by LiSe | 27. Apr. 2015 | Blog, Rezension & Buchempfehlungen
Deutsche Geschichte von 1944 bis 1970, in 187 Kapiteln, auf 655 Seiten – das bietet „Königreich der Dämmerung“, der neue Roman von Steven Uhly. Der Münchner Schriftsteller mit deutsch-bengalischen Wurzeln wurde 2011 für sein Werk „Adams Fuge“ mit dem Tukan-Preis der Landshauptstadt ausgezeichnet. Uhlys Bestseller „Glückskind“ war gerade erst in der ARD in einer Verfilmung von Michael Verhoeven zu sehen.
Steven Uhly, 1964 in Köln geboren, will mit „Königreich der Dämmerung“ Zeitgeschichte aufblättern: die letzten Kriegsmonate 1944/45 in dem von den Nazis so genannten Warthegau (Polen), die Flucht der Deutschen vor der Roten Armee, das Herumirren der den Holocaust überlebenden Juden, deren Strandung in den Lagern für „Displaced Persons“ (DP) in Deutschland, die Auswanderung nach Palästina bzw. nach Israel. Für diese Zeitgeschichte hat sich Uhly drei Haupt-Handlungsstränge ausgedacht. So schildert er den Weg von SS-Obersturmbannführer Josef Ranzner, der ein polnisches Städtchen „judenfrei“ macht und später beim BND unterschlüpfen kann. Uhlys zweite Protagonistin ist die Jüdin Anna, die Zwangs-Arbeiterin und Zwangs-Geliebte von Ranzner, die später einen jüdischen Flüchtlingsaktivisten heiratet. Und es gibt die Familie Kramer, eine von Rumänien nach Polen umgesiedelte volksdeutsche Bauernfamilie, die eine schwangere Jüdin versteckt, deren Tochter die Flucht überlebt und nach Israel auswandert. Alle drei Handlungsstränge werden miteinander verwoben, werden aufgefächert auf Dutzende von Nebenkriegsschauplätzen mit noch mehr Nebenrollen – 187 Kapitel (bis hinein ins Rotlichtmilieu) wollen gefüllt sein.
Dabei ist es Uhly hoch anzurechnen, dass er etwa mit seiner Schilderung von DP-Lagern in der deutschen (nicht-wissenschaftlichen) Literatur Neuland betritt. Nur schwer nachvollziehbar ist bei dem Münchner Autor freilich dessen Unbekümmertheit: Schon sein Protagonisten-Tableau ist holzschnittartig, ja erinnert an eine klamottige US-Fernsehserie mit unendlich vielen verschachtelten Metaebenen. Damit nicht genug: Uhlys Sprache ist schlicht, ja anspruchslos – da wird durch den Schnee gestapft, durch zerstörte Städte gestolpert, werden Taschentücher aus der Schürze gezogen und Tränen weggewischt. Ein plakativer Stil, der sich bei empfindlichen Themen – und die gibt es in den unseligen Jahren 1944/45 zu Hauf – bislang verboten hat.
Ina Kuegler
Steven Uhly
Königreich der Dämmerung
Roman, Secession Verlag für Literatur
Zürich, 2014, 655 Seiten
29.95 Seiten
by LiSe | 27. Apr. 2015 | Blog, Rezension & Buchempfehlungen
Wolken sind vergänglich. Eben noch „weiß und ungeheuer oben“, im nächsten Moment „nimmer da“, wie Brecht in seiner „Erinnerung an die Marie A.“ dichtet. Kann man bei einer solch ephemeren Verfassung von einer Anatomie sprechen? Schon im Titel steckt der Teufel, der dem recht glücklosen Zusammentreffen der beiden Hauptfiguren in Lea Singers neuem Roman innewohnt. Johann Wolfgang von Goethe und Caspar David Friedrich teilen sich zwar das Interesse an Wolken, doch ihre Herangehensweise ist grundverschieden. Dem einen ist nur Dichter sein zu wenig, er möchte als Wissenschaftler reüssieren und mit der Erforschung der Wolken Ordnung in ihre Flüchtigkeit bringen. Sie wie ein Anatom auf dem Seziertisch zerlegen und in ein System festbannen. Zum blanken Entsetzen des anderen, für den Wolken die Sätze Gottes sind, mit denen dieser die Menschen anredet. Träume, die man nicht in Ketten legen kann. Friedrichs Wolkenbilder packen den Betrachter in seinem Inneren, Goethe erforscht Wolken als Wetterzeichen.
Lea Singers Spurensuche nach diesen zwei so entgegengesetzten Künstlernaturen ist amüsant, hintersinnig, traurig. Hier der Meister der Sprache, dort der Maler, dem vor seinen Bildern die Sprache fehlt. Hier der berühmteste Schriftsteller des Kontinents, leider mit einem höchst mittelmäßigen Kunstgeschmack ausgestattet, dort der Habenichts ohne Manieren, der die „Leere“ in seine Gemälde bannt. Bei deren Betrachtung es ist, „als ob einem die Augenlider weggeschnitten wären“ (Zitat aus „Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft“ von Clemens Brentano). Für Goethe „uferlose Bilder, uferloses Geschwätz“. Singer mischt virtuos Dichtung und Wahrheit, schiebt ihren beiden Protagonisten vor minutiös recherchiertem Tatsachenhintergrund fiktive Gedanken und Gefühle unter, holt sie aus ihrer geschichtlichen Ferne und ist durch die in direkter Rede geschriebenen Dialoge als Erzählerin dicht dran. Bei Friedrich glückt ihr die Aufhebung der historischen Distanz, zu diesem Menschen tritt man wie zu seinen Bildern in eine innere Beziehung, man empfindet mit ihm, seinem grobschlächtigen Wesen, hinter dem sich eine große Tiefe auftut. Goethe hingegen stößt sie von seinem Sockel des Dichterfürsten hinunter, gibt ihn dem allzu Menschlichen preis. Stellt ihn dar als einen, der mit seinem Alter, seinem Ruhm, seinen Eitel- und Fehlbarkeiten hadert. Der an den Gitterstäben seines Erfolges rüttelt, an den Erwartungshaltungen seiner Bewunderer und vor allem Bewunderinnen verzweifelt. Der revolutionär sein möchte, aber die bekämpft, die es wirklich sind. Ach Goethe …
Katrina Behrend Lesch
Lea Singer:
Anatomie der Wolken
Roman, 256 Seiten
Hoffmann und Campe, Hamburg, 2015
20 Euro
by MLB | 18. Apr. 2015 | Blog
Endlich Eigenes lesen! Das Münchner Literaturbüro – MLB : Aktiv seit 1984, eine der etablierten Institutionen der Münchner Literaturszene. Ein offener Treffpunkt für alle, die gute Prosa und Lyrik schreiben, und ihre eigenen Texte mal öffentlich in Werkstatt-Atmosphäre vortragen oder erproben wollen. Denn das Publikum ist mit von der Partie, nach jeder Lesung gibt es ein moderiertes Gespräch oder Diskussion.
Diese Lesungen finden jeden Freitag von 19:30 bis 22:00 in Haidhausen, Milchstraße 4 (Nähe Rosenheimer Platz) statt. Wer lesen möchte, reserviert sich einen Termin im Lesekalender im MLB.
Nicht reservieren muss man eine Lesung am ersten Freitag im Monat: Das ist der sogenannte Offene Abend. Jeder Autor kann vorbeikommen und einen Text von maximal 10 Minuten lesen; das Publikum wählt am Ende des Abends den besten Text. Diese Siegertexte nehmen am Haidhauser Werkstattpreis teil, das Finale und die Preisverleihung finden ein Mal im Jahr statt. Und auch hier wählt das Publikum den Sieger.
Einige nützliche Links :
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by LiSe | 1. Apr. 2015 | Blog, Rezension & Buchempfehlungen
Ein wenig beunruhigend ist es schon, wenn man sich vorstellt, man lebt allein, kommt nach Hause und im Kühlschrank fehlt der Fisch, den man am Vortag gekauft hat. Dann hat sich offenbar jemand am Multivitaminsaft bedient …
Genau das passiert dem Protagonisten im Roman „Zimmer frei in Nagasaki“ von Éric Faye. Der Meteorologe, der allein lebt, hat eine große Wohnung. Ein Zimmer benutzt er kaum. Und so dauert es fast ein Jahr, bis er bemerkt, dass sich dort ein heimlicher Mitbewohner eingeschlichen hat, eine arbeits- und obdachlose Frau, wie er später erfährt. Die beiden sehen sich nur kurz im Verlauf der Geschichte, aber sie haben so viel gemeinsam: ihre Einsamkeit, ihre Verschlossenheit, ihre irgendwie ungelenken Versuche, ihre Sehnsüchte zu überspielen und doch zu überleben. Wir lernen die beiden auf nur 110 Seiten sehr gut kennen. Wir verstehen, dass die Geschichte in allen modernen Industriestaaten passieren könnte. Schließlich beruht der Roman auch auf einer Meldung in der Rubrik „Vermischtes“ in einer japanischen Zeitung. Der Leser begreift, wie sehr die Lebens- und Arbeitsbedingungen dem Menschen zusetzen können. Und nebenbei erfährt er eine Menge über Nagasaki und seine Werft, auf die der Protagonist immer wieder schaut und die 1945 das eigentliche Ziel der amerikanischen Atombombe war. Die Stadt musste ganz neu aufgebaut werden. Ob das auch den beiden „Helden“ der Geschichte mit ihrem Leben gelingt?
Der Roman ist 2010 in Frankreich unter dem Titel „Nagasaki“ erschienen und wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Für „Nagasaki“ erhielt Faye den Grand Prix du Roman de l’Académie Francaise. Bettina Deininger entdeckte ihn für ihren noch jungen Münchner austernbank verlag, übersetzte ihn und brachte ihn im vergangenen Jahr heraus – zum Glück für alle, die es lieben, sich spannend unterhalten zu lassen und den eigenen Blick auf die Welt neu auszurichten. Da liegt es nahe, auch gleich die übrigen Romane des Verlags zu testen: „Ich kann nicht sprechen“ von Franz Bartelt und „Ode an die Krake“ von Cécile Reyboz.
Die Gestaltung des Buchs verdient ein paar eigene Anmerkungen. Anja Wesner, bekannt als Mitarbeiterin beim „Münchner Feuilleton“, hat das Logo des Verlags – eine von Hand gezeich-nete Auster – sowie die Kapitelanfänge und den Umschlag entworfen. Da stehen sie, die beiden „Helden“, so nah beieinander und doch so weit weg voneinander.
Ursula Sautmann
Éric Faye
Zimmer frei in Nagasaki
Roman, aus dem Französischen von Bettina Deininger
Austernbank Verlag, 2014, 110 Seiten
16,90 Euro
by LiSe | 1. Apr. 2015 | Blog, Kurzgeschichte
Willst du, dass ich mitfahre zu Annas Beerdigung?“, fragte Anton unsicher. „Wenn du mich auf der Trauerfeier nicht dabeihaben willst, verstehe ich. Ich kann dich auch nur für die Fahrt begleiten. Du hattest gesagt, Samstag wäre die Bestattung. Da müsste ich mir nicht mal frei nehmen. Also ich würde mir natürlich frei nehmen, wenn es unter der Woche wäre. Und wenn du wollen würdest, dass ich mitkomme.“
Elisabeth war sehr starr, sie konnte noch keineswegs begreifen, dass Anna tot war.
Der kleine Friedhof war angefüllt mit Menschen, alle standen im leisen Sonnenschein, der durch die Bäume sickerte. Manche unterhielten sich oder standen hilflos beisammen. Elisabeth kam knapp, den letzten Anschlusszug hatten sie verpasst, nun ging sie schwitzend und außer Atem auf Annas Eltern zu.
„Entsetzlich muss das sein“, dachte sie, dann schüttelte sie schweigend Hände. Sie hatte die Vanderbeks seit 16 Jahren nicht gesehen, alt waren sie geworden.
Von hinten legte sich eine Hand auf Elisabeths Schulter.
„Schön, dass du gekommen bist“, sagte David, Annas Bruder. Elisabeth drehte sich langsam um, versuchte Zeit zu gewinnen. Seine Stimme hatte sich gar nicht verändert. Wie würde er jetzt aussehen?
„Setz dich vorne neben uns bitte, wir würden uns freuen. Du warst Annas beste Freundin.“ Elisabeth schluckte, sie wollte jetzt auf keinen Fall weinen.
„Das ist meine Frau Klara, und Milena, meine Große. Sie ist vier geworden im Mai.“ Eine kleine sanfte Frau und ein rotzverschmiertes Mädchen streckten freundlich ihre Hände aus. Elisabeth schüttelte beide, nickte, lächelte. Gott, sah sie Anna ähnlich. War David verrückt? Wie konnte ein Mann sich eine Frau suchen, die aussah wie die eigene Schwester? Das war krank, in höchstem, verwirrendem Maße krank. Klara sagte David etwas ins Ohr und fuchtelte dabei mit den Händen. Wie Anna! Anna gestikulierte immer wild, bei jedem Wort. Milena ging umher und riss ein paar Blätter von den Büschen; wurde zurechtgewiesen und trat auf Elisabeth zu. Prüfend blickte sie an ihr hinauf.
„Ich bin schon vier.“
„Aha“, meinte Elisabeth, die verzweifelt versuchte, Klaras Ähnlichkeit mit Anna einzuordnen. Milena machte ein altkluges Gesicht und zeigte acht ihrer Finger.
„Weißt du was? Marienkäfer fressen Läuse, und“, sie machte eine bedeutungsvolle Pause, um den Gehalt ihrer Mitteilung wirken zu lassen, „und Geier fressen tote Tiere! Geier fressen Fleisch.“ Das Wort Fleisch zog sie dabei so in die Breite, dass man das Zermalmtwerden förmlich spürte.
„Papa, haben die Geier Tante Anna gefressen?“, wandte sie sich an David.
David schluckte.
„Nein, haben sie nicht!“
„Aber Geier fressen tote Tiere. Und tote Leute.“
„Das stimmt. Sie könnten auch die Tante Anna fressen, wenn die einfach herumliegen würde“, sprang Elisabeth ein, und wusste gar nicht warum.
Milena unterbrach eifrig:
„Ja, dann fressen die Geier ihr Fleisch!“
Elisabeth blickte kurz ins Leere. „Aber Anna liegt nicht einfach irgendwo auf der Straße, sondern sie wurde verbrannt und ihre Asche begraben. Wenn jemand bei uns stirbt, dann begraben wir diesen Menschen.“
Milena überlegte. Sorgfältig entwickelte sie ihren Gedanken weiter:
„Die Geier können dann mit ihren spitzen Schnäbeln die Erde weghacken und die toten Leute rausfressen.“
„Nein, das machen Geier nicht! Die graben nicht in der Erde nach Toten. Außerdem ist Tante Anna verbrannt. Da ist kein Fleisch mehr, das die Geier essen könnten“, meinte David bestimmt.
„Hat die Anna kein Fleisch mehr jetzt?“
„Nein, sie ist jetzt Asche. Das ist eine Art Pulver.“
Milena war begeistert:
„Dann können Pulver-Geier die Tante Anna ausgraben und fressen!“
„Nein Milena, Geier mögen kein Pulver.“
„Hm. Aber wir haben noch Fleisch“, stellte Milena fest, und um sich zu vergewissern, fasste sie mit der rechten Hand ihren linken Arm und drückte an ihm herum.
„Wir haben noch Fleisch – aber das mögen die Geier nicht, weil wir sind nicht tot!“, fasste sie befriedigt zusammen.
„Richtig“, nickte Elisabeth schwach. Es läutete, sie durften in die Kirche.
Lena Nützel
Der Text ist dem Roman „Festhalten“ entnommen.
by LiSe | 1. Apr. 2015 | Blog, Lyrische Kostprobe
Kein licht hilft. ominös dieser zerknitterte
abendhimmel da drüben. mit seinem gelbgoldenen
zellophan. die letzten tagbrösel fallen zu boden.
violinklang stimmt mich. eine hammondorgel.
die gemengelage hängt uns tiefer. februar
zersprengt uns in alle richtungen. lange war es
nicht mehr so kalt, in uns. das bisschen
pink floyd hilft uns nicht aus der klemme.
wild bäumt sich der asphalt, stieben graue
funken. wir liegen still. eine pfütze licht
in der falte dieses still gelegten abends.
Armin Steigenberger
by LiSe | 1. Apr. 2015 | Blog, Vermischtes
In guter Nachbarschaft
Der Münchner Krimi-Autor Su Turhan und „Buch in der Au“
Bekennender Obergiesinger sei er, betont Su Turhan. Aber er gehe gern in die Au runter, fügt der Münchner Schriftsteller hinzu. Dort in der Humboldtstraße ist nämlich seine Lieblingsbuchhandlung „Buch in der Au“. Dabei liegt dieser Buchladen eigentlich gar nicht in der Au, sondern in Untergiesing. „Die Mitte der Humboldtstraße ist die Grenze“, erklärt Elisabeth Reisbeck, die Inhaberin von „Buch in der Au“. Als sie vor 16 Jahren den Buchladen eröffnete, war sie mit den Grenzfragen und den Empfindlichkeiten der Stadtteilbewohner noch nicht so vertraut. Mittlerweile haben ihr die Münchner aber verziehen: Sie sind Stammkunden von „Buch in der Au“ geworden. „Gut 80 Prozent unserer Käufer sind aus der Nachbarschaft“, sagt Elisabeth Reisbeck. Sie kämen ganz bewusst in die Humboldtstraße – schließlich solle dieses Stadtviertel so bleiben wie es ist. Su Turhan (49), der die Buchhandlung schon entdeckte, als er seine Kleinen in den Kindergarten am Kolumbusplatz brachte, sieht die Entwicklung mit Sorge: „Unten und oben bei uns tut sich gerade viel. Paulaner zieht weg, irgendwie wird alles trendiger und teurer.“
Da kann „Buch in der Au“ mit Altbewährtem aufwarten: Schon immer bildete die schöne Literatur den Schwerpunkt des Sortiments. Und seit Jahren machen Kinder- und Jugendbücher ein Drittel des Umsatzes aus. „Hier wohnen sehr, sehr viele Familien. Kinder sind ganz treue Kunden“, sagt Elisabeth Reisbeck. Die Kleinen haben in der Buchhandlung einen separaten Raum, in dem sie nach Lektüre stöbern können. Auch mit den umliegenden Schulen arbeiten Reisbeck und ihre Kollegin Sabine Abel eng zusammen. So wurde die Buchhandlung mit dem Gütesiegel „Leseforum Bayern – Partner Schule“ für ihren Einsatz in Sachen Leseförderung ausgezeichnet.
Ein weiteres festes Standbein im Sortiment von „Buch in der Au“ sind Krimis – und dazu gehören natürlich auch die Romane von Su Turhan. Der in Istanbul geborene Autor hat mittlerweile drei Bücher (alle bei Droemer Knaur erschienen) mit Kommissar Pascha geschrieben. Sein jüngstes Werk „Kruzitürken“ hatte erst kürzlich beim Münchner Krimifestival Premiere. „Da war was los im vollbesetzten Saal“, erinnert sich Turhan. „Es gab Musik, und eine Bauchtänzerin war auch dabei.“ Ähnlich erfolgreich gestaltete der Schriftsteller auch seine Lesung bei „Buch in der Au“, wo ein Mal im Monat Autoren ihre Werke präsentieren, wie bislang etwa Christian Ude, Thomas Lang, Christoph Poschenrieder oder Matt Rees.
„Zu den Buchdamen in der Au gehe ich paar Mal im Monat“, verrät Turhan. „Ich schätze das Persönliche, den Geruch von Papier, Kaffeeduft, das Gespräch, das da Buch gelebt und Autoren empfohlen werden, weil die Buchhändlerinnen die Romane kennen“, ergänzt der Autor, der seine künstlerische Laufbahn als Filmemacher begonnen hat. Sein Streifen „Gone Underground“, für den er den weltberühmten Kameramann Michael Ballhaus gewinnen konnte, erhielt unter anderem den Deutschen Kurzfilmpreis in Silber. „Die Zusammenarbeit mit Ballhaus war ganz normal. Im Vorfeld zu den Dreharbeiten haben wir gemeinsam das Visuelle festgelegt, da durfte ich viel lernen und am Set sowieso“, sagt Turhan. Derzeit schreibt der Autor und Filmemacher an seinem vierten Pascha-Krimi. Er erscheint Ende September, und passend zur Oktoberfest-Eröffnung heißt er „Anstich“.
Die Zukunft sieht Turhan recht optimistisch – er hat Projekte in seinen beiden Genres. Auf den Buchhandel blickt er – auch nach etlichen Lesereisen durch Deutschland – mit Besorgnis und Anerkennung: „Das Buchgeschäft hat mit wahnsinnig viel persönlichem Einsatz zu tun.“ Es gebe jedoch große Sorgen, etwa bezüglich Amazon. „Für mich als Reaktion habe ich auf meiner Website die Verlinkung zu Amazon raus und darum gebeten, sich meine Romane und Hörbücher in der nächsten Buchhandlung zu holen.“ Doch die beiden Buchhändlerinnen Abel und Reisbeck denken noch weiter:„Wenn das Freihandelsabkommen TTIP kommen sollte, und wenn dann die Buchpreisbindung fällt, können kleine Buchläden wie wir dichtmachen.“
Ina Kuegler
In den ersten beiden Folgen unserer Serie „Meine Lieblingsbuchhandlung“ brachten wir „Buch & Bohne“ mit dem Münchner Schriftstellter Christoph Poschenrieder sowie Lehmkuhl mit Hans Magnus Enzensberger.
by LiSe | 1. Apr. 2015 | Blog, Titelgeschichte
Warum gebrauchte Bücher daheim einsperren? In der Tausch-Box finden sie neue Leser und bereiten Freude
Münchens erster offener Bücherschrank ist seit Dezember 2013 in Betrieb und ein voller Erfolg. Der übermannshohe Kasten aus Stahl und Glas steht vor dem Nordbad in Schwabing. Meist ist er umringt von mehreren Menschen, die die Titel in den Regalen des verglasten Bücherregals studieren, in Büchern blättern oder sich unterhalten. Beim freien und kostenlosen Auswählen, Bringen und Mitnehmen von Büchern ergeben sich schnell Kontakte. So auch an diesem Sonntagnachmittag, trotz des kühlen Wetters.
Drei Frauen sind ins Gespräch gekommen. Eine ist an diesem Wochenende schon zum zweiten Mal hergeradelt, erzählt sie: „Gestern habe ich zwei Romane und ein Yogabuch mitgenommen. Die Romane habe ich inzwischen schon gelesen und gerade wieder zurückgestellt, das Yogabuch behalte ich, und jetzt schaue ich, ob ich noch etwas Neues finde.“ Die andere Frau hat einen Stapel Bücher mitgebracht, die sie in den Schrank einordnet. „Was sollen die daheim herumstehen? Ich lese sie ja doch kein zweites Mal, und hier freuen sich andere drüber.“ – „Bücher wirft man nicht weg!“ Darüber sind sich die Frauen einig. Obwohl … Mit spitzen Fingern zieht die Spenderin gerade ein original verpacktes, aber angeschimmeltes Bändchen aus dem Regal und bringt es, unter Zustimmung der anderen, zum Abfallkorb. Manch einer wird im Bücherkasten eben auch Dinge los, die garantiert niemand mehr haben will. Doch das ist die Ausnahme.
Weil kostenlos, finden hier auch in die Jahre gekommene Bestseller noch Abnehmer. Heute im Angebot: Zum Beispiel „Sorge dich nicht, lebe!“, „Salz auf unserer Haut“, „Liebe ist nur ein Wort“, oder die „Swann Saga“-Trilogie von R. F. Delderfield als Hardcover. „Am Flohmarkt gehen Bücher ganz schlecht“, erzählen die Frauen, und wenn, dann kriege man gerade mal zwei Euro für eines, das neu zwanzig gekostet hat; das lohnt sich nicht. Und im Internet? Da wird ein gebrauchter Band der Swann Saga zurzeit für 0,01 Euro gehandelt, plus 3 Euro Versandkosten.
„Der Bücherkasten wird von den Bürgern mit Begeisterung angenommen“, berichtet Thomas Rock vom Verein Offene Bücherschränke Schwabing West, in dem sich die Initiatoren des Projekts zusammengeschlossen haben. „Es ist wirklich erstaunlich, wie schnell der Inhalt wechselt. Manchmal quillt der Schrank fast über, ein paar Stunden später ist er nahezu leer und am nächsten Tag wieder voll.“
In manchen Städten und Orten gibt es den kostenlosen Büchertausch zum Teil schon seit vielen Jahren. Als Tauschbox dienen da auch alte Telefonhäuschen oder Bushaltestellen. Die Münchner haben sich für die Luxusausführung des Kölner Architekten Hans-Jürgen Greve entschieden, weil diese auch den Anforderungen des Denkmalschutzes genügt, wetterfest und bruchsicher ist. Etwa 400 Bücher finden darin Platz. Den Preis von rund 8000 Euro hat zum Großteil der Bezirksausschuss gezahlt. Mehrere ehrenamtliche Paten aus der Nachbarschaft kümmern sich täglich um den Bücherschrank, sie putzen die Scheiben und achten darauf, dass keine Prospekte, Schundlektüre oder ewige Ladenhüter im Schrank verbleiben.
Auch die beiden Inhaberinnen der „Buchhandlung am Nordbad“ halten den Kasten für „eine ganz tolle Idee“, weil sie es generell gut finden, wenn Bücher weitergegeben werden. „Nicht toll“ finden sie jedoch, dass er genau auf der Seite des Nordbads platziert wurde, wo auch ihre Buchhandlung ist. Da hätte man sich vorher absprechen sollen, denn nun falle die Kundschaft weg, die sich früher auf dem Weg ins Freibad noch schnell ein Buch gekauft habe, um es auf der Liegewiese zu lesen. „Im Sommer tummelt sich ein Haufen Leute um den Bücherschrank, während wir in unserem Laden allein sind.“
Die Frauen am Bücherschrank aber sagen, dass sie nicht weniger Bücher kaufen, seit sie hier tauschen, denn „die Bücher, die man wirklich will, kauft man sich nach wie vor.“
Auf jeden Fall macht der offene Bücherschrank Schule in München. Weitere sind schon in Pasing, in Moosach, in Neuhausen und am Ackermannbogen geplant. Und vorm Nordbad wird es bald noch gemütlicher werden, denn neben dem Schrank wird eine Bank aufgestellt.
Simone Kayser