[LiSe 03/19] Ein offenes Haus für junges Publikum

1926 als Kino erbaut, nach dem Krieg kurzzeitig Operettenbühne, Ende der 60er die Disko „Blow up“, seit 1977 Spielstätte des Theaters der Jugend, ist die SCHAUBURG heute ein offenes Haus, in dem ein junges Publikum Theater in vielfältigen Formen erlebt.

Von Stefanie Bürgers

Eine Burg, trutzig, gar verstaubt? Keineswegs. „Mit jeder Inszenierung suchen wir, der Komplexität, der Lebensrealität unseres Publikums gerecht zu werden“, so Dramaturgin Anne Richter. Während es in der Kleinen Burg unmittelbare Theaterbegegnungen für die jüngsten Zuschauer gibt, wie z.B. Holperdiestolper (Ensembleproduktion), Peter und der Wolf (von Thomas Holländer und Markus Reyhani, nach Prokofiew), bietet die Große Burg mit ihrer räumlichen Mobilität eine ideale Spielstätte für immer andere, neue Sitz- und Sehweisen. Das war nicht immer so. (mehr …)

[LiSe 02/19] Dichternachlässe – ein kulturelles Erbe

Über das Sammeln und Verwahren von literarischen Nachlässen 

Von Christine Erfurth

Briefe, Tagebücher und Manuskripte – einzigartige, authentische Schriftstücke bilden den Nachlass von Schriftstellern. Vor knapp 200 Jahren schrieb Johann Wolfgang von Goethe in seinem Aufsatz „Archiv des Dichters und Schriftstellers“, dass seit dem Sommer 1822 „nicht allein Gedrucktes und Ungedrucktes, Gesammeltes und Zerstreutes vollkommen geordnet beisammen steht, sondern auch die Tagebücher, eingegangene und abgesendete Briefe in einem Archiv beschlossen sind“. Mit seinen Gedanken, der akribischen Organisation seiner Werkausgabe und seines Nachlassarchivs prägt er bis heute unsere Vorstellung vom Schriftstellernachlass als kulturelles Erbe. Die LiteraturSeiten München wollen in einer neuen Serie literarische Nachlässe vorstellen, die in enger Verbindung mit München und Bayern stehen.  (mehr …)

[LiSe 01/19] Der Geist ist da

In Geiselgasteig wird seit 100 Jahren Literatur verfilmt

Von Ina Kuegler

Am 2. März 2019 ist es soweit: In Geiselgasteig, vor den Toren Münchens, wird die Ausstellung „100 Jahre Filmstadt Bavaria“ eröffnet. Auf einer Zeitreise von 1919 bis heute kann das Publikum deutsche und internationale Filmgeschichte nachvollziehen – anhand von Fotos, Requisiten, Dekorationen, Drehbüchern und Kostümen. Hundert Jahre Bavaria-Filmgeschichte: Das bedeutet nicht nur frühe Filme von Hitchcock, harmlose Nettigkeiten aus den 50er Jahren wie „Das Wirtshaus im Spessart“, internationale Erfolge wie „Das Boot“ oder TV-Soaps wie „Marienhof“. 100 Jahre Filmgeschichte würdigen auch etliche Literaturverfilmungen, und zwar für das Kino und ab den 60er Jahren für das Fernsehen. Das Spektrum reicht von „Wallenstein“ bis zu „Berlin Alexanderplatz“. (mehr …)

[LiSe 12/18] Schrecken, Gewalt und Verwustung

Vor 400 Jahren begann der 30jährige Krieg /
Von Andreas Gryphius bis Bert Brecht und Durs Grünbein

Von Antonie Magen

Wir sind doch nunmehr gantz / ja mehr denn gantz verheeret! // Der frechen Völcker Schaar / die rasende Posaun // Das vom Blutt fette Schwerdt / die donnernde Carthaun // Hat aller Schweiß / und Fleiß / und Vorrath auffgezehret. // Die Türme stehn in Glutt / die Kirch ist umgekehret. // Das Rathauß ligt im Grauß / die Starcken sind zerhaun // Die Jungfern sind geschänd‘t / und wo wir hin nur schaun // Ist Feuer / Pest / und Tod / der Hertz und Geist durchfähret“. – Mit diesen sprachgewaltigen Zeilen beginnt das Sonett „Tränen des Vaterlandes“, das Andreas Gryphius 1636 unter dem Titel „Trauerklage des verwüsteten Deutschlands“ verfasste und ein Jahr später publizierte. Die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges, dessen Beginn sich in diesem Jahr zum 400. Mal jährte, werden hier so eindrücklich beschrieben, dass sie dem Leser bis heute plastisch vor Augen stehen.

Dabei sind die Verse von Gryphius nur ein Beispiel für eine Vielzahl dichterischer Zeugnisse, in denen schon die Zeitgenossen das Kriegsgeschehen verarbeiteten und als Inbegriff von Gewalt und Verwüstung darstellten. So verfasste beispielsweise Martin Opitz im Winter 1620/21 das „Trost-Gedichte in Widerwertigkeit deß Krieges“. Noch im „Dankeslied zum Kriegsende“ sprach Paul Gerhardt von „zerstörten Schlösser[n] / und Städte[n] voller Schutt und Stein“, von „vormals schönen Felder[n], / mit frischer Saat bestreut, / jetzt aber lauter Wälder und dürre, / wüste Heid“, von „Gräber[n] voller Leichen / und blutge[m] Heldenschweiß“. Immer noch bekannt ist das Kinderlied „Maikäfer flieg“, das vermutlich ebenfalls aus dem 17. Jahrhundert stammt und Bezug auf dessen Kriegskatastrophe nimmt. (mehr …)

[LiSe 11/18] Schönes Babel

Das 9. Literaturfest München vom 14. November bis zum 2. Dezember will nationalistischen Dünkel überwinden und das Miteinander betonen. Mehr als 80 Autorinnen und Autoren stellen sich vor.

Von Ursula Sautmann

Babel, das bedeutet Vielfalt und Überfluss. Babel oder Babylon hat profitiert vom sprichwörtlichen Sprachgewirr, war ‚Tor‘ zur Welt und zweimal in seiner bewegten Geschichte die größte Stadt überhaupt. Doch Babel steht auch für bedrohliche Verwirrung. Wo viele Sprachen gesprochen werden, kann es zu Verständigungsproblemen kommen. Den Organisatoren des Literaturfests geht es um das „schöne Babel“, das Konzert aus Literaturen internationaler Provenienz. Tanja Graf, Geschäftsführerin des Literaturfests und Leiterin des Literaturhauses, betont: „Europa brennt uns auf den Nägeln, die Weichen für die Zukunft unseres Kontinents werden jetzt gestellt.“ Es gilt, die sprachliche Vielfalt zu feiern. (mehr …)

[LiSe 10/18] Lieber scheitern, als es nicht probieren

Vier Dichter, die die Welt verbessern wollten

Von Katrina Behrend Lesch

Karnevalsstadt der Weltenbeglücker“ – München hatte es nicht leicht in den turbulenten Tagen, Wochen und Monaten, als die Monarchie gestürzt und Bayern zum Freistaat wurde mit Kurt Eisner, einem Dichter, als Ministerpräsidenten. Noch verrückter ging es zu, als nach dessen Ermordung die Dichter Gustav Landauer, Erich Mühsam und Ernst Toller das Äußerste wagten und die Räterepublik Baiern etablierten. Selten hatten sich Schriftsteller und Literaten so aktiv an einer Revolution beteiligt wie an der vom 7./8. November 1918. Viele ließen sich von ihr mittragen, euphorisch bis ablehnend wie etwa Thomas Mann, der das Geschehen von seinem Kämmerlein aus kommentierte. Sein Bruder Heinrich unterstützte die Revolution, Oskar Maria Graf feierte sie mit Saufgelagen, Rainer Maria Rilke besuchte politische Veranstaltungen, Ret Marut, alias B. Traven, agierte als unsichtbarer Chefzensor, um nur einige zu nennen. Doch jene vier Dichter wollten mehr, wollten nicht nur von einer besseren Welt träumen, nutzten die Gunst der Stunde und griffen nach der Macht.  (mehr …)