[LiSe 02/21] Den Abstraktionen eine Bühne!

Der Autor, Regisseur und Theatermann Emre Akal

Von Katrin Diehl

Für Emre Akal war 2020 ein gutes Jahr. Zwei Preise hat er entgegennehmen dürfen. Im Sommer den „Förderpreis für Theater der Stadt München“, eine Auszeichnung, die vor allem Akals Arbeit als Regisseur galt und die auf städtisches Interesse an einer innovativen, klugen wie Grenzen sprengenden „Freien Szene“ schließen und hoffen lässt. Dann – Ende des Jahres – kam noch der „exil-DramatikerInnenpreis 2020“ hinzu, vergeben von den „WIENER WORTSTAETTEN“, dem „Schauspiel Leipzig“ und der Wiener „edition exil“, und der ehrte den „Stückeschreiber“ Emre Akal, prämierte dessen Stück mit dem verführerischen Titel „Hotel Pink Lulu – Die Ersatzwelt“. (mehr …)

[LiSe 01/21] WAS WIRKT

„Heimrad Bäcker. es kann sein, dass man uns nicht töten wird und uns erlauben wird, zu leben“ – eine Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum

Von Katrin Diehl

Vergessen und erinnern sind nicht unbedingt Gegensätze. Fast  lässt sich sagen, dass jedes Vergessen in  einem gewissen Sinne auch ein Erinnern ist. Womit man schnell beim Thema Verdrängung wäre, die – wir wissen das alle – Folgen nach sich zieht.

Und so könnte es also sein, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Quasi-Verschwinden des Schriftstellers und Verlegers Heimrad Bäcker aus dem feuilletonistischen Bewusstsein – denn immerhin  gilt er als „ein wichtiger Vertreter der konkreten Poesie und Impulsgeber der literarischen Avantgarde Österreichs nach 1945“ – und der Tatsache, dass sich eben dieser Heimrad Bäcker auf einmalige wie beeindruckende Weise und ganz einzelgängerisch sehr früh für die Verbrechen der Nationalsozialisten sowie die Menschen, Jüdinnen und Juden, die ihnen ausgesetzt waren,  interessiert hat.  Dabei war es natürlich mehr als Interesse, was ihn da getrieben hat, und es war auch mehr als eine Dokumentation, die er sehr zaghaft und erst nach Jahren zum ersten Mal hat an die Öffentlichkeit kommen lassen, und begonnen hatte er mit seiner Recherche ja auch bereits schon kurz nach ‘45, ganz für sich, auf der Suche nach Bildern, Stimmen, Dokumenten, Spuren. Der „kontaminierte“ Ort – diese Bezeichnung stammt von dem Journalisten und Autor Martin Pollack – auf den sich Bäcker konzentrierte, war das oberösterreichische Mauthausen, dort das ehemalige Konzentrationslager, das zwar – weil die Alliierten das so wollten – bereits 1949 zu einer Gedenkstätte geworden war, das aber damals als bereits verkleinerter Baukomplex nicht eben groß auf sich aufmerksam machte. Für die Stimmen der Wenigen, die aus bloßem Zufall den Holocaust überlebt hatten, den traumatisierten Zeitzeugen, hatte zu dieser Zeit ohnehin kaum jemand ein Ohr. Man war mit anderem beschäftigt und wollte solche „Sachen“ jetzt nicht hören. (mehr …)

[LiSe 12/20] Babylon überall?

Anmerkungen zum Boom von Krimis über die „Goldenen Zwanziger“

Von Michael Berwanger

Ein weiter, gepflasterter Platz, Hunderte von Menschen eilen darüber, ein paar Autos, eine Tram. Neben dem Kaufhaus „Jonaß & Co“ erhebt sich die „Rote Burg“, das legendäre Polizeipräsidium am Alexanderplatz in Berlin. Kommissar Gereon Rath steigt aus der Straßenbahn – er trägt Anzug, Gabardine-Mantel, Fedora-Hut –, eilt am Zeitungskiosk vorbei zur „Burg“. So sieht sie aus, die immer wiederkehrende Sequenz aus der spektakulär inszenierten Fernsehserie „Babylon Berlin“, einer Verfilmung, die auf Volker Kutschers  Kriminalroman „Der nasse Fisch“ basiert. (mehr …)

[LiSe 11/20] Ein Hoch auf Jella Lepman

Wie sich die Gründerin der Internationalen Jugendbibliothek wiederentdecken lässt. 

Von Katrin Diehl

Ein Buch ist eine gute Beigabe, wenn es darum geht, jemanden ins Gedächtnis zurück zu rufen. Und so passte es, dass bei der Gedenkveranstaltung für Jella Lepman – sie ist vor 50 Jahren gestorben – in der Internationalen Jugendbibliothek (IJB) eine „Neuauflage“ ihrer „Kinderbuchbrücke“ präsentiert wurde.

Jella Lepman, die 1891 in Stuttgart in ein jüdisch-liberales, gutbürgerliches Elternhaus geboren wurde, die unter den Nazis Deutschland verlassen musste, dies 1936 mit ihren zwei Kindern in Richtung England getan hat, und die 1945, gleich nach dem Krieg, als ehemalige Journalistin eines US-amerikanischen Senders die Anfrage erreichte, ob sie als Beraterin der US-Armee im Rahmen des  „Reeducation“-Programms nach Deutschland zurückkehren würde …, Jella Lepman hat ja gesagt. Nicht ohne Zögern. Nicht ohne Zweifel. Aber sie hat ja gesagt, kam nach München, setzte auf Bücher aus der ganzen Welt, die den vom Krieg traumatisierten und von der Nazi-Ideologie indoktrinierten Kindern einen neuen, freien Blick ermöglichten. (mehr …)

[LiSe 10/20] WAS MIT SPRACHE

Keine Frankfurter Buchmesse?
Ein Dichter dichtet einfach weiter …

Von Katrin Diehl

Uwe-Michael Gutzschhahn ist breit aufgestellt. Der 68-Jährige, der in Dortmund aufgewachsen ist, in Bochum Germanistik und Anglistik studiert, anschließend über Christoph Meckel promoviert hat, ist – so lässt sich das eindeutig sagen – als Autor, Dichter, Übersetzer, Herausgeber, Lektor … in Sachen „Sprache“ unterwegs. Sie steht im Mittelpunkt seiner Lebenswelt und das beinahe ohne Unterlass. Das klingt anstrengend, wären da nicht heitere Passion und unbändige Faszination mit im Boot, die sich dem offenbaren, der sich längst mit leichten Schwingen über die Ebene nüchterner Kommunikationsmodelle erhoben, die reine Funktionalität der Sprache als Fakt registriert und einfach abgehakt hat. „Wenn man bedenkt, dass man nur mit der Sprache das Gegenteil der Realität denken und ausdrücken kann …“, sagt Gutzschhahn. Auf das „Dann“, das da eigentlich noch folgen müsste, verzichtet er vielsagend. Gibt sich und seinem Gegenüber Zeit zum Staunen. (mehr …)

[LiSe 09/20] Der nahe Nachbar

Böhmische Spuren in München

Von Katrin Diehl

Es ist reiner Zufall. Im Februar 1897 bezog der Dichter Rainer Maria Rilke in der Blütenstraße 8 sein neues Zuhause. Für den 22-jährigen Studenten der Kunstgeschichte war das bereits – nach der Brienner Straße 48 – die zweite Adresse in der königlichen Residenzstadt. Jetzt also Schwabing, und das Haus, in dem er untergekommen war, konnte sich ja durchaus auch sehen lassen: ein Eckgebäude mit Erkern, die sich über einem stattlichen Eingang von Stockwerk zu Stockwerk zu einem Turm formierten, den ganz oben ein spitzes Dach krönte, was alles ganz und gar den Architekturmoden des zu der Zeit recht beliebten Historismus entsprach. Nicht weit von Rilke entfernt wohnte, in der Schellingstraße, die Dichterin Lou Andreas-Salomé, in die sich Rilke verliebte und mit der er dann auch Ende des Jahres nach Wolfratshausen zog.
Ein Brief, den er im Mai 1897, gerichtet an die „Gnädigste Frau“, in der Blütenstraße 8 verfasst hat, zeugt von dieser Liaison. Er lässt sich heute – für Sütterlin-Kundige – auf einer Erinnerungstafel, die sich im Treppenhaus des Gebäudes Blütenstraße 8 befindet, nachlesen. Von außen erinnert nichts mehr ans gutbürgerliche Stadtgebäude aus Rilkes Zeiten. Das ist, wie so vieles, im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. (mehr …)