[LiSe 04/14] Goethe – nur noch für die Abfalltonne

Antiquariate leiden an und profitieren vom Buch-Onlinehandel

Effi Briest für drei Euro – das geht noch immer“, sagt Petra Hammerstein, ordnet einen Stapel Bücher und stellt den Fontane ins Regal zurück. Ein junger Mann schaut zur Ladentür herein und fragt: „Ich habe die Bibliothek meines Onkels geerbt, kann ich die bei Ihnen verkaufen?“ Durchschnittlich zehn Mal am Tag kommen Kunden wie dieser Mann in das Antiquariat Hammerstein in der Münchner Türkenstraße und wollen ihre geerbten Goethe-, Schiller- und Heine-Bände loswerden. „Wir werden von Büchern überschwemmt“, erzählt denn auch Antiquar Bernhard Kitzinger von der Schellingstraße. Antiquariate haben sich in den vergangenen Jahren 20 Jahren stark gewandelt: Aus klassischen Orten des Stöberns sind Geschäftsunternehmen geworden, die Konkurrenz aus dem Internet durch Billiganbieter haben, zugleich aber immer stärker werdende Online-Umsätze verzeichnen. Das klassische Ladenantiquariat gibt es noch – es hat aber oft keinen leichten Stand: Die Laufkundschaft, die es noch in den 90er Jahren gegeben hatte, ist rar geworden, übermächtig sind dagegen die hohen Mieten für die Läden.

Ein Antiquariat ist ein Mikrokosmos, ein Ort des Innehaltens: Bücherregale quellen über und reichen bis zu Decke; der Antiquar, der die Farbe seiner Bücher angenommen hat, sitzt hinter einem Stapel von Brockhaus-Bänden; in der dicken Luft hängt der Staub von hundert, zweihundert Jahren. Diese Papierhöhlen – es gibt noch einige davon rund um die Münchner Universität – bieten verborgene Schätze, nach denen Sammler ihr Leben lang stöbern. Schneller fündig werden viele Buchliebhaber seit Mitte der 90er Jahre am Computer: 1996 ließen sich zehn Antiquare auf das Experiment ein, ihr Angebot ins Internet zu stellen. Das Zentralverzeichnis antiquarischer Bücher (ZVAB) war gegründet. Mittlerweile ist das ZVAB weltweit das größte Online-Antiquariat für deutschsprachige Titel. Tausende professionelle Antiquare – darunter auch die Münchner – bieten rund 25 Millionen antiquarische oder vergriffene Bücher sowie Noten, Graphiken, Autographen oder Postkarten an.

Doch im Online-Handel tummeln sich auch massenweise nichtprofessionelle Anbieter von Büchern, sei es bei eBay, Abebooks oder Booklooker. „Alle wollen die Bücher ihrer Eltern verkaufen, doch solche Bücher will heutzutage eigentlich niemand mehr“, sagt Antiquar Kitzinger. Die Folge ist ein Überangebot und damit ein Preisverfall ohne Ende. Bernhard Kitzinger stellt nüchtern fest: „Ein Goethe von 1870 bringt uns fast nichts, der ist nur für die Abfalltonne“. Und Petra Hammerstein ergänzt, Klassiker in „Fraktur“ (also in altdeutscher Schrift) würden nicht mehr angekauft. Das Antiquariat Turszynki fügt hinzu, dass Bücher der „letzten 100 Jahre keinen nennenswerten Wiederverkaufswert“ besitzen. „Mit großem Enthusiasmus übernehmen wir aber wissenschaftliche Werke und Literatur des 16. bis 19. Jahrhunderts“.

Schwerpunkte setzen – das ist denn auch die Geschäftsidee bei etlichen Antiquariaten: So ist beispielsweise Kitzinger ein geisteswissenschaftliches Fachantiquariat, Hauser, das Antiquariat in unmittelbarere Nachbarschaft, engagiert sich für Biographien, Botanik oder Künstlermonographien, Rezek in der Amalienstraße pflegt das bibliophile Buch, und das benachbarte Antiquariat Bierl hat die Schwerpunkte Kinderbücher und Graphik, die Franziska Bierl auch in schönen, aufwändigen Print-Katalogen präsentiert. Zu ihren Umsatzzahlen gefragt meint die junge Unternehmerin: „Ich nehme etwa 50 Prozent online ein und 50 Prozent im Ladenantiquariat“. Bei Kitzinger sind die Zahlen anders: online beträgt der Umsatz 15 bis 20 Prozent, der Ladenanteil liegt bei 80 Prozent. Das Antiquariat, ideal für Laufkundschaft an der Ecke Schelling-/Türkenstraße gelegen, hat noch immer alte Stammkunden, die täglich, wöchentlich oder auch nur ein Mal im Jahr vorbeikommen. Bernhard Kitzinger ergänzt: „Wir bieten Bücher für Wissenschaftler, die nicht den ganzen Tag auf den Bildschirm starren wollen“.

Wie denn die Zukunft der Antiquariate aussehe? Kitzinger, dessen Urgroßvater das Geschäft im Jahr 1892 gegründet hatte, ist unsicher: „Ob mein Sohn mal den Laden übernehmen wird, glaube ich eher nicht“. Die Antiquariate würden weniger, sagt der Unternehmer und verweist auf Geschäfte, die seit jüngster Zeit nicht mehr in Schwabing sind: der Basis-Buchladen, das Musikantiquariat Knobloch oder das Antiquariat Terrahe, das – auch wegen der hohen Mieten – München verlassen hat, aufs Land gezogen ist und nun online Bücher vertreibt. Der (Aus)Weg aufs Land – das sei denn auch ein einheitlicher bundesweiter Trend, versichert der Börsenverein des Deutschen Buchhandels gegenüber den LiteraturSeiten München. Es wäre ein Jammer, wenn sie aus unserem Stadtbild verschwinden würden: die Antiquariate Hammerstein, Bierl, Kitzinger oder wie sie alle heißen. Diese Läden haben musealen, ja fast sakralen Charakter. Ein Blick ins Antiquariat Rezek ver- und bezaubert, ist unvergesslich, erinnert an das Stillleben eines holländischen Barock-Malers. „Und außerdem“, so versichert Bernhard Kitzinger, „ist der Antiquar doch schon immer der König der Buchhändler gewesen“.
Ina Kuegler

[LiSe 03/14] Ein Krieg von bösartiger Sinnlosigkeit

Das Literaturhaus erinnert mit einer Ausstellung an den Schriftsteller und Soldaten Robert Musil

Der Gesang des Todes“ ist die neue Ausstellung des Literaturhauses München über „Robert Musil und der Erste Weltkrieg“ überschrieben. Sie versteht sich als Beitrag zum literarischen Gedenken an den Ausbruch des 1. Weltkriegs vor hundert Jahren. Der österreichische Schriftsteller war aktiv am Kriegsgeschehen beteiligt, und er hat seine Eindrücke und Erfahrungen in zahlreichen Texten höchst subtil und manchmal verstörend direkt beschrieben. Die Ausstellung macht die ganz persönlichen Beobachtungen eines Literaten in einer Ausnahmesituation sicht- und hörbar, ergänzt die Eindrücke durch Bilder und Exponate, und hilft mit Begleitveranstaltungen, sich ein Bild zu machen. Einem Urteil über den Schriftsteller und seine Haltung zum Krieg will sich die Ausstellung ausdrücklich verweigern.

„10. Oktober 1915: Der Laut des Geschosses ist ein anschwellendes und, wenn der Schuss über einen fortgeht, wieder abschwellendes Pfeifen, in dem er ei-Laut nicht zur Bildung gelangt. Große Geschosse nicht zu hoch über der eigenen Stellung lassen den Laut zum Rauschen anschwellen, ja zu einem Dröhnen der Luft, das einen metallischen Beiklang hat. So gestern auf dem Monte Carbonile, als die Italiener von der Cima Manderiolo auf den Pizzo di Vezzena schossen und die Panorotta über uns weg auf die italienischen Stellungen. Der Eindruck war der eines unheimlichen Aufruhrs in der Natur. Die Felsen rauschten und dröhnten. Gefühl einer bösartigen Sinnlosigkeit.“ So schreibt ein Mann in sein Tagebuch, der von Kindesbeinen an in Militärschulen ausgebildet wurde und sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hat. 1915 hat er allerdings auch schon eine Menge anderer als von militärischer Zucht und Ordnung und den Geräuschen des Krieges definierte Erfahrungen gemacht. 1901 absolvierte er, im Alter von 20 Jahren, sein Examen als Ingenieur, studierte ab 1903 Philosophie und Psychologie in Berlin, entwickelte 1906 den Musilschen Farbkreisel und promovierte 1908 über das Thema „Beitrag zur Beurteilung der Lehren Machs“, eines Physikers, der sich mit Fragen der Philosophie auseinandersetzte.

Als Robert Musil 1914 in den Krieg zieht, ist er Reserveoffizier, seit drei Jahren verheiratet und aus Überzeugung in den Südtiroler Bergen, zunächst an der Front, dann in der Etappe. Er erlebt den Gebirgskrieg mit allen Sinnen, und er beschreibt seine Erlebnisse mit Worten, die dem Leser noch heute nahe gehen. „Über ihn schossen sie, Freund und Feind, und er lag zwischen beiden, von beiden verlassen wie Brot, das gegessen ist, von beiden mit der gleichen Herzlosigkeit bedroht. Shrapnels zerrissen die Luft, von Granaten aufgeworfene Erde überstäubte ihn, er konnte nicht flüchten, noch Schutz suchen; eine namenlose Angst, Einsamkeit und Verachtung quälten ihn, machten ihn erstarren, dann verlor er das Bewusstsein“, heißt es in „Ein Gesang des Todes“, und weiter: „Die Kriegsmaschine arbeitete langsam und rostig.“ Die Ausstellung verfolgt die biographischen Stationen und stellt den Bezug her zu den literarischen Beiträgen des Autors in Rahmen von Werkinseln. So wird, als Beispiel, der Fliegerpfeil aus einem italienischen Flugzeug, der Musil nur knapp verfehlt, in der Erzählung „Die Amsel“ verarbeitet.

Die Ausstellung vermittelt, wie ein Beteiligter den Krieg erlebt hat. Karolina Kühn, gemeinsam mit Literaturhausleiter Reinhard G. Wittmann im Kuratorium, lässt den Autor selbst sprechen und den Besucher so ganz nah heran an eine Erfahrung, die viele heute zum Glück nur vom Hörensagen kennen. Musil, das wird eindrücklich gezeigt, war einer von vielen, aber ganz einzigartig in der Art, wie er seine Erlebnisse und Eindrücke in Worte fasste. Und natürlich haben sie auch nach 1918 eine große Rolle in seinem Leben und seinen Werken gespielt, auch wenn er, wie Kühn betont, den Krieg als solchen aus den veröffentlichten Texten eliminiert hat.

„Man kann den Krieg auf die Formel bringen: Man stirbt für seine Ideale, weil es sich nicht lohnt für sie zu leben. Oder: Es ist als Idealist leichter zu sterben als zu leben. Eine ungeheure Flaute lag über Europa und wurde wohl am drückendsten in Deutschland empfunden“, formuliert Musil um 1918, im Rückblick auf den Kriegsausbruch und die weit verbreitete Begeisterung. Hat Musil seine Beteiligung bereut? War er Militarist? Und wird er zum Pazifisten, als er 1922 schreibt: „Wir waren früher betriebsame Bürger, sind dann Mörder, Totschläger, Diebe, Brandstifter und ähnliches geworden…“? Auf diese Fragen wird jeder Besucher seine eigenen Antworten suchen (müssen).
Ursula Sautmann

Die Ausstellung im Erdgeschoss des Literaturhauses ist Montag bis Freitag von 11 bis 19 Uhr, Samstag, Sonntag und Feiertags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 5/3 Euro (Studierende zahlen an Montagen 2 Euro).

[LiSe 02/14] Übersetzer – die Macher von Weltliteratur

„Die Weltliteratur wird von Übersetzern gemacht“, sagte der portugiesische Nobelpreisträger José Saramago. Die Bibel, die antiken Philosophen, Shakespeare sind erst durch ihre Übersetzung zu Allgemeingut geworden. Seit der Goethe-Zeit gilt Deutschland als klassisches Übersetzerland. Heute ist fast jedes zweite belletristische Buch eine Übersetzung. Doch die Lage der Übersetzer ist prekär.

Man stelle sich das mal vor: Eine Kindheit ohne Pippi Langstrumpf, Pinocchio und Mickey Maus, ein Heranwachsen ohne das Fiebern auf den nächsten Harry Potter, kein Asterix, Herr der Ringe, keine Emma Bovary, Anna Karenina und wie sie alle heißen, die so vertrauten Figuren, die unser Leben begleiten und unsere Fantasie beflügeln. Wer beherrscht schon so gut Französisch, Russisch, Englisch oder Schwedisch, um sie in ihrer Originalsprache aufzuspüren. Wir wären ihnen nie begegnet, hätten mit ihnen nicht gelacht, um sie nicht geweint, wir wären, kurz gesagt, ein Stück ärmer. Wenn es sie nicht gäbe, die Literarischen Übersetzer. Sie sind es, die uns den Zugang zur Weltliteratur öffnen, die Tore aufstoßen zu anderen Kulturen, Lebensformen, Denkungsarten. Sie tun es gerne und mit Leidenschaft, zeichnen Farben und Töne der anderen Sprache nach, tüfteln an Redewendungen, gehen auf Entdeckungsreise nach Wörtern, bringen uns Romanhelden aus fremden Welten erfahrbar nahe. Sie sind für die grenzüberschreitende Verbreitung von Literatur sozusagen lebensnotwendig. So hat Martin Luthers Bibelübersetzung, bei der er „dem Volk aufs Maul schaute“ und mit seiner kräftigen und bilderreichen Ausdrucksweise sprach- und stilbildend für Jahrhunderte wirkte, das Wort Gottes erst richtig unter die Leute gebracht. Und noch bis vor ein paar Jahren wäre ein Theater ohne ein Shakespeare-Stück in der Schlegel-Tieckschen Übersetzung gar nicht ausgekommen.

Dennoch wurden Übersetzer in der Vergangenheit, von einigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen, nur als Randerscheinung wahrgenommen. Dass man sie im Buch überhaupt nannte ist die eine Sache, dass man ihre Arbeit entsprechend würdigte, vor allem in der Bezahlung, die andere. Als Übersetzerin, sagte Anke Caroline Burger anlässlich der Preisverleihung des Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreises 2003, lebe man von der Hand in den Mund, für nennenswerte Rücklagen reiche die Bezahlung eigentlich nie. Auf Phasen hektischer Betriebsamkeit folge oft monatelanges, quälendes Hoffen und Bangen auf den nächsten Auftrag. Indes hatte das allgemeine Aufbegehren gegen diese Situation bereits angefangen. 2002 war das neue Urhebervertragsrecht in Kraft getreten, wonach Übersetzer zu Urhebern ihrer Übersetzungen wurden, was sie vorher offensichtlich nicht waren. Die Auseinandersetzungen, die nun zwischen gewerkschaftlich organisierten Literaturübersetzern und Verlagen über eine angemessene Vergütung begannen, zogen sich bis 2011 hin und wurden schließlich vom Bundesgerichtshof entschieden. Was nicht besagen will, dass alles befriedet ist.

Damit man sich eine Vorstellung machen kann: Vor 2002 bekamen Übersetzer ein sogenanntes Normseitenhonorar (30 Zeilen à 60 Anschläge) laut Börsenverein zwischen 12,50 und 16,60 Euro. Damit war ihre Arbeit abgegolten, am Verkauf des Buches waren sie nicht beteiligt, bei Bestsellern ziemlich ärgerlich. Trotz gewisser Verbesserungen kommen sie auch heute laut VdÜ-Erhebung im Schnitt auf nur 1000 Euro im Monat, günstige Umstände, zusätzliche Preise, Stipendien etc. inbegriffen. Die beklagenswerte Verdienstlage soll bereits zu einem Nachwuchsschwund geführt haben, bei den jungen Leuten sei wahrscheinlich das Bewusstsein gestiegen, sich nicht mehr ausbeuten zu lassen, sagt Hinrich Schmidt-Henkel, Vorsitzender des Verbands deutschsprachiger Übersetzer (VdÜ). Der Börsenverein hingegen spricht von einem durchschnittlichen Monatsverdienst von 3.300 Euro. Wobei es natürlich erhebliche Unterschiede gebe zwischen Übersetzern mit bzw. ohne Namen. Erstere können sich ihre Aufträge aussuchen und werden von den Verlagen entsprechend hofiert, ein Anfänger muss erstmal sehen, wie er zurechtkommt.

Ohne Übersetzungen kein Kulturtransfer wissen gerade auch kleinere Verlage, die sich der Literatur nicht gängiger Länder annehmen. Der A1 Verlag etwa mit Büchern aus Indien, Palästina, der Mongolei oder Kenia. Einesteils ist hier die Sprach- und Interpretationskunst des Übersetzers besonders beansprucht, andrerseits ist solch „fremde“ Literatur ungleich schwerer verkäuflich. Dass ihre Arbeit angemessen honoriert sein will, ist begreiflich, gleichzeitig graben sich Übersetzer, so will es scheinen, mit ihren Honorarforderungen das Wasser ab. Die Befürchtung, dass nur mehr schnell konsumierbare Ware übersetzt und verlegt wird, keine Zeit und kein Geld mehr für die Entdeckung weiterer Perlen der Weltliteratur da sind, unser Austausch mit fremden Kulturen und Literaturen verarmen würde, ist nicht von der Hand zu weisen. Glücklicherweise gibt es immer noch die leidenschaftlichen Büchernarren, die es nicht so weit kommen lassen. Arno Schmidt, selbst ein bedeutender Übersetzer, brachte es auf den Punkt: Sind doch ,Bücher’ mehr, / als nur ein, in unnütz-dünne / Scheiben geschnittener / Klotz KiefernSchliff: sind / ,Weltknospen an unserer Welt’!
Katrina Behrend Lesch

Auf der Website des VdÜ, Verband deutschsprachiger Übersetzer,  www.literaturuebersetzer.de findet man viele nützliche Ratschläge und hilfreiche Links.

[LiSe 01/14] Mit Kunst zu Mut und Selbstvertrauen

Der Horncastle Verlag erarbeitet mit Kindern und Jugendlichen Bücher und Audio-CDs / Vom Kultusministerium ausgezeichnet

Acht Jahre Engagement, Herzblut und eisernes Festhalten an dem Motto KUNST MACHT MUT haben sich gelohnt. Der Horncastle Verlag wird vom Bayerischen Kultusministerium mit dem Preis für einen bayerischen Kleinverlag ausgezeichnet. Die Verlegerin Mona Horncastle erarbeitet in Bildungsprojekten zusammen mit Museen, Orchestern und Theatern, finanziellen Förderern und mit Kindern und Jugendlichen sehens- und hörenswerte Bücher über Kunst, Theater und Musik.
Jetzt veröffentlicht sie auch digitale Bücher, die sie kostenlos ins Netz stellt und zu denen jeder seinen kreativen Beitrag leisten kann.

Ein Foto zeigt Mona Horncastle, klein und zierlich, mit kessem Kurzhaarschnitt, bequem in einem Sessel liegend, die Beine auf der Armlehne, entspannt lächelnd. Soll man sich so die Arbeit einer Kleinverlegerin vorstellen? Die sich zum Ziel gesetzt hat, Kinder und Jugendliche mit Kunst nachhaltig in Berührung zu bringen. Ihnen mit Kunst Wissen zu vermitteln und damit Mut. Kein einfaches Unterfangen, denn einem gedruckten Horncastle-Buch, meistens ergänzt durch eine Audio-CD, geht oft eine mehrjährige Projektarbeit voraus. Es müssen Trägheiten überwunden, Überzeugungsarbeit geleistet werden. Mona Horncastle kann das, sie sagt von sich selbst, das sei ihre große Qualität. „Ich kann Menschen zusammenbringen und für meine Vorstellungen begeistern. Und ich halte, was ich verspreche, das lässt sich an den Ergebnissen sehen.“

Nun sind sie prämiert worden, die Ergebnisse, mit dem mit 7.500 Euro dotierten Preis für einen bayerischen Kleinverlag. Für seine „anspruchsvollen akustischen Museumsführer und Hörbücher zu den Themenbereichen Kunst, Theater und Musik“, wie es im Pressetext des Kultusministeriums heißt. Dass sie „nur“ für Kinder und Jugendliche gemacht sein sollen will einem beim Durchblättern des Titels Mondrian Weniger ist mehr nicht recht einleuchten. Von der klaren, verständlichen, beinahe leidenschaftlichen Hinführung zu Piet Mondrians Bildern und der Entwicklung seiner Kunst als Marke fühlen sich Erwachsene ebenso angesprochen. Den Text hat Mona Horncastle verfasst, bei der Realisierung geholfen haben ihr dabei Jugendliche. Sie haben sich auf die Bilder eingelassen und ihre ganz eigenen unkonventionellen Ideen dazu akustisch umgesetzt.

Das ist sozusagen Horncastles Marke. Die Zusammenarbeit mit Kindern und Jugendlichen, auf der ihre Bücher basieren, betreibt sie seit fünf Jahren. Sobald eine Idee steht, schreibt sie die Schulen an. Beim Mondrian-Projekt, das anlässlich der Ausstellung Mondrian und De Stijl im Lenbachhaus entstand, war es die Willy-Brandt-Gesamtschule. Für das Renaissance-in-Augsburg-Projekt haben sich Jugendliche einer dortigen Mittelschule auf Spurensuche begeben, für das Paula-Modersohn-Becker-Buch waren natürlich Kinder aus der gleichnamigen Schule in Bremen beteiligt. So gewinnt sie größtmögliche Nähe sowohl zum Objekt als auch zu den späteren Nutzern.

In einem Workshop setzen sich die Schülerinnen und Schüler, fachlich angeleitet, aber nicht dominiert, mit dem Thema auseinander. Sie gestalten Szenen, die ihnen beim Anschauen der Bilder einfallen, und nehmen sie im Aufnahmestudio selbst auf. Farben werden zu Tönen, Gemälde verwandeln sich in Klangbilder. Kinder erfassen das ganz intuitiv, und Mona Horncastle nutzt dieses Reservoir. „Ich beute die Kids nicht aus, das Ziel ist immer das Buch, für sie ein ganz großer Motivationsfaktor. Nebenbei wächst ihnen Wissen zu, und durch Wissen gewinnen sie Selbstvertrauen und Mut.“ Womit wir wieder bei dem Verlags-Motto wären. Die Schülerin Daniela, die anfangs höchst unlustig, dann mit wachsender Begeisterung an dem Augsburger Projekt teilgenommen hat, fasst das in dem Satz zusammen: „Der Spaß entsteht dann, wenn man weiß, mit was man es zu tun hat.“

In diesem Jahr veröffentlichte Mona Horncastle erstmals ein Buch auch digital. MyFair entstand auf der Frankfurter Buchmesse, an die 100 Jugendliche haben vor Ort gearbeitet. „Sie bekamen ihre Aufgabe, sind dann ausgeschwärmt und haben anschließend ihre Arbeit bei mir abgegeben, Reportagen, Interviews, kleine Filme, Fotos. Da wurde nichts geschnitten. Ich fand es nicht richtig, so viel nachzubearbeiten.“ Aus dem Projekt hat sich eine Kooperation auf europäischer Ebene ergeben, die Jugendlichen übersetzen ihre Texte selbst ins Englische.
MyFair ist frei zugänglich im Internet, fünf weitere Bücher unter dem Imprint MyBook sind in Vorbereitung. Die gelernte Fotografin und Kunsthistorikerin sieht damit nicht das Ende von gedruckten Büchern gekommen, sie klinkt sich mit diesem Angebot lediglich in die Lebenswelt der Kids ein. „So gern sie letztlich an einem Projekt mitarbeiten, so stolz sie darauf sind, das fertige Werk in Händen zu halten, sie finden es schade, dass sie es nicht auf Facebook posten oder auf ihre Websites stellen können.“

Ob sie sich mit kostenlosen Büchern im Netz als Verlegerin nicht selbst das Wasser abgrabe, beantwortet sie, einen Kollegen zitierend: „Die Dimension der Kommunikation hat sich vergrößert. Vorher waren nur die Institutionen, Museen, Theater, Orchester etc. dazu in der Lage, jetzt kann mit Hilfe der sozialen Medien jeder selbst Sender werden.“
Katrina Behrend Lesch