by LiSe | 27. März 2020 | Blog, Vermischtes
„Mann was ist das Schreiben doch für eine Macht“
Von Ursula Sautmann
Sehnsucht, Ehrfurcht, Demut, Selbstüberforderung: In diesem kleinen Satz „Mann was ist das Schreiben doch für eine Macht“, entnommen dem Roman „Klassenliebe“, steckt viel von Karin Struck und ihrem hohen Anspruch an die Literatur. Dabei geht es ihr um die Macht, die Dichter und Schriftsteller auf sie ausüben, wie auch um die Macht, die sie selber mit dem Schreiben ausüben möchte. In vielen ihrer Werke bezieht sie sich auf andere Dichter, so in „Klassenliebe“ auf Goethe’s Werther, in „Die Mutter“ auf Brecht, Gorkij und Pearl S. Buck, in „Männertreu“ auf Moravia und Gabriele Wohmann. Sie, die nicht mit Büchern aufwächst, verschlingt Literatur, sieht sich im Dialog mit Dichtern und Schriftstellern, möchte aber mehr, nämlich Menschen aus der Unterschicht in ihren Werken eine Stimme geben. „Ich muss meine Kraft des Schreibens finden, meine Wortgewalt des Schreibens“, formuliert sie in einem ihrer Essays mit dem Titel „An die Frauen“. (mehr …)
by LiSe | 27. März 2020 | Blog, Lyrische Kostprobe
Ein Hut
Ein Hut trat auf die Straße
mit großem Schwung und Mut,
trug einen Mann spazieren
und fand das fein und klug.
Der Hut schickt‘ ihn des Weges,
wie wenn er sein Rekrut,
beguckte sich die Gegend,
als säße er im Zug.
(mehr …)
by LiSe | 27. März 2020 | Blog, Kurzgeschichte
Von Andreas Wiehl
Das Positive zuerst: das Wunder dieses Hauses ist sein Garten. Wacholder und Kirsche, links ein hoher Walnussbaum, halb verdeckt durch Lorbeer und der rote Vogelbeeren tragenden Eberesche. Der sonnenüberstrahlte Rasen schwingt sich in leichten Hügelbewegungen zum Haus hinauf. Keine Stelle, von der aus man den Garten insgesamt überblicken könnte, doch immer wieder Einblicke, Licht und Schatten im Wechsel. Der kleine Teich nimmt genauso unaufdringlich seinen Platz ein, wie der Weg vor dem Kirschbaum, der am Nussbaum vorbei zur Spitze des Gartens führt; doch die sehe ich längst nicht mehr. Aber halt: der andere Nussbaum ganz hinten, links vom Pullover, tropfnass an der Wäscheleine hängend, lässt sich noch erkennen. Wäre ich jedoch fremd hier, wüsste ich nicht, dass dort der Garten zu Ende ist. Über mir schlagen die Blätter der Haselnuss aufeinander, was ferner geschieht, klingt wie Rauschen zu mir herüber. (mehr …)
by LiSe | 27. März 2020 | Blog, Rezension & Buchempfehlungen
Begleitband zur Foto-Ausstellung der Bayerischen Staatsbibliothek
Von Stefanie Bürgers
Donisl wieder geöffnet ab 5 Uhr früh“! Über das Schild hinweg sieht man die Türme der Frauenkirche. Nur das Parterre des Hauses hat den Krieg überstanden, eine Behelfslösung. Es steht nicht mehr viel von München, doch es entsteht wieder ein Stück Normalität.
Die Bildfolge im Begleitband zur Ausstellung reicht von circa 1850 bis in die 1970er Jahre. Portraits aus den Anfängen der Fotografie, sorgsam verwahrt im Samtkästchen. Das Novum der Fotografie in freier Natur, gestellte Arrangements von Touristen in schlecht sitzender Tracht vor einer Foto-Bergkulisse. Herzog Karl-Theodor, nicht in aristokratischer Pose, sondern als Arzt, vertieft in Lektüre. Berühmtheiten wie Thiersch, Liszt, Liebig wechseln sich ab mit den Fotografen selbst, als Versuchsobjekte neuer Technik. Baudenkmäler, Stadtansichten, der bezwungene Gipfel der Zugspitze. (mehr …)
by LiSe | 27. März 2020 | Blog, Rezension & Buchempfehlungen
Uwe Timm und die Nicht-Orte
Von Katrin Diehl
Für Uwe Timm haben Utopien etwas Anziehendes. Sie interessieren ihn. In seinem gerade neu erschienenen Buch „Der Verrückte in den Dünen. Über Utopie und Literatur“ nimmt er sich – verlässlich ausgerüstet mit Ernst Blochs „Das Prinzip Hoffnung“ – der literatisierten Utopien, Gegenwelten und Sehnsüchte nach diesen Gegenwelten an. Seine Tour d’Horizon geht von Thomas Morus‘ „Utopia“ über Defoes „Robinson Crusoe“ und Kleists „Erdbeben in Chili“ bis hin zu Étienne Cabets „Ikarien“. Utopische Weltentwürfe, das macht Timm klar, lassen Schlüsse auf Mängel im jeweiligen Hier und Jetzt zu, weisen auf soziale Ungerechtigkeiten hin, Schlechtigkeiten, dunkle Seiten, die eben das Verlangen nach Veränderungen ein wenig maßlos werden lassen können. Die Utopie also als eine Form der Gesellschaftkritik, die sich in Literatur niederschlägt. Das kleine Wörtchen „noch“ – „noch ist dies oder das zwar nicht so oder so, aber wartet nur …“ –, das jeder Utopie innewohnt, wischt Uwe Timm nicht einfach hemdsärmelig vom Tisch. Dafür steht er der Utopie als Ideengeberin viel zu nahe, dafür zieht sie sich als Dreh- und Angelpunkt viel zu häufig (von „Der Schlangenbaum“ aus dem Jahr 1986 bis zu „Ikarien“ von 2017) durch sein eigenes literarisches Werk. Gerade ist Uwe Timm, der zu den wichtigsten, meistgelesenen deutschen Autoren gehört, 80 Jahre alt geworden und wie die Neuerscheinung nahelegt, scheint er weiterhin auf der Suche nach „Orten“ zu sein, an denen sich „bessere, also gerechtere, freiere, lustvollere Möglichkeiten des Zusammenlebens finden“. Könnte am Ende ja die Literatur selbst sein. Das Lesen als Möglichkeit, utopische Räume zu betreten: „Im Sessel oder auf der Bank sitzend, wandeln wir mit Leopold Bloom durch Dublin oder mit Franz Biberkopf durch das Berlin der Zwanzigerjahre. Literatur ist der ou tópos, der Nicht-Ort. Die Utopie ist der unwirkliche Ort.“ (mehr …)
by LiSe | 27. März 2020 | Blog, Vermischtes
Aufruf zu einer poetischen Postaktion
Wegen des Corona-Virus haben in ganz München die kulturellen Einrichtungen geschlossen. In ganz München? Im Münchner Stadtteil Giesing macht der Poesiebriefkasten nach wie vor die Klappe auf. Die Briefzusteller*innen der Deutschen Post AG bringen ihm zur Zeit vor allem Virus-Gedichte.
Das unbedingte Gebot der Stunde lautet „soziale Distanz“. Gerade die eröffnet Chancen für poetische Nähe. Das Unfassbare und Bedrohliche der Epidemie kann offenbar gut in Lyrik umgesetzt werden. So sind bereits ein bairischer Hass-Limerick, ein zorniges Gebet, eine Hamsterballade und ein Corona-Medley in der roten Gedichtesammelstelle eingetrudelt. (mehr …)
by LiSe | 28. Feb. 2020 | Blog, Titelgeschichte
Die Münchner Comic-Zeichnerin Barbara Yelin
Von Katrin Diehl
Vor den drei großen Schaufenstern spielen sich Geschichten ab, so wie sich auf der ganzen Welt und zu jedem Zeitpunkt Geschichten abspielen. Man muss sie nur sehen, das heißt sehen wollen. Barbara Yelin will. Denn Geschichten sind für sie zum Sehen, und dann – haben sie das Zeug dazu – zum Erzählen da. Barbara Yelin erzählt mit Zeichnungen. Sie erzählt in Comics, und so schwer man sich mit der Verortung dieses Genres zwischen Literatur, bildender Kunst, Film… auch tut, für Yelin ist der Comic eben ein Erzählmedium, eines, das aus einer Folge gezeichneter Bildern besteht, kombiniert mit mal mehr, mal weniger Text. Auf viele Menschen, Kinder, Erwachsene, üben Comics eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus, sie sind „populär“ und sie sind eine Kunstform. Eine absolut reizvolle Kombination. (mehr …)
by LiSe | 28. Feb. 2020 | Blog, Kolumne
Kennen Sie den schon? „Kommt ein Chinese auf den Nockherberg …“ Stopp, stopp, keinesfalls Chinesenwitze hier zur Starkbierzeit! Wir wagen es nicht, das hochliterarische Genre des „Chinawitzes“ in die Kolumne einzuführen, als wären das jetzt plötzlich unsere Nachbarn, die Chinesen – Ostfriesen, ja, Schweizer auch und „Ösis“ – selbstverständlich! Aber ist China Nachbar? Sind wir reif dafür? Und Witzeleien angesichts unserer Abhängigkeit von „seltenen Erden“, von SUV-Absatzmärkten und Pandabären? Seit das Corona-Virus aus Wuhan in aller – pardon – Munde ist, wissen wir erst, wie Unrecht wir dem großen Visionär und Exkanzler K. G. Kiesinger getan haben, seine Warnung „China, China, China“ leichtfertig in den Wind zu schlagen. Zwar haben wir in Oberbayern auch eine bedenkliche Virus-Neigung, nämlich 25 % mehr als im letzten Jahr allein im Vergleich der vierten Kalenderwoche und da ist der Fasching noch gar nicht mitgerechnet, der uns einander so gefährlich nahebringt! Peinlich aber, es ist nur das ordinäre Grippe-Virus. (mehr …)