Neulich bekam ich per Post einen gedruckten Mitgliederbrief. Darin die Aufforderung, ich solle doch überlegen, ob ich das Schreiben nicht lieber per E-Mail erhalten möchte, um Ressourcen zu sparen. Ja, natürlich möchte ich sparen helfen. Aber stimmt es überhaupt, dass Digitales einen geringeren CO2-Fußabdruck hat als Gedrucktes?

„Na klar“, rufen wir aus, „ist doch logisch“, denn wir meinen, in solchen Fällen die Antwort schon zu kennen.

Den nassfesten Pappplakaten beispielsweise, die unsere Straßen im Kommunalwahlkampf „verschönert“ hatten (und schon binnen Tagen recht ramponiert aussehen können), trauen wir eine wesentlich bessere Umweltbilanz zu als den Hohlkammerplakaten aus Polypropylen (PP). Dabei lassen sich plastifizierte Pappen bestenfalls „thermisch“ verwerten (vulgo verbrennen), da der Rohstoffmix kaum mehr trennbar ist. PP als reinsortiger Kunststoff ist zu 100 % upcyclebar.

Das soll jetzt nicht heißen, dass ich jedem Plastikunfug das Wort reden möchte. Die iClouds dieser Welt – die selbstverständlich nicht in den Wolken schweben, sondern auf grünen Wiesen stehen – verbrauchen im Vergleich mehr Energie als die gedruckte Konkurrenz. Dennoch bleibt die Frage, ob jeder Mist gedruckt werden muss.

Mein Vater zum Beispiel fand alle Comics vollkommen verzichtbar. Er benutzte dafür despektierlich den Sammelbegriff „Mickimaushefterl“, wobei er selbst gern in Wild-West-Heften las, die man damals Groschenromane (oder einfach „Schundhefterl“) nannte. Also Wochenpublikationen im Heftformat für 50 Pfennige mit so erfolgreichen Dauerbrennern wie „Perry Rhodan“, „John Sinclair“, „Der Bergdoktor“ oder „Julia“.

Ähnliche Genres feiern heute wieder fröhliche Urständ, heißen aber jetzt Dark Romance und New Adult. Gattungen, die als einzige die derzeit arg gebeutelte Verlagslandschaft zu trösten wissen. Inhaltlich getragen von überholt geglaubten Rollenklischees und bespickt mit Sexszenen, die als schlüpfrig zu bezeichnen geradezu einen Euphemismus darstellt, werden diese „Groschenromane“ nicht mehr als Hefte angeboten, sondern in aufwändigsten Buchproduktionen mit Prägung und farbigem Buchschnitt – alles wahlweise in Bonbonrosa oder Düsterblau.

Und natürlich glänzt New Adult – von den Marketingabteilungen der Verlagskonzerne in Dauerbefeuerung in den Buchmarkt gedrückt – mit ganz frischem Wording: Hier wird von „Romantischen Slow-Burn-Liebesgeschichten“ geschwärmt mit „cozy Ostsee-Küsten-Setting“, „Found Family-Tropes“ und „He falls first“. „Spicy Tabu-Romance“ trifft auf aufregende „Morally Grey Book Boyfriends“. Und das verspricht dann: „Books that make you – blush“.

Michael Berwanger