“ schrie es aus ihm. Die Nachbarn! Es ist mir scheißegal was die Vollidioten denken, in diesem verfluchten Wohnloch in Neuhausen. Ja, ich bin in Tot-Neuhausen, exiliert, fern dem einzigen Menschen, der mir auf dieser Welt geblieben ist. Und jeden Morgen dieselbe Angst! „Ich halte das nicht mehr aus!“ schrie er die dünnen Wände an. „Mutter! Lebst du noch?“ Nein – ich rufe jetzt nicht bei ihr im Saarland an – halb sechs Uhr früh – sie schläft noch. Und warum soll sie plötzlich nicht mehr leben? „Du Volldepp“ schrie er sich an. „Warum kannst du deine alte Mutter nicht einfach sterben lassen? In Frieden gehen lassen? So wie andere Leute auch.“ – Halb sechs – ich stehe auf und fahre sofort zu ihr. 460 Kilometer – in vier Stunden bin ich da. (mehr …)

[LiSe 09/18] Kurzgeschichte: Orte

Von Slata Roschal

Wir sind im Urlaub. Die Wohnung ist ungemütlich, die Matratzen unbequem, das Bett eng, das Sofa staubig, draußen ist es zu warm und zu windig, und das erste Essen im ersten Restaurant, das wir in der Nähe finden, ist widerlich und unverschämt teuer. Ich kann nicht einschlafen, weine, fühle mich unglücklich und möchte mich in diesem Mittelmeer am liebsten ertränken. Es gibt kein Internet, keine Verbindung zur normalen, nichtmediterranen Welt. Hier wachsen Orangen auf den Bäumen und die Luft riecht süßlich. Allmählich gewöhne ich mich an die Nachbarskinder, die nachmittags im Garten Turnübungen machen und sehr nach Schweiß riechen, an die grell gekleideten, vollbusigen Frauen, an die schwarzhäutigen Verkäufer, die zwischen den Restauranttischen tanzen und mit Schlüsselanhängern und Armbändern klimpern, ich gewöhne mich an das schlechte Englisch der Kellner und meine eigene Sprachlosigkeit, Hilflosigkeit und Schwermut. Ich bin an dieser Küste in einem Vakuum verschlossen, ich kann nicht das machen, was ich sonst immer mache, jeden Tag, jede Bewegung muss gestoppt und nochmals überdacht werden, alle Gegenstände befinden sich an anderen Orten, an denen sie nichts zu suchen haben, und ich selbst bin an einem anderen Ort und es vermisst mich keiner. (mehr …)

[LiSe 07/18] Kurzgeschichte: Sirenenbotanik

Von Isa Bellini

Ob sein Nachname ein Pseudonym sei – er hieß Friedhelm Triebhafer –  oder ob ihn dieser Name zum Studium der Botanik angeregt hätte, wurde er während seiner 30jährigen Dienstzeit im Botanischen Institut Unterwiesenfeld immer wieder gefragt, was er jedoch aufs heftigste zu verneinen wusste, da er es genau erinnerte, dass es seine Mutter gewesen war, die ihm zum Studium der Pflanzen geraten hatte. Sie wolle nicht, dass seine edlen Hände, den Medizinern gleich, „im Fleische wühlten“. So dankte er ihr den Beruf des Sachkundigen für Gräser an extremen Trockenstandorten, genauer gesagt, des Steppen- und Wüstenbotanikers, weswegen seine Kennt-nisse für seine voralpenländische Wirkungsstätte eher weniger von Belang waren. Umso mehr konnte er sich ganz und gar seinen Gräsern hingeben. Nichts störte seine hingebungsvolle Leidenschaft für diese zartgliedrigen, zerbrechlichen Wesen, bis eines gewöhnlichen Morgens Unerwartetes in sein Leben trat – eine Sekretärin – genauer gesagt, die seines Kollegen. (mehr …)

[LiSe 06/18] Preisverleihung / Kurzgeschichte

Gewinner

Der Haidhauser Werkstattpreis, dessen Vergabe heuer zum 25. Mal stattfand, hat einen eindeutigen Gewinner. Es ist Wolfram Hirche, dessen satirisch zugespitzte Kurzgeschichte „Osama Ostmond“ den anwesenden Zuhörern unter den Texten der elf Kombattanten, wie sich Moderator Rainer Kegel vom Münchner Literaturbüro ausdrückte, am besten gefiel. Leicht gekürzt ist sie hier abgedruckt. Hirche schreibt in den LiteraturSeiten München regelmäßig die Kolumne und nimmt darin den Literaturbetrieb hintersinnig und ironisch aufs Korn. Wir gratulieren ihm. red.

Kurzgeschichte: Osama Ostmond 

Von Wolfram Hirche

Osama gleitet pünktlich aus dem Untergrund die Rolltreppe hinauf zur Mariensäule ins Freie, in der Linken einen Metallkoffer, und raunt mir sofort ins Ohr, dass er geradewegs aus seinem Versteck in „München-Westkreuz“ komme und keineswegs aus den Höhlen von Tora Bora. Westkreuz, Hochhaus, neunter Stock, das kann man nicht erfinden, das macht ihn sofort authentisch. (mehr …)

[LiSe 04/18] Kurzgeschichte: wann es nacht wird – – –

Von Christoph Michels

dieses halbdunkel & niemand: leerraum – – & diese stunde in der nie irgendwas – – als es laut aus den boxen: „WOULDN’T IT BE GOOD TO BE ON YOUR SIDE“ & das lachen der barkeeper: irgendwo: in ihren schwarzen schürzen & dass alles irgendwie: weit – – – : das gewusel vor einem der türkenmärkte: VERDI: irgendwelche proleten: BMWs mit getönten scheiben – – ist es wie jedes bahnhofsviertel – – ist es: weit weg & langsam & nur dieses – – & „I GOT IT BAD – YOU DON’T KNOW HOW BAD I GOT IT“ : ist blau: zu rot – dann gelb: über das gewühl: über den asphalt: in die straße: in die späte sonne: in alles – – bis es zu ende – – & alles ist dann: laut: wieder verdichtet: ist es: autohupen: rollkoffer: eine frau in ihr handy brüllend, das in ihrem kopftuch steckt: eine zerspringende glasflasche: gedudel aus handylautsprechern – – reißt’s die augen in die fassade gegenüber: HOTEL PENSION ALPINA: schäbiges grün & offene fenster: vor grauen zimmern – andere: mit roten gardinen verhängt – eine eingezogene markise: vor sich hin gammelnd – ist es tot & auch die offenen fenster machen es nicht besser – – – im erdgeschoos: neonröhren – – wahrscheinlich die rezeption: die kahlen wände: irgendein hässliches bild: sonst nichts – – als einer ans fenster: – – : sich mit angezogenen beinen auf die fensterbank – seine hohe stirn: die grauen haare: wahrscheinlich der besitzer: zündet er sich eine kippe an: langsam: den rauch in die straße: über die vorbeigehenden: frauen mit kopftüchern: gemüsetüten schleppend – schreiende kinder – – asiatische touristen mit ihren kameras – ein junggesellenabschied: ihre dämlichen shirts: der eine im dirndl: gröhlend: bierdosen aneinanderhauend – – & der hotelbesitzer: immer noch: rauchend: ohne bewegung: überm gewusel – als ein kleiner junge: zu ihm auf die fensterbank: lachend mit einer plastikpistole: seifenblasen: in die sonne: in die fassade & wie sie langsam – – vorbei an einer taube: auf der markise – – vorbei an einem der offenen fenster: steht eine frau: ihre schwarzen haare: hochgesteckt: das durchsichtige shirt: ihr schwarzer bh: guckt sie in die straße: ohne die seifenblasen – ohne mich – – – als einer der barkeeper: „der negroni“ das glas auf den tisch – & „cheers“ – – & leises gedudel & die frau ist verschwunden & der raucher – & der junge: weg. (mehr …)