Der Park war tot. Tot wie der Großvater in der kalten Leichenhalle beim Friedhof hinter dem Wald, wo ich still sein musste, still wie die Toten. Dabei hätte ich gerne gesungen, weil es so gut hallte hier, und den Großvater hätte es sicher nicht gestört.

Gelb war der Großvater. Gelb wie die Kerzen, die ich anzünden sollte in der Kirche. Kalt und dunkel und still war es da, dass es gehallt hat, als ich die Münze in den großen Metallkasten warf. Aber da hatte der Großvater noch gelebt, obwohl alle nur flüsterten, wenn sie über ihn sprachen.

Weiß waren die Hände der Mutter. Weiß und kalt wie die Winterabende, wenn sie das Müdebinichgehzurruh mit mir sprach und sie meine Hände zum Kreuzzeichen an Stirn und Brust und Schultern führte. Weiß wie die Schwäne auf dem Teich waren die Hände der Mutter.

Hart war die Bank hier im Park, wo ich saß und den Schwänen zusah. Hart war die Bank, weil die Mutter fort war. Aber sie würde bald zurück sein und mir Lakritz bringen, weil ich auf sie wartete und brav war und den Schwänen zusah.

Kalt wie die Hände der Mutter war es im toten Park, wo es faul und modrig roch. Ich zitterte und hatte die Arme dicht um die Knie geschlungen und die Nase in den Spalt zwischen die angewinkelten Knie gedrückt. So saß ich und beobachtete die Schwäne: große weiße Segelboote auf dem Ozean.

Dann die Schritte. Schwere Schritte, anders als die leichten Schritte der Mutter. Schlurfende Schritte auf dem Kiesweg des toten Parks, das Knirschen der Kiesel, langsame Schritte, die lauter wurden, näher kamen, immer näher, so ging die Mutter nicht.

Und plötzlich das Keuchen. Keuchende Schritte. Das Keuchen des Großvaters in der Stube, singende Kessel, abfahrende Lokomotiven, der Großvater wenn seine Hand auf meinen Kopf sank, die Hand des Großvaters mit dem Geruch von Pfeifentabak und Seife.

Es war nicht der Großvater. Ein massiger Leib neben mir auf der Bank. Schlaffe Wangen, wässrige Augen, riesige Hände, gelbliche Hände, gefaltet wie die Hände des Großvaters in der Leichenhalle.

Das Zittern war jetzt überall. Mein Atem und meine Knie zitterten vor Kälte und Furcht. Die Schwäne hinter dem Ufergestrüpp: blitzten auf, huschten vorbei, waren verschwunden.

Dann das Blinken. Eine Münze in der Hand des Mannes. Wie ein Zauberer im Zirkus hielt er sie ins Licht, kratzte mit ihr über die abblätternde Farbe der Bank, schob sie zu mir hin, nickte und sah hinüber zum Teich.

„Arme Viecher das. Immer dasselbe. Gehen alle ein, wenn der Winter hart wird. Kümmert sich ja kein Mensch drum. Hinterher sammeln sie die Kadaver ein, damit sich die Leute nicht dran stören.“

Leise sprach der Mann. Seine Augen blickten mich nicht an. Er hustete lange und stand sehr langsam auf. Wieder das Keuchen, wieder die schlurfenden Schritte auf dem Kies, dann hatte das Licht ihn verschluckt.

Schnell die Münze in die Tasche stecken, bevor die Mutter zurück war. Bald würde sie kommen und mich nach den Schwänen fragen. Ich sah den Großvater vor mir und hätte gern gewusst, wie es war, tot zu sein. Ich wollte keine Schwäne mehr sehen, ich wollte die Mutter nicht sehen, ich sehnte mich nach der Sonne und wollte die Augen nie wieder öffnen.
Jürgen Flenker