[LiSe 12/20] Kolumne: Wildes Meer

Es müssen Virologen gewesen sein, die in diesem Herbst den Deutschen, Schweizer und Österreichischen Buchpreis entschieden haben, lauter Überraschungen! Aber können wir uns wirklich vorstellen, dass irgendjemand außer Drosten, Streeck, Schmidt-Chanasit oder Kekulé noch irgendetwas von Bedeutung entscheiden könnte? Man kennt sie, die mächtigen Herren und die ihnen gelegentlich beigesellten Damen der virologischen Wissenschaft ja inzwischen so gut, dass man Titel und Geschlechtsbezeichnung längst weglässt. Drosten durfte sogar die sogenannte Marbacher „Schillerrede“ (Geburtstag 10. November) halten! Heinrich Heine (* 13.12.) und Theodor Fontane (* 30.12.) böten sich als die nächsten an. (mehr …)

[LiSe 12/20] Literarische Archive (Folge 19): Die Konvolute einer Schreibarbeiterin

Der Nachlass von Mirjam Pressler

Von Katrin Diehl

Anfang des vergangenen Jahres ist die Schriftstellerin Mirjam Pressler im Alter von 78 Jahren in Landshut gestorben. Sie zählte zu den wichtigsten Kinder- und Jugendbuchautor*innen des Landes. Zum Schreiben gekommen war sie aus Geldnot und weil sie den neuen Ton, der in den 70ern in die bundesdeutsche Kinderliteratur Einzug gehalten hatte, prima fand. Von der Studentenbewegung beeinflusst, drang ein wenig Rotzigkeit auch in die Kinderbücher, bekamen kleine Helden und Heldinnen eine Stimme, die sich wacker durchs nicht immer ganz feine, dafür echte Leben schlugen. Dass diese Storys auf nichtdoofe junge Leser*innen setzte, denen man gerne noch eine Portion Selbstbewusstsein gegenüber den Erwachsenen verpasste, gefiel Pressler richtig gut. Sie nahm am Schreibtisch Platz, legte los und bekam für ihre „Problemgeschichten“ in deutlicher Sprache auf Anhieb Anerkennung. Auf ein Happy-End per Zauberspruch und Glitzerregen durfte man bei ihr zwar nie hoffen, ein Hauch von Zuversicht wehte dennoch durch ihre Texte, oder mit einem Pressler-Titel aus dem Jahr 1995 gesagt: „Wenn das Glück kommt, muss man ihm (eben) einen Stuhl hinstellen.“ Auch als Übersetzerin – vor allem aus dem Niederländischen und dem Hebräischen – hatte sich Mirjam Pressler einen Namen gemacht. (mehr …)

[LiSe 12/20] Ausschreibung „Welt wohin?“

Das Netzwerk Klimaherbst e.V. macht zusammen mit der Zeitschrift politische ökologie einen Call for Papers. Die Wettbewerbsbeiträge sollen die Frage beantworten, wie wir in einer gerechten und nachhaltigen Welt leben wollen.

Die Teilnahme steht allen Autor*innen ab 18 Jahren offen. Pro Autor*in darf nur ein Beitrag eingereicht werden. Einsendeschluss ist der 31.12.2020. Die Preisträger*innen (Preisgeld 1.000 Euro) werden durch eine unabhängige Jury bestimmt.

Fragen zur Ausschreibung bitte an Helena Geißler: helena.geissler@klimaherbst.de

[LiSe 12/20] Lyrische Kostprobe: Gekrümmter Raum

Der unwahrscheinliche Fall
eines Geschehens,

in dem so viel Nichts ist
wie Welt, deren Volumen

und Tiefe ich bin,
deren Oberfläche ich habe,

vor einem Hintergrund, den
ich mir weine.

Dort, wo das Gefundene
mich sucht, nimmt mich das Wahr-

Genommene wahr und das An-
Geschaute schaut sich in mir

und vergisst mich nicht.
Es redet mich in den Dingen.

Klaus Konjetzky

Vera Botterbusch hat uns zum Gedenken an ihren Mann einige Gedichte zukommen lassen, von denen wir hier gerne eines abdrucken.
Vera Botterbusch war, bis zu dessen Tod, 43 Jahre lang mit Klaus Konjetzky verheiratet. Sie ist Autorin, Filmemacherin und Fotografin sowie Mitglied des VS und des PEN.

[LiSe 12/20] Lyrische Kostprobe: Sprachraum

Die Bochumer Lyrikerin Maria Wargin war im März zu Gast im Münchner Literaturbüro. Der Sprachraum, in dem sie sich vorantastet, lässt durch Verkürzung variable Deutungen zu, was aber Teil des Konzepts ist.

Das folgende Gedicht hat sie den LiteraturSeiten München zur Verfügung gestellt. (mehr …)

[LiSe 12/20] Lyrische Kostprobe: In Sachen Sprache

Uwe-Michael Gutzschhahn ist – was Sprache anbelangt – breit aufgestellt. Der 68-Jährige, der in Dortmund aufgewachsen ist und in Bochum Germanistik und Anglistik studiert hat, ist als Autor, Dichter, Übersetzer, Herausgeber, Lektor … vielseitig beschäftigt.

Den LiteraturSeiten hat er u. a. folgendes Gedicht zum Abdruck überlassen. (mehr …)

[LiSe 12/20] Buchtipps aus erster Hand

Die Mitarbeiter*innen der Münchner Stadtbibliotheken empfehlen für den Monat Dezember diese Neuerscheinungen:

Richard Wagamese: Das weite Herz des Landes

Blessing

Franklin Starlight, ein 16-jähriger Ojibwe, wächst bei einem Vormund auf und kennt seinen Vater Eldon kaum. Doch jetzt ist Eldon todkrank und bittet seinen Sohn, ihn zum Sterben in die Wildnis zu begleiten. Auf der Reise erzählt der Vater dem Sohn seine Lebensgeschichte, und so entdeckt Franklin eine Welt, die er nicht kannte und ein Erbe, das er hüten kann. Mit der berührenden Vater-Sohn-Geschichte verarbeitet der bedeutende kanadische Autor Richard Wagamese (1955-2017) eigene Lebenserfahrungen: Als Kind von seinen Eltern getrennt und in Heimen und bei Pflegefamilien aufgewachsen, fand auch er erst als junger Erwachsener zu seinen indianischen Wurzeln.   (mehr …)

[LiSe 12/20] Kurzgeschichte: Märzsonne

Von Ulrich Schäfer-Newiger

Die Märzsonne war ein schneidendes Kristall. Unter ihm standen sie am Rande des Buchenwaldes, an der dritten Buche von vorne mit dem Loch davor. Schweigende Skulptur. Er hatte das einfach entschieden, ohne jemanden zu fragen. Oder welcher Hilfsgeist hatte ihm zu Lebzeiten diese Stelle eingeflüstert – Cuniculus? Übernächster Nachbarort, Friedenswald, pflegefreies Erdgrab. Von links oben schien die Sonne. Was wollte das Gestirn? (mehr …)