by LiSe | 26. Juni 2015 | Blog, Kolumne
Sommer ist’s, die helle, leichtsinnige Zeit des Kofferpackens, Reisens und auch des Lesens: Zu viele Bücher einpacken lieber, als zu wenige, wie im letzten Jahr, als dann der Regen kam – aber welche? Der Blick auf die Bestsellerlisten zeigt uns: Die üblichen Verdächtigen. Donna Leon mit 23stem Brunetti, Martin Suters raffinierte Routine,
Houellebecqs Muslim-Konstruktion und dann noch jede Menge Krimis, Thriller, die psychologisch raffiniert und sprachlich vom Allerfeinsten sein sollten. Die Krimi-Wahl ist schwer im Angesicht der Wirklichkeit, die uns aus den Journalen anspringt. Kostprobe: Ein Landwirt, angeblich von seinen Kindern ermordet, von Hunden gefressen und doch Jahre später tot in der Donau aufgefunden – da ist’s schon schwer, einen Pageturner zu finden, der den Puls noch höher treiben könnte, wenn man die Füße irgendwo zwischen Waterloo und Wangerooge, Amrum und Antalya im mehligfein gemahlenen Sand stecken hat.
Waterloo, wie bitte? Das Schlimme ist doch: Ständig jährt sich irgendwas, jetzt plötzlich Waterloo und Bismarck! Beide feiern 200sten Geburtstag und lassen Bücher auf den Markt werfen, von denen man – um vor sich selbst bestehen zu können – doch mindestens eins gelesen haben muss. Vor kurzem war es erst der Alte Fritz. Dann Weltkrieg Eins und dann die Callas oder umgekehrt. Naturgemäß verderben sie einem den leichten Lektüresommer, nach dem man gelechzt hat wie nach der Mocca-Eiskugel und dem Campari in der schattigen Strandbar.
Lionel Jospin dagegen hat es richtig getroffen. Lionel who? Jaja, die Zeit ist so vergesslich. Der Mann war noch vor kurzem Premierminister und hat letztes Jahr endlich auf 250 Seiten derart mit Napoleon („Le Mal napoléonien“) abgerechnet, dass man dessen Namen eigentlich vergessen kann! Über den braucht man gar nichts mehr zu lesen, der ist in der Tonne, ein Glück! (Apro-pos „Tonne“: Da gäbe es auch noch die „Regentonnenvariationen“ von Jan Wagner, 57 Gedichte, preisgekrönt, meist harmlos, aber mal was anderes.) Und: es wäre hoch an der Zeit, dass
einer wie Jospin käme und unseren deutschen Reliquienschrein aufräumte:
Etwa „Vergesst Bismarck“, den „Alten Fritz“ und „Vergesst Friedrich Barbarossa“ sowieso! Alles Militaristen – ja Gerd, wo bleibst Du denn jetzt? Schröder, wenn Du nicht gerade mit Putin bist oder an deinen Haaren fummelst, dann könntest Du à la Jospin eine neue Beck-„Vergiss“-Reihe starten, mit finanziellem Erfolg! Wir rekeln uns derweilen schon mal unterm Sonnenschirm und lesen Süffiges und warten ab, was von Geschichte bleibt, wenn alle Kriegstreiber raus sind. Oder sollte man vielleicht doch dieses ganz dünne Waterloo-Büchlein einpacken, aus Bildungsgehorsam, das für 8,95 Euro, 127 Seiten?
W.H.
by LiSe | 25. Juni 2015 | Blog, Vermischtes
Es gab Literatur an einem Ort, dessen ureigener Zweck es war, Literatur (und Leben) zu vernichten. Es gab Goethe in Dachau. Das belegt Michaela Karl, die im Literaturportal Bayern neun Autoren vorstellt, die ihren literarischen Widerstand gegen das Nazi-Regime auch im KZ Dachau fortsetzten.
Es ist der 1. Weihnachtsfeiertag 1944. Im KZ Dachau sitzen Nico Rost (1896–1967), niederländischer Übersetzer, Schriftsteller und Korrespondent und Kommunist, und der Mithäftling Fritz zusammen und versuchen, nicht in Furcht und Sehnsucht zu ertrinken. „Wir haben uns ein Spiel ausgedacht… Wie würde sich Goethe wohl benommen haben, wenn er hier bei uns in Dachau säße?“ Die Beiden fabulieren: „Goethe: Verhaftet, weil er sich … in einem wissenschaftlichen Artikel über Ontologie abfällig über die Theorien des Rassenforschers Professor Günther geäußert hat… Hier in Dachau wäre er wahrscheinlich Revierkapo gewesen oder auch Kapo von der Totenkammer; auf jeden Fall aber sehr prominent! Im Umgang mit der SS würde er sehr diplomatisch und zuvorkommend gewesen sein… Und natürlich hätte er Sondererlaubnis, um sein Haar wachsen zu lassen.“ Der Weihnachtsabend war lang, andere geistige Größen folgten. Schiller hatte es im Spiel von Nico Rost und Fritz „sehr schwer: Lokomotivenkommando München“. Weil er sich für seine Mitgefangenen einsetzt, hat er bereits zweimal „fünfundzwanzig auf den Arsch“ bekommen und läuft stets Gefahr, „auf Transport“ geschickt zu werden. Georg Büchner wird „in Dachau aufgehängt. Abends nach dem Appell veranstalteten seine Mithäftlinge eine geheime Toten- und Erinnerungsfeier für ihn.“ Heinrich von Kleist, Hölderlin, Schopenhauer, Gerhard Hauptmann und Nietzsche, der „schon nach wenigen Wochen im Lager ein Muselmann geworden (ist), der dauernd weint und abends am Eingang von Block 26 (der Block der Geistlichen) um etwas Suppe bettelt“, sie alle – Klassiker des deutschen Geisteslebens – läßt Rost in „Goethe in Dachau“ vor dem geistigen Auge des Lesers durch das KZ ziehen. Er hatte die Klassiker studiert, und er hatte Humor.
„Literarischer Widerstand. Europas Dichter im KZ Dachau“ heißt die Seite im Literaturportal Bayern, die neun Literaten stellvertretend für viele in Kurzbiographien vorstellt. Es sind Karl Adolf Gross, Julius Zerfaß, Nico Rost, Boris Pahor, Friedrich Reck-Malleczewen, Edgar Kupfer-Koberwitz, Joseph Rovan, Emil Alphons Rheinhardt und Norbert Fry´d, an die aus Anlass des 70. Jahrestags der Befreiung erinnert wird. Sie waren alle im literarischen Widerstand und sollten büßen, sie setzten alle auch im KZ auf Literatur und geistige Selbstbehauptung, um zu überleben, und sie legen uns, den Lesern, die Literatur, gerade auch die deutsche, auf eine ganz besonders eindrückliche und anrührende Weise ans Herz.
Denn Schreiben war keineswegs eine Tätigkeit, die im KZ erlaubt war. Im Gegenteil, Schreiben war ein Risiko, wer schrieb, setzte sein Leben aufs Spiel. Es war schon schwierig genug, überhaupt an Schreibwerkzeug zu kommen, Papier und Bleistift waren äußerst selten und begehrt, Verstecke für die Niederschriften nur schwer zu finden. Die Literatur also hätte den Tod bedeuten können. Aber sie stand eben auch für das Leben, für das Denken und die geistige Auseinandersetzung und war somit gerade die Voraussetzung dafür, nicht zu sterben.
Es gibt denn auch zahllose schriftliche Zeugnisse aus dem KZ, oft in Form von Tagebuchaufzeichnungen, die unter dem Eindruck der Barbarei entstanden. Doch Michaela Karl, promovierte Historikerin und Autorin von (u.a.) Büchern über „Streitbare Frauen“, „Die Münchener Räterepublik“, Liesl Karlstadt“ und „Bayerische Amazonen“ und Mitglied der Münchner Turmschreiber, hat sich für das Literaturportal beschränkt auf Schriftsteller, die gerade wegen ihrer Veröffentlichungen inhaftiert und mit dem Tode bedroht wurden. Viele wurden vergessen. „Das Literaturportal hat die Pflicht und die Schuldigkeit, an sie und ihr Werk zu erinnern“, begründet Karl ihre Mitarbeit am Portal. Gern würde sie noch eine Reihe österreichischer Schriftsteller hinzufügen.
Es geht ihr darum, „ein anderes Bayern als das der bayerischen Seen“ zu zeigen. Und es geht ihr auch darum, eine Seite des Lebens im KZ zu beleuchten, die lange im Dunkeln lag. Denn dass Literatur dort gelebt, überlebt hat, ist noch viel zu wenig bekannt.
Nico Rost ist einer unter vielen, aber ein ganz besonders wichtiger Stellvertreter des literarischen Widerstands im KZ Dachau. Mit „Goethe in Dachau“ hat er ein Buch geschaffen, das alle Literaturbegeisterten nur bestärken kann. Er hat der Literatur ein Denkmal in höchst lebensbedrohlichen Zeiten gesetzt, und er hat zudem nach dem Terror maßgeblich dafür gesorgt, dass aus dem ehemaligen KZ eine Gedenkstätte wurde. Wir haben ihm und den übrigen Schriftstellern im KZ Dachau viel zu verdanken.
Ursula Sautmann
Das Literaturportal Bayern ist ein Projekt der Bayerischen Staatsbibliothek in Kooperation mit der Monacensia, begleitet vom Bayerischen Staatsministerium für Bildung und Kultur, Wissenschaft und Kunst, unterstützt von der Landeshauptstadt München, gefördert von der Bayerischen Sparkassenstiftung.
Quelle: www.literaturportal-bayern.de/themenliste
by LiSe | 25. Juni 2015 | Blog, Lyrische Kostprobe
ins delta
zeit ist die sanfteste stimme
sie flüstert, wenn flüsse sich betten
ihr lauf auf gestein trifft, es glättet.
ihr wasser erzählt von der quelle
und mehr noch vom regen
der über das land fiel. ich schreibe
wie sich der fluss in das land schreibt
von anderen flüssen gefüttert
tosend im rauhen gebirge
leiser inmitten der täler
schweigend ins delta. das rauschen
des meeres ist nah und ein rauschen
nur vielfaches flüstern
Marc Richter
by LiSe | 25. Juni 2015 | Blog, Vermischtes
Unter dem Motto „bookuck! Münchens beste Seiten. In Ihrer Buchhandlung“ machen die Münchner Buchhandlungen in der Woche vom 9. bis zum 18. Juli in besonderer Weise auf sich aufmerksam. In diesen Tagen laden fast 50 Buchhandlungen zu Lesungen, musikalischen Darbietungen, Mitmach-Aktionen und anderen Veranstaltungen ein. Höhepunkt der Aktion ist Samstag, der 18. Juli, der „Tag der Münchner Buchhandlungen“. Große orangefarbene Plakate machen die Buchhandlungen während der Aktionswoche zu Hinguckern. Denn es geht darum, die Leistungen der Buchhandlungen hervorzuheben. Was bieten sie uns, was der Online-Buchhandel nicht kann? Warum lohnt es sich, in eine dieser Kulturoasen einzutreten?
An ausgelegten Büchern entlang zu streifen, Bücher in die Hand zu nehmen, in Ruhe darin zu blättern und sich von ausgebildeten Buchhändlern beraten zu lassen – dieses Angebot erscheint uns selbstverständlich, ist Teil unserer Kultur. Doch die Buchhandlungen sind bedroht. Ihr Feind: der Online-Buchhandel. Mittlerweile werden nur noch rund 50 Prozent des Buchumsatzes im stationären Buchhandel gemacht. Viele kleinere Buchhandlungen haben den Überlebenskampf gegen Online-Riesen wie Amazon bereits aufgegeben, und auch die großen Buchhandlungen wie
Hugendubel straucheln. Dabei bietet der Onlinehandel dem Kunden keinen Mehrwert. Bücher kosten in Deutschland, dank der Buchpreisbindung, überall gleich viel. Der Einkauf im Internet ist also nicht billiger, und er ist auch nicht schneller, denn seit jeher beschaffen Buchhandlungen jedes deutschsprachige Buch innerhalb von 24 Stunden. Und selbst außerhalb der Geschäftszeiten kann man auf den Webseiten der niedergelassenen Buchhandlungen Bestellungen aufgeben.
Buchhandlungen können also alles, was der Onlinebuchhandel auch kann – nur noch viel mehr: Buchhandlungen sind kleine kulturelle Zentren im Stadtviertel, in denen man sich über Bücher und Literatur austauschen und intellektuell anregen lassen kann. Im Gegensatz zur anonymen Buchbestellung im Internet geben Buchhändler persönliche und fundierte Auskünfte, die auf den Kunden abgestimmt sind und dabei helfen, genau die Literatur zu finden, die man sucht.
„bookuck! Münchens beste Seiten. In Ihrer Buchhandlung“ wird veranstaltet vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels/Landesverband Bayern e.V. und den Münchner Buchhandlungen.
Simone Kayser
by LiSe | 25. Juni 2015 | Blog, Rezension & Buchempfehlungen
Es geht um Freiheit, Selbstbestimmtheit, die innere Reflexion, was den Wert des Lebens ausmacht. Julia Jessen, Jahrgang 1974, betrachtet in ihrem Debutroman, der soeben beim Münchner Verlag Antje Kunstmann erschienen ist, das Leben der Ich-Erzählerin Oda in vier Lebenssituationen.
Oda ist fünf und im Garten ihrer Oma, den sie nur bis zum Gartenweg durchmessen darf. Indem sie durch die Hecke des Nachbargartens schlüpft und somit die gesetzte Grenze überlistet, findet sie das erste Mal einen Weg zur Selbstbestimmtheit.
Oda ist sechzehn und auf der Hochzeit ihrer Tante Anneke, bei der sie die Grenzen der Konventionen und ihrer Pubertät zu überwinden sucht. Das Fest findet auf einer Nordseeinsel statt, es ist heiß, eine Schamanin traut das Paar, belustigte Zaungäste begleiten die Hochzeitsgesellschaft, und die Familie ist – wie in so vielen Fällen – uneins, zerstritten, in Einzelgruppen zerfallen. Erst als Oda durch Bewegung, durch Tanz den Schlüssel zur Befreiung ihres Körpers findet gelingt es ihr, ihre Position innerhalb ihrer Familie und der Situation zu akzeptieren.
Oda ist neununddreißig, verheiratet und Mutter, und ringt mit ihrem Mann Ulf um ein zweites Kind. Ulf glaubt dieser Aufgabe nicht gewachsen zu sein, und sie weiß nicht, wie sie damit umgehen soll, dass ihr Wunsch nicht befriedigt wird. Auch hier geht es um Bewegung, ums Weggehen, um innere Flucht durch Zuflucht bei Anderen.
Oda ist achtzig und hat ihren geliebten Mann Ulf verloren. Nun haben sich ihre
Bewegungen stark reduziert. Diesen Teil muss ihre Großnichte fortführen. Sie wird Tänzerin, da Oda ihr zurät. Am Ende stirbt Oda an der gleichen Stelle, wo sie als fünfjährige einst stand. Dieses Bild ist als Beginn dem Roman vorausgestellt.
Alle vier Teile des Romans sind ohne genaue Orts- und Zeitangaben. Es sind noch nicht einmal äußere Unterscheidungsmerkmale sichtbar. Beispielsweise sind alle Preise immer in Euro. Dadurch rutschen alle Zeitabschnitte ins Jetzt. Das macht die Kapitel zwar nicht leichter unterscheidbar, aber sie haben dadurch keinen Abstand zum Leser, wirken immer frisch und gleichzeitig.
Julia Jessen findet großartige Bilder innerer Monologe. Gerade die Beschreibungen von Körperlichkeit im Tanz gelingen ihr hervorragend. Und einige plötzliche, schicksalhafte Wendungen halten das Buch in dichter Spannung. Unbedingt lesenswert.
Julia Jessen
Alles wird hell
Roman 288 Seiten, gebunden
Verlag Antje Kunstmann, München 2015
19,95 Euro
Michael Berwanger
by LiSe | 28. Mai 2015 | Blog, Titelgeschichte
Es ist der klassische Einstieg. Da ist ein junger Schriftsteller so richtig überzeugt, den Knüller des Jahres geschrieben zu haben. Hoffnungsfroh schickt er sein Werk an eine Reihe von Verlagen und Agenturen – und handelt sich eine Absage nach der anderen ein. Doch weil ihn wie jeden Autor der Traum vom gedruckten Buch umtreibt, denkt er nicht ans Aufgeben, sondern ans Selbstverlegen.
Auch Bernhard Straßer (35) aus Traunstein im Chiemgau träumt ihn. Mit Kurzgeschichten hat es der Berufsberater schon zu lokalem Ansehen gebracht. Mit der Coming of Age-Geschichte „Kleinstadtrebellen“ gedenkt er groß rauszukommen. „Jeder, der schreibt, will ein Buch veröffentlichen. Will einen Bestseller schreiben, will Preise bekommen, hören, er hat einen verdammt guten Roman geschrieben. Auch ich …“, kommentiert er selbstironisch in seinem Blog (www.chiemgauseiten.de/über mich). Doch er findet keinen Verlag, und so ist Selbstverlegen das Zauberwort, das ihm dazu verhelfen soll. Neu ist das nicht, schon immer haben Autoren, die von den Verlagen abgelehnt wurden, eine ganze Auflage vorfinanziert und selbst an den Leser gebracht, was wahrlich kein Pappenstiel ist. Heute heißt das Self Publishing, und Straßer muss keinen Pfennig in die Hand nehmen. Er wählt aus den verschiedenen Self Publishing-Plattformen eine aus, die ihm die besten Bedingungen bietet, und los geht’s. Eigentlich habe er sich gleich für CreateSpace entschieden, sagt er, der Plattform von Amazon. Einfache Handhabung, gutes Honorar. Fürs E-Book 60 Prozent vom Verkaufspreis, den er selbst festlegt. Dass andere Anbieter bis zu 70 Prozent zahlen, weiß er mittlerweile. Bei der Print-Ausgabe werden zusätzlich die Druckkosten abgezogen, da kommt er auf 20 Prozent. Die Abrechnung erfolgt monatlich.
Mit dieser Leichtigkeit der Veröffentlichung werben auch alle anderen Plattformen und locken mehr oder weniger mit dem gleichen Slogan: Schreiben, Hochladen, Publizieren. Bei der Covergestaltung allerdings habe er sich professionelle Hilfe geholt, sagt Straßer, das kleine Bild müsse den Leser, der durch die Amazon-Bestsellerlisten scrollt, ja sofort ansprechen. „Mir hat dabei ein befreundeter Grafiker geholfen. Überhaupt ist das meine Erfahrung, die ich mit den ,Kleinstadtrebellen‘ gemacht habe. Das war so ein Learning by Doing. Bei meinem nächsten Buch will ich vor allem eines, ein sauberes Lektorat. Das ist mir wichtig.“
Amazon war übrigens nicht der Vorreiter auf dem Gebiet des Self Publishings. Doch erst als sich 2007 der Online-Versandbuchhändler auch zum Online-Verleger aufschwang, schien diese neue Sparte so richtig in die Gänge zu kommen. Heute reden wir von sechs- bis siebenstelligen Auflagenzahlen und entsprechenden Tantiemen, und das alles für Bücher, die weder auf den gängigen Bestsellerlisten noch auf den Feuilletonseiten großer Zeitungen auftauchen. Viele dieser Bestseller-Autoren haben bei Amazon publiziert, ihre Werke sind digital und als Print-Ausgabe nur bei Amazon erhältlich, die E-Books nur auf dessen E-Book Reader Kindle lesbar. „Abhängig ist man schon“, gibt Bernhard Straßer zu. „Vor allem vom Bewertungssystem, das darüber entscheidet, ob ich in den Charts vorne und sichtbar bleibe oder nach hinten rutsche.“ Wobei sein Roman wahrscheinlich auch deswegen nicht zu den Topsellern gehört, weil er nicht die gängigen Genres bedient: Krimis, Thriller, Frauen-, Liebes- und Erotikromane, fast ausschließlich Unterhaltungslektüre, das belletristisch anspruchsvolle Buch sucht man nicht bei den E-Books.
Trotz aller Möglichkeiten, die ihm die neuen Medien erschließen, ist der Traum eines jeden Schriftstellers das gedruckte Buch. Den Verlag hat der SelfPublisher erfolgreich umgangen, auch wenn er sich heimlich nach einem sehnt. Sein Buch liegt als Datei abgespeichert in der Cloud, zusammen mit zigtausend anderen, und wartet darauf, vom Leser als E-Book heruntergeladen oder als Print-Ausgabe, als Book on Demand, bestellt und erst dann gedruckt zu werden. Nun muss es zum Kunden gelangen. Das geht nur über den Handel, um den die digitale Buchwelt nicht herumkommt. Und doch nimmt das Gros der Buchhändler diese riesige und noch dazu lukrative Einnahmequelle kaum wahr. Ein verlagsloses Buch scheint für sie wie ein Kleid ohne Label für den Modefreak, man fasst es sozusagen mit spitzen Fingern an. Dabei verdienen sie dank der Buchpreisbindung an ihm genauso viel wie an denjenigen, auf denen ein Verlagsname prangt.
Auch die Werbung hängt damit zusammen. Das Buch eines SelfPublishers erscheint ja in keinem Verlagsverzeichnis, wird von keiner Presseabteilung an die Feuilletons verschickt, fällt durch keine Anzeige ins Auge, es sei denn, der Autor zahlt sie selbst. „Für mich ist das die Ochsentour“, sagt Bernhard Straßer. „Klinkenputzen bei Redaktionen und Buchhändlern, Lesungen, Hinweise auf Facebook, regelmäßige Eintragungen in meinem Blog, Austausch in entsprechenden Internetforen undundund. Aber das bringt was. Ich war erstaunt, wie viel Resonanz ein Bericht in der Zeitung hat.“ Leben kann der Familienvater von seinen Tantiemen noch nicht. Doch wer weiß, vielleicht wird ja sein nächster Roman, der bereits fertig geschrieben ist, demnächst der Knüller des Jahres.
Katrina Behrend Lesch
by LiSe | 28. Mai 2015 | Blog, Vermischtes
Self Publishing in diesem Umfang ist erst seit der digitalen Revolution möglich. Schon Ende der 90er Jahre entwickelte der Buchgroßhändler Libri das Konzept Books on Demand. Keineswegs erfolglos, laut Werbetext lagen 2004 bereits 12.000 Buchdateien druckbereit auf den Servern, waren BoD-Bücher in 6.000 deutschsprachigen Buchhandlungen und etwa 1.000 Online-Buchshops erhältlich. 2007 stieg Amazon mit seiner Self Publishing-Plattform CreateSpace ein. Heute bieten eine ganze Reihe ihre Dienste an: BoD, Tredition, Neobooks, Bookrix, ePubli, Tolino Media, Xinxii, um nur einige zu nennen.
Die Bedingungen sind bei allen mehr oder weniger dieselben: Fürs E-Book 60 bis 70 Prozent Honorar vom Verkaufspreis (abzgl. MwSt), bei der Print-Ausgabe werden zusätzlich die Druckkosten abgezogen. Den Verkaufspreis legt der SelfPublisher fest. Um einen Laien durch die Herstellung eines Buches bis zur Drucklegung zu führen, bieten die Dienstleister sogenannte Tools an. Bei einem 300 Seiten-Roman kann das bis zu 2000 Euro betragen.
Inzwischen bieten auch Verlage SelfPublishing-Plattformen an. 2010 gründete die Verlagsgruppe DroemerKnaur Neobooks, Rowohlt hat sich vor einem Jahr angeschlossen, andere Verlage gehen eigene Wege, Bastei Lübbe etwa, Egmont oder Oetinger. Besonders daran ist, dass einem Autor die Aussicht auf einen Vertrag in einem dieser Verlage geboten wird, sofern er sich als vielversprechender Erfolgsschreiber erwiesen hat. Dadurch sparen sich die Indie-Autoren die Ochsentour ihrer Manuskripte durch die Lektorate inklusive aller kränkenden Absagen. In den Verlagen dezimiert sich die Flut aus unaufgefordert eingesandten Manuskripten. Und für die Lektoren vereinfacht sich die Suche nach neuen Talenten, indem sie sich die Top-Ten-Titelliste der Lesecommunity zunutze machen. Eine Win-Win-Situation, doch übersehen sollte man dabei nicht, dass sich Autoren den Konditionen der Verlage beugen müssten, sprich Beschneidung von Rechten, worüber sie als SelfPublisher uneingeschränkt verfügen. Auch deshalb lassen sich viele ihre E-Book-Rechte nicht mehr aus der Hand nehmen, sondern erklären sich lediglich mit dem Vertrieb ihrer Print-Ausgaben einverstanden.
Der Buchhandel schließt sich diesem Trend nur zögerlich an. Dem soll mit tolino media, der jüngst von den großen Buchhandelsketten gegründeten Plattform, Abhilfe geleistet werden. Hier erscheint ein E-Book automatisch in den Onlineshops von Thalia.de, Weltbild.de, Hugendubel.de, DerClub.de, buecher.de, ebook.de und vielen mehr. Aber auch das gedruckte Buch würde in deren Läden beworben und vertrieben werden.
Katrina Behrend Lesch
by LiSe | 28. Mai 2015 | Blog, Vermischtes
Noch bis Ende August zeigt das Literaturhaus München die Ausstellung „Wir brauchen einen ganz anderen Mut! Stefan Zweig – Abschied von Europa“.
Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig (1881–1942) verbrachte die letzten acht Jahre seines Lebens im Exil. Im Februar 1934 emigrierte er nach England, im Juni 1940 verließ er mit seiner Ehefrau Lotte Europa. Sie hielten sich in den USA und in Brasilien auf, wo sie sich schließlich Ende Februar 1942 gemeinsam das Leben nahmen. Die Ausstellung zeigt Leben und Werk Stefan Zweigs aus dem Blickwinkel des Exils. Von herausragender Bedeutung sind dabei zwei Texte, die erst in den letzten Jahren des Exils entstanden sind: In seinen Erinnerungen „Die Welt von Gestern“ beschwört Zweig das alte Europa; in der „Schachnovelle“ gestaltet er hingegen jenes Grauen, das den Untergang Europas besiegelt hat. Diese beiden Texte stehen im Zentrum der Ausstellung, in der auch Zweigs Manuskripte und Typoskripte gezeigt werden. Die Perspektive des Exils charakterisiert auch die Inszenierung. Die großbürgerliche Welt des Fin de Siècle, die Zweig in seiner Autobiographie gewürdigt hat, ist zerstört. Aus dem Luxus der mondänen Grand Hotels einer Welt von Gestern wächst, am Beispiel des Wiener Hotel Metropol wird es sichtbar, der faschistische Terror. In der „Schachnovelle“ setzt Stefan Zweig den in diesem Hotel Gedemütigten ein Denkmal. Mit Zweigs Abschied ins Exil musste auch seine berühmte Autographensammlung aufgelöst werden. Einige ausgewählte Stücke daraus, sie stammen von zeitgenössischen Autoren aus Österreich, Deutschland, Frankreich und der Sowjetunion, sind in dieser Ausstellung zu sehen.
O.H.
Öffnungszeiten:
Mo-Fr 11-19 Uhr,
Sa/So/Feiertage 10-18 Uhr.
Eintritt: 5/3 €
Literaturhaus München, Salvatorplatz 1, 80333 München
www.literaturhaus-muenchen.de