Lea Singers neuer Roman über die Queen von England

Von Stefanie Bürgers

Ausgerechnet dem 80-jährigen Maler Lucian Freud gewährt „Die Queen“ die Gunst, sie zu portraitieren. Der Enkel des berühmten Psychoanalytikers steckt nach Jahren des Erfolgs in einer Krise, und Queen Elisabeths Beliebtheit hat gerade unter der anfänglich verweigerten Anteilnahme am Tod Prinzessin Dianas gelitten. Eine Win-win-Situation also, sollte man meinen, doch die Szenerie ist provokant, denn das vom Künstler gewählte Leinwandformat ist kleiner als eine DIN-A4-Seite. Soweit die historischen Fakten.

Wie kann man sich diese Sitzungen vorstellen? Geht der Austausch zwischen einem gekrönten Staatsoberhaupt, das kühle Zurückhaltung und Disziplin ausstrahlt, und einem hochgefeierten Künstler, der sich eklatant schlechter Manieren rühmt und dessen Bilder überwiegend obszön oder zumindest nicht vorteilhaft für die Modelle sind, über rein professionelle Fragen hinaus?

Die Autorin Lea Singer lässt die Königin von England nicht vorsichtig schweigsam, Distanz wahrend, ausharren. Vielmehr schreiten die Begegnungen in kleinen Gefechten voran. Gelassen und unerschrocken reagiert die Queen auf die Zumutungen im Umgang mit dem exzentrischen Maler. Freud bringt nonchalant zum Ausdruck, dass ihn die Bedeutung des royalen Modells „nicht kratzt“. Auf seinen Wunsch trägt sie während der stundenlangen Sitzungen das schwere Diadem, „damit“ – so Freud – „man sie von anderen Müttern unterscheiden könne“.  Ein Konter lässt nicht lange auf sich warten. Wie er es denn privat halte, so die Queen zu Freud, worauf denn sein Blick in seinem Schlafzimmer falle? Ungeniert erklärt er, dass er zwischen die gespreizten Schenkel eines Torsos der Göttin Iris blicke, einer Bronze von Rodin. Ein Glück, dass er nicht Gynäkologe sei, so die Monarchin gelassen, denn man solle im Schlafzimmer nicht an die Arbeit denken.

Doch der Roman begnügt sich nicht mit der bloßen Attraktion der Sitzungen. Die Rollen von Maler und Modell – sie werden erwogen. Das Modell beschäftigt sich mit der Frage, ob Portraits prophetisch seien, womöglich etwas verraten könnten. Was könne es bedeuten, von Freud portraitiert zu werden? Freud hingegen sinniert darüber, wie er der Monarchin möglichst nahekommen könne, wo doch die Anzahl der Sitzungen seitens der Krone vorab auf ein knappes Maß beschränkt wurde. Geschickt setzt er auf die Leidenschaft der Königin.

Diese kuriose Begegnung hätte man sich nicht besser „ausmalen“ können. Lesenswert!

Lea Singer: Eine Frage des Formats
Roman
Hardcover, 160 Seiten
Piper, München 2026
24 Euro