by LiSe | 1. Feb. 2014 | Blog, Vermischtes
Am 8. März ist es wieder soweit und das Münchner Stadtmuseum am St.-Jakobs-Platz wird zum Kinderbuch-Eldorado für alle Kinder von drei bis 13 Jahren. Rund 5000 Bücher und Kindermedien stehen bereit zum Schmökern und Entdecken und ein kunterbuntes Rahmenprogramm mit bekannten Autorinnen und Autoren wird für Besucherandrang sorgen. Ergänzend gibt es Sonderausstellungen zu den Illustrationen aus den beiden Bilderbüchern „Die Tränen des Kamels“ von Linda Wolfsgruber und „Frechvogel und Mutkröte“ von Daniela Chudzinski, die auch im Kindergarten- und Schulklassenprogramm lesen wird.
Aus ihren neuesten Büchern lesen Ulrich Hub, Christine Merz, Isabel Abedi, Annette Langen, Benedikt Weber und viele andere. Mit Peter Laufmann erfahren die jungen Zuhörerinnen und Zuhörer spannende Details über die Migranten der Natur oder die Älteren mit Bestsellerautor David Safier über Widerstand im Warschauer Ghetto. Kinder und Eltern sind bei der Münchner Bücherschau junior wie immer eingeladen mitzumachen! So z.B. am Samstag, 8.3., wenn es heißt „München ist vielsprachig!“ oder bei dem Workshop „Geniale Bauprojekte mit elektronischen Bauteilen“ am Sonntag, 9.3. Es gibt spannende Exkursionen ins Funkhaus des Bayerischen Rundfunks, zum Verlag arsEdition, in die Buchhandlung Lesetraum.de. und in die Münchner Residenz. Spontan mitmachen kann jeder bei dem offenen Werkstattprogramm von Kultur & Spielraum. Es entstehen eigene Bücher oder Bilderbücher werden als Ausgangsmaterial genutzt, um mit Stop-Motion-Technik Kurzfilme und Fotosequenzen herzustellen, die dann bei einer Filmmatinee am 16. März präsentiert werden!
Das tägliche Kindergarten- und Schulklassenprogramm wird ergänzt durch ein Halbtagsseminar „Apps & Co in Kindergarten und Grundschule“ für ErzieherInnen und GrundschullehrerInnen.
Münchner Stadtmuseum am St.-Jakobs-Platz vom 8. bis 16. März, täglich von 9:00 bis 19:00 Uhr
Termine/Karten: www.muenchner-buecherschau-junior.de
by LiSe | 1. Feb. 2014 | Blog, Rezension & Buchempfehlungen
Gisa Klönne, preisgekrönte Krimi-Autorin, hat einen packenden Familienroman geschrieben
Endstation Gewerbepark. Im strömenden Regen liegt der Zugführer Wolfgang Berger erstochen neben seiner abgestellten S-Bahn. Ein angetrunkener Passant, der die Streife gerufen hatte, will gesehen haben, wie ein schemenhafter Mann in dunklem Mantel floh.
Das Areal um den Gewerbepark in Köln gehört zu jenen lieblosen Orten, wie sie nur die Vorstädte der Metropolen bieten können, egal ob Köln, München oder Berlin. Die Großstädte kippen ihren Müll dorthin, genauso wie ihre sozialen Randexistenzen: schlechtbezahlte Arbeiter, Künstler am Existenzminimum, geduldete Exilanten und Huren samt Zuhälter.
Als zwei Tage nach dem Mord noch eine Billigpizzeria in Flammen aufgeht, der Besitzer dabei angekettet verkohlt und eine Prostituierte russischer Herkunft beinahe erstickt, wirft die Suche nach den Tätern und die Querverbindungen beider Fälle immer neue Fragen auf für das ermittelnde Team um die Kölner Hauptkommissarin Judith Krieger. Eine Suche zwischen Abfall und Macht, zwischen Kunst und Ausbeutung, hineingezwängt in ein Köln mit trüben, warmen, verregneten Januartagen.
Mit diesem Setting beginnt Gisa Klönnes preisgekrönter Krimi „Nacht ohne Schatten“, für den sie zu Recht den Friedrich-Glauser-Preis erhalten hatte. Die Journalistin, Politologin, Schriftstellerin und engagierte Frauenrechtlerin Gisa Klönne schreibt seit 2001 neben ihrer Redaktions- und Lehrtätigkeit Kurzgeschichten und Krimis, ist Mitglied der Autorengruppe „Das Syndikat“ und Sprecherin der „Sisters in Crime“. Dass Spannung nicht zwangsläufig an Leichen entlang erzählt werden muss, hat sie nun mit dem 2013 beim Münchner Piper Verlag erschienen Familienroman „Das Lied der Stare nach dem Frost“ bewiesen.
Eine Musikerin, Mitte Vierzig, begibt sich nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter auf die Suche nach ihrer Vergangenheit, die nur als Erinnerungsfetzen vorhanden ist. Dabei spielt die Unklarheit, ob der Tod Unfall oder Suizid war, zusätzliche eine wichtige Rolle. Die Barpianistin Rixa Hinrichs – aufgewachsen in Köln mit Wohnsitz in Berlin – reist in die ehemalige DDR, nach Sellin, Poserin und Klütz, wo sie als Kind immer die Sommerferien bei den Großeltern zugebracht hatte, in ein Land das, monitär ärmer als die BRD, doch soviel reicher an Leben und Gefühl war. Sukzessive findet sie Berichte und Zeitzeugen ihres Großvaters, der als Pfarrer der Bekennenden Kirche in der NS-Zeit alles andere als ein christliches Vorbild gewesen zu sein scheint. Und langsam gibt die Geschichte ihre Grausamkeiten preis, wie sie in allen Kriegshistorien stecken.
Gisa Klönne gelingen in den Vor- und Rückblenden wunderbare innige Porträts dreier Generationen, die alle gleichsam in Schuld und Schmerz verstrickt sind. Die Frage, ob Erinnerung Wahrheit oder nur Verdrängung anbietet, bleibt dabei offen.
In diesem Jahr feiert Gisa Klönne ihren fünfzigsten Geburtstag. Wir gratulieren und wünschen ihr viel Kraft für weitere erstklassige (Krimi)-Literatur.
Michael Berwanger
Gisa Klönne
Das Lied der Stare nach dem Frost
Roman, gebunden 480 Seiten
Pendo im Piperverlag, München 2013
19,99 Euro
by LiSe | 1. Feb. 2014 | Blog, Kurzgeschichte
Der Park war tot. Tot wie der Großvater in der kalten Leichenhalle beim Friedhof hinter dem Wald, wo ich still sein musste, still wie die Toten. Dabei hätte ich gerne gesungen, weil es so gut hallte hier, und den Großvater hätte es sicher nicht gestört.
Gelb war der Großvater. Gelb wie die Kerzen, die ich anzünden sollte in der Kirche. Kalt und dunkel und still war es da, dass es gehallt hat, als ich die Münze in den großen Metallkasten warf. Aber da hatte der Großvater noch gelebt, obwohl alle nur flüsterten, wenn sie über ihn sprachen.
Weiß waren die Hände der Mutter. Weiß und kalt wie die Winterabende, wenn sie das Müdebinichgehzurruh mit mir sprach und sie meine Hände zum Kreuzzeichen an Stirn und Brust und Schultern führte. Weiß wie die Schwäne auf dem Teich waren die Hände der Mutter.
Hart war die Bank hier im Park, wo ich saß und den Schwänen zusah. Hart war die Bank, weil die Mutter fort war. Aber sie würde bald zurück sein und mir Lakritz bringen, weil ich auf sie wartete und brav war und den Schwänen zusah.
Kalt wie die Hände der Mutter war es im toten Park, wo es faul und modrig roch. Ich zitterte und hatte die Arme dicht um die Knie geschlungen und die Nase in den Spalt zwischen die angewinkelten Knie gedrückt. So saß ich und beobachtete die Schwäne: große weiße Segelboote auf dem Ozean.
Dann die Schritte. Schwere Schritte, anders als die leichten Schritte der Mutter. Schlurfende Schritte auf dem Kiesweg des toten Parks, das Knirschen der Kiesel, langsame Schritte, die lauter wurden, näher kamen, immer näher, so ging die Mutter nicht.
Und plötzlich das Keuchen. Keuchende Schritte. Das Keuchen des Großvaters in der Stube, singende Kessel, abfahrende Lokomotiven, der Großvater wenn seine Hand auf meinen Kopf sank, die Hand des Großvaters mit dem Geruch von Pfeifentabak und Seife.
Es war nicht der Großvater. Ein massiger Leib neben mir auf der Bank. Schlaffe Wangen, wässrige Augen, riesige Hände, gelbliche Hände, gefaltet wie die Hände des Großvaters in der Leichenhalle.
Das Zittern war jetzt überall. Mein Atem und meine Knie zitterten vor Kälte und Furcht. Die Schwäne hinter dem Ufergestrüpp: blitzten auf, huschten vorbei, waren verschwunden.
Dann das Blinken. Eine Münze in der Hand des Mannes. Wie ein Zauberer im Zirkus hielt er sie ins Licht, kratzte mit ihr über die abblätternde Farbe der Bank, schob sie zu mir hin, nickte und sah hinüber zum Teich.
„Arme Viecher das. Immer dasselbe. Gehen alle ein, wenn der Winter hart wird. Kümmert sich ja kein Mensch drum. Hinterher sammeln sie die Kadaver ein, damit sich die Leute nicht dran stören.“
Leise sprach der Mann. Seine Augen blickten mich nicht an. Er hustete lange und stand sehr langsam auf. Wieder das Keuchen, wieder die schlurfenden Schritte auf dem Kies, dann hatte das Licht ihn verschluckt.
Schnell die Münze in die Tasche stecken, bevor die Mutter zurück war. Bald würde sie kommen und mich nach den Schwänen fragen. Ich sah den Großvater vor mir und hätte gern gewusst, wie es war, tot zu sein. Ich wollte keine Schwäne mehr sehen, ich wollte die Mutter nicht sehen, ich sehnte mich nach der Sonne und wollte die Augen nie wieder öffnen.
Jürgen Flenker
by LiSe | 1. Feb. 2014 | Blog, Lyrische Kostprobe
du findest mich
wieder eine windgasse
im haar fern der insel lentigo
und küsst die rücken der
gespenster im gegenlicht
im geäst die dunkelalben
wo sie ihre augen brauen
gegen deine schläfen lehnen
zwischen pergamin
die wiesen versteinern
du fädelst mein haar ein
unter der haut liegt die heimat
Nadia Wünsche
by LiSe | 1. Feb. 2014 | Blog, Lyrische Kostprobe
november, richtung fluss/ich laufe langsam/bin müde/grundlos/brunnenvoll
ich frage immer: stein oder schere? stein oder schere?/schwarze tiere hängen
in den bäumen/sind blätter und können nicht fliegen/dort das haus/sehr hoch
hat zwei türme/in die man nicht kommt/jemand öffnet ein fenster/als stießen sich
vögel ab (in flügel geschnürtes) und fielen nach oben/wie in ein sieb.
Janin Wölke
by LiSe | 1. Feb. 2014 | Blog, Vermischtes
Kunstwerke aus Papier und Pappe
Hubert Kretschmer reist um die halbe Welt auf der Suche nach Künstlerbüchern
Ein Buch ist ein Buch. Die Leserinnen und Leser der LiteraturSeiten werden da sofort zustimmen können. Doch manchmal ist ein Buch eben doch nicht nur ein Buch, sondern mehr als reines Schriftgut. Genau dieser Dimension widmet sich Hubert Kretschmer. Er sammelt Künstlerbücher, die jedes Mal ganz neu und jedes auf seine eigene Weise vom Leser gelesen werden wollen. Und er sammelt allerlei Medien, die in kleinen Auflagen das Licht der Welt erblicken: Flugblätter, Zines (Publikationen), Multiples, Plakate, Zeitschriften… In einem Archiv stellt er seine Sammlung der Öffentlichkeit zur Verfügung.
„Sieg“ heißt das Werk, das Hubert Kretschmer immer wieder gern in die Hand nimmt. Es kommt recht unprätentiös und ein wenig unfertig daher. Es besteht aus Pappe und sieht aus wie der Einband eines Buches. Doch es fehlen die Seiten. Keinesfalls aber fehlt es an einer Geschichte. Eine gemalte Faust erzählt sie, auf den vier Seiten des „Einbands“. Denn die Faust, die Christoph Mauler 1991 in fein abgestimmten Grautönen auf schwarze Pappe bannte, sieht auf jeder Seite anders aus und führt das Symbol in seiner bekannten Bedeutung ad absurdum. Die Faust ist nicht heil, der Sieg ist hinterfragt.
Die Werke, die Hubert Kretschmer in seinem Untergeschoss in der Türkenstraße sammelt, sind keine „normalen“ Bücher. Sie fordern mehr als nur Kenntnisse des Alphabets. Sie wollen verstanden werden in ihrer Gesamtheit aus Zeichen, Materialien, Farben und Formen. Wer die Voraussetzungen dieser Art von Schriftgut verstehen will, kann ein ganz normales Buch zur Hand nehmen. Es ist Kretschmers Lieblingsbuch, eine Art Manifest mit dem Titel „Second Thoughts“, das der Mexikaner Ulises Carrión 1980 herausgebracht hat. Es handele sich, sagt Kretschmer, um das wichtigste Buch über Künstlerbücher, es definiere Bücher als „eine Folge von Räumen“.
Gelesen hat Kretschmer schon als Kind gern und viel. Und immer hat er parallel auch selber kleine Heftchen gestaltet, Malbücher gebastelt, Comics gesammelt und Blätter gebündelt. Er wollte die Dinge zusammenhalten. Seine frühen Vorlieben mündeten einerseits in den Beruf des Kunstpädagogen, andererseits in diverse Aktivitäten als Verleger, Sammler und Künstler. Aus „schlechten“ Fotos macht er Bilder, die die Erwartungen des Betrachtenden unterlaufen. Mit seiner Sammlung trat er 1979 an die Öffentlichkeit, im Rahmen von drei Ausstellungen über Künstlerbücher 1979 in der Produzentengalerie in der Adelgundenstraße. Es folgte die Gründung von Verlag & Distribution Hubert Kretschmer. Der Alltag des Sammlers bestand aus Besuchen von Kunstmessen in ganz Europa und bis nach Amerika. Heute schicken ihm die Autoren von künstlerischen Druckerzeugnissen ihre Werke oft ungefragt und kistenweise zu. Die Liebe zu Reisen in Ateliers, Galerien, Buchhandlungen in den Hauptstädten der Welt ist geblieben. Schließlich gilt es, am Netzwerk zu spinnen für Künstler, die alles, was aus Papier oder Pappe ist, gestalten zu kleinen Kunstwerken, zu Werbemitteln in eigener Sache.
In den 70ern und 80ern erlebte diese Art von Publikationen eine Art Hoch-Zeit, in den 90ern entzog das Internet diesem Medium kurzzeitig die Basis, inzwischen, seit etwa 2005, gibt es ein Revival. Die jungen Leute, erzählt Kretschmer, verlangt es wieder nach Sachen, die man in die Hand nehmen kann. Das Ergebnis sind neben Künstlerbüchern Zeitschriften, Flugblätter, Zines, Multiples, Plakate und andere Medien. Kretschmer sammelt und archiviert sie. Entstanden ist so ein Archiv aus 400 Kartons und 60 Bananenkisten, in denen die Sammelobjekte fein geordnet lagern. Das Online-Archiv www.archive-artist-publications.eu bietet den Buchkünstlern eine internationale Plattform und dokumentiert ganz nebenbei, aber durchaus mit Absicht, den Zeitgeist und seine Entwicklung. Denn die Druckerzeugnisse stellen Werbemittel der Künstler in eigener Sache dar und spiegeln so die Kunstströmungen der vergangenen drei Jahrzehnte.
Ursula Sautmann
by LiSe | 1. Feb. 2014 | Blog, Kolumne
1814 war doch jenes Jahr, als Bayern tatsächlich Tirol an Österreich abgab und Napoleon zum Nachdenken nach Elba geschickt wurde. Scrawlen wir weitere 100 Jahre rückwärts und richten unser durch 69 Friedensjahre empfindsam geschliffenes Fernglas auf das Jahr 1714, so sehen wir Österreich in einen seiner Türkenkriege ziehen, und dazwischen, in Frankfurt (a. M.) anno 1759, entdecken wir – Goethe! Den neunjährigen Knaben, wie er verletzte, verwundete und verstümmelte Männer sieht, die durch die Straßen der Stadt am Karfreitag, dem 13. April, zurückgeschleppt werden vom Schlachtfeld in Bergen, dem heutigen Bergen-Enkheim, einen Steinwurf von Frankfurt entfernt. Das elterliche Haus, am Hirschgraben, gerade frisch renoviert, war schon im Januar 1759 von französischen Soldaten besetzt worden. Graf Thoranc, 40, lebte monatelang dort mit seinen Leuten. Der Vater des Dichters entging (als Anhänger Preußens) wegen einer unbeherrschten Äußerung nur knapp französischer Militär-Gefangenschaft und Tod. Dennoch schildert Goethe das alles in leicht amüsiertem Ton, als er es 1810 in „Dichtung und Wahrheit“ zu Papier bringt, und das bleibt auch so.
Die Kanonade von Valmy, die „Campagne“ in Frankreich sollte nicht sehr viel anders bebildert werden, und über die Ereignisse 13 Jahre später – Goethes Weimarer Haus am Frauenplan wurde während der Schlacht Napoleons bei Jena ebenfalls von Soldaten besetzt – schwieg der Dichter sich aus. Die Verwundeten, so wird in Dokumenten berichtet, verbluteten schreiend vor Schmerzen auf dem Schlachtfeld von Jena – die „schöne Literatur“ dagegen wandte sich den strahlenden Siegern zu oder schwieg. Die Qualen der Soldaten, die Schreie von Mann und Pferd wurden wenig beschrieben, wenig gelesen. Der Krieg hatte meist eine gute Presse, seine Schrecken vergaß man schnell, und so mag es schon sein, dass vor 100 Jahren, wie wir jetzt allenthalben lesen, die deutschen Soldaten anfangs von einer Woge der Begeisterung nach Verdun und Allenstein (alias Tannenberg) getragen wurden.
Die deutschen Dichter dagegen teilten im Juli/August 1914 keineswegs, wie heute viele Journale melden, in ihrer Mehrheit Ernst Jüngers Kriegshurra, auch nicht die Münchner wie Heinrich Mann, Feuchtwanger, Brecht, Wedekind; nicht zu vergessen die Österreicher Kafka und Georg Trakl oder weiter im Norden Tucholsky oder Remarque. Rilke fabulierte schmerzergriffen von „Kriegsgöttern“.
„Although it was a clear French victory…Ferdinand was able to slip away…“, so schmerzfrei schildert dagegen English Wikipedia das Gemetzel vor Goethes Haustür anno 1759, in dem Ferdinand von Braunschweig und die Preußen besiegt wurden. Auf Deutsch heißt es zackig : „Verluste: Frankreich 4000; Preußen 2373“.
W.H.
by LiSe | 1. Feb. 2014 | Blog, Titelgeschichte
„Die Weltliteratur wird von Übersetzern gemacht“, sagte der portugiesische Nobelpreisträger José Saramago. Die Bibel, die antiken Philosophen, Shakespeare sind erst durch ihre Übersetzung zu Allgemeingut geworden. Seit der Goethe-Zeit gilt Deutschland als klassisches Übersetzerland. Heute ist fast jedes zweite belletristische Buch eine Übersetzung. Doch die Lage der Übersetzer ist prekär.
Man stelle sich das mal vor: Eine Kindheit ohne Pippi Langstrumpf, Pinocchio und Mickey Maus, ein Heranwachsen ohne das Fiebern auf den nächsten Harry Potter, kein Asterix, Herr der Ringe, keine Emma Bovary, Anna Karenina und wie sie alle heißen, die so vertrauten Figuren, die unser Leben begleiten und unsere Fantasie beflügeln. Wer beherrscht schon so gut Französisch, Russisch, Englisch oder Schwedisch, um sie in ihrer Originalsprache aufzuspüren. Wir wären ihnen nie begegnet, hätten mit ihnen nicht gelacht, um sie nicht geweint, wir wären, kurz gesagt, ein Stück ärmer. Wenn es sie nicht gäbe, die Literarischen Übersetzer. Sie sind es, die uns den Zugang zur Weltliteratur öffnen, die Tore aufstoßen zu anderen Kulturen, Lebensformen, Denkungsarten. Sie tun es gerne und mit Leidenschaft, zeichnen Farben und Töne der anderen Sprache nach, tüfteln an Redewendungen, gehen auf Entdeckungsreise nach Wörtern, bringen uns Romanhelden aus fremden Welten erfahrbar nahe. Sie sind für die grenzüberschreitende Verbreitung von Literatur sozusagen lebensnotwendig. So hat Martin Luthers Bibelübersetzung, bei der er „dem Volk aufs Maul schaute“ und mit seiner kräftigen und bilderreichen Ausdrucksweise sprach- und stilbildend für Jahrhunderte wirkte, das Wort Gottes erst richtig unter die Leute gebracht. Und noch bis vor ein paar Jahren wäre ein Theater ohne ein Shakespeare-Stück in der Schlegel-Tieckschen Übersetzung gar nicht ausgekommen.
Dennoch wurden Übersetzer in der Vergangenheit, von einigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen, nur als Randerscheinung wahrgenommen. Dass man sie im Buch überhaupt nannte ist die eine Sache, dass man ihre Arbeit entsprechend würdigte, vor allem in der Bezahlung, die andere. Als Übersetzerin, sagte Anke Caroline Burger anlässlich der Preisverleihung des Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreises 2003, lebe man von der Hand in den Mund, für nennenswerte Rücklagen reiche die Bezahlung eigentlich nie. Auf Phasen hektischer Betriebsamkeit folge oft monatelanges, quälendes Hoffen und Bangen auf den nächsten Auftrag. Indes hatte das allgemeine Aufbegehren gegen diese Situation bereits angefangen. 2002 war das neue Urhebervertragsrecht in Kraft getreten, wonach Übersetzer zu Urhebern ihrer Übersetzungen wurden, was sie vorher offensichtlich nicht waren. Die Auseinandersetzungen, die nun zwischen gewerkschaftlich organisierten Literaturübersetzern und Verlagen über eine angemessene Vergütung begannen, zogen sich bis 2011 hin und wurden schließlich vom Bundesgerichtshof entschieden. Was nicht besagen will, dass alles befriedet ist.
Damit man sich eine Vorstellung machen kann: Vor 2002 bekamen Übersetzer ein sogenanntes Normseitenhonorar (30 Zeilen à 60 Anschläge) laut Börsenverein zwischen 12,50 und 16,60 Euro. Damit war ihre Arbeit abgegolten, am Verkauf des Buches waren sie nicht beteiligt, bei Bestsellern ziemlich ärgerlich. Trotz gewisser Verbesserungen kommen sie auch heute laut VdÜ-Erhebung im Schnitt auf nur 1000 Euro im Monat, günstige Umstände, zusätzliche Preise, Stipendien etc. inbegriffen. Die beklagenswerte Verdienstlage soll bereits zu einem Nachwuchsschwund geführt haben, bei den jungen Leuten sei wahrscheinlich das Bewusstsein gestiegen, sich nicht mehr ausbeuten zu lassen, sagt Hinrich Schmidt-Henkel, Vorsitzender des Verbands deutschsprachiger Übersetzer (VdÜ). Der Börsenverein hingegen spricht von einem durchschnittlichen Monatsverdienst von 3.300 Euro. Wobei es natürlich erhebliche Unterschiede gebe zwischen Übersetzern mit bzw. ohne Namen. Erstere können sich ihre Aufträge aussuchen und werden von den Verlagen entsprechend hofiert, ein Anfänger muss erstmal sehen, wie er zurechtkommt.
Ohne Übersetzungen kein Kulturtransfer wissen gerade auch kleinere Verlage, die sich der Literatur nicht gängiger Länder annehmen. Der A1 Verlag etwa mit Büchern aus Indien, Palästina, der Mongolei oder Kenia. Einesteils ist hier die Sprach- und Interpretationskunst des Übersetzers besonders beansprucht, andrerseits ist solch „fremde“ Literatur ungleich schwerer verkäuflich. Dass ihre Arbeit angemessen honoriert sein will, ist begreiflich, gleichzeitig graben sich Übersetzer, so will es scheinen, mit ihren Honorarforderungen das Wasser ab. Die Befürchtung, dass nur mehr schnell konsumierbare Ware übersetzt und verlegt wird, keine Zeit und kein Geld mehr für die Entdeckung weiterer Perlen der Weltliteratur da sind, unser Austausch mit fremden Kulturen und Literaturen verarmen würde, ist nicht von der Hand zu weisen. Glücklicherweise gibt es immer noch die leidenschaftlichen Büchernarren, die es nicht so weit kommen lassen. Arno Schmidt, selbst ein bedeutender Übersetzer, brachte es auf den Punkt: Sind doch ,Bücher’ mehr, / als nur ein, in unnütz-dünne / Scheiben geschnittener / Klotz KiefernSchliff: sind / ,Weltknospen an unserer Welt’!
Katrina Behrend Lesch
Auf der Website des VdÜ, Verband deutschsprachiger Übersetzer, www.literaturuebersetzer.de findet man viele nützliche Ratschläge und hilfreiche Links.