Martina Borgers neuer Roman „Wir holen alles nach“
von Slávka Rude-Porubská
Es braucht keine weltweiten Pandemien, damit das Leben der Kleinfamilie Poschmann in der Münchner Innenstadt aus den Fugen gerät. Nein, der Alltag der alleinerziehenden Sina, Mutter des achtjährigen Elvis, ist derart eng getaktet und fragil ausbalanciert, dass selbst die kleinste Störung im Tages- und Wochenablauf einer Katastrophe gleichkommt. Und erst recht im Sommer, wenn Sinas Exmann David schon wieder einmal die vereinbarte Ferienaufteilung für Elvis in der letzten Minute platzen lässt. Aufgerieben zwischen den vom Werbeagentur-Chef ganz selbstverständlich geforderten Überstunden, emotionalen Schwankungen in ihrer neuen Beziehung zu dem arbeitssuchenden und mit seiner Alkoholsucht kämpfenden Torsten und Bedürfnissen ihres stillen, sensiblen Sohnes findet Sina Rettung in der akuten Notsituation bei Ellen, der freundlichen Rentnerin aus der Nachbarschaft.
Nicht nur dass Ellen seit Kurzem Elvis regelmäßig Nachhilfe in Deutsch und Mathe gibt, damit er unbedingt den Übertritt aufs Gymnasium schafft – sie sagt jetzt sogar zu, ihn ganze zwei Wochen lang in den Sommerferien zu betreuen. Dies macht die ehemalige Buchhändlerin, selbst Mutter von zwei erwachsenen Söhnen und bald zweifache Großmutter, aus Sympathie und Zuneigung zu dem zurückhaltenden Achtjährigen: „Er ist noch so jung, und dennoch ist sein Leben schon eine Abfolge von (…) gebrochenen Versprechen, Zurückweisungen, er ist im Weg, muss untergebracht, wegorganisiert werden, er ist das wehrlose Unterpfand einer offensichtlich unschönen Trennung.“ Die Nähe zwischen Ellen und Elvis, seelenverwandt in ihrer Hundeliebe, wächst bei den täglichen Spaziergängen, Kochversuchen, Vorlesestunden und philosophischen Gesprächen über den „ökologischen Fußabdruck“, aus dem der Kleine den „guten Schuhabdruck“ macht. Aber auch der üppige Lohn spielt eine nicht geringe Rolle bei Ellens Entscheidung, muss sie doch ihre kleine Rente mit Zeitungsaustragen ausbessern.
Aus dem Alphabet des schnellen urbanen Lebens der Gegenwart, das wir in der Corona-Zeit als normal verklären und nach dem wir uns doch alle angeblich so stark zurücksehnen, setzt die als Drehbuchschreiberin erfahrene Münchner Autorin das Motivgeflecht ihres Romans zusammen: Altersarmut und Autonomie, Fleischkonsum und Ferienbetreuung, Kaffee-to-go und Kategorischer Imperativ, Mobbing und Moral, Staffelmiete und sozialer Druck. In dem Mikrokosmos rund um den introvertierten Jungen unterzieht Martina Borger die erwachsenen Haupt- und Nebenfiguren einer Bewährungsprobe. Sie verlangt ihnen eine Haltung zu dem Geheimnis der plötzlich aufgetauchten blauen Flecken auf Elvis´ Oberkörper ab, über die er beharrlich schweigt, und spielt die Handlungsoptionen durch: Thematisieren? Wegschauen? Ansprechen? Verdacht auf Schulmobbing äußern, oder auf Gewalt, gar Missbrauch in der Familie? Nachfragen – und wenn ja, bei wem? In welchem Ton? Mit welchen Konsequenzen?
Man kann den spannungsreich aufgebauten Text mit seinen temporeichen Dialogszenen und ruhigen Rückblenden auf Sinas und Ellens Vergangenheit derzeit nur schwer ohne die Brille des aktuellen Ausnahmezustands lesen. Die literarische Verarbeitung der Themen wie die intergenerationellen und nachbarschaftlichen Beziehungen, Care-Arbeit und prekäre Jobs, Leistungsgebote in der Grundschule und im Beruf, die stets fehlende Zeit füreinander und die so oft wiederholten Vorsätze, all das Versäumte, Aufgeschobene ja schon bald nachzuholen – das alles macht aus Martina Borgers Roman unter dem „Corona“-Brennglas ein Buch der Stunde. Noch nicht gelesen? Dann holen Sie es nach!
Martina Borger:
Wir holen alles nach
Roman, gebunden, 304 Seiten
Diogenes, Zürich 2020
22 Euro