[LiSe 05/21] Nicht wegschauen!

Literatur als Anstoß – am Beispiel der Fotojournalistin und Autorin Julia Leeb

Von Michael Berwanger

Eine Woge der Nabelschau scheint die deutschsprachige Literatur erfasst zu haben. Zumindest bekommt man diesen Eindruck, wenn man sich die Vielzahl der Coming-of-Age-Geschichten vergegenwärtigt. Spätestens seit Matthias Brandts „Blackbird“ reißt die Flut der Selbstbespiegelungen aus bundesrepublikanischer Kinder- und Jugendzeit nicht mehr ab. Von Frank Gosen bis Alexander Gorkow, von Gerhard Köpf bis Peter Probst – seitenweise Literatur über Belanglosigkeiten, die mit wohlklingenden Worten von langweiliger, westdeutscher Saturiertheit erzählt. Dabei sind diese Romane – natürlich – oft recht hübsch geschrieben. (mehr …)

[LiSe 04/21] „Glückskinder“

Ein historischer Roman zeigt Momentaufnahmen aus der Münchner Nachkriegszeit

Von Stefanie Bürgers

Kriegsende. Unverstellt reicht der Blick vom Hauptbahnhof bis zur Josephskirche. Von der Maxvorstadt steht nicht mehr viel. Sechs Frauen aus drei Generationen und ein junger Mann sind eng zusammengerückt in einer Wohnung bei der Tante in der Ismaninger Straße in Bogenhausen, denn ein Teil der Familie hat das Zuhause in der Adalbertstraße beim Bombenangriff verloren. Glück haben sie alle, meint die Autorin Teresa Simon, denn sie hatten den Krieg überlebt. (mehr …)

[LiSe 03/21] Arbeiten an der Sprachgrenze

Ulrike Draesner baut auf die Kraft der Sprache

Von Ursula Sautmann

Flucht und Vertreibung, Krieg und Exil sind Ereignisse und Erlebnisse, die Millionen von Menschen passieren und ihre Wirkung entfalten. Allzu oft sind sie so schmerzhaft, dass die Sprache versagt und nur noch das Schweigen bleibt. Ulrike Draesner ist aufgewachsen in einer bayerisch-schlesischen Familie mit eigener Fluchtgeschichte. Sie ist das auslösende Moment für ihre Trilogie über Flucht und Vertreibung. Die Autorin greift Erlebnisse und Erfahrungen in Zusammenhang mit Krieg und Exil auf und überführt sie in Romane, in Literatur. (mehr …)

[LiSe 02/21] Den Abstraktionen eine Bühne!

Der Autor, Regisseur und Theatermann Emre Akal

Von Katrin Diehl

Für Emre Akal war 2020 ein gutes Jahr. Zwei Preise hat er entgegennehmen dürfen. Im Sommer den „Förderpreis für Theater der Stadt München“, eine Auszeichnung, die vor allem Akals Arbeit als Regisseur galt und die auf städtisches Interesse an einer innovativen, klugen wie Grenzen sprengenden „Freien Szene“ schließen und hoffen lässt. Dann – Ende des Jahres – kam noch der „exil-DramatikerInnenpreis 2020“ hinzu, vergeben von den „WIENER WORTSTAETTEN“, dem „Schauspiel Leipzig“ und der Wiener „edition exil“, und der ehrte den „Stückeschreiber“ Emre Akal, prämierte dessen Stück mit dem verführerischen Titel „Hotel Pink Lulu – Die Ersatzwelt“. (mehr …)

[LiSe 01/21] WAS WIRKT

„Heimrad Bäcker. es kann sein, dass man uns nicht töten wird und uns erlauben wird, zu leben“ – eine Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum

Von Katrin Diehl

Vergessen und erinnern sind nicht unbedingt Gegensätze. Fast  lässt sich sagen, dass jedes Vergessen in  einem gewissen Sinne auch ein Erinnern ist. Womit man schnell beim Thema Verdrängung wäre, die – wir wissen das alle – Folgen nach sich zieht.

Und so könnte es also sein, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Quasi-Verschwinden des Schriftstellers und Verlegers Heimrad Bäcker aus dem feuilletonistischen Bewusstsein – denn immerhin  gilt er als „ein wichtiger Vertreter der konkreten Poesie und Impulsgeber der literarischen Avantgarde Österreichs nach 1945“ – und der Tatsache, dass sich eben dieser Heimrad Bäcker auf einmalige wie beeindruckende Weise und ganz einzelgängerisch sehr früh für die Verbrechen der Nationalsozialisten sowie die Menschen, Jüdinnen und Juden, die ihnen ausgesetzt waren,  interessiert hat.  Dabei war es natürlich mehr als Interesse, was ihn da getrieben hat, und es war auch mehr als eine Dokumentation, die er sehr zaghaft und erst nach Jahren zum ersten Mal hat an die Öffentlichkeit kommen lassen, und begonnen hatte er mit seiner Recherche ja auch bereits schon kurz nach ‘45, ganz für sich, auf der Suche nach Bildern, Stimmen, Dokumenten, Spuren. Der „kontaminierte“ Ort – diese Bezeichnung stammt von dem Journalisten und Autor Martin Pollack – auf den sich Bäcker konzentrierte, war das oberösterreichische Mauthausen, dort das ehemalige Konzentrationslager, das zwar – weil die Alliierten das so wollten – bereits 1949 zu einer Gedenkstätte geworden war, das aber damals als bereits verkleinerter Baukomplex nicht eben groß auf sich aufmerksam machte. Für die Stimmen der Wenigen, die aus bloßem Zufall den Holocaust überlebt hatten, den traumatisierten Zeitzeugen, hatte zu dieser Zeit ohnehin kaum jemand ein Ohr. Man war mit anderem beschäftigt und wollte solche „Sachen“ jetzt nicht hören. (mehr …)

[LiSe 12/20] Babylon überall?

Anmerkungen zum Boom von Krimis über die „Goldenen Zwanziger“

Von Michael Berwanger

Ein weiter, gepflasterter Platz, Hunderte von Menschen eilen darüber, ein paar Autos, eine Tram. Neben dem Kaufhaus „Jonaß & Co“ erhebt sich die „Rote Burg“, das legendäre Polizeipräsidium am Alexanderplatz in Berlin. Kommissar Gereon Rath steigt aus der Straßenbahn – er trägt Anzug, Gabardine-Mantel, Fedora-Hut –, eilt am Zeitungskiosk vorbei zur „Burg“. So sieht sie aus, die immer wiederkehrende Sequenz aus der spektakulär inszenierten Fernsehserie „Babylon Berlin“, einer Verfilmung, die auf Volker Kutschers  Kriminalroman „Der nasse Fisch“ basiert. (mehr …)