Tiny Strickers Abschluss der Reihe über Hippies in den späten 1960er Jahren.
Von Michael Berwanger
Liest man „hippies“, denkt man automatisch an Blumenkinder in San Francisco, Aussteiger in den neolithischen Wohnhöhlen von Matala oder Sinnsuchende im Ashram. Dass die Aufbruchswelle der Achtundsechziger den gesamten fernöstlichen Raum betraf, wird im neuesten Memoire des Münchner Autors (geboren 1949 in Gundelfingen) deutlich. Angetrieben von einer Nachhallerinnerung während einer sommerlichen Alpenwanderung, schickt Stricker noch einmal sich und zwei Altersgenossen auf eine Reise von Karachi (Pakistan) über Colombo (Sri Lanka) nach Chittagong in Bangladesch. Die Schiffsreise erweist sich als schwierig, da die mittellosen Freunde – Simon, ein schauspielender Weltenbummler, Wolfgang, ein abgehalfterter Matrose und der Autor, nach damaligem Recht noch ein Jugendlicher – in Colombo Mangels Devisen nicht von Bord gehen dürfen und kurzerhand nach Bangladesch „verfrachtet“ werden. Doch die euphorisierten Hippies betrachten den Hafen von Chittagong als ihr eigentlich vorgesehenes Reiseziel. Es folgen Wochen voller fröhlich-freundschaftlicher Kontakte mit Einheimischen und anderen „Westlern“, denn sie haben zwar kein Geld und kaum zu Essen, dafür aber einen Überfluss an Zeit. Begegnungen mit der einheimischen Bevölkerung werden skizziert, als wären westliche Reisende zu dieser Zeit noch bestaunenswerte Geschöpfe. Und so lässt Simon, der Schauspieler, daher auch keine Möglichkeit aus, diesen Anschein zu befeuern. Die Unterkünfte sind primitiv, zugig und voller Ameisen, aber das Klima der Vormonsunzeit ist angenehm, und die Feste sind bunt, rauschhaft und berauschend. Als alle drei aus Geldnot obskuren Geschäften und Arbeitsverhältnissen nachgehen, verlieren sich die Freunde aus den Augen, Zweifel und Schwermut kommen zeitweise auf. Die plötzlich einsetzenden Regengüsse des Monsuns drücken die Stimmung, Heimweh macht sich breit. Der Ich-Erzähler besinnt sich seiner Herkunft und nimmt in depressiver Verstimmung Kontakt mit seinen Eltern auf, die er ahnungslos zurückgelassen hatte. Mit der Abreise nach Kalkutta kehrt jedoch die hippieske Zuversicht zurück und die Zeit in Chittagong erscheint dem Autor als ausschließlich paradiesischer Gruß aus der Vergangenheit.
Tiny Stricker zeichnet in ungewöhnlich bunter Sprache seine Asienreise nach. Vegetation, Landschaft, Mensch und Tier erstehen in prächtigsten Farben. Dass diese Reise wohl 1970 stattfand, steht nicht geschrieben und kann nur an spärlichen Querverweisen entziffert werden, da Stricker die politische Situation Bangladeschs am Vorabend des Unabhängigkeitskrieges 1971 fast gänzlich außer Acht lässt. Gern hätte man mehr über die historischen Zusammenhänge dieser Jahre erfahren.
Aber die knapp hundert Seiten lesen sich wie ein leichter Sommertraum, der aus einer Zeit zu uns herübergrüßt, als die Welt noch übersichtlich strukturiert schien. Für junge Lesende ein erstaunliches Stück Zeitgeschichte, für uns alte ein wehmütiger Blick zurück.
Tiny Sticker:
Hippies in Chittagong
99 Seiten, Paperback
p-machinery, Winnert 2025
17,90 Euro