[LiSe 11/14] Lyrische Kostprobe: Fouesnant

Im Wald gefällt mir dein Kleid besonders
aber ich sage nichts aus Takt und Gefühl
sondern streiche nur Crème vorsicht- & flüchtig
auf deine Schultern die samtige Haut
blicke verstohlen zur Bucht und wünsche
alle Schiffe hier sollen ruhig havarieren
dann zählte ich die Wracks bis du ja sagst

Adrian Kasnitz

[LiSe 11/14] Literarische ÜbersetzerInnen (Folge 5)

Die Mathematik in der Semitistik erkennen

In der Schule mochte Barbara Linner die Mathematik nicht besonders. Dann aber entdeckte sie, dass die semitischen Sprachen  eine Menge mit Mathematik, aber auch mit Musik und Malerei zu tun haben.

Semitistik, das ist auch Orientalistik, Arabistik, Judaistik und Aramaistik. Zu den semitischen Sprachen gehören Hebräisch, Arabisch und Aramäisch, sie werden in Nordafrika, im Nahen Osten, am Horn von Afrika und in Malta von etwa 400 Millionen Menschen als Mutter- oder Zweitsprache gesprochen. Die Dialekte sind zahlreich, Gaumen- und Kehllaute, Kehlkopfpress- und Knacklaute verwandeln die gesprochene Sprache in Musik, das Schriftbild mit seinen Bögen und Kreisen gemahnt an ein Kunstwerk. Die Kulturen, die sich auf der Basis der semitischen Sprachen entwickelt haben, sind alt und fremd. Wer sich mit Semitistik beschäftigt, sucht das Besondere. Und er muss bereit sein, eine Menge Neues zu lernen.

Beides trifft auf Barbara Linner zu. Bereits in ihrer Schulzeit bereiste sie mit ihrem Vater die Länder, die mit ihren Landschaften, ihren Gerüchen und Lebensweisen so ganz anders waren. Als sie das Abitur in der Tasche hatte, war ihr klar: Ich habe nun die Wahl, ich kann machen, was ich will, es darf nicht langweilig sein. Weil sie gern malte, schrieb sie sich zunächst in der Kunstakademie ein. Aber sie wollte nur Schwarz-Weiß malen, und außerdem war da noch das Interesse an der Musik und an der Mathematik (abseits der Schulmathematik) im Hintergrund. Sie schrieb sich an der LMU ein in Judaistik, Semitistik, Orientalistik und Südosteuropäische Geschichte. Es war, wie sie erzählt, „eine Latte von Zufällen und Neigungen“, die sie zu diesen Fächern brachte. Und sie wollte sie „so gründlich und so lange es geht studieren“.

Doch irgendwann war auch das Studium Geschichte. Nach zwei Jahren an der Universität Jerusalem schloss die Münchnerin es 1984 ab mit der Promotion über das Thema „Die Entwicklung der frühen nationalen Theorien im osteuropäischen Judentum des 19. Jahrhunderts“. Die Dissertation mag als greifbarer Beleg gelten: Geschichte, Kultur, Religion, das sind für sie Bereiche, die zum Studium einer Sprache dazu gehören, wenn man verstehen will.

Bereits ein Jahr später begann die Philologin mit dem Übersetzen, zunächst nebenberuflich. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie in der Gastronomie, in einem Musikverlag, und als Pressesprecherin in der Münchner Stadtverwaltung. Seit 1998 ist sie als haupt- und freiberufliche Übersetzerin tätig, sie arbeitet für den Hanser Verlag, für Luchterhand und Fischer, für Goldmann, Rowohlt und Bertelsmann. Sie hat u.a. die Autor(inn)en Israel Eliraz, Assaf Gavron, David Grossman, Batya Gur, Judith Katzir, Etgar Keret, Jehoschua Kenaz, Aharon Megged und Irvin Yalom übersetzt. In Arbeit sind eine Biografie über „Joske Ereli, Eine Lebensgeschichte“ (Hrsg. Jürgen Beck) und eine Anthologie mit dem Titel „Wir vergessen nicht, wir gehen tanzen“ mit Werken von jeweils zehn israelischen und deutschen Autoren.

Barbara Linner übersetzt gern, sie frischt ihre Arabisch-Kenntnisse regelmäßig auf, sie bringt ihre Liebe zum bayerischen Dialekt aus Überzeugung ein, sie pflegt Freundschaften mit den Autoren, die sie übersetzt, und sie kann sich begeistert in Sprach-Witz, -Puzzeln und –Rätseln vertiefen – aber langsam und Schritt für Schritt gewinnt sie auch eine kritische Distanz zu ihrem Beruf. Denn das Übersetzen wird „immer unlustiger“, wie sie sagt. In den Verlagen herrsche Chaos, das Personal wechsele, Entscheidungen würden hinausgezögert und dann „mit einer 5-Minuten-Gewinnorientiertheit im Kopf“ gefällt, die Verwaltungsarbeit nehme zu, und die Bezahlung sei mehr als unzureichend. Kaum vorhanden sei auch die so nötige Solidarität der Übersetzer-Kollegen untereinander, zum eigenen Nachteil. Die Frustration über die Arbeitsbedingungen ist unüberhörbar. Die Münchner Übersetzerin lässt offen, was die Konsequenzen sind.
Ursula Sautmann

[LiSe 11/14] Kolumne: November-Blues

Die großen Preise sind vergeben, die aus Stockholm und aus Frankfurt, und der Münchner Ernst-Hoferichter-Preis 2015 schon jetzt an Christoph Süß. Wieder ein Kabarettist, kann man wohlig seufzen, alles bleibt doch beim Alten in dieser hektischen Zeit, und sich beruhigt zurücklehnen, dem Nieselregen durch das Fenster zusehen, den Laubbläsern lauschen, die auf den städtischen Fußwegen toben wie jedes Jahr um diese Zeit. Die Gräber sind bestellt, und du bist froh, wenn du noch nicht auf Mephistos Shortlist stehst. Da lässt sich gut eintauchen in die wirkliche, eigentliche Lesesaison des Jahres, die dunkle nasse Jahreszeit. Doch womit bitte, ohne bitter enttäuscht zu werden?

Mindestens elf Fernsehsendungen von Heinz Sichrovsky (ORF 3) bis Denis Scheck (ARD und SWR), buhlen um uns Leser – aber wollen wir wirklich über 29,95 Euro zahlen für den neuen (Bleeding Edge) Thomas Pinchon oder gar den Wälzer (Breaking News) von Frank Schätzing, der angeblich spannend sein soll und doch nur nach second hand schmeckt?

Die Süddeutsche Zeitung hat sich vor einigen Wochen den Spaß erlaubt, fünf hochgelobten, „wunderbaren“ Reisezielen auf den Zahn zu fühlen. Eine Mückeninsel vor Irland war dabei und altgriechisches Gemäuer an der Costa Brava. Man kennt das ja: Den „großartigen, einmaligen“ Naturpark, für den du mit Kindern 35 Euro Eintritt zahlst und bei sengender Hitze gerade mal einem müde wiederkäuenden Hirschen und anderthalb Wildsäuen begegnest – so ähnlich fühlen wir uns oft nach verlockenden Buchbesprechungen, Preisverleihungsspektakel oder Bestsellergegaukel. Vor allem mit heißer Nadel genähte Zweit-Werke und Drittlinge drohen abzustürzen. Konnte man etwa den ersten Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg, gerade noch als Schelm ertragen, ringt die schnell nachgelegte „Analphabetin“ mühsam um Gags. Oder Schirach, der Berliner Erfolgsanwalt: Konnte er uns in seinem ersten „Verbrechen“ noch verblüffen, fallen Zweit-und Drittling leider deutlich ab, ähnlich bei Schlink, falls uns sein reichlich konstruierter „Vorleser“ je überzeugt hat.

Auch Ildyko von Kürthy steckt mit „flotter Schreibe“ schon länger im Hamsterrad. Nachdem wir bei ihrem ersten Roman vor Jahren unter dem Radar der Geschmackswärter noch durchgetaucht waren und die Paarungsrituale genießen konnten, kam danach immer das Gleiche. Positive Überraschungen gibt es natürlich auch. Wir erinnern uns – jaja – an manche vergnüglich-tiefgründige erste 80 Seiten des guten alten Martin Walser, oder an Donna Tartt, die sich sehr entschleunigt an die Arbeit macht und uns alle zehn Jahre mit gewitzten Dialogen, Einfällen, Spannung belohnt. Auch ein Streifzug durch die Longlist-Leseproben des Deutschen Buchpreises kann spannend sein – man muss ja nicht unbedingt beim Gewinner hängen bleiben .
WH.

[LiSe 11/14] Große Autoren und junge Wilde aus Leipzig

Vom 19. November bis zum 7. Dezember feiert München sein Literaturfest und die Bücherschau

Was für Frankfurt die Buchmesse, ist für München das Literaturfest. Zum fünften Mal dreht sich an diversen Veranstaltungsorten 19 Tage lang alles um die Literatur. Rund 100 Autorinnen und Autoren aus aller Welt sind dieses Jahr dabei, darunter Almudena Grandes, Günter Grass, Judith Herrmann, Sten Nadolny, Håkan Nesser, Tim Parks und Martin Walser. Außerdem der US-amerikanische Journalist Glenn Greenwald, der für den britischen „Guardian“ die Enthüllungen des NSA-Mitarbeiters Edward Snowden veröffentlicht hat. Für sein Buch „Die globale Überwachung“, verleiht ihm die Stadt München und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Landesverband Bayern, den mit 10.000 Euro dotierten Geschwister-Scholl-Preis, weil er mit großem Mut und beispielhaft für das Recht auf freie Meinungsäußerung und die Kontrolle staatlicher Macht eingetreten ist. Einen weiteren Preis, „LiteraVision“, vergibt die Stadt München erstmals für qualitätsvolle Fernsehsendungen über Bücher und Autoren. Die zur Wahl stehenden Filme werden am 28. und 29. November in einer öffentlichen Jurysitzung im Literaturhaus vorgeführt und prämiert.

Die Münchner Bücherschau ist der traditionelle Teil des Literaturfests, sie findet bereits zum 55. Mal statt. Etwa 300 Verlage stellen im Gasteig vom 20. November bis 7. Dezember über 20.000 Neuerscheinungen aus, in denen man von 8 bis 23 Uhr in Ruhe schmökern kann. Im begleitenden Veranstaltungsprogramm des Gasteigs lesen jeden Abend international renommierte Autorinnen und Autoren. Ein Höhepunkt ist sicher der Auftritt von Günter Grass, der am 20. November eine Ausstellung von Radierungen eröffnet, die er selbst zu seinem berühmten Roman „Hundejahre“ angefertigt hat.

Eine tolle Gelegenheit, bekannte Schriftsteller auch kostenlos und live zu erleben, sind die Bayern 2-Diwan-Gespräche, die montags bis freitags immer von 18 bis 18.30 Uhr im Gasteig-Foyer stattfinden. Als Gäste werden die Bayern 2-Moderatoren zum Beispiel Navid Kermani, Hélène Grémillon, Judith Hermann und John Burnside interviewen, bevor diese anschließend zu ihren Lesungen aufbrechen. Auch für Kinder, Jugendliche, Schulklassen und Familien ist viel geboten: Unter anderem liest der finnische Kinderbuchautor Timo Parvela aus seinem neuesten Ella-Band, Kirsten Boie geht mit ihrer Protagonistin „Moses“ auf Schatzsuche, es gibt Kurse im Buchbinden, Vorleseaktionen, Schreibwerkstätten, Live-Hörspiele, Ausstellungen und vieles mehr.

Das Literaturhaus, das neben dem Bayerischen Börsenverein des Deutschen Buchhandels der zweite Veranstalter des Festivals ist, präsentiert in einem klassischen Lesungsprogramm „große Geschichten auf großer Bühne“, wie Literaturhaus-Chef Reinhard G. Wittmann verspricht. Martin Walser liest am 25.11.aus seinem Tagebuch „Schreiben und Lesen“; Robert Seethaler stellt am 2.12. seinen neuen Roman „Ein ganzes Leben“ vor, und am 4.12. erzählt die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller anhand ihrer kürzlich erschienenen Biographie „Mein Vaterland war ein Apfelkern“ aus ihrem Leben. Ein spezieller Abend zu Ehren von Botho Strauß findet am 3.12. statt, wobei der publikumsscheue Autor lieber unsichtbar bleibt und sich von seinem Verleger Michael Krüger und dem Schauspieler und Sprecher Edgar Selge präsentieren lässt.

Am letzten Festival-Wochenende, am 6. und 7. Dezember, bietet das Literaturhaus einen ganz besonderen Büchermarkt. „Andere Bücher braucht das Land“ ist das Motto der Ausstellung für kleinere unabhängige Verlage, die jenseits des Mainstreams auch Projekte realisieren, bei denen nicht die Gewinnerwartung im Mittelpunkt steht. Dazu gehört etwa der Schweizer Comic- und Graphic Novel-Verlag Edition Moderne, der die mittlerweile verfilmten Persepolis-Comics der Iranerin Marjane Satrapi herausgebracht hat. Oder zwei junge Münchner Stadtmagazine: das Underground-Blatt „Super Paper“, das monatlich im Zeitungsformat erscheint und aus den Bereichen Musik, Kunst, Theater, Mode und Lifestyle berichtet, sowie das Blogger-Magazin „Mucbook“, welches seit gut einem Jahr auch als edel aufgemachte Druckausgabe erscheint. Apropos Blog: Unter blog.litmuc.de findet man alles, was im Social Web rund um das Literaturfest passiert.

Zum Konzept des Literaturfests gehört auch ein experimenteller Teil, das forum:autoren. Zu dessen Gestaltung wird jedes Jahr ein anderer Schriftsteller als Kurator eingeladen. Diesmal ist es der Leipziger Clemens Meyer („Als wir träumten“, „Im Stein“). In acht Performances vom 20. bis 27. November will er „ein Gesamtkunstwerk“ kreieren, wozu er seine Gäste – Schriftsteller, Schauspieler, Filmemacher und Musiker, darunter Enfant terrible Jonathan Meese – zu einer Art Talk-Show mit sich selbst in interessante Locations einlädt, um ihnen dort ein Forum zur Selbstinszenierung zu bieten. Vier der Veranstaltungen finden im Mixed Munich Arts (MMA) statt, einer 21 Meter hohen, kathedralenartigen Halle in der Nähe des Königsplatzes. Nach den Veranstaltungen geht es dann in den „Laden für Nichts“. Das ist ein innerhalb des MMA provisorisch aufgebauter Raum aus Spanplatten, wo sich Gäste, Künstler und Autoren an der Bar treffen. Wer mag, darf sich mit Statements oder Malerei an der Wand verewigen, die so zum Bühnenbild wird und am 27.11. in einer Auktionsshow versteigert wird.
Simone Kayser

[LiSe 10/14] Lyrik von und mit Frauen

Klassisch und experimentell

Mit kreativer Musik und Poesie die Welt verändern“ – das Ziel des 2. Schamrock-Festivals der Dichterinnen ist nicht eben bescheiden. Das soll es auch nicht sein, gilt es doch, ein Experiment fortzusetzen, das vor zwei Jahren höchst erfolgreich begonnen hat.

Im Herbst 2012, beim ersten Schamrock-Festival in der Pasinger Fabrik, war es noch ein Traum: das zweite und viele weitere Festivals, eine Bühne nur für Frauen, die sich dem Spiel mit den Worten verschrieben haben, und ein Netzwerk für Künstlerinnen, die männerdominierte Strukturen in Frage stellen wollen. Jetzt, 2014, steht das 2. Schamrock-Festival (24. bis 26. Oktober) an. Über 50 Lyrikerinnen aus Deutschland, Finnland, Galicien, Irland, Italien, Japan, Mexiko, Österreich,
der Schweiz, Slowenien, der Türkei, der Republik Tuva (Mongolei) und den USA wispern und schreien, lesen und rappen, singen und spielen, was sie der Welt mitzuteilen haben. Das Festival der Dichterinnen gilt als weltweit einmalig. Aus der Taufe gehoben hat es Augusta Laar, selbst Künstlerin, die Musik und Lyrik gern mit überraschenden Aktionen verbindet. Gleich am Freitag (24. Okt.) steht Helga Pogatschar mit einer Kammerversion des Musiktheaters „Drei fliegende Minuten unplugged“ nach Texten von Nora Gomringer auf dem Programm (21 Uhr), am Samstag folgen die Sprechoper „Die Entsorgung von all dem Zeugs“ (17.30 Uhr) und die Konzert-Performance mit EBOW (21.30 Uhr). Und das ist nur eine kleine Auswahl. Seine ganz besondere Stärke gewinnt Schamrock nicht zuletzt dadurch, dass es Dichterinnen generations- und länderübergreifend zusammenbringt.
Infos: www.schamrock.org.
us

[LiSe 10/14] Rezension: Ermittlungen im Jenseits

Vom Rand der Klippen schwingen sich die Möwen ins Licht und begrüßen mit ihren Schreien den Tag. […] Am Fuß der Steilwände stakst und stolpert Swoboda über die runden Steine, die dreibeinige Staffelei links geschultert. […] Ein falscher Schrei. Der Maler bleibt stehen und sieht auf. Über der Kante der Kreideküste wachsen im dunstigen Himmel erste Inseln von normannischem Blau. Die Vögel sind verstummt. Sie geben ihre Kreise auf, kippen in den Wind und lassen sich hinaustragen über die See. […] Ein zweiter falscher Schrei. Der Maler blickt nach oben. Der gebauchte Käfer, der über die Kante der Klippen
rutscht, gerät ins Trudeln, fällt, die schwarzen Fühler suchen Halt, in halber Höhe schlagen die langen Hinterbeine gegen einen Vorsprung in der Wand, der Körper prallt ab, stürzt weiter, wird ein Mensch und trifft zwischen den nass schimmernden Gesteinstrümmern auf, die in Sturmfluten aus den Kalkfelsen gebrochen sind.

 

Swoboda, der Maler, war in Zeiten vor seinem Ruhestand Kriminalhauptkommissar in Zungen an der Nelda, einer fiktiven niederbayerischen Kleinstadt nahe der tschechischen Grenze. Nach seiner Pensionierung hat er sich in Les Petites Dalles in der Normandie niedergelassen. Er will sich nicht hineinziehen lassen in die Abgründe einer verbrecherischen Tat, deren Zeuge er gerade geworden ist. Er versucht das Gesehene ungesehen sein zu lassen, wird jedoch als Beobachter des Felsensturzes entdeckt, gejagt und von einem eleganten Latino nicht nur gestellt, sondern auch kaltblütig erschossen.

Das ist nicht das Ende des Romans „Der Fall“ von Gert Heidenreich, sondern der Eingangsplot der ersten elf Seiten. Natürlich erwartet man als Leser, dass es irgendein Schlupfloch, ein Scheintotsein, einen doppelten Boden für den sympathischen Maler geben müßte, aber es gibt nichts davon. Und das macht den Roman – neben den stilistisch einnehmenden Landschaftsbeschreibungen – schon mal bedeutend interessanter, als die sonst gängige
Krimiware.

Noch spannender ist die darauf folgende Teilung der Handlungsstränge in eine reelle und eine fiktive Gegenwart. Wir begleiten zum Einen ein Ermittlerduo – bestehend aus einem französischen Kommissar und einer deutschen Kriminalrätin des BKA – bei ihren Versuchen, den Pfaden internationaler Geldwäschesysteme zu folgen, zum Anderen den Maler Svoboda, der in einer imaginären Ebene allen handelnden Figuren begegnet. Er betrachtet das Treiben von außen, ist aber als Toter nicht geneigt einzugreifen. Letztendlich aber vermischen sich die beiden Welten unmerklich dennoch.

Der Wahlmünchner Gert Heidenreich hat mit seinem soeben erschienen zweiten Kriminalroman die Möglichkeiten dieses Genres deutlich erweitert. Es ist ihm gelungen, eine Jenseitigkeit zu skizzieren, die frei ist von gegenständlicher Paradies- oder Höllenvorstellung. Das feine Netz, das beide Ebenen zwischen Dies- und Jenseits verbindet, ist unaufdringlich, lässt den Leser aber dennoch über Wahrheiten jenseits der Greifbarkeit nachdenken. Dazu kommen noch ein gelungener Plot aus der internationalen Hochfinanz und die leichte Sprache, die die pendelnde Reise zwischen München, Burgund und Normandie nicht nur begleitet, sondern auch bestens bebildert.
Michael Berwanger

Gert Heidenreich
Der Fall
Kriminalroman, gebunden, 320 Seiten
Klett-Cotta, Stuttgart 2014, 19,95 Euro
PS: Gert Heidenreich stellt „Der Fall“ am 13. Oktober (20 Uhr) im Literaturhaus vor

[LiSe 10/14] Zum 5. Mal

Der Lyrikpreis München wird am Samstag, 18. Oktober um 19 Uhr im Vortragssaal der Bibliothek im Gasteig zum fünften Mal vergeben. Das Preisgeld, bestehend für den ersten Preis aus 1000 Euro, für den zweiten aus 500, wird vom Münchner Literaturbüro sowie privaten Sponsoren gestiftet. Um den Preis streiten diesmal in der öffentlichen Lesung im Gasteig Konstantin Ames, Kathrin Bach (beide Berlin), Markus Hallinger, (Irschenberg), Tobias Roth (Berlin), Walter Fabian Schmid (Solothurn), Sebastian Unger (Berlin). Die sechs Lesenden wurden in zwei Vorrunden von der jeweiligen Abendjury vor Publikum im Münchner Literaturbüro ausgewählt. Der Vergabejury gehören an Wolfram Malte Fues, Lyriker und Germanist aus Basel, Andreas Heidtmann, Gründer des Poetenladen in Leipzig, Birgit Kreipe, Gewinnerin des Preises im letzten Jahr, Àxel Sanjosé, Lyriker und Lehrbeauftragter an der LMU München sowie Katharina Schultens, Lyrikerin aus Berlin.
KK

[LiSe 10/14] Kurzgeschichte: Sonnenwasser

Ein Himmel, zum Zerreißen gespannt. Der zitternde Horizont, der Hügel, hinter dem sie ständig das Meer zu sehen glaubte, das leise Summen im Gras – das alles erinnerte sie an einen Film. Die unerträgliche Helligkeit hinderte sie daran, sich zu entspannen und ruhig zuzusehen. Von dem grellen Sonnenlicht taten ihr die Augen weh.

Auf der Leinwand waren nur sie und der Hund, aber das Mädchen wusste – jemand führt einen Film vor, und sie hat keinen Einfluss darauf. Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Die kleinen Lebewesen – Insekten – gaben weiter ihre Laute von sich. Das Hin-und-her-Huschen der Eidechsen war ein Teil des Stummfilms. Der Wind machte gerade Mittagspause, und es gab niemanden, der die Wäsche auf den Leinen und die Markisen vor den Fensterscheiben zum Flattern gebracht hätte.

Es war ihr auch früher manchmal so vorgekommen, als wäre nichts real. Der Film lief, und das Mädchen konnte sich von der Seite sehen. Immer noch siebzehn Jahre alt, in ihrem Kleid, mit Sommersprossen im Gesicht. Um ihre Fesseln rankten sich wie Efeu die Riemchen ihrer Sandalen. Eine solche Leere hatte sie mitten in der Stadt noch nicht erlebt.

Es kann doch nicht sein, dass alle am Strand sind und die Häuser deshalb leer stehen? Diese Gärten, Stühle und aufgespannte Sonnenschirme, unter denen niemand sitzt. Als wäre etwas passiert, und die Menschen wären verschwunden, das Leben aber geht ohne sie weiter. Aus keiner einzigen Küche hörte man das Klappern von Geschirr, die Rufe von Kindern, Gespräche.

Sie blieb stehen und suchte nach einem Vogel oder einem anderen Geschöpf, das sich nicht in seinem Loch verkrochen und keine Angst davor hatte, sich draußen, in dem schaukelnden Zenit zu zeigen. Sie entdeckte nichts und niemanden. Die Zypressen am Wegrand waren in die Glut dieser Stunde gespießte Fische. „Charly, Charly, komm zurück! Hierher!“ Ihre Stimme klang dumpf, der Hund hörte sie und blieb neben ihr stehen .

Sie erinnerte sich an die heißen Tage ihrer Kindheit. Die steil abfallende Wiese, wo ihre Großmutter die heruntergefallenen Pflaumen auflas, zwischen all den Kräutern und Blüten. Sie spielte im Schatten eines Baumes mit dem Rücken zum Wald. Und alles war saftig und grün.

Hier gab es nicht ein Neutron jener Atmosphäre. Es war ein irrealer, betäubender Sommer. An der Grenze des Lebens. Bei all dem Licht wurde sie das Gefühl nicht los, dass sein schwarzes Auge sie von irgendwo her beobachtete. Seine lautlosen Schritte kamen bald näher, bald entfernten sie sich und verwandelten sie von einem jungen Mädchen in eine alte Frau.

Die Gebäude, die kleine Kapelle, sie selbst, alles wurde von den Sonnenspitzen durchdrungen. Sie gingen mitten hindurch, so dass es keinen Zentimeter Schatten gab. Alles stand für sich allein. Im hellen Schein seines Schmerzes. Solche Einsamkeit kannte sie nicht. Sie weckte einen unstillbaren Durst, obwohl sie immer wieder aus der Flasche mit Sonnenwasser trank.

Charly näherte sich der Stelle, an der er sonst sein Revier markierte, kam aber schnell wieder zurück. Die junge Frau spürte jetzt nicht mehr, dass hinter der nächsten Anhöhe das Meer auftauchen würde. Es kam ihr so vor, als gähnte dort ein Abgrund, in dem es einmal Wasser gegeben hatte, das längst in den Furchen der Erde versickert war. Seit einer knappen Stunde bewegten sie sich auf der bekannten Strecke mit diesem unbekannten Gefühl. Geht es dir auch so, Hündchen, flüsterte sie. Du bist der einzige weiße Schatten in dieser Welt. An diesem blendenden Nachmittag gab es nichts zu entdecken. Alles war längst offenbart .

Ihr Blick stieß gegen eine schwankende Mauer aus Luft und prallte daran ab. Irgendetwas bewegte sich dort. Etwas war geschehen und hatte die Luft zum Beben gebracht. Jene tiefe Vorahnung einer Bewegung, irgendein rätselhaftes Band spulte sich ab, verdrehte die offensichtlichsten Dinge und zeigte ihre verborgenen Seiten. Und allein die Sehnsucht des Mädchens nach einem Windhauch wehte die Eidechsen wie trockene Halme vom Weg.

Kurz bevor sie den absurden Wohnblock erreichten, in dem sie gewöhnlich verschwanden, hielt ein Auto neben ihr. Am oberen und unteren Ende der Straße herrschte völlige Leere. Woher und wie diese schwarze Limousine mit ihrem metallischen Glanz unter dem Himmel aufgetaucht war, wer am Lenkrad saß und warum sie anhielt – sich das zu fragen, blieb dem Mädchen keine Zeit. Sie verfolgte das Geschehen wie auf einer Leinwand, mit leicht zusammengekrampftem Magen und erwachter Neugier.

Das vordere Seitenfenster glitt langsam nach unten, eine grazile Guillotine. Ein Kopf mit üppigem, von Gel gebändigtem Haar erschien. In ihren Augen ein Feld mit Olivenbäumen. Ein Gesicht unbestimmbaren Alters mit dunkler Brille verzog die Lippen zu einem Lächeln. Sie fragte: „Kann ich Ihnen helfen?“

An dieser Stelle reißt der Film. Im letzten Bild sitzt ein kleiner Hund auf dem Bürgersteig und wartet.
Tania Rupel-Tera