Von Michael Berwanger
Städtische Bibliotheken sind heute ein unverzichtbarer Bestandteil öffentlichen Lebens, die allen Personen einen kostenfreien Zugang zu Bildung gewährleisten. Städte und Kommunen wenden einen nicht unwesentlichen Teil ihres Kulturetats für den Erhalt ihrer Bibliotheken auf. In Zeiten von Sparzwang und Umverteilung öffentlicher Gelder sehen viele mit Sorge in die Zukunft. Rückläufige Nutzerzahlen und sich ändernde Lesegewohnheiten scheinen dabei die staatlichen Sparvorstellungen zu bestärken.
Umso erfreulicher, wenn kommunale Bibliotheken durch langjähriges Bestehen ihren Rückhalt in der Bevölkerung sichern können. Die Schwabinger Stadtbibliothek, die im Oktober ihr 100-jähriges Jubiläum mit zahlreichen Aktivitäten begeht, ist die älteste, am gleichen Standort bestehende öffentliche Bücherei Münchens. Auf 50 Jahre Bibliotheksgeschichte kann die Stadtbücherei Dachau zurückblicken, die im Laufe dieser Zeit mit den Zweigstellen Dachau-Ost und -Süd sowie der Artothek auf vier Standorte angewachsen ist.
„gutte librareyen“ – Geschichte öffentlicher Bibliotheken
Schauen wir zurück: Bis zum 19. Jahrhundert sind Bibliotheken in städtischer Trägerschaft noch eine Seltenheit. Im Mittelalter entstehen durch die zunehmende Bedeutung der reichsfreien Städte vereinzelt Ratsbibliotheken. Diese sind aber den Amtsträgern für den Dienstgebrauch vorbehalten und umfassen meist nur eine kleine Büchersammlung. Städtischer Büchereibesitz ist aus dem 14. Jahrhundert lediglich für Regensburg, Nürnberg und Hamburg belegt.
Ab dem 15. Jahrhundert steigt die Anzahl der Städte, die eine Ratsbibliothek führen. Aber der Bücherbestand bleibt überschaubar und die Benutzung hält sich in engen Grenzen, da die wesentlichen Buchbestände weiterhin in den klösterlichen oder schulischen Institutionen stehen.
Erst mit der Reformation blüht das städtische Bibliothekswesen auf, da durch zahlreiche Klosteraufhebungen die Bestände in öffentliche Trägerschaft übergehen. Auch Luther ist sich der Bedeutung von Breitenbildung bewusst. In einer Schrift von 1524 ruft er dazu auf, „gutte librareyen odder bücher heuser“ zu schaffen.
Mit dem politischen Bedeutungsverlust der Reichsstädte nach dem Dreißigjährigen Krieg und der konfessionellen Erstarrung des geistigen Lebens erlahmen die Impulse aus der Reformationszeit. Erst die Säkularisation im Gefolge der Französischen Revolutionskriege bewirkt eine tiefgreifende Veränderung für die städtische Bibliothekslandschaft. Die Gründung der ersten öffentlichen Bibliothek im heutigen Sinn wird daher Karl Preusker zugeschrieben. Als er 1824 – also vor über 200 Jahren – mit dem Rentamt (Finanzverwaltung) im sächsischen Großenhain betraut wird, beginnt er, einen Bibliotheksverein zu gründen, mit dem Zweck eine öffentliche Bücherei aufzubauen. Am 24. Oktober 1828 wird sie eröffnet.
Schwabing feiert
Knapp 100 Jahre später, am Montag, den 12. Oktober 1925, begrüßt die Münchner Presse die Eröffnung der Stadtbibliothek Schwabing äußerst respektvoll: „Schmucke, in lebensfrohen Farben gehaltene Räumlichkeiten bergen reiche Schätze aus der Literatur und Geisteswelt.“ Während sie in den Anfangsjahren schnell zu einem bedeutenden Ort des Wissens wächst, schwindet in der NS-Zeit ihr Bestand durch ideologische Verblendung sowie durch Kriegsschäden. Nach dem Krieg gelingt der Stadtbibliothek eine rasche Wiedereröffnung. Für die rund 10.000 aktiven Nutzer*innen stehen heute auf zirka 620 Quadratmetern mehr als 37.000 Medieneinheiten zur Verfügung. Die Stadtbibliothek Schwabing begeht ihr 100. Jubiläum am 15. Oktober, ab 10.00 Uhr, mit einem Festprogramm. Mehr unter www.muenchner-stadtbibliothek.de/veranstaltungen/details/grussworte-zum-jubilaeum-36382
Dachau liest
Auch die Stadtbücherei Dachau kann auf eine lange Geschichte zurückblicken: Sie hat ihren Ursprung in der 1906 gegründeten Pfarrbücherei der Stadtpfarrkirche St. Jakob. 1975 wird sie zusammen mit den anderen Pfarrbüchereien zu einer großen Stadtbücherei zusammengeschlossen. Zunächst im alten Rathaus untergebracht, zieht sie 2007 an den heutigen Standort am Max-Mannheimer-Platz unterhalb des Karlsbergs. Hier stehen in den Ausleihstellen ca. 60.000 Medien bereit – neben Romanen, Sachbüchern und Kinderliteratur auch Nonbook-Medien wie Hörbücher und Konsolenspiele.
Dachau feiert das 50-jährige Bestehen der Stadtbücherei nicht mit einem Fest, sondern mit gleich 50 verschiedenen Mitmachaktionen, Lesungen und Veranstaltungen verteilt auf das ganze Jahr. Das Programm und die Veranstaltungsreihe „Dachau liest“ sind auf der Website der Stadtbücherei unter www.stadtbibliothek-dachau.de/veranstaltungen/ zu finden.
Und sonst?
Bereits im Juni konnte die Stadtbibliothek Isarvorstadt, die seit Mitte der 80er Jahre im Backsteinkomplex der Agentur für Arbeit in der Kapuzinerstraße untergebracht ist, ihr 70-jähriges Bestehen feiern. 1955 eröffnete die Zweigstelle als „eine von 13 ,ortsfesten‘ städtischen Volks- und Kinderbüchereien“ (SZ 02.06.1955).
Für die Zukunft bleibt zu hoffen, dass sich die Verantwortlichen der Bedeutung ihrer Bibliotheken bewusst sind und bleiben.
Weitere Informationen zu den Münchner Stadtbibliotheken finden sich unter: blog.muenchner-stadtbibliothek.de/