In Wechselbeziehung mit der Welt
Von Sevda Cakir
Bei einer öffentlichen Lehrveranstaltung der LMU in München dreht sich mein Vordermann aus der Sitzreihe zu mir um und zeigt mir sein Buch, das er gerade liest. Rainer Mausfelds „Hegemonie oder Untergang. Die letzte Krise des Westens?“
Mir geht spontan durch den Kopf: Wie wäre es, wenn ich ihm auch das Buch zeigte, das ich lese? Dr. Lisa Mosconis „Das Gehirn in der Menopause. Wie wir die bisher unentdeckte Kraft der Wechseljahre für uns nutzen können“. Doch ich lasse es. Als 47-jährige Frau, in der Blüte der Perimenopause, empfehle ich meine Lektüre lieber meinen Freundinnen, Schwestern, Cousinen oder Arbeitskolleginnen und bespreche sie mit ihnen. Obwohl ich auch Männern das Thema anbiete, wenn ich von ihnen gefragt werde, wie es mir gehe: „Ich spüre die ersten Symptome.“ Meistens können sie damit nichts anfangen. Dann erkläre ich es, wenn es auf Interesse stößt. Wenn nicht – wenn ich also sehe, wie sie am liebsten im Erdboden versinken würden –, dann füge ich hinzu: „passt.“
Dabei könnte ein gegenseitiger Austausch – Menopause bei Frauen und Andropause bei Männern – sogar spannend sein. Ich könnte lernen, wie es ihnen, und sie könnten lernen, wie es Frauen dabei geht. Die Autorin meines Buches widmet sich im Kapitel „Geschlechtsangleichende Hormontherapie“ auch dem sozialen Geschlecht, was ich bereichernd finde. Aufzeichnungen, die die Gehirn-Hormon-Verbindung darstellen, zeigen somit wissenschaftlich, dass mehr zur Geschlechtszuordnung gehört als nur die Chromosomen-Konstellation.
Bei der heutigen Lehrveranstaltung in der Uni findet ein Panel mit Gästen zum Thema: „Von der Seidenstraße zum Gulag: Chinas Auslöschungspolitik gegen die Uiguren“ statt. Aktivist*innen, eine Zeitzeugin, die ein chinesisches Lager überlebt hat, ein Politiker und ein Forscher tragen ihre Expertisen vor, beantworten im Anschluss die Fragen des Publikums. Es ist eine Veranstaltung aus der Reihe „Oberseminar“, zu der Studierende wie Interessierte willkommen sind. Der Lehrsaal ist voll.
Die Frage, die ich am Ende der Präsentationen stelle, stößt auf Sympathie bei meinem vorderen Sitznachbarn, sodass er mit seiner Buchempfehlung reagiert. Von dem Politiker will ich wissen, nachdem er in einem lauten Singsang seine Solidarität mit den Uigur*innen ausgesprochen hatte, wie die Politik der uigurischen Minderheit in dieser Situation helfe. Die Antwort fällt zwar länger aus, läuft jedoch zusammengefasst auf „gar nicht“ hinaus. Es kommt sogar schlimmer: Den Vorschlag der Zeitzeugin, Fastfashion-Verantwortliche wie z. B. „Shein“ zu boykottieren, versucht er allen wieder auszureden. Wenn es um Geld geht, hört seine Solidarität auf, resümieren wir im Raum.
Genau um diese Problematik dreht sich Rainer Mausfelds Buch. Die Aufrechterhaltung der privilegierten Standards in den westlichen Ländern funktioniere nur auf der Grundlage des Ausbeutens von nicht machtvollen Strukturen. Und mehr noch: Diese meist militärisch überlegenen Machthaber scheuten auch nicht davor zurück, ihre Gewaltbereitschaft zu demonstrieren, um an ihre Ziele zu gelangen. Tagesaktuelle Beispiele der Weltlage machen das Buch greifbar: Statt den hegemonialen Anspruch zu überdenken, werden sogar nukleare Katastrophen in Kauf genommen!
Rainer Mausfeld zeigt ebenso auf, wie die Gier des Westens sich historisch entwickelt habe. Dadurch erfahren die Lesenden, wie die Erzählperspektive den Bedarf schon immer legitimierte. Lösungsorientierung oder Handlungsanweisungen sind im Buch aber eher nicht zu finden.
Hier könnte die Menopause der Frauen die Richtung vorgeben, wie es gehen kann: mit einem friedlichen Mindset und neuer Energie in die Zukunft steuern, statt in den wörtlich übersetzten „Tod des Mannes“, die Andropause, hineingezogen zu werden.
Rainer Mausfeld:
Hegemonie oder Untergang
TB, 216 Seiten
Westend Verlag 2025
24 Euro
Dr. Lisa Mosconis:
Das Gehirn in
der Menopause
TB, 368 Seiten
dtv
2025
18 Euro
In „Was liest du denn da?“ stellen wir Buchtitel vor, die uns ganz zufällig und wachen Auges in U-Bahnen, in Cafés oder auf der Bank im Park begegnet sind, in den Händen
von Menschen, die sich lesend die Zeit vertreiben bis zum nächsten Halt oder dem Ende der Mittagspause.
