[LiSe 02/21] Rezension: Mehr als nur grauer Tunnel

Zum neuen Roman von Hans Pleschinski

Von Stefanie Bürgers

Paul Heyse (1830 – 1914), dem ersten deutschen Literaturnobelpreisträger, hat München nur eine düstere, mittlerweile renovierungsbedürftige Unterführung gewidmet. Wie passend also, dass Paul Heyse in jungen Jahren zu seiner Berliner Zeit dem Poetenverein „Tunnel über der Spree“ angehörte. Dabei gäbe es in München durchaus eine Alternative für ein angemessenes Gedenken, denn Heyses ehemalige Münchner Villa, die ja noch existiert, steht nahe dem Lenbachhaus in der Luisenstraße. Im Garten dort, ein Götterbaum. Die Villa ist nach langem Rechtsstreit endgültig vor dem Abriss bewahrt. Endlich könnte eine Begegnungsstätte für kulturell interessierte Menschen zur Erinnerung an Paul Heyse entstehen, der den größten Teil seines Lebens in München verbracht hat. (mehr …)

[LiSe 01/21] Empfehlungen: Buchtipps aus erster Hand

Die Mitarbeiter*innen der Münchner Stadtbibliotheken empfehlen für den Monat Januar diese Neuerscheinungen:

Sally Rooney: Normale Menschen
Luchterhand

Marianne ist die Tochter einer Anwältin, Connell ist der Sohn einer Putzfrau. Ihr Elternhaus ist geprägt von Gleichgültigkeit bis hin zu Missbrauch und familiärer Gewalt, während seine Mutter ihm ein liebevolles Zuhause bietet. Ihre intensive Liebe beginnt in der Oberschule, doch beide vermeiden die Verbindlichkeit ihrer Beziehung. Sie trennen sich, versuchen einander fern zu bleiben, lassen sich auf andere Partner ein und sind doch immer wieder unwiderstehlich voneinander angezogen. Im Roman des 19. Jahrhunderts hätten die Klassenunterschiede in eine verpönte Ehe oder eine heimliche Affäre geführt. Rooney schildert die Unmöglichkeit dieser Beziehung im 21. Jahrhundert. (mehr …)

[LiSe 01/21] Rezension: Entenhausen ist überall

Donald Duck und Bayern oder so

Von Katrin Diehl

Gedacht war das anders. Nämlich so: In München geht‘s los mit der Wiesn und zeitgleich liegt in Buchläden, Kiosken, Zeitschriftenecken der neue Comic-Band des „Disney-Konzern“ aus. Titel: „Donald Duck in München“. Darauf die uns allen so vertraute, breitschnäbelige Comic-Ente. Dieses Mal in Seppl-Hose, einem Wiesn-Herzl (für „Daisy“) auf der Brust unterm Matrosenkragen, die vierfingerige Knubbelhand hält  eine Brezn in die Luft und los geht’s beschwingt über den Marienplatz – das Neue Rathaus und die Frauenkirche stehen hinten brav Kulisse –, dazu noch ein seltsames Ding von grünem Hütchen mit Wisch (Gamsbart?), das schwebend überm runden Donald-Entenkopf Schritt zu halten sucht. Alles klar. „Donald Duck in München“ eben. Ein nettes Mitbringsel, ein Gag, ein Erinnerungsstück, ein schmaler, leichtgewichtiger bunter Comic. (mehr …)

[LiSe 01/21] Jagdszenen aus Dachau: Anmerkungen zur Selbstausbeutung

Von Michael Berwanger

Ein Kriminalroman lebt weniger von seinem Plot, als von der Verkommenheit seiner Protagonist*innen. Im neuen Roman des Dachauer Autors Florian Göttler wird das genüsslich durchexerziert: Ein Münchner Kommissar lässt sich nach seinem Burnout in die Provinzialität des Dachauer Hinterlands versetzen, in der Hoffnung, dort zur Ruhe zu kommen. Doch was findet er? Gierige Bauunternehmer, käufliche Kommunalpolitiker, zudringliche Kirchenmänner und eine nationalistische Dorfbevölkerung. Das klingt alles etwas übertrieben, aber wer sich – wie der Rezensent – in der Geschichte und den Gepflogenheiten des Dachauer Landkreises auskennt, weiß, dass das nicht weit hergeholt ist.

Es ist wunderbar, dem Autor zuzusehen, wie er mit Geschichtsklitterung aufräumt. Auch der vermeintlich volksnahe Räuber Mathias Kneißl kommt dabei nicht gut weg. Dazu bevölkern noch herzhaft gezeichnete Figuren den fulminanten Plot, in dem es teilweise sehr derb zur Sache geht. (mehr …)

[LiSe 12/20] Buchtipps aus erster Hand

Die Mitarbeiter*innen der Münchner Stadtbibliotheken empfehlen für den Monat Dezember diese Neuerscheinungen:

Richard Wagamese: Das weite Herz des Landes

Blessing

Franklin Starlight, ein 16-jähriger Ojibwe, wächst bei einem Vormund auf und kennt seinen Vater Eldon kaum. Doch jetzt ist Eldon todkrank und bittet seinen Sohn, ihn zum Sterben in die Wildnis zu begleiten. Auf der Reise erzählt der Vater dem Sohn seine Lebensgeschichte, und so entdeckt Franklin eine Welt, die er nicht kannte und ein Erbe, das er hüten kann. Mit der berührenden Vater-Sohn-Geschichte verarbeitet der bedeutende kanadische Autor Richard Wagamese (1955-2017) eigene Lebenserfahrungen: Als Kind von seinen Eltern getrennt und in Heimen und bei Pflegefamilien aufgewachsen, fand auch er erst als junger Erwachsener zu seinen indianischen Wurzeln.   (mehr …)

[LiSe 12/20] Empfehlungen der Redaktion

Wie jedes Jahr zur Weihnachtszeit empfehlen Redaktionsmitglieder der LiteraturSeiten München herausragende Bücher des Jahres.

Die wilde Freiheit des Schreibens

Von Katrina Behrend Lesch

Schon im Titel des Erzählbandes „Aber es wird regnen“ steckt die Auflehnung, die dem Stil von Clarice Lispector innewohnt. Diese außergewöhnliche, auch als Diva der modernen brasilia-
nischen Literatur hervorgehobene Schriftstellerin kümmert sich in ihren Geschichten weder um Logik noch Schönheit von Sprache und Ausdruck. Alle literarischen Konventionen sprengend prescht sie dahin, schwelgt geradezu in der wilden unbekümmerten Freiheit des Schreibens. Und die wendet sie vor allem Frauen zu und damit sich selbst, deren Lust, deren Begehren auch im Alter, den Schwierigkeiten des Lebens und dessen unebenen Freuden und Leiden. Lispector, in der Ukraine geboren, in Brasilien aufgewachsen, gilt in der Literatur Südamerikas als einzigartige Stimme. Zusammen mit dem Band „Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau“ liegen nun zu ihrem 100. Geburtstag alle Erzählungen in neuer, teilweise erstmaliger deutscher Übersetzung vor. (mehr …)