„Der Lion (ohne Nasal)“ ist ein Münchner
Und auch ihn (Lion Feuchtwanger) verjagte die Stadt
Von Katrin Diehl
Die Familie war groß und hatte hier am schönen Sankt-Anna-Platz 2 – Vater, Mutter, eine Kinderschar – von 1898 bis 1900 ihr Zuhause gefunden. Davor lagen die Adressen Thiersch- und Hildegardstraße, außerdem ein aufregender Wohnungsbrand. Lion war der Erstgeborene (von neun), war 1884 in München auf die Welt gekommen und hatte also als Bub die auslandend herrschaftliche St. Anna Kirche vor Augen und vor der Haustür. Die Schule lag in der Nachbarschaft. Erst ging’s paar Jahre in die Sankt-Anna-Volksschule, dann aufs wohlangesehene Wilhelmsgymnasium, in dem der Lion den Lehrern gleich als lesehungrig, schlau und schreibgewandt aufgefallen ist. Die Mutter nahm (Gott sei Dank!) die Hilfe von katholischen Dienstmädchen in Anspruch, die so brav ihrer katholischen Religion folgen wie die jüdischen Traditionen kennen sollten. Die Großeltern väterlicherseits waren zusammen mit den Großonkelfamilien 1840 von Fürth nach München gekommen. Großvater Elkan und Großonkel David bauten eine „Margarine-Fabrik“ auf (während Großonkel Jakob eine Bank gründete), die auf sich aufmerksam machte. Die „Kunstbutter“ sahen die Münchner als ein bisschen revolutionär an. Schmeckte die überhaupt auch auf den Brezn? Kurz: In München entwickelten sich die Feuchtwangers zu einer angesehenen, weit verzweigten Familie, und in der jüdisch-orthodoxen Gemeinde sah das nicht anders aus. Lion und einige der Geschwister entfernten sich allerdings peu à peu von den streng-religiösen Traditionen des Elternhauses, und in der Margarinen-Herstellung sah der Lion jetzt auch nicht eben seine Zukunft. Stattdessen studierte er an der Münchner Universität Literaturwissenschaften, promovierte über Heines „Rabbi von Bacherach“, ließ es mit der Habilitation sein, weil ihm da aus akademischen Kreisen ein scharfer antisemitischer Wind entgegenschlug. Dann eben nicht. 1912 heiratete Lion Feuchtwanger Marta Löffler. Die beiden zogen öfter mal um in der Stadt, Prinzregentenstraße, Georgenstraße …, und lebten ein bohèmehaftes Leben. Feuchtwanger machte sich kulturjournalistisch einen Namen, war von 1908 an Herausgeber der Zeitschrift „Der Spiegel“, die allerdings sehr bald in Siegfrieds Jacobsohns Berliner großartiger „Die Schaubühne“ aufgehen sollte. 1910 folgte der erste Roman. Sein Titel: „Der tönerne Gott“. Jetzt war er Lion Feuchtwanger ein Schriftsteller und bald ein sehr bekannter. Mit „Jud Süß“ (1925) galt er als einer der erfolgreichsten Autoren historischer Romane. Fürs Schreiben zog er oft in die Staatsbibliothek, wo ihn Ruhe und staubige Folianten umgaben. 1930 (!) erschien, da lebte das Paar allerdings schon in Berlin, „Erfolg. Drei Jahre Geschichte einer Provinz“, einer der klügsten, kunstfertigsten, weitsichtigsten München-Romane, eine Satire vom Feinsten, in der die sogenannte Liberalitas Bavariae endgültig vor die Hunde geht, die Rechten stramm und in den Startlöchern bereitstehen. Lion und Marta jedenfalls luden gerne zu sich ein, kümmerten sich redlich (und oft bis zum Morgengrauen) ums intellektuelle, linksliberale Niveau der Stadt.
1933 kehrte Feuchtwanger von einer Vortragsreise in den USA nicht mehr nach Deutschland zurück. Seine Flucht ist eine eigene Geschichte, die in Pacific Palisades, in Los Angeles, Kalifornien, endete, wo er dann wieder auf alte Bekannte wie Thomas Mann oder Bertolt Brecht traf. Letzterem hatte er, ob ihm das gefiel oder nicht, im „Erfolg“ als „Kaspar Pröckl“ ein literarisches Denkmal gesetzt. 1958 stirbt Lion Feuchtwanger in Los Angeles. Marta überlebte ihren Mann um fast 30 Jahre.
München hat in Schwabing ein Feuchtwanger Gymnasium, eine Feuchtwanger Straße in Milbertshofen und seit vergangenem Jahr auch einen Lion-Feuchtwanger-Platz im Lehel. Den Doktortitel, den die Nazis Lion Feuchtwanger aberkannt hatten, hatte ihm die Stadt ein Jahr vor dessen Tod wieder zurückgegeben.
Bisher in der Reihe erschienen: Gedenktafel für Franziska zu Reventlow an der Leopoldstraße 41, für B. Traven an der Clemensstraße 84, für Gottfried Keller an der Neuhauser Straße 35, für Annette Kolb in der Händelstraße 1, für Schalom Ben-Chorin an der Zweibrückenstraße 8, für Carla-Maria Heim am Johannisplatz 10, für Heinrich Heine in der Hackenstraße 7, für Jella Lepman am Eingang zum Schloss Blutenburg, für Ruth Schaumann in der Kaulbachstraße 62a, für Eduard von Keyserling in der Ainmillerstraße, für Hans Carossa in der Theresienstraße 46 und für Karl Wolfskehl an der Römerstraße 16
Mehr über Gedenktafeln finden Sie hier:
Andrea Kästle: München leuchtete nicht für jeden – Was Gedenktafeln der Stadt verschweigen. Paperback. 232 Seiten, Allitera Verlag, München 2024
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