[LiSe 07/20] Rezension: Container mit K

Von Michael Berwanger

Ein Container ist – laut Definition – ein „Großraumbehälter, der ein einfaches und schnelles Verladen, Befördern, Lagern und Entladen ermöglicht“. Im Falle von Alexander Kluges „Russland-Kontainer“ (absichtlich mit K statt mit C geschrieben, als optische Annäherung an das russische Vokabular) handelt es sich um einen gut 430 Seiten starken Behälter, der assoziativ und ohne inneren Zusammenhang Texte, Zitate, Gedanken und Bildelemente zu nichts geringerem als dem Riesenreich Russland transportiert, um – wie Kluge schreibt – seinem eigenen Land näher zu kommen. (mehr …)

[LiSe 06/20] Rezension: Immer dem Ball nach

Eine Graphic Novel über den Fußballer Oskar Rohr

Von Katrin Diehl

Es geht gleich in medias res. Vor allem für die Bayern. Die Bayern. Es ist nämlich „Ossi“ gewesen, der die am 12. Juni 1932 zur ersten Meisterschaft geschossen hat. In Nürnberg hat er gegen Eintracht Frankfurt vor 55.000 Zuschauern einen Elfer reingekriegt. Am Ende stand es dann 2:0. „Ossi“, das war Oskar Rohr, ein Mannheimer, den der Trainer Richard Dombi, der eigentlich Richard Kohn geheißen hat, bei seinem Wechsel vom VfR Mannheim zum FC Bayern kurzerhand mitgenommen hatte. Da traf der junge Mann dann bald mit Kurt Landauer, Präsident des Vereins, auch mit Walther Bensemann, Fußballpionier und Gründer der Fußballzeitung „Kicker“, zusammen. Und darum geht es in dieser ansprechenden Graphic Novel eben auch, zu zeigen, wie jüdisch die Anfänge des Fußballsports in Deutschland gewesen sind. Ossi Rohr, geboren 1912, ein Ausnahmetalent, ein Stürmerass, ein Toreschießer, trippelte sich mit unerwarteten Haken und einigem Tempo durch die deutsche Kata-strophengeschichte. Den grobstrichigen, flotten Panels zu folgen (Text: Julian Voloj, Zeichnungen: Marcin Podolec), heißt einem Leben zu folgen und das hat hier wirklich großen Unterhaltungswert. (mehr …)

[LiSe 06/20] Rezension: Kleinfamilien-Katastrophen in der Großstadt

Martina Borgers neuer Roman „Wir holen alles nach“  

von Slávka Rude-Porubská

Es braucht keine weltweiten Pandemien, damit das Leben der Kleinfamilie Poschmann in der Münchner Innenstadt aus den Fugen gerät. Nein, der Alltag der alleinerziehenden Sina, Mutter des achtjährigen Elvis, ist derart eng getaktet und fragil ausbalanciert, dass selbst die kleinste Störung im Tages- und Wochenablauf einer Katastrophe gleichkommt. Und erst recht im Sommer, wenn Sinas Exmann David schon wieder einmal die vereinbarte Ferienaufteilung für Elvis in der letzten Minute platzen lässt. Aufgerieben zwischen den vom Werbeagentur-Chef ganz selbstverständlich geforderten Überstunden, emotionalen Schwankungen in ihrer neuen Beziehung zu dem arbeitssuchenden und mit seiner Alkoholsucht kämpfenden Torsten und Bedürfnissen ihres stillen, sensiblen Sohnes findet Sina Rettung in der akuten Notsituation bei Ellen, der freundlichen Rentnerin aus der Nachbarschaft. (mehr …)

[LiSe 06/20] Rezension: Leidensstationen

Von Stefanie Bürgers

Dieses Buch ist ein Roman. Alles, was darin steht, ist erfunden, auch wenn es sich so oder so ähnlich zugetragen haben könnte“, so lautet der professionelle „Disclaimer“. Und doch weiß man als Leser nach wenigen Seiten, die Authentizität straft den Hinweis Lügen. Die Story lässt sich zu gut verorten im Pasing der „Achtz’ger“. Der Protagonist – nur vermutlich Stefan Wimmer  – erzählt freimütig und selbstironisch von vielen Niederlagen – bei Mädels und gegenüber vermeintlich Stärkeren – als „grispeliger“, bemitleidenswerter „Looser“. Zwischen Pasing, Blumenau und Obermenzing im Bus und „auf’m Radl“ unterwegs auf der Jagd nach dem Schlüsselerlebnis zum Erwachsenwerden. New-Wave ist Mitte der 1980er Jahre angesagt. Stefan stets in schwarzer Kutte mit Stachelarmband,  Kajalstrich und Roboterstiefeln genehmigt sich im Kreise der Vertrauten – der sogenannten „Kajalclique“ – mittags regelmäßig ein paar Weißbier’ am Stadtparkkiosk. (mehr …)

[LiSe 05/20] Rezensionen: Dachau, Moabit und zurück

Eine Begegnung mit Albrecht Haushofer

Von Bernd Zabel

Wer die Straße, die vom Ammersee nach Andechs führt, befährt, passiert auf dem Scheitelpunkt des bewaldeten Höhenrückens einen Wegweiser mit der Aufschrift: Hartschimmelhof, Privatstraße. Nur wenige wissen, dass sich der Hof seit Generationen im Besitz der Familie Haushofer befindet. Haushofer? Albrecht? Verfasser der „Moabiter Sonette“? Da klingelt es bei manchem. Als politischer Gefangener, den Verschwörern des 20. Juli 1944 zugerechnet, unmittelbar vor Kriegsende ermordet, hat er in der Haft ein einzigartiges literarisches Zeugnis verfasst, eben diese 80 Sonette, die in den 50er und 60er Jahren zur Pflichtlektüre im Deutschunterricht gehörten. Auf diese Weise ist auch Norbert Göttler mit den Gedichten in Berührung gekommen als Gymnasiast in Dachau. Die Erinnerungen aus der Nachkriegszeit verbindet er mit Zitaten aus den Sonetten und mit der Geschichte ihres Autors und bezeichnet das schmale Bändchen bescheidenerweise als literarische Collage. Aber es ist mehr als das. Am Leben Haushofers wird exemplarisch deutlich, wie der deutsche Konservativismus zum Steigbügelhalter des Nazismus wurde – ohne es in letzter Konsequenz zu wollen. Man könnte meinen, diese Geschichte wäre schon allzu oft und an vielen Beispielen erzählt. Aber gilt es nicht, jede Generation aufs Neue mit der Problematik zu konfrontieren? (mehr …)