[LiSe 02/20] Rezension: Ich hätte dir noch so viel zu erzählen

Die Schriftstellerin Annette Kolb als Briefschreiberin

Von Katrina Behrend Lesch

Von mondäner Häßlichkeit, mit elegantem Schafsgesicht, darin sich das Bäuerliche mit dem Aristokratischen mischte …“, so wurde sie von Thomas Mann in seinem Roman „Dr. Faustus“ als Jeannette Scheurl karikiert, was sie nachhaltig verletzte. Gleichwohl bewunderte sie ihn, schrieb ihm oft, manchmal geradezu schwärmerisch: „Wie wunderschön Sie doch die Worte setzen! auch wenn sie mich nicht selbst in so gütiger Weise einbezogen würde ich sie mit Entzücken gelesen haben.“ Annette Kolb, die Dame mit dem charakteristischen Hütchen und der langen Zigarettenspitze, stand mit vielen Schriftstellerinnen und Schriftstellern in regem Austausch. Das zeigt eine Auswahl ihrer Briefe, die Cornelia Michél und Albert M. Debrunner unter dem Titel „Ich hätte dir noch so viel zu erzählen“ jüngst herausgegeben haben. Die Liste ihrer Korrespondenzpartner, schreiben die beiden in ihrem Vorwort, lese sich wie ein Who is Who der Literaturgeschichte zwischen 1900 und 1970, mit Namen wie Hermann Hesse, Gerhard Hauptmann, der Familie Mann, Carl Jacob Burkhardt, Kurt Tucholsky, aber auch solchen, die einst wohlbekannt waren, aber heute in Vergessenheit geraten sind. (mehr …)

[LiSe 01/20] Rezension: Schreib jetzt gleich los!

Von Katrin Diehl

Wer kommt bei Doris Dörries neuestem Buch „Leben, schreiben, atmen“ auf seine Kosten? Auf jeden Fall die – und davon gibt es ja nicht wenige –, die sich für eben diese Doris Dörrie, eloquente wie präsente Filmregisseurin, Drehbuchautorin und Schriftstellerin, interessieren, die deren Filme mögen, deren Auftritte im öffentlichen Leben lieben, die sich daran erfreuen, dass München diese Frau hat. Denn Doris Dörries „Leben, schreiben, atmen“ ist auch eine Autobiografie, eine, bei der sich die Autorin beim Erinnern über die Schulter blicken lässt. In über 50 Kurzkapiteln werden da Stories (mit einigen Redundanzen) zutage gefördert, die „Fans“ aus der neugierigen Presse bereits kennen mögen, die man sich aber auch gerne noch einmal persönlich von der Schreiberin schildern lässt. In „Leben, schreiben, atmen“ geht Doris Dörrie hinein in ihre schmerzlichsten wie glücklichsten Lebensmomente. Erzählte Episoden aus ihren USA-Aufenthalten nehmen einen breiten Raum ein. Dörrie beschreibt Szenen ihrer Freundschaften, deren Aufs und Abs, Katastrophen, Schicksalsschläge, die das Leben liefert, Neuanfänge, die es bereit hält für den, der es schafft, wieder aufzustehen. Denn auch das ist Doris Dörries Buch, eine Mutmachlektüre, die demonstriert, dass es offensichtlich dazugehört, ab und zu ganz schön vom Leben gebeutelt zu werden. (mehr …)

[LiSe 01/20] Rezension: Herab zum Ursprung

Von Bernd Zabel

Eine vielzitierte Nahtoderfahrung besagt, dass im Moment des Hinscheidens noch einmal das gesamte Leben vorbeizieht. Lavinia, die Protagonistin in Dagmar Leupolds gleichnamigem Buch, erfährt so etwas. Ein Fall, ein Sturz aus dem 25. Stock eines Hochhauses am Hudson in New York dauert nur Sekunden, die erzählte Zeit dehnt sich aber auf fast 200 Seiten aus. Ungewöhnlich ist nur der Richtungswechsel. Es geht nicht hinab, es geht herab zum Anfang, zum Ursprung. Das Wortfeld „fallen“ wird durchdekliniert, eine Biografie aus Zu-, Zwischen- und Unfällen. In der Hauptrolle die Geschichte der Liebe, überhöht als Minne, denunziert als Übergriffigkeit und Gewalterfahrung. Bei Eins ist die Autorin, Jahrgang 1955, definitiv bei der aktuellen #me too – Bewegung angekommen. Da lässt sie Lavinia zum Rundumschlag ausholen. (mehr …)

[LiSe 12/19] Rezension: Teheran liegt am Meer

SAID – Gentleman aus Giesing

von Klaus Hübner

Wenn Giesing ein Krankenhaus wäre, dann wäre die Tegernseer Landstraße die „Notaufnahme“, hat die Süddeutsche Zeitung einmal geschrieben. Die bunte und lebendige „Tela“ ist auch deshalb etwas Besonderes, weil dort seit Jahrzehnten ein großer Dichter lebt: SAID. 1947 in Teheran geboren, musste er sein Heimatland schon 1965 verlassen. Seitdem ist er Münchner, genauer gesagt: Giasinger. Unbekannt ist SAID nicht. Er kann auf ein umfangreiches Werk zurückblicken, das beim Lesepublikum wie in der Literaturkritik auf lebhaftes Echo stieß und stößt – Gedichte zumeist, aber auch exzellente Prosa, dazu noch Hörspiele und Essays. (mehr …)

[LiSe 12/19] Kurzrezensionen der Redaktion – Empfehlungen des Jahres 2019

Auf dem Weg zu „Moby Dick“

Von Katrina Behrend Lesch

So könnte man den vorliegenden Roman „Mardi und eine Reise dorthin“ von 1849 durchaus untertiteln, denn sein unerschöpflich fließender Strom aus Phantasie und Sprache führt geradewegs zu Melvilles berühmtestem Buch. Auch hier beginnt ein Icherzähler die Geschichte, namenlos anfangs, der zusammen mit einem Reisegefährten von einem Walfänger desertiert, sich von Wind und Strömung zu fernen Gefilden treiben lässt, unter dramatischen Umständen das schöne Mädchen Yillah gewinnt und nach deren rätselhaftem Verschwinden zu einer sich in endlosen Abenteuern und Gefahren verlierenden Irrfahrt ansetzt. Wie in einem Schreibrausch, der weit in die Moderne weist, folgt Melville seinen Helden auf ihrer  Rundreise durch den fiktiven Archipel Mardi. Gleichzeitig mäandert er sich durch die Weltgeschichte, die uns der fabelhafte Übersetzer Rainer G. Schmidt in umfangreichen Fußnoten nahebringt. Mitreißend und gewaltig in einer prachtvollen Ausgabe. (mehr …)

[LiSe 11/19] Rezension: Schillernd und rätselhaft: eine Unzeitgemäße

Von Bernd Zabel

Dass die Spuren Ilse Schneider-Lengyels nicht gänzlich getilgt sind, verdankt sich einer glücklichen Fügung. Nach ihrem Tod im Jahr 1972 finden sich in ihrem aufgelassenen Haus am Bannwaldsee bei Füssen verstreute Dokumente, die schließlich in den Besitz der Bayerischen Staatsbibliothek gelangen. Der Jenenser Germanist Peter Braun hat sich der Aufgabe gestellt, aus dem höchst lückenhaften Nachlass Werk und Biographie zu rekonstruieren. Bekannt wird die Autorin als Gastgeberin des ersten Treffens der Gruppe 47 in ihrem Haus am Bannwaldsee. Die Gruppe ist dominiert durch Literaten, die den Krieg überlebt haben und nun einen Neuanfang suchen. Verschiedene Stimmen erklingen, viele sind der Zeit des Dritten Reichs zumindest unbewusst noch verhaftet. Das Schaffen der Schneider-Lengyel wird von der Männerriege jedoch kaum wertgeschätzt. (mehr …)