[LiSe 03/23] Kurzgeschichte: Willi, das Chamäleon

Von Paul Holzreiter

Der Kies knirscht, die Sonne blinzelt durch die Kastanien, der Willi, eben noch vor mir auf den Biertisch hingelümmelt, kriegt auf einmal einen weiten Blick. Er rappelt sich hoch, richtet sich hinter seiner Mass auf: „Ich bin ein Chamäleon.“

Ein Chamäleon? Der Willi? Wie kommt er denn da drauf? „Kack“, sage ich, „kack, bist du ein Chamäleon. Du bist der Willi!“ (mehr …)

[LiSe 03/23] Rezension: Spannung mit Anne Freytag

Von Ursula Sautmann

NIP heißen die Chips, die den Menschen ins Gehirn gepflanzt werden. Sie können geschädigte Nervenbahnen ersetzen und damit die Folgen von Schusswunden und Rückenmarksverletzungen  heilen, erlauben aber eben auch den Zugriff von außen auf das Gehirn des Probanden. Sie können Erinnerungen an traumatische Erlebnisse löschen, aber auch Befehle übertragen und den Menschen ihren freien Willen nehmen. Das Folgemodell, der NINK, ist noch vielfältiger und genauer zu nutzen. Und die Menschen haben noch nicht einmal etwas gegen diese Chips. Im Gegenteil, erlauben sie ihnen doch, eine neue Sprache nicht erlernen zu müssen, sondern umgehend parat zu haben. Kurz: Sie machen vieles einfacher und erträglicher. (mehr …)

Ausschreibung writer in residence Gelsenkirchen 2023

Bis zum 12. März 2023 nimmt die Stadt Gelsenkirchen Bewerbungen entgegen für das diesjährige Literaturstipendium „writer in residence“. Drei Monate lang (15.7.-15.10.2023) soll eine Autorin bzw. ein Autor in Gelsenkirchen literarisch arbeiten. Gelsenkirchen – mitten im Herzen des Ruhrgebiets gelegen – will dabei Residenz, Inspiration und Arbeitsfeld sein. Das Stipendium ist mit 4.500,- Euro dotiert und richtet sich an Autorinnen und Autoren bis 40 Jahren, die bereits veröffentlicht haben.

Weitere Infos unter www.gelsenkirchen.de/literaturstipendium

[LiSe 02/23] „Frauen, Ihr verdankt ihr alles!“

„Simone de Beauvoir & Das andere Geschlecht“, eine Ausstellung im Literaturhaus München

Von Katrin Diehl

Was jedenfalls keine vergessen sollte, ist, noch einmal einen Blick zurückzutun. Wenn die Besucherin also den Raum in seiner gesamten Länge durchschritten hat, wenn sie dort vor der Wand mit der durch ein paar feine Längen- und Breitengrade angedeuteten Weltkarte steht, dann kann sie sich erst einmal ein bisschen wundern. Da sind ein paar Erstveröffentlichungen der Übersetzungen von Simone de Beauvoirs feministischem Meilensteinwerk „Le deuxième sexe“, das 1949 in Paris erschienen ist, angebracht. (mehr …)

[LiSe 02/23] Kolumne: 99 … 66

Das könnte den vitalen Redefluss natürlich etwas stören. Weil meistens sind sie ja so richtig in Fahrt, wenn sie irgendwo in ihrem engagierten kleinen oder größeren, privaten oder öffentlichen Vortrag diese „air quotes“ einbauen, diese aktiv agierenden Fingerhasenohren. Da werden also flugs Zeige- und Mittelfinger beider Hände nach oben ausgestreckt (den Daumen nach innen anlegen, sonst wird’s zum Schwur), um sie dann ein wenig neckisch, gleichzeitig und vor allem ziemlich schnell zweimal bis zum zweiten oberen Fingerglied abzuknicken. (mehr …)

[LiSe 02/23] Lyrische Kostprobe

Wie stricken, wenn es friert

Katharina Kohm ist Jahrgang 1985, studierte zunächst Biologie, wechselte dann zu Germanistik, Kunstgeschichte und Psychologie in Heidelberg.

Gedichte sind für sie Realien, mit Bildender Kunst und Architektur besser zu assoziieren als mit linearer Sprache, die uns als Kommunikationsmittel dient, mit der wir uns aber so oft nicht verstehen. Sprachkunst zu bilden ist für Kohm ständiges Probieren, ein organischer Prozess wie Textilien weben oder Pullover stricken, wenn es friert. So haftet jedem Text etwas Körperliches an – ausgerichtet auf einen Dialog, auf Austausch –, der erst beim Lesen und Erspüren zu leben anfängt. (mehr …)