by LiSe | 1. Juli 2014 | Blog, Titelgeschichte
Das White-Ravens-Festival der Internationalen Jugendbibliothek wird am 19. Juli in der Blutenburg eröffnet. Dazu gibt es bayernweite Aktionen.
Am 19. Juli startet das White-Ravens-Festival für Internationale Kinder- und Jugendliteratur in München. Zum dritten Mal hat die Internationale Jugendbibliothek (IJB)in Obermenzing Autoren und Illustratoren aus dem In- und Ausland eingeladen. Sechs Tage lang werden sie von Schloss Blutenburg aus in München und bayernweit junge und jung gebliebene Leser entführen zu Workshops, Gesprächen, Lesungen und allerlei auch experimentelle gemeinsamen Aktionen rund um Kinder- und Jugendliteratur. Christiane Raabe, Direktorin der IJB, hat das Format entwickelt als Festival für hochwertige und besondere Literatur. Für dieses und andere Projekte hat sie im Mai die Bayerische Europamedaille von Europaministerin Beate Merk überreicht bekommen.
White Ravens wurde das Festival für Kinder- und Jugendliteratur 2010 im Haus getauft. Weiße Raben sind seltene Vögel, sie lassen aufmerken und staunen, manchmal beunruhigen sie vielleicht sogar, in jedem Fall aber stehen sie für den Reichtum an Möglichkeiten. Genau das will das Festival, das keineswegs nur in der idyllischen Umgebung von Schloss Blutenburg stattfindet, sondern bayernweit „on tour“ geht in Bibliotheken, Schulen, Kulturzentren und andere Bildungseinrichtungen. 16 Autoren und Illustratoren aus Deutschland, Finnland, Irland, Italien, Frankreich, Belgien, Österreich, England, Südafrika, Georgien, Tschechien, Kolumbien lesen und erzählen, auch in ihren Herkunftssprachen, über sich und ihre Arbeit.
Christiane Raabe hat Kunst, Malerei, Geschichte und Philosophie studiert und in mittelalterlicher Geschichte promoviert. Zur IJB kam sie 2007. Von Anfang ist es ihr hier ein Anliegen, die Bibliothek in den Dienst qualitativ hochwertiger Kinder- und Jugendliteratur zu stellen, kreative Räume zu gestalten für die Vermittlung von Literatur abseits globaler und damit glatt gebürsteter literarischer und ästhetischer Formate und Muster. Es gehe ihr nicht, stellt sie klar, um Leseförderung, nicht um Gebrauchsliteratur, nicht um Bestseller und Novitäten. Kinder- und Jugendliteratur versteht sie als ebenbürtigen Teil des Gesamtgebäudes Literatur. Aus dieser Sicht heraus geht es um den Respekt vor der kindlichen Welt und damit vor dem Kinderbuch, um die literarische Durchdringung von Jugend als einer Phase, die heute länger dauert und sich kaum mehr abgrenzen lässt vom Erwachsenenalter. Die Art der Narration und der Stilmittel unterscheidet sich zusehends weniger von Erwachsenenliteratur, All-Age-Titel wie „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ gewinnen an Bedeutung.
Wer später Proust lesen will, sollte im Blick haben, was er als Kind und Heranwachsender liest. Aus dieser Einsicht heraus wünscht Christiane Raabe sich, dass auch Eltern und Großeltern sich verabschieden vom Diktat „kindgerechter“ Literatur. Seltsame Bilder, ungewohnte Blickwinkel, eigenartige Erzählmuster, ungewöhnliche thematische und gestalterische Ansätze mögen zunächst verstören, dann aber auch an- und aufregen, wie „weiße Raben“ eben. Als Beispiel nennt die Bibliotheksleiterin den magischen Realismus, der in Deutschland keine Tradition hat, in Dänemark aber, neben Spanien und Südamerika und auch Japan, eine große Rolle spielt. Oft genug ist es derartige und vergleichbare Literatur, die hierzulande durchfällt und erst gar nicht erst übersetzt wird, besser: würde, denn genau diese Weiße-Raben -Literatur fördert die IJB mit allen Mitteln. Und das kann man durchaus wörtlich verstehen. Denn als Raabe zu Beginn ihrer Tätigkeit erfahren musste, dass gerade Heranwachsende bei den klassischen Lesungen immer mal wieder abzuschalten oder unangenehm aufzudrehen drohen, begann sie, mit weniger bewährten Mitteln der Vermittlung zu experimentieren. Aus diesem Grund pflegen Autoren in der IJB inzwischen nicht mehr nur vom Blatt zu lesen, sondern versuchen sich in Gesang und Tanz, Moderation und Blattgestaltung, Blog und Interview.
Das White-Ravens-Festival ist zwar klein und fein, vermag aber die Arbeit der IJB in ganz besonderer Weise zu bündeln und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Was im Hintergrund in der weltweit einzigartigen Bibliothek für die Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur gearbeitet, geforscht und nicht zuletzt sorgfältig gesammelt und archiviert wird, können die Münchner im reichhaltigen Jahresprogramm regelmäßig und fast täglich für sich und ihre Kinder entdecken. Einen besseren Einstieg als das Festival gibt es nicht. Es beginnt mit der Auftaktveranstaltung am Samstag, 19. Juli, geplant als Lesenacht für Jugendliche und junge Erwachsene, mit Musik, Café, Barbetrieb, gemeinsam mit acht Autoren, die auch in ihren Originalsprachen lesen und erzählen. Am Sonntag geht es weiter mit einem Lesefest mit sieben Kinderbuchautoren (u.a. Christine Nöstlinger und Axel Scheffler) und einem Fußballmatch der Autoren gegen Kinder und Jugendliche. Ein weiterer Höhepunkt ist der Auftritt von zwei Kinder-Lyrikern im Lyrik-Kabinett.
Das Gesamtprogramm unter www.ijb.de.
Ursula Sautmann
by LiSe | 1. Juni 2014 | Blog, Titelgeschichte
Die Villa Waldberta in Feldafing, das internationale Künstlerhaus der Stadt München, beherbergt Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt. Jährlich werden 30 bis 40 Gäste eingeladen und können hier bis zu drei Monate kostenlos wohnen und arbeiten. Gerade ist Südamerika zu Gast – drei Schriftsteller aus Haiti und vier Schauspieler aus Brasilien.
Die Lage des Hauses ist überwältigend. Der Blick schweift über den Starnberger See ans gegenüber liegende Ufer und bis zu den Alpen. Hier präsentiert sich Bayern aufs Prächtigste, und manch einer, der aus einer ganz anderen Ecke der Welt kommt, braucht erstmal eine Eingewöhnungszeit. Karin Sommer, die Leiterin der Villa Waldberta, ist sich aber sicher, dass die meisten Gäste schnell ihren Rhythmus finden und den Aufenthalt erfolgreich nutzen können. Seit seiner Entstehung 1901/02 gingen in dem stattlichen Haus Kosmopoliten und Künstler ein und aus. Diesen Geist wollte die letzte Besitzerin Bertha Koempel, die jedes Jahr in den Sommermonaten von New York nach Feldafing kam, wohl erhalten. 1965 gründete sie eine Stiftung und vermachte die Villa Waldberta inklusive Park der Landeshauptstadt mit der Auflage, das Anwesen als Baudenkmal zu erhalten. Doch erst seit 1982 existiert das Haus in seiner heutigen Form, strömt durch seine Räume ein ständiger Fluss von Künstlerinnen und Künstlern, wird internationale Kulturarbeit gefördert.
Bei der Vergabe der Stipendien lässt sich das Waldberta-Kuratorium von Experten beraten, von Institutionen wie dem Goethe-Institut, der Pasinger Fabrik oder aus der freien Szene. Doch eigentlich könnte jeder Bürger Vorschläge machen, sagt Karin Sommer. Einen Münchenbezug sollten sie haben und dem städtischen Kulturaustausch zugute kommen. Überzeugt das Projekt und lässt es sich mit anderen schwerpunktmäßig bündeln, werden die dafür geeigneten Künstler eingeladen. Schwerpunkte in diesem Jahr sind „Junge Kunst International“ und „Das Fremde und das Eigene“. Derzeit erarbeiten vier brasilianische Schauspieler ein zweisprachiges Theaterstück über die 1908 in München geborene Olga Benario, die in Brasilien als Revolutionärin Geschichte schrieb und 1942 von den Nazis im KZ ermordet wurde. Das Stück hat am 20. Juni in der Pasinger Fabrik seine Welturaufführung und soll auch noch in Rio de Janeiro gezeigt werden.
Die drei aus Haiti stammenden Gäste der Villa Waldberta wurden für das große Kulturprogramm „Kreyòl. Die Kultur des Widerstands in der Karibik“ eingeladen, ein von dem Künstler und Kurator Siegfried Kaden initiiertes Projekt. Ein sehr randständiges und nicht gerade München bezogenes Thema, will man meinen, aber Hilario Batista Félix macht in seinem Vortrag klar, dass die kreolische Kultur, in der meist unterprivilegierte schwarze Menschen beheimatet sind, zu den Erblasten des Kolonialismus gehört und also auch uns etwas angeht. Félix ist in Kuba geboren und setzt sich als Präsident der Vereinigung „Bannzil Kreyòl Kiba“ für die kreolische Sprache, Kultur und Tradition ein. Als absoluter Experte auf diesem Gebiet hat er in Europa noch nie darüber sprechen können. Er ist zum ersten Mal auf dieser Seite des Atlantiks, und Feldafing war für ihn ein Schock, vor allem, als mit dem Mai die Kälte kam. Mit seinem heiteren offenen Wesen verkörpert er das Lebensgefühl der Karibik, und das möchte er uns nahe bringen.
Der Lyriker, Romanautor und Bildende Künstler Anthony Phelps fühlt sich allein schon durch seine Familie, die von überall her aus Europa, Russland und Afrika stammt, als Nomade zwischen den Kulturen. 1928 in Port-au-Prince geboren, wurde er 1954 von der Duvalier-Diktatur ins kanadische Exil vertrieben. Reisen, unterwegs sein, gehört zu seiner Biografie, und als ihn im April der bayerische Frühling mit Sonne, Wärme und überschwänglicher Blütenpracht empfing, fühlte er sich beinahe in seine Heimat Haiti zurückgekehrt. Er war auch schon an anderen Orten als Stipendiat eingeladen, aber bei weitem am elegantesten ist die Villa Wald-
berta. Doch es ist, wie er sagt, nur ein Innehalten auf Zeit, in der er auf Dis-tanz zur Alltäglichkeit geht und den Vogelstimmen lauscht, die den Park mit ihrem Gesang erfüllen. Zur Zeit arbeitet er an einer Gedichtsammlung und lässt sich auch von der schönen Landschaft und der Natur um ihn herum inspirieren. Ins Münchner Kulturleben ist er bisher nicht eingetaucht, aber er war in Neuschwanstein und Andechs. Dass in einem Kloster Bier gebraut und ausgeschenkt wird, hat ihn amüsiert. Am 18. Juni wird er zum Thema „Exil. Als Nomade unterwegs zwischen Poesie und Prosa“ sprechen und aus seinem Werk vorlesen (Institut Français, Kaulbachstr. 13).
Louis Philippe Dalembert nutzt seine Zeit als Stipendiat in der Villa Waldberta vor allem, um seinen neuen Roman zu beenden. Auch ihm ist das Wandern zwischen den Welten nicht fremd, es ist geradezu eine Obsession, die sich durch sein Werk zieht. Platz und Handlung mögen sich ändern, sagt er, aber meine Personen sind geprägt von einer ständigen Spannung zwischen zwei Zeiten, der Kindheit und dem Erwachsenenalter, die für mich genauso Länder sind wie die geografischen. Jedes Mal wechselt die Perspektive, mit ihr ändern sich die Dinge und die Art, wie wir sie betrachten. Dalembert ist in vielen Ländern zuhause, spricht sieben Sprachen und lebt heute unter anderem in Paris und Port-au-Prince. Am 11. Juni hält er einen Vortrag über „Ein Vagabundenleben für die Literatur“ (Institut Français, Kaulbachstr. 13).
Katrina Behrend Lesch
Auf den Webseiten www.villa-waldberta.de und www.kreol-deutschland.com findet man noch weitere nützliche Informationen.
by LiSe | 1. Mai 2014 | Blog, Titelgeschichte
Die Autorenbuchhandlung wurde vor 40 Jahren von Schriftstellern gegründet – Habermas, Enzensberger und andere 68er-Größen waren in der Wilhelmstraße zu Gast
Die Modell-Buchhandlung im Herzen Altschwabings feiert ihren 40. Jahrestag gleichzeitig mit dem Rückzug ihrer Chef-Managerin Hilde Schiwek nach 25 Jahren – ein „neues Kapitel“, wie Fans und Inhaber-Autoren hoffen, kein Grund zur Resignation.
Wenn Hilde Schiwek, die „den Laden“ seit 25 Jahren mit Energie und Bravour geschmissen hat, vor der Fotowand mit all den berühmten Autoren, Literaten und Poeten steht und mit dem viel zu langsamen PC kämpft, kann man kaum glauben, dass es eine „ABC-Autorenbuchhandlung“ ohne sie geben kann – aber andererseits – nun ja, auch ein FC Bayern muss ohne Uli Hoeness, so ist das mit den „Seelen“ im Geschäftsleben, auch wenn sich Hilde Schiwek den Vergleich absolut und energisch verbitten würde. Die Alleingeschäftsführerin, die das Geschäft „aus Altersgründen“, wie es so böse heißt, verlässt, ist sicher, dass das Schlimmste im Buchverkauf überstanden ist. Die neue Welle von E-Book und Internet , Tablets und Smartphones, auf denen man Romane rauf- und runterladen kann, sieht sie gelassen auf ihren guten alten „Laden“ zurollen. Vor ein, zwei Jahren hatte sie sich noch Sorgen gemacht, aber seither gibt es einen Umschwung. „Die Menschen kommen jetzt wieder bewusster zu uns, wollen sich informieren, stöbern, schmökern. Und das können sie eben nur in einer gut sortierten Buchhandlung.“
Die Anfänge der „ABC-Autorenbuchhandlung“ liegen inzwischen ja legendenumwoben im Dunkel der Geschichte. Die Gründerväter und -mütter segelten auf der Selbstverwaltungswelle der 70er Jahre. Sie wollten wohl eine Buchhandlung auch für solche Autoren, die damals in den anderen Buchläden einfach nicht geführt wurden. Jeder bekam für einen Eintrittsscheck von 1000 DM als Mitglied die Garantie, dass seine Werke hier gelesen und gekauft werden konnten. Und er hatte ein Recht auf eine Lesung, was damals noch absolut unüblich war. Nicht der Massengeschmack der Bestsellerlisten sollte das Sortiment bestimmen, sondern die literarische Qualität – gefördert und gefordert von den 12 Gesellschafter-Autoren und Literaten, die das Anfangskapital von 20 000 DM im Herbst 1973 „hineingesteckt“ hatten und die ehemalige Kneipe umbauten zur Buchhandlung. Alles sollte sogar, Kapitalismus hin, Alternative her, verzinst werden, aber das hatte sich bald erledigt.
Die erste Geschäftsführerin Inge Poppe, heute mit Ehemann Paul Wühr am Trasimener See, organisierte unermüdlich Lesungen und Diskussionen. Der Geist der 70er Jahre, gesellschaftskritisch und wortkühn, versammelte sich in den etwa 50 Quadratmetern auf drei Dutzend Klappstühlen. Martin Gregor-Dellin, Jürgen Kolbe, Michael Krüger, Tankred Dorst und einige andere steckten ihre Spargroschen in das Unternehmen Wilhelmstraße 41, einen Katzensprung vom ehrwürdigen Max-Gymnasium entfernt. Nach den Lesungen ging es gegenüber in der Pschorr-Gaststätte noch weiter, die Diskussionen mit Enzensberger, Habermas und anderen 68er-Größen überzogen bei Zigarrenqualm und Alkohol die Sperrstunde bei weitem.
Auch für Hilde Schiwek waren später, ab 1989, die Lesungen ein Höhepunkt. „Toni Morrison zum Beispiel, eine Woche bevor sie den Nobelpreis bekam, oder der junge Paul Auster. Herta Müller las hier kurz nach dem Sturz von Ceaucescu, als sie noch kaum jemand kannte.“ Doch seitdem sich das Literaturhaus am Salvatorplatz, ausgestattet mit einem Jahresetat von 400.000 Euro, vor mehr als zehn Jahren etablierte, hat es die „wirklich interessanten“ Autoren weggezogen. Dabei musste die Geschäftsführerin ja nicht nur die aktuellen Neuerscheinungen aus Deutschland und – mindestens – den USA, England und Frankreich in deutscher Übersetzung kennen, sondern auch noch den Umgang mit den empfindsamen Damen und Herren Gesellschaftern pflegen. So war etwa vor zwei Jahren die Aufstockung des Kapitals auf 62.000 Euro erforderlich. „Das sind nun nicht unbedingt meine schönsten Erinnerungen“, meint Hilde Schiwek mit einem feinen Lächeln, das den Stolz des Erreichten zeigt, aber auch die Erleichterung, „endlich ein Buch mit Genuss“ und nicht immer mit der „Schere im Kopf“ lesen zu müssen, die da heißt „Kundenwunsch“. Und: qualifizierte Kundenberatung. Das ging durchaus so weit, dass Schiwek
einen Kunden bei einer Buchbestellung entsetzt ansehen und „das ist aber nichts für Sie“ murmeln konnte. Von den Mitgliedern und Gesellschaftern mischt sich schon längst keiner mehr in die Tagesgeschäfte ein.
Braucht die Autorenbuchhandlung, um zu überleben, in Zukunft neue Impulse, Schwerpunkte, Kaffeeservice, Spezialwochen? Nein, alles Schnickschnack! Für Schiwek ist das Entscheidende: Kompetenz, Freundlichkeit und ein Mensch, der diese Buchhandlung zu seinem Projekt macht. Die Nachfolgerin, Bärbel Kempf-Luley wird das schaffen, und zur Not, Augenzwinkern, hat sie ja auch noch die Autoren im Boot.
Wolfram Hirche
by LiSe | 1. Apr. 2014 | Blog, Titelgeschichte
Antiquariate leiden an und profitieren vom Buch-Onlinehandel
Effi Briest für drei Euro – das geht noch immer“, sagt Petra Hammerstein, ordnet einen Stapel Bücher und stellt den Fontane ins Regal zurück. Ein junger Mann schaut zur Ladentür herein und fragt: „Ich habe die Bibliothek meines Onkels geerbt, kann ich die bei Ihnen verkaufen?“ Durchschnittlich zehn Mal am Tag kommen Kunden wie dieser Mann in das Antiquariat Hammerstein in der Münchner Türkenstraße und wollen ihre geerbten Goethe-, Schiller- und Heine-Bände loswerden. „Wir werden von Büchern überschwemmt“, erzählt denn auch Antiquar Bernhard Kitzinger von der Schellingstraße. Antiquariate haben sich in den vergangenen Jahren 20 Jahren stark gewandelt: Aus klassischen Orten des Stöberns sind Geschäftsunternehmen geworden, die Konkurrenz aus dem Internet durch Billiganbieter haben, zugleich aber immer stärker werdende Online-Umsätze verzeichnen. Das klassische Ladenantiquariat gibt es noch – es hat aber oft keinen leichten Stand: Die Laufkundschaft, die es noch in den 90er Jahren gegeben hatte, ist rar geworden, übermächtig sind dagegen die hohen Mieten für die Läden.
Ein Antiquariat ist ein Mikrokosmos, ein Ort des Innehaltens: Bücherregale quellen über und reichen bis zu Decke; der Antiquar, der die Farbe seiner Bücher angenommen hat, sitzt hinter einem Stapel von Brockhaus-Bänden; in der dicken Luft hängt der Staub von hundert, zweihundert Jahren. Diese Papierhöhlen – es gibt noch einige davon rund um die Münchner Universität – bieten verborgene Schätze, nach denen Sammler ihr Leben lang stöbern. Schneller fündig werden viele Buchliebhaber seit Mitte der 90er Jahre am Computer: 1996 ließen sich zehn Antiquare auf das Experiment ein, ihr Angebot ins Internet zu stellen. Das Zentralverzeichnis antiquarischer Bücher (ZVAB) war gegründet. Mittlerweile ist das ZVAB weltweit das größte Online-Antiquariat für deutschsprachige Titel. Tausende professionelle Antiquare – darunter auch die Münchner – bieten rund 25 Millionen antiquarische oder vergriffene Bücher sowie Noten, Graphiken, Autographen oder Postkarten an.
Doch im Online-Handel tummeln sich auch massenweise nichtprofessionelle Anbieter von Büchern, sei es bei eBay, Abebooks oder Booklooker. „Alle wollen die Bücher ihrer Eltern verkaufen, doch solche Bücher will heutzutage eigentlich niemand mehr“, sagt Antiquar Kitzinger. Die Folge ist ein Überangebot und damit ein Preisverfall ohne Ende. Bernhard Kitzinger stellt nüchtern fest: „Ein Goethe von 1870 bringt uns fast nichts, der ist nur für die Abfalltonne“. Und Petra Hammerstein ergänzt, Klassiker in „Fraktur“ (also in altdeutscher Schrift) würden nicht mehr angekauft. Das Antiquariat Turszynki fügt hinzu, dass Bücher der „letzten 100 Jahre keinen nennenswerten Wiederverkaufswert“ besitzen. „Mit großem Enthusiasmus übernehmen wir aber wissenschaftliche Werke und Literatur des 16. bis 19. Jahrhunderts“.
Schwerpunkte setzen – das ist denn auch die Geschäftsidee bei etlichen Antiquariaten: So ist beispielsweise Kitzinger ein geisteswissenschaftliches Fachantiquariat, Hauser, das Antiquariat in unmittelbarere Nachbarschaft, engagiert sich für Biographien, Botanik oder Künstlermonographien, Rezek in der Amalienstraße pflegt das bibliophile Buch, und das benachbarte Antiquariat Bierl hat die Schwerpunkte Kinderbücher und Graphik, die Franziska Bierl auch in schönen, aufwändigen Print-Katalogen präsentiert. Zu ihren Umsatzzahlen gefragt meint die junge Unternehmerin: „Ich nehme etwa 50 Prozent online ein und 50 Prozent im Ladenantiquariat“. Bei Kitzinger sind die Zahlen anders: online beträgt der Umsatz 15 bis 20 Prozent, der Ladenanteil liegt bei 80 Prozent. Das Antiquariat, ideal für Laufkundschaft an der Ecke Schelling-/Türkenstraße gelegen, hat noch immer alte Stammkunden, die täglich, wöchentlich oder auch nur ein Mal im Jahr vorbeikommen. Bernhard Kitzinger ergänzt: „Wir bieten Bücher für Wissenschaftler, die nicht den ganzen Tag auf den Bildschirm starren wollen“.
Wie denn die Zukunft der Antiquariate aussehe? Kitzinger, dessen Urgroßvater das Geschäft im Jahr 1892 gegründet hatte, ist unsicher: „Ob mein Sohn mal den Laden übernehmen wird, glaube ich eher nicht“. Die Antiquariate würden weniger, sagt der Unternehmer und verweist auf Geschäfte, die seit jüngster Zeit nicht mehr in Schwabing sind: der Basis-Buchladen, das Musikantiquariat Knobloch oder das Antiquariat Terrahe, das – auch wegen der hohen Mieten – München verlassen hat, aufs Land gezogen ist und nun online Bücher vertreibt. Der (Aus)Weg aufs Land – das sei denn auch ein einheitlicher bundesweiter Trend, versichert der Börsenverein des Deutschen Buchhandels gegenüber den LiteraturSeiten München. Es wäre ein Jammer, wenn sie aus unserem Stadtbild verschwinden würden: die Antiquariate Hammerstein, Bierl, Kitzinger oder wie sie alle heißen. Diese Läden haben musealen, ja fast sakralen Charakter. Ein Blick ins Antiquariat Rezek ver- und bezaubert, ist unvergesslich, erinnert an das Stillleben eines holländischen Barock-Malers. „Und außerdem“, so versichert Bernhard Kitzinger, „ist der Antiquar doch schon immer der König der Buchhändler gewesen“.
Ina Kuegler
by LiSe | 1. März 2014 | Blog, Titelgeschichte
Das Literaturhaus erinnert mit einer Ausstellung an den Schriftsteller und Soldaten Robert Musil
Der Gesang des Todes“ ist die neue Ausstellung des Literaturhauses München über „Robert Musil und der Erste Weltkrieg“ überschrieben. Sie versteht sich als Beitrag zum literarischen Gedenken an den Ausbruch des 1. Weltkriegs vor hundert Jahren. Der österreichische Schriftsteller war aktiv am Kriegsgeschehen beteiligt, und er hat seine Eindrücke und Erfahrungen in zahlreichen Texten höchst subtil und manchmal verstörend direkt beschrieben. Die Ausstellung macht die ganz persönlichen Beobachtungen eines Literaten in einer Ausnahmesituation sicht- und hörbar, ergänzt die Eindrücke durch Bilder und Exponate, und hilft mit Begleitveranstaltungen, sich ein Bild zu machen. Einem Urteil über den Schriftsteller und seine Haltung zum Krieg will sich die Ausstellung ausdrücklich verweigern.
„10. Oktober 1915: Der Laut des Geschosses ist ein anschwellendes und, wenn der Schuss über einen fortgeht, wieder abschwellendes Pfeifen, in dem er ei-Laut nicht zur Bildung gelangt. Große Geschosse nicht zu hoch über der eigenen Stellung lassen den Laut zum Rauschen anschwellen, ja zu einem Dröhnen der Luft, das einen metallischen Beiklang hat. So gestern auf dem Monte Carbonile, als die Italiener von der Cima Manderiolo auf den Pizzo di Vezzena schossen und die Panorotta über uns weg auf die italienischen Stellungen. Der Eindruck war der eines unheimlichen Aufruhrs in der Natur. Die Felsen rauschten und dröhnten. Gefühl einer bösartigen Sinnlosigkeit.“ So schreibt ein Mann in sein Tagebuch, der von Kindesbeinen an in Militärschulen ausgebildet wurde und sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hat. 1915 hat er allerdings auch schon eine Menge anderer als von militärischer Zucht und Ordnung und den Geräuschen des Krieges definierte Erfahrungen gemacht. 1901 absolvierte er, im Alter von 20 Jahren, sein Examen als Ingenieur, studierte ab 1903 Philosophie und Psychologie in Berlin, entwickelte 1906 den Musilschen Farbkreisel und promovierte 1908 über das Thema „Beitrag zur Beurteilung der Lehren Machs“, eines Physikers, der sich mit Fragen der Philosophie auseinandersetzte.
Als Robert Musil 1914 in den Krieg zieht, ist er Reserveoffizier, seit drei Jahren verheiratet und aus Überzeugung in den Südtiroler Bergen, zunächst an der Front, dann in der Etappe. Er erlebt den Gebirgskrieg mit allen Sinnen, und er beschreibt seine Erlebnisse mit Worten, die dem Leser noch heute nahe gehen. „Über ihn schossen sie, Freund und Feind, und er lag zwischen beiden, von beiden verlassen wie Brot, das gegessen ist, von beiden mit der gleichen Herzlosigkeit bedroht. Shrapnels zerrissen die Luft, von Granaten aufgeworfene Erde überstäubte ihn, er konnte nicht flüchten, noch Schutz suchen; eine namenlose Angst, Einsamkeit und Verachtung quälten ihn, machten ihn erstarren, dann verlor er das Bewusstsein“, heißt es in „Ein Gesang des Todes“, und weiter: „Die Kriegsmaschine arbeitete langsam und rostig.“ Die Ausstellung verfolgt die biographischen Stationen und stellt den Bezug her zu den literarischen Beiträgen des Autors in Rahmen von Werkinseln. So wird, als Beispiel, der Fliegerpfeil aus einem italienischen Flugzeug, der Musil nur knapp verfehlt, in der Erzählung „Die Amsel“ verarbeitet.
Die Ausstellung vermittelt, wie ein Beteiligter den Krieg erlebt hat. Karolina Kühn, gemeinsam mit Literaturhausleiter Reinhard G. Wittmann im Kuratorium, lässt den Autor selbst sprechen und den Besucher so ganz nah heran an eine Erfahrung, die viele heute zum Glück nur vom Hörensagen kennen. Musil, das wird eindrücklich gezeigt, war einer von vielen, aber ganz einzigartig in der Art, wie er seine Erlebnisse und Eindrücke in Worte fasste. Und natürlich haben sie auch nach 1918 eine große Rolle in seinem Leben und seinen Werken gespielt, auch wenn er, wie Kühn betont, den Krieg als solchen aus den veröffentlichten Texten eliminiert hat.
„Man kann den Krieg auf die Formel bringen: Man stirbt für seine Ideale, weil es sich nicht lohnt für sie zu leben. Oder: Es ist als Idealist leichter zu sterben als zu leben. Eine ungeheure Flaute lag über Europa und wurde wohl am drückendsten in Deutschland empfunden“, formuliert Musil um 1918, im Rückblick auf den Kriegsausbruch und die weit verbreitete Begeisterung. Hat Musil seine Beteiligung bereut? War er Militarist? Und wird er zum Pazifisten, als er 1922 schreibt: „Wir waren früher betriebsame Bürger, sind dann Mörder, Totschläger, Diebe, Brandstifter und ähnliches geworden…“? Auf diese Fragen wird jeder Besucher seine eigenen Antworten suchen (müssen).
Ursula Sautmann
Die Ausstellung im Erdgeschoss des Literaturhauses ist Montag bis Freitag von 11 bis 19 Uhr, Samstag, Sonntag und Feiertags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 5/3 Euro (Studierende zahlen an Montagen 2 Euro).
by LiSe | 1. Feb. 2014 | Blog, Titelgeschichte
„Die Weltliteratur wird von Übersetzern gemacht“, sagte der portugiesische Nobelpreisträger José Saramago. Die Bibel, die antiken Philosophen, Shakespeare sind erst durch ihre Übersetzung zu Allgemeingut geworden. Seit der Goethe-Zeit gilt Deutschland als klassisches Übersetzerland. Heute ist fast jedes zweite belletristische Buch eine Übersetzung. Doch die Lage der Übersetzer ist prekär.
Man stelle sich das mal vor: Eine Kindheit ohne Pippi Langstrumpf, Pinocchio und Mickey Maus, ein Heranwachsen ohne das Fiebern auf den nächsten Harry Potter, kein Asterix, Herr der Ringe, keine Emma Bovary, Anna Karenina und wie sie alle heißen, die so vertrauten Figuren, die unser Leben begleiten und unsere Fantasie beflügeln. Wer beherrscht schon so gut Französisch, Russisch, Englisch oder Schwedisch, um sie in ihrer Originalsprache aufzuspüren. Wir wären ihnen nie begegnet, hätten mit ihnen nicht gelacht, um sie nicht geweint, wir wären, kurz gesagt, ein Stück ärmer. Wenn es sie nicht gäbe, die Literarischen Übersetzer. Sie sind es, die uns den Zugang zur Weltliteratur öffnen, die Tore aufstoßen zu anderen Kulturen, Lebensformen, Denkungsarten. Sie tun es gerne und mit Leidenschaft, zeichnen Farben und Töne der anderen Sprache nach, tüfteln an Redewendungen, gehen auf Entdeckungsreise nach Wörtern, bringen uns Romanhelden aus fremden Welten erfahrbar nahe. Sie sind für die grenzüberschreitende Verbreitung von Literatur sozusagen lebensnotwendig. So hat Martin Luthers Bibelübersetzung, bei der er „dem Volk aufs Maul schaute“ und mit seiner kräftigen und bilderreichen Ausdrucksweise sprach- und stilbildend für Jahrhunderte wirkte, das Wort Gottes erst richtig unter die Leute gebracht. Und noch bis vor ein paar Jahren wäre ein Theater ohne ein Shakespeare-Stück in der Schlegel-Tieckschen Übersetzung gar nicht ausgekommen.
Dennoch wurden Übersetzer in der Vergangenheit, von einigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen, nur als Randerscheinung wahrgenommen. Dass man sie im Buch überhaupt nannte ist die eine Sache, dass man ihre Arbeit entsprechend würdigte, vor allem in der Bezahlung, die andere. Als Übersetzerin, sagte Anke Caroline Burger anlässlich der Preisverleihung des Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreises 2003, lebe man von der Hand in den Mund, für nennenswerte Rücklagen reiche die Bezahlung eigentlich nie. Auf Phasen hektischer Betriebsamkeit folge oft monatelanges, quälendes Hoffen und Bangen auf den nächsten Auftrag. Indes hatte das allgemeine Aufbegehren gegen diese Situation bereits angefangen. 2002 war das neue Urhebervertragsrecht in Kraft getreten, wonach Übersetzer zu Urhebern ihrer Übersetzungen wurden, was sie vorher offensichtlich nicht waren. Die Auseinandersetzungen, die nun zwischen gewerkschaftlich organisierten Literaturübersetzern und Verlagen über eine angemessene Vergütung begannen, zogen sich bis 2011 hin und wurden schließlich vom Bundesgerichtshof entschieden. Was nicht besagen will, dass alles befriedet ist.
Damit man sich eine Vorstellung machen kann: Vor 2002 bekamen Übersetzer ein sogenanntes Normseitenhonorar (30 Zeilen à 60 Anschläge) laut Börsenverein zwischen 12,50 und 16,60 Euro. Damit war ihre Arbeit abgegolten, am Verkauf des Buches waren sie nicht beteiligt, bei Bestsellern ziemlich ärgerlich. Trotz gewisser Verbesserungen kommen sie auch heute laut VdÜ-Erhebung im Schnitt auf nur 1000 Euro im Monat, günstige Umstände, zusätzliche Preise, Stipendien etc. inbegriffen. Die beklagenswerte Verdienstlage soll bereits zu einem Nachwuchsschwund geführt haben, bei den jungen Leuten sei wahrscheinlich das Bewusstsein gestiegen, sich nicht mehr ausbeuten zu lassen, sagt Hinrich Schmidt-Henkel, Vorsitzender des Verbands deutschsprachiger Übersetzer (VdÜ). Der Börsenverein hingegen spricht von einem durchschnittlichen Monatsverdienst von 3.300 Euro. Wobei es natürlich erhebliche Unterschiede gebe zwischen Übersetzern mit bzw. ohne Namen. Erstere können sich ihre Aufträge aussuchen und werden von den Verlagen entsprechend hofiert, ein Anfänger muss erstmal sehen, wie er zurechtkommt.
Ohne Übersetzungen kein Kulturtransfer wissen gerade auch kleinere Verlage, die sich der Literatur nicht gängiger Länder annehmen. Der A1 Verlag etwa mit Büchern aus Indien, Palästina, der Mongolei oder Kenia. Einesteils ist hier die Sprach- und Interpretationskunst des Übersetzers besonders beansprucht, andrerseits ist solch „fremde“ Literatur ungleich schwerer verkäuflich. Dass ihre Arbeit angemessen honoriert sein will, ist begreiflich, gleichzeitig graben sich Übersetzer, so will es scheinen, mit ihren Honorarforderungen das Wasser ab. Die Befürchtung, dass nur mehr schnell konsumierbare Ware übersetzt und verlegt wird, keine Zeit und kein Geld mehr für die Entdeckung weiterer Perlen der Weltliteratur da sind, unser Austausch mit fremden Kulturen und Literaturen verarmen würde, ist nicht von der Hand zu weisen. Glücklicherweise gibt es immer noch die leidenschaftlichen Büchernarren, die es nicht so weit kommen lassen. Arno Schmidt, selbst ein bedeutender Übersetzer, brachte es auf den Punkt: Sind doch ,Bücher’ mehr, / als nur ein, in unnütz-dünne / Scheiben geschnittener / Klotz KiefernSchliff: sind / ,Weltknospen an unserer Welt’!
Katrina Behrend Lesch
Auf der Website des VdÜ, Verband deutschsprachiger Übersetzer, www.literaturuebersetzer.de findet man viele nützliche Ratschläge und hilfreiche Links.