[LiSe 01/14] Rezension: Märchen und Zeitdokument

Tukan-Preis geht an Dagmar Leupold für ihren Roman „Unter der Hand“

Vor rauen Nord- und Westwinden gut geschützt – so rühmt sich Schwarzort, ein kleines Fischerdorf an der Kurischen Nehrung. Dorthin zieht sich Minna zurück, die Ich-Erzählerin des Romans „Unter der Hand“ von Dagmar Leupold. Hier endet das Märchen einer 50jährigen ledigen Frau, die in München von Nachhilfestunden und Korrekturlesen lebt und der ein Mäzen zu spätem Glück verhilft. Spätes Glück – denn Minna kam als Frühchen ohne menschliche Wärme zur Welt, ist liebeshungrig und schmiedet sich eine Ersatzfamilie in einer fragilen Welt. „Unter der Hand“ erhielt im Dezember den Tukan-Preis 2013, der jährlich eine belletristische Münchner Neuerscheinung auszeichnet, die – so die Ausschreibung – „sprachlich, formal und inhaltlich herausragend“ ist. Dagmar Leupold ist eine würdige Preisträgerin.

Der Roman hat eine knappe Rahmenhandlung, in die die eigentliche Geschichte mit dem Titel „Schwarzarbeit: Ein Märchen“ eingebettet ist. Doppelbödigkeiten wie Schwarzarbeit durchziehen das ganze Werk von Dagmar Leupold, da gibt es Schwarzort, Schwarzfahrten, Schwarzgeld und Schwarzgalligkeit, die gut zu den dunklen Gedanken von Minna passen. Allerdings soll sie keine Pechmarie bleiben, sondern eine Goldmarie werden: Sie erhält Geld von ihrem Mäzen Vico, der sie zur Glücksmissionarin, zur Märchenschreiberin machen will. Minna tritt denn auch schnell in das Leben von vier Menschen ein. Das sind die Nachhilfeschüler Parwiz und Anja, der frühpensionierte Lehrer Heinrich, mit dem sich eine glückliche Beziehung anbahnt, und Lotte, die 81jährige Ostpreußin. Die alte Dame nimmt Minna in Beschlag: Sie gehen ins Museum, misten Kleider aus, jagen einen Versicherungsvertreter zum Teufel oder unternehmen – zu viert als Patchworkfamilie – Ausflüge, kochen und essen gemeinsam. Als die Ostpreußin stirbt, wird sie eingeäschert, ihre Asche streuen Minna und Heinrich in die Ostsee – bei Schwarzort an der Kurischen Nehrung. Back to the roots.

Soweit das Märchen, das Bilderbuch, das Auftragswerk. Es steht im Kontrast zur Lebenswirklichkeit der Ich-Erzählerin: Sie muss von Gelegenheitsjobs leben, giert frierend nach menschlicher Wärme, ist suizidgefährdet, taucht ab in Melancholie, die dem Leser szenische Miniaturen und Beobachtungen großer Finesse und Behutsamkeit beschert. Minna erzählt und lebt eine prekäre
Existenz in einem selbstgefälligen München, ein kärgliches Schriftstellerdasein in einem
Elfenbeinturm, eine Glückssuche in einer kalten Gesellschaft. Dabei müsste es dieser Nachkriegsgeneration doch so schlecht gar nicht gehen: „Wir konnten die noch warmen Laken und Kissen der 68er weiter beschlafen, ohne die Betten bauen zu müssen“. Die Vorkämpfer in den späten 60er Jahren waren forsche, politische Köpfe – die mutlosen Nutznießer des frühen 21. Jahrhunderts sind Mängelexemplare, belegen nur Anfängerkurse. So urteilt die Tukan-Jury denn auch über den Leupold-Roman: „Diese Minna ist die exemplarische Repräsentantin einer Generation, für die Freiheit und Emanzipation zur leeren Beliebigkeit geworden ist und sich selbst als parasitär empfindet“. Dagmar Leupold hat einmal gesagt. „Ich glaube an die Zeitgenossenschaft“. Minna ist Zeitgenossin und Märchenfigur zugleich. Der Roman „Unter der Hand“ ist somit ein Märchen und unter der Hand ein literarisches Zeitdokument. Unbedingt lesen!
Ina Kuegler

[LiSe 01/14] Mit Kunst zu Mut und Selbstvertrauen

Der Horncastle Verlag erarbeitet mit Kindern und Jugendlichen Bücher und Audio-CDs / Vom Kultusministerium ausgezeichnet

Acht Jahre Engagement, Herzblut und eisernes Festhalten an dem Motto KUNST MACHT MUT haben sich gelohnt. Der Horncastle Verlag wird vom Bayerischen Kultusministerium mit dem Preis für einen bayerischen Kleinverlag ausgezeichnet. Die Verlegerin Mona Horncastle erarbeitet in Bildungsprojekten zusammen mit Museen, Orchestern und Theatern, finanziellen Förderern und mit Kindern und Jugendlichen sehens- und hörenswerte Bücher über Kunst, Theater und Musik.
Jetzt veröffentlicht sie auch digitale Bücher, die sie kostenlos ins Netz stellt und zu denen jeder seinen kreativen Beitrag leisten kann.

Ein Foto zeigt Mona Horncastle, klein und zierlich, mit kessem Kurzhaarschnitt, bequem in einem Sessel liegend, die Beine auf der Armlehne, entspannt lächelnd. Soll man sich so die Arbeit einer Kleinverlegerin vorstellen? Die sich zum Ziel gesetzt hat, Kinder und Jugendliche mit Kunst nachhaltig in Berührung zu bringen. Ihnen mit Kunst Wissen zu vermitteln und damit Mut. Kein einfaches Unterfangen, denn einem gedruckten Horncastle-Buch, meistens ergänzt durch eine Audio-CD, geht oft eine mehrjährige Projektarbeit voraus. Es müssen Trägheiten überwunden, Überzeugungsarbeit geleistet werden. Mona Horncastle kann das, sie sagt von sich selbst, das sei ihre große Qualität. „Ich kann Menschen zusammenbringen und für meine Vorstellungen begeistern. Und ich halte, was ich verspreche, das lässt sich an den Ergebnissen sehen.“

Nun sind sie prämiert worden, die Ergebnisse, mit dem mit 7.500 Euro dotierten Preis für einen bayerischen Kleinverlag. Für seine „anspruchsvollen akustischen Museumsführer und Hörbücher zu den Themenbereichen Kunst, Theater und Musik“, wie es im Pressetext des Kultusministeriums heißt. Dass sie „nur“ für Kinder und Jugendliche gemacht sein sollen will einem beim Durchblättern des Titels Mondrian Weniger ist mehr nicht recht einleuchten. Von der klaren, verständlichen, beinahe leidenschaftlichen Hinführung zu Piet Mondrians Bildern und der Entwicklung seiner Kunst als Marke fühlen sich Erwachsene ebenso angesprochen. Den Text hat Mona Horncastle verfasst, bei der Realisierung geholfen haben ihr dabei Jugendliche. Sie haben sich auf die Bilder eingelassen und ihre ganz eigenen unkonventionellen Ideen dazu akustisch umgesetzt.

Das ist sozusagen Horncastles Marke. Die Zusammenarbeit mit Kindern und Jugendlichen, auf der ihre Bücher basieren, betreibt sie seit fünf Jahren. Sobald eine Idee steht, schreibt sie die Schulen an. Beim Mondrian-Projekt, das anlässlich der Ausstellung Mondrian und De Stijl im Lenbachhaus entstand, war es die Willy-Brandt-Gesamtschule. Für das Renaissance-in-Augsburg-Projekt haben sich Jugendliche einer dortigen Mittelschule auf Spurensuche begeben, für das Paula-Modersohn-Becker-Buch waren natürlich Kinder aus der gleichnamigen Schule in Bremen beteiligt. So gewinnt sie größtmögliche Nähe sowohl zum Objekt als auch zu den späteren Nutzern.

In einem Workshop setzen sich die Schülerinnen und Schüler, fachlich angeleitet, aber nicht dominiert, mit dem Thema auseinander. Sie gestalten Szenen, die ihnen beim Anschauen der Bilder einfallen, und nehmen sie im Aufnahmestudio selbst auf. Farben werden zu Tönen, Gemälde verwandeln sich in Klangbilder. Kinder erfassen das ganz intuitiv, und Mona Horncastle nutzt dieses Reservoir. „Ich beute die Kids nicht aus, das Ziel ist immer das Buch, für sie ein ganz großer Motivationsfaktor. Nebenbei wächst ihnen Wissen zu, und durch Wissen gewinnen sie Selbstvertrauen und Mut.“ Womit wir wieder bei dem Verlags-Motto wären. Die Schülerin Daniela, die anfangs höchst unlustig, dann mit wachsender Begeisterung an dem Augsburger Projekt teilgenommen hat, fasst das in dem Satz zusammen: „Der Spaß entsteht dann, wenn man weiß, mit was man es zu tun hat.“

In diesem Jahr veröffentlichte Mona Horncastle erstmals ein Buch auch digital. MyFair entstand auf der Frankfurter Buchmesse, an die 100 Jugendliche haben vor Ort gearbeitet. „Sie bekamen ihre Aufgabe, sind dann ausgeschwärmt und haben anschließend ihre Arbeit bei mir abgegeben, Reportagen, Interviews, kleine Filme, Fotos. Da wurde nichts geschnitten. Ich fand es nicht richtig, so viel nachzubearbeiten.“ Aus dem Projekt hat sich eine Kooperation auf europäischer Ebene ergeben, die Jugendlichen übersetzen ihre Texte selbst ins Englische.
MyFair ist frei zugänglich im Internet, fünf weitere Bücher unter dem Imprint MyBook sind in Vorbereitung. Die gelernte Fotografin und Kunsthistorikerin sieht damit nicht das Ende von gedruckten Büchern gekommen, sie klinkt sich mit diesem Angebot lediglich in die Lebenswelt der Kids ein. „So gern sie letztlich an einem Projekt mitarbeiten, so stolz sie darauf sind, das fertige Werk in Händen zu halten, sie finden es schade, dass sie es nicht auf Facebook posten oder auf ihre Websites stellen können.“

Ob sie sich mit kostenlosen Büchern im Netz als Verlegerin nicht selbst das Wasser abgrabe, beantwortet sie, einen Kollegen zitierend: „Die Dimension der Kommunikation hat sich vergrößert. Vorher waren nur die Institutionen, Museen, Theater, Orchester etc. dazu in der Lage, jetzt kann mit Hilfe der sozialen Medien jeder selbst Sender werden.“
Katrina Behrend Lesch

[LiSe 12/13] Büchersammler (Folge 4)

Nachruf: Eine Bibliothek zu Ehren der Nazi-Opfer

Georg P. Salzmann ist gestorben.
Bücher waren seine Leidenschaft – und er ist immer fündig geworden, in Antiquariaten, auf Messen, auf Flohmärkten oder in den schäbigsten Bananenkartons vor einem Trödelladen. Georg P. Salzmann hat überall Kostbarkeiten entdeckt. Gut 15 000 Bücher hat er zusammengetragen und zwei große Sammlungen aufgebaut. Deutschlandweit bekannt geworden ist seine „Bibliothek der verbrannten Bücher“ mit 12 000 Exemplaren, die im Jahr 2009 in den Besitz der Uni Augsburg übergegangen sind. Am 9. November ist Salzmann 84-jährig in Lochham bei München gestorben. Bayerns Bildungsminister Ludwig Spaenle würdigte Salzmann als eine „Ausnahmepersönlichkeit“, dessen Sammlung eine „enorme Bedeutung für Forschung, Lehre und Bildungsarbeit“ habe.

Ein einziges Buch, so verriet Salzmann noch in diesem Sommer, habe ihm bei der Sammlung der verbrannten Bücher gefehlt: die Trauerrede auf Sigmund Freud, die Stefan Zweig 1939 in London gehalten hat. „Aber die gab es nur in einer Auflage von 100 Stück, die an die Trauergäste verteilt wurde“, erinnerte sich der Sammler. Die Werke von 110 Autoren, die von den Nazis verfemt worden waren, hat Salzmann zusammengetragen, begonnen hat er 1949 mit Lion Feuchtwangers „Der jüdische Krieg“. In den systematischen Aufbau seiner „Bibliothek der verbrannten Bücher“ stürzte sich Salzmann Mitte der 70er Jahre. Dabei ist es ihm gelungen, 80 Autoren fast vollständig und lückenlos zu dokumentieren, von weiteren 30 Schriftstellern hat er zumindest die wichtigsten Werke sammeln können. Es waren Exemplare von Heinrich Mann, Bertolt Brecht, Erich Kästner, Joseph Roth, Max Brod, Franz Werfel, Erich Maria Remarque, Thomas Mann, Carl Zuckmayer oder anderer Geächteter. Zur Bibliothek gehörten Kostbarkeiten wie die Erstausgabe der „Schachnovelle“ von Stefan Zweig, die in einer Auflage von 300 Stück in Buenos Aires erschienen war. Zur Intention seiner Sammelleidenschaft hatte Salzmann einmal erklärt, er habe nicht gewollt „dass die Nazis im Nachhinein Recht behalten“. Die hatten bekanntlich am 10. Mai 1933 in mehr als 60 Städten in Deutschland die Werke fast einer ganzen Generation von Dichtern und Denkern verbrannt – allein in München nahmen 50 000 Menschen an der Bücherverbrennung teil.

2009 ging die Sammlung mit 12 000 Exemplaren in den Besitz der Augsburger Universität über – in vielen Lieferwagen wurden die kostbaren Bände an den Lech transportiert. „Mein Wohnzimmer war auf einmal ganz leer“, erzählte Salzmann. Seine Regale waren aber wieder schnell gefüllt, der 1994 pensionierte Finanzkaufmann hatte eine neue Leidenschaft entdeckt: Er trug illustrierte Bücher zusammen. Zum Schluss sollten es mehr als 3000 sein. Schwerpunkt seiner neuen Sammlung waren Werke aus der Zeit von 1900 bis 1950, illustriert von Alfred Kubin, Frans Masereel, Ernst Barlach oder George Grosz. Voll Stolz zeigte Salzmann seinen Besuchern beispielsweise eine Flaubert-Erzählung auf Büttenpapier, zu der Max Slevogt die Zeichnungen geschaffen hatte – es war die Nummer 183 bei einer Auflage von 200. Drei Stunden täglich saß Salzmann noch in diesem Sommer am Computer, um über ZVAB (Zentralverzeichnis antiquarischer Bücher) nach Fundstücken zu suchen. Unglücklich nannte Salzmann nur die Tage, an denen er kein Päckchen mit antiquarischen Bänden erhielt – glücklich war er dann, wenn er in Münchner Antiquariaten nach Kostbarkeiten stöbern konnte.
Ina Kuegler

[LiSe 11/13] Büchersammler (Folge 3)

Der kleine Blick in die große Welt
Binette Schroeder hat knapp 5000 Bilderbücher zusammengetragen

Als Bilderbuchkünstlerin ist sie international bekannt, als Bilderbuchsammlerin hingegen lange nur den Insidern. Mehr als 4700 Bücher hat sie in über 40 Jahren Sammlertätigkeit zusammengetragen, heute sind sie im ihr gewidmeten Binette-Schroeder-Kabinett in der Internationalen Jugendbibliothek aufgehoben. Selbst für diese Bibliothek ist eine Sammlung, auf der Basis der Illustration etwas Besonderes.

Schon immer fühlte sich Binette Schroe-der von Bildern magisch berührt. Randolph Caldecott war einer von denen, die mit ihren Illustrationen an ihr Herz griffen. Von diesem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lebenden britischen Maler und Illustrator besaß sie das Bilderbuch „The Babes in the Wood“, eine ebenso rührende wie grausame Geschichte. Sie erschütterte sie so, dass sie das Buch auf dem Speicher in der hintersten Ecke versteckte, um jedoch immer wieder hinaufzusteigen und sich beim Anschauen vom Schauer des Entzückens und Grauens gleichermaßen erfassen zu lassen. Auf dem Schoß ihres Großvaters, eines bibliophilen Büchersammlers sitzend lernte sie, sich in Bilder zu vertiefen und ihnen das abzugewinnen, was für sie auch heute noch das Bestimmende in ihrer Art des Sammelns ist: „Ist die Illustration großartig, nehme ich das Buch in meine Sammlung auf, da kann der Text noch so schwächlich sein. Ich gehe also sehr subjektiv vor, denn für mich zählt ausschließlich die Qualität der Bilder.“

Binette Schroeder ist keine systematische Sammlerin. Ihr Blick ist immer ein suchender, auf Messen, in Buchhandlungen, in Antiquariaten. Und ihre Auswahltechnik ist immer gleich. Das Titelbild muss sie anziehen. Danach geht alles in Sekundenschnelle. Hält beim Durchblättern die Faszination, ist die Entscheidung gefallen. Schwankt und überlegt sie, ist immer ein Haken dran. Ein Buch, das in diesem Zwiespalt gekauft wurde, kommt meistens nicht in die Sammlung. Es ist hauptsächlich das moderne Bilderbuch, das zeitgenössische, das ihr den Kick gibt. Angefangen hat es in Basel, wo sie die Kunstschule besuchte, mit dem Buch „C’est le bouquet – Das ist der Gipfel“ von Alain de Foll (nomen est omen). Ein verrücktes Bilderbuch in der Op- und Popart-Manier, wie sie Ende der 60er Jahre kurz auch die Kinderbücher eroberte. Es war das goldene Zeitalter, als die Illustrationen noch spannend und aufregend waren, als Binette Schroeder zum ersten Mal die Frankfurter Buchmesse besuchte, als ihr die Augen übergingen. Ihre Begeisterung kannte keine Grenzen, sie trieb sich auf den Ständen der Polen, der Tschechen, der DDR herum. „Von da kam Neues, auf der Ebene war bei denen viel los. Ich wollte sie alle haben, kaufte sie unter der Hand gegen harte D-Mark, schickte bleischwere Bücherpakete nach Hause.“

Neben dem schieren Habenwollen, das wohl jeden Sammler antreibt, steht für Binette Schroeder die nie versiegende Neugier im Vordergrund. „Es geht mir um die Entwicklung einer neuen Ästhetik, um neue Sichtweisen, Visionen, Tendenzen. Und vor allem um neue junge Talente. Ich kann mich sogar für solche begeistern, die ihre Illustrationen gegen den Strich bürsten, die sehr eigen, schräg oder sogar hässlich arbeiten – dafür lebendig und aufregend. Ganz wichtig auch der Ansatz, was rührt das Kind in mir an. Leider gibt es nur wenige highlights, die dieses wunderbare Gefühl spontan in mir entstehen lassen.“
So ist für sie das Bilderbuch der kleine Blick in die große Welt geblieben.
Katrina Behrend Lesch

Binette-Schroeder-Kabinett in der Internationalen Jugendbibliothek, Schloss Blutenburg.
Geöffnet: Mo-Fr 10-16 Uhr, Sa-So 14-17 Uhr, an Feiertagen geschlossen.
Erwachsene 1 EUR, Kinder frei.

[LiSe 10/13] Büchersammler (Folge 2)

Lesen allein ist nicht genug
Reinhard Grüner und seine wunderbaren Künstlerbücher

Die Seiten sind zerfetzt, die Buchstaben kugeln sich, Blätter und Bindfäden klammern sich an die Seiten, monströse Köpfe treten heraus, eine Schraube verschließt Buch und Deckel – das sollen Bücher zum Lesen sein? Nein, es sind Bücher zum Lesen und zum Schauen, Tasten und Er-Fühlen. Reinhard Grüner sammelt Künstlerbücher, sein Schwerpunkt ist Osteuropa. In der Internationalen Jugendbibliothek sind derzeit einige seiner Kunstwerke ausgestellt.

Künstlerbücher sind Kunstwerke in Buchform. Meist liegen sie schon ganz anders in der Hand als „normale“ Bücher. Ein Brett oder ein Holzblock sollten den Bücherliebhaber da nicht gleich aus der Fassung bringen. Wenn es Blätter gibt, muss man mit allem rechnen: mit Klecksen und Falten, Pappfiguren und Maché-Körpern, Muscheln und Sand, Montagen und Collagen, feinsten Zeichnungen und bombastischen Farborgien. Lesen ist nur eine von vielen Aktivitäten, die dem Nutzer hier offen stehen. Die Liste der verarbeiteten Materialien ist unerschöpflich. In der Internationalen Jugendbibliothek gibt es gar ein Buch aus Bleiplatten in einem Korpus aus Bergahorn, der regelmäßig zu befeuchten ist, damit das Moos in den Ritzen nicht austrocknet.

Künstlerbücher eröffnen Möglichkeiten, die man dem Buch zunächst nicht zutraut. Reinhard Grüner hat dieser Zusammenführung von Kunst und Buch, von Bild und Text, von Material und Ausdruck seine ganze Freizeit gewidmet. Frühmorgens macht er sich auf in seine Schule, die er als stellvertretender Direktor leitet, am Nachmittag wartet seine Sammlung schon auf ihn. Regale bis unter die Decke, Bücherstapel bis in die Mitte des Flurs
hinein und nur wenige Quadratmeter für Tisch und Bett – damit müssen er und seine Frau Cornelia Göbel leben. Sie wollen es so, denn Künstlerbücher sind ihre gemeinsame Leidenschaft. Cornelia Göbel hat noch aufgestockt, mit allerlei Eulen, die ihr persönliches Steckenpferd sind und den Sinn der Sammlung ihres Lebensgefährten vortrefflich ergänzen.

Reinhard Grüner ist ein Mensch, der schon immer einen Hang zum Lesen und zum Archivieren hatte. Einer Strategie beim Sammeln hat er sich nicht verschrieben, er steht nicht auf bestimmte Künstler, Richtungen, Konzepte oder Editionen. Es begann am 3. Mai 1976, Grüner studierte in England und war an die Ostküste gefahren. Da fiel ihm eine ganz eigen gestaltete „Abhandlung über das Grillen von Schweinefleisch“ in die Hand. Texte und Bilder fügten sich in einer Weise zusammen, dass „es“ Grüner packte – „es“, die Leidenschaft für das Buch als Kunstwerk. Dabei müssen die Bücher nicht schön im üblichen Sinn sein. Es geht ihm um eine Aussage, eine Botschaft, eine Geschichte. Position zu beziehen, das ist ihm wichtig. Der Text ist Mittel zum Zweck, der aus seiner Sicht ideale Zugang zur Kunst.

Die Werke junger Künstler liegen Grüner besonders am Herzen, oft wartet der Sammler geradezu auf das nächste Werk eines Künstlers, den er schätzt – und irrt sich selten. Viele Künstler kennt er persönlich, auf Messen lernt er neue kennen.

Zum Glück sind Künstlerbücher „weit weg vom Kunstmarkt“, sagt Grüner; sie wären sonst um einiges teurer. Es handelt sich also um echte Liebhaberobjekte, und Grüner würde nie auch nur ein einziges Objekt aus seiner Sammlung vermarkten. Er hängt an jedem Buch, verbindet mit jedem Werk eine Erinnerung. Seine jüngste Erwerbung handelt von „Gevatter Tod“, die Auflage beträgt 150, jedes Buch ist anders gestaltet. Der Tod ist für Grüner, neben der Liebe, ein Thema, das den Menschen begleitet, ein Leben lang. Dieses Thema ist nicht verkäuflich.

Schwerpunkte hat die Sammlung des Schwabingers inzwischen doch, sie haben sich im Laufe der Jahrzehnte entwickelt. Er nennt russische Buchkunst junger, noch lebender Künstler, er nennt die Wendezeit in der DDR, die „freche, aufregende, politische Buchkunst“ hervorgebracht habe. Zum Teil handelt es sich um Untergrundpublikationen, die eine Sehnsucht bezeugen, in der Reinhard Grüner sich wiederfinden kann. Opposition und Kreativität sind Geschwister, und in der DDR durften Bücher eben auch teuer sein, existierte nicht die Werbung als Spielfeld für gestalterische Ideen.

Grüner verweist auf Künstlerbücher aus Litauen, Korea, Frankreich, England, Ungarn, Polen, Tschechien und Mexiko in seiner Sammlung. Sie alle helfen ihm tagtäglich, zur Ruhe zu kommen. Davon will Grüner immer wieder auch seine Mitmenschen überzeugen, in Ausstellungen quer durch Deutschland. Die nächste wird in der Staatlichen Bibliothek in Regensburg stattfinden.
Ulla Sautmann

Die Ausstellung „Löweneckerchen, Gulliver und Ali Baba“ in der Schatzkammer der Internationalen Jugendbibliothek (bis 10. November) ist Mo. bis Fr. von 10 bis 16 Uhr, Sa/So von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Am 6. und 27. Oktober finden jeweils um 15 Uhr Führungen mit Reinhard Grüner statt.

[LiSe 07/13] Büchersammler (Folge 1)

Handverlesene Kostbarkeiten
Wunderhaus und Zauberboot

Die Sammlung von Barbara Murken umfasst mehr als 1000 Kinder- und Jugendbände.

Streifzüge sind eine der beliebtesten Tätigkeiten von Dr. Barbara Murken. Ihre bevorzugten Erkundungsorte sind Antiquariate und Auktionen. Denn dort ist immer mal wieder genau das Kinderbuch zu finden, das der Ärztin und Psychotherapeutin aus Ottobrunn gerade noch fehlt in ihrer Sammlung. Wenn es sich um eine handverlesene Kostbarkeit – womöglich noch aus dem frühen 20. Jahrhundert – handelt, dann wird Barbara Murken mit hoher Wahrscheinlichkeit zugreifen, der gestiegenen Marktpreise zum Trotz. Ansonsten wird sie einfach ihre Streifzüge fortsetzen.

Barbara Murken war Studentin, als sie begann, durch die Antiquariate und – damals noch – über die Flohmärkte in und um München zu streifen. Kinderbücher hatten es ihr angetan, vielleicht auch, um ein Stück Kindheit zu retten nach dem Umzug der Familie 1959 von Schmalkalden in Thüringen nach Ottobrunn. Barbara Murken war da gerade erst 14, die vier Brüder ausnahmslos älter. Als sie sich fürs Sammeln von Kinderbüchern entschied, Mitte der 60er Jahre, waren die Fundstücke noch bezahlbar, und die Antiquare der Stadt standen der jungen Sammlerin mit Rat und Tat zur Seite, wie sie heute betont.

So wuchs die Ottobrunnerin hinein in ein Sammlungsgebiet, das sich über drei Jahrhunderte erstreckt. Die Keimzelle war „Orbis sensualium pictus“ („Die sichtbare Welt“) von Johann Amos Comenius, ein Buch, das als das erste Werk der Kinder- und Jugendliteratur gilt und 1658 erschien. „70/80 Mark, das war machbar, das Buch war gut erhalten, ich habe es heute noch“, erzählt Barbara Murken.

Von Anfang an beschränkte sie sich nicht auf das Sammeln. Sie las die Bücher, später gemeinsam mit den eigenen Kindern, sie beschäftigte sich intensiv mit den Illustratoren und mit den Autoren, und sie organisierte selber Ausstellungen und verfasste Kataloge und Bibliografien. Mit Aufsätzen in Fachzeitschriften und Vorträgen auf Tagungen machte sie sich einen Namen als Expertin. Schon früh galt ihr Hauptinteresse dem frühen 20. Jahrhundert. Man begann, Kinder nicht mehr nur als kleine Erwachsene zu sehen. Mit den Ideen und Erkenntnissen der Psychoanalyse gewann die Kinderpsychologie eine ganz neue Bedeutung. Bücher für Kinder gerieten in den Fokus der Erwachsenen, nicht zuletzt der Künstler, die begannen, ihre Begabung in den Dienst kindgerechter Werke zu stellen. Kinderbücher wurden zu kleinen Kunstwerken und damit zu Zeugnissen – beispielsweise – des Jugendstils. Barbara Murken nennt in diesem Zusammenhang Ernst Kreidolf, der in seinem ersten Bilderbuch „Blumenmärchen“ (1898) Bilder und Schrift kunstvoll gestaltete.

Eine Bilderbuch-Künstlerin, die der Ottobrunner Sammlerin besonders am Herzen liegt, ist Tom Seidmann-Freud. Die Nichte Sigmund Freuds wurde 1892 in Wien geboren. Sie galt als scheu und schwierig, unglücklich und unschön und starb 1930 verzweifelt und einsam an einer Überdosis Tabletten. Geblieben sind ihre Spielbücher „Das Wunderhaus“ und „Das Zauberboot“, mit denen Kinder Karawanen eine Brücke überqueren lassen können, ihre vier Spielfibeln, die den Spieltrieb der kleinen Leserinnen und Leser nutzen, und nicht zuletzt das „Buch der erfüllten Wünsche“, das von den Auswirkungen der Psychoanalyse auf das Kinderbuch zeugt. Über Tom Seidmann-Freud hat Barbara Murken einige Arbeiten veröffentlicht.

Die Sammlung von Barbara Murken umfasst inzwischen über 1000 Bücher in gut klimatisierten Regalen. Teile wurden und werden noch in die Internationalen Jugendbibliothek ausge-gliedert, die mit der Sammlerin eine enge Zusammenarbeit pflegt.

Streifzüge unternimmt die Ottobrunnerin auch heute noch regelmäßig, wenn auch inzwischen häufig „mental“, durch Bibliographien oder Auktionskataloge. Seltene und besonders prachtvolle Ausgaben lässt sie sich manchmal schenken – oder schaut sie einfach nur an, denn „man muss nicht alles haben, man muss es nur kennen“, so die Einsicht angesichts meterlanger Regale. Selbstverständlich gibt es Ausnahmen, „Bücher, die einen anspringen“, so wie „Knirps, ein ganz kleines Ding“ von Lou Scheper-Berkenkamp, eine Bauhauskünstlerin. In so einem Fall hält auch eine routinierte Sammlerin wie Barbara Murken inne – einmal Sammlerin, immer Sammlerin.
Ursula Sautmann