by LiSe | 1. Juli 2021 | Blog, Rezension & Buchempfehlungen
Zwischen Ural und Kamtschatka
Von Katrina Behrend Lesch
Kälte, Straflager, Verbannung,– das verbindet man gemeinhin mit Sibirien, aber sicher nicht Klaviere. Die britische Journalistin Sophy Roberts belehrt uns eines Besseren. Beseelt von dem Gedanken, für die mongolische Pianistin Ogderel Sampilnorow einen Konzertflügel aufzuspüren, begibt sie sich zwischen Ural und Kamtschatka auf die Suche nach Sibiriens vergessenen Klavieren. So erfährt man, dass selbst in die entlegensten Orte dieses Riesenreichs, gefördert sowohl von Katharina der Großen als auch Lenin, die kulturelle Bildung vorgedrungen war und dass mit den Geschichten der Bechsteins, Broadwoods, Erards oder Stürzwages, die Roberts aufstöbert, die Geschichte Russlands eng verbunden ist. (mehr …)
by LiSe | 31. Mai 2021 | Blog, Titelgeschichte
Zur Frage: Wer darf welche*n Autor*in übersetzen?
Von Ursula Sautmann
Als Amanda Gorman bei der Inauguration des neuen amerikanischen Präsidenten Joe Biden ihr Gedicht „The Hill We Climb“ vortrug, hat sie sich an die Welt gewandt. Nicht überall wird der Text verstanden, er muss übersetzt werden. Es braucht also Übersetzer*innen, um dem Text Geltung zu verschaffen. Meist entscheiden die Verlage in Absprache mit dem*r Autor*in über die Auftragsvergabe, sagt Tanja Handels, die seit 2003 literarische Texte aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt, u.a. von Zadie Smith und Bernardine Evaristo. Übersetzer*innen bewerben sich oder werden empfohlen. Für das Gedicht von Amanda Gorman hatte ein niederländischer Verlag Marieke Lucas Rijneveld den Auftrag erteilt. Rijneveld ist eine junge weiße, non-binäre Lyrikerin. Sie gab den Auftrag zurück, als kritisiert wurde, dass keine Schwarze Übersetzerin gewählt wurde. „Ist es nicht mindestens eine verpasste Chance…?“, fragte die Journalistin Janice Deul in einer niederländischen Tageszeitung. (mehr …)
by LiSe | 31. Mai 2021 | Blog, Kolumne
Und mit dem Sommer, so heißt es, kommen die Wölfe (und wo der Wolf heult, ist der Luchs nicht weit). Jetzt sogar Bissingen, frommes Schwabenland! Dort wurde er Anfang Mai fotografiert, der Wolf, nur 99 km vor München, Luftlinie. Der Bürgermeister ließ, während man hier noch über den zweiten „Wiesn-Verzicht“ palaverte, die Zäune höher ziehen. Ausgerechnet Bissingen – was für ein Omen! Das kann doch kein Zufall sein. Aber der Wolf kommt, wohin er will. Und wann er will. Die Sommer sind ihm egal, denn der Sommer ist nicht mehr der alte! (mehr …)
by LiSe | 31. Mai 2021 | Blog, Lyrische Kostprobe
Slata Roschal, geboren 1992 in Sankt Petersburg, ist Lyrikerin und Literaturwissenschaftlerin. Sie lebt bei München. Ihr Debütband Wir verzichten auf das gelobte Land erschien 2019 bei Reinecke & Voß in Leipzig. RED
Den Anfang machten alte Frauen
Sie ließen verbliebene Haare toupieren und wellen
Dann kamen Piloten dazu Kapitäne zur Hälfte gerauchte Zigarren
Es kam ein Schwarm dazu an Libellen
Ein guter Tod ist ein verjährter Tod (mehr …)
by LiSe | 31. Mai 2021 | Blog, Vermischtes
Über hundert Jahre im Dienste des Theaters: Der Drei Masken Verlag
Von Katrin Diehl
Der 110. Geburtstag musste ausfallen. Auf den 111. hofft man, hofft auch Dirk Olaf Hanke (58), seit Ende 2016 Verlagsleiter des „Drei Masken Verlag“, einem der ältesten Theatertextverlage Deutschlands. Seit 1951 hat er seinen Sitz in München, nach Unterbrechungen also wieder dort, wo er 1910 gegründet worden ist. Über hundert Jahre Verlagshistorie spiegeln – wie sollte das auch anders sein – den Lauf deutscher Geschichte wider. Das Verlagshaus zog um ins große Berlin, dort auch gleich in die Friedrichstraße. Später ging’s wieder zurück nach München. Adresse heute: Herzog-Heinrich-Straße, Nähe Theresienwiese. (mehr …)
by LiSe | 31. Mai 2021 | Blog, Rezension & Buchempfehlungen
Die Mitarbeiter*innen der Münchner Stadtbibliotheken empfehlen für den Monat Juni diese Neuerscheinungen:
Tomasz Jedrowski: Im Wasser sind wir schwerelos
Hoffmann und Campe
Polen 1980. Während eines traumhaften Sommers verlieben sich Ludwik und Janusz ineinander. Doch dann müssen sie sich den harten Realitäten des Lebens im Kommunismus stellen. Während Ludwik an eine Flucht in den Westen denkt, entscheidet sich Janusz für eine Karriere innerhalb des Systems. Der atmosphärische Coming-Out/of-Age-Roman ist nicht nur wegen seines zeithistorischen Hintergrunds interessant, sondern besticht auch durch die Schönheit seiner Sprache. (mehr …)
by LiSe | 31. Mai 2021 | Blog, Kurzgeschichte
Von Stephan Priddy
In der Abenddämmerung saß ein junger Mann auf einer Mauer und schaute auf das von ihr umschlossene Privatgrundstück.
„Biste sicher, dass da keine Hunde sind?“
„Ja doch. Bin schon mal da gewesen“, rief sein gleichaltriger Freund Volker hoch. „Nun komm runter, Benny, bevor dich irgendwer sieht.“
Seufzend rutschte Benjamin vom Mauerrand herunter. Aufgrund der Höhe fuhr der Aufprall schmerzhaft in die Beine. Ohne Volkers Hilfe, der sie beide auch hergefahren hatte, wäre Benjamin nicht einmal über die Mauer gekommen. Sein Freund schüttelte den Kopf.
„Komm, du Gipfelstürmer.“ (mehr …)
by LiSe | 31. Mai 2021 | Blog, Rezension & Buchempfehlungen
Lena Goreliks starker autobiografischer Roman „Wer wir sind“
Von Slávka Rude-Porubská
Der Buchstabe Я, zugleich der Begriff für „Ich“, steht im russischen Alphabet ganz am Ende. Diese vom Alphabet vorgegebene Ordnung findet sich auch in der Staatsdoktrin der ehemaligen Sowjetunion wieder, in der das Kollektiv stets den Vorrang vor dem Individuum hat. Wie erfährt man also das eigene Ich – und wie erzählt man darüber? Es ist die kleine Alltagsszene mit der Heizung in der sowjetischen Hochhaussiedlung, an der die Münchner Autorin Lena Gorelik in ihrem neuen Roman das Erlebnis des selbstbestimmten Handelns festmacht. Zentral gesteuert, im Spätherbst in allen Wohnungen der Fünf-Millionen-Stadt Sankt Petersburg hochgefahren, im Frühjahr heruntergedreht, ist das persönliche Wärme- und Kälteempfinden in der Sowjetunion eindeutig Sache der Parteizentrale. Nach dem Übersiedeln der Familie nach Deutschland – die 1981 geborene Gorelik kommt Anfang der 1990er Jahre mit ihrer Familie als „Kontingentflüchtling“ nach Baden-Württemberg – dann die Erfahrung mit den Drehknöpfen an den Heizköpern: „Die Herrlichkeit der Macht, ich will es wärmer, ich. (…) Ich drehte an dem schönen Rädchen herum, wir waren zu Menschen mit eigenen Kälteempfindungen geworden.“ (mehr …)