Haben Sie mal versucht, außerhalb Ihrer vier Wände in Ruhe zu lesen? So zumindest mein Vorsatz für das neue Jahr: mehr lesen, nicht auf dem Smartphone, sondern smarte Bücher – überall, unterwegs, Seite für Seite, alles drumherum vergessen. Dem „wandering mind“ ein Schnippchen schlagen. Denkste!

Beispiel: Zugfahrt. Ich sitze im Abteil und hole den neuen  T.C. Boyle heraus. Fast zeitgleich setzt sich an den Nachbartisch eine Familie mit drei Kleinkindern bzw. Kindern, die sich wie Kleinkinder benehmen. Ich erinnere mich, dass ich bei einer Streamingplattform 2,99 Euro bezahle, um meinen Filmgenuss nicht durch lästige Werbeclips unterbrechen zu lassen. Also biete ich den Kindern an, ihnen im Bordbistro ein Eis zu kaufen. Eis gegen Ruhe, 2,99 Euro für 5 Seiten  T.C. Boyle. Die Eltern strafen mich mit einem vernichtenden Blick.

Szenenwechsel: Café. Ich blättere auf Seite 25, als sich nebenan ein Paar hinsetzt, auffällig lautlos. Ich ahne, es liegt was in der Luft. Schon fängt sie an: „Ich mach das nicht mehr mit.“ Er: „Was?“ Sie: „Das weißt du ganz genau.“ Ich erinnere mich, einen ähnlichen „Dialog“ bei  T.C. Boyle gelesen zu haben. Da war doch was, denke ich, und versuche weiterzulesen, bis die Kellnerin mich kurz vor dem Umblättern fragt: „Passt bei dir alles?“ Ich nicke – und schäume.

Auf Seite 35 steige ich wieder ein – bis die junge Frau neben mir in Tränen ausbricht. Ich weiß nicht anders zu helfen, als sie zu fragen: „Passt bei dir alles?“, und ernte erneut einen vernichtenden Blick, während ihr (jetzt wohl Ex-)Freund vor Lachen vom Stuhl kippt.

Peinlich berührt lese ich weiter: „Sally wich ihm nicht von der Seite – bis zu jenem Tag, an dem ihr Leben eine ungeahnte Richtung einschlug.“ Ich stocke, nicht wegen der Genialität dieses Satzes, sondern wegen jenem Satzzeichen, das eine unerwartete Berühmtheit erlangt hat, seit die KI Texte verfasst: dem Spiegelstrich, Kennern auch als „Geviertstrich“ bekannt. Der häufige Einsatz von „–“ ist laut Studien ein untrügliches Zeichen dafür, dass der Text aus der Feder der KI stammt. Und für mich der Beweis:  T.C. Boyle hält uns zum Narren!

Meine Gedanken wandern zu jener Lesung in München mit  T.C. Boyle und dem ehemaligen Vizekanzler Robert Habeck, bei der Letzterer häufig das Wort ergriff und Boyles Buch zu interpretieren versuchte. Dieser stimmte ihm jedes Mal in einer Form zu, als hätte er sein eigenes Buch nicht gelesen – ja, als hätte er sein eigenes Buch nicht geschrieben!

Ich gebe meinen Vorsatz auf, mehr zu lesen – nicht ohne die KI zu fragen, welchen Neujahrsvorsatz ein Mensch mit Sicherheit einhalten würde. Die Antwort macht mich sprachlos: – – –

Markus Czeslik